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Der Notfallplan der drei Fragezeichen hatte einen kleinen, aber entscheidenden Fehler: Jelena hatte keine Ahnung, an wen sie sich wenden sollte, wenn ein Notfall eintreten sollte.
Die Beweismaterialsammlung—die übrigens auch ein Testament der drei enthielt, was Jelena leicht aus der Fassung brachte—war an keine bestimmte Person gerichtet. Bob hatte einen Brief erwähnt, aber der Umschlag war versiegelt und unbeschriftet. Das einzige, was sich finden ließ, und auch das war aus Hacker-Sicht ein Dead End, war eine Telefonnummer.
Jelena hätte gerne von sich behaupten können, dass sie dazu in der Lage war, zu warten.
Der mysteriöse Empfänger des letzten Willens der drei Fragezeichen meldete sich mit einem unscheinbaren “Ja bitte?”. Es war eine ruhige, gefasste Stimme, die nichts über den Fremden verriet, aber etwas daran ließ Jelena sofort in Tränen ausbrechen. Es war, als ob sich die ganze Spannung, die sie hatte einhalten müssen, die sich nur über “Jungs, ich weiß, ihr wollt das nicht hören, aber…” und “Seid ihr sicher, dass ihr nicht zur Polizei gehen wollt?” hatte entladen können, auf einmal über ihr zusammenbrechen.
“Aber nicht doch, Mademoiselle…”, stammelte die Person am anderen Ende. “Bitte beruhigen Sie sich doch…”
Jelena holte tief Luft, stieß sie dann wieder aus. Es brauchte einige Sekunden, dann brachte sie ein “Sorry” zustande.
“Aber nicht doch”, wiederholte der Fremde. “Wie kann ich Ihnen behilflich sein? Ich bin mir sicher, es gibt etwas, das ich tun kann.”
“I-Ich…” Sie schluckte die Übelkeit herunter, die in ihr hochkroch. “Ich wurde beauftragt, diese Nummer zu kontaktieren, falls den drei Fragezeichen etwas zustößt.”
Stille. Einzig und allein das Rauschen der Leitung verriet ihr, dass der Fremde noch nicht aufgelegt hatte. Nach einigen Sekunden knackte es leise; offenbar hatte er die Stummschaltung ein- und wieder ausgeschaltet.
“Pardon”, sagte der Fremde. Sowohl seine Stimme als auch seine Atemzüge bebten. “Darf ich fragen, wie…”
Ein Akzent hatte sich in seine Worte geschlichen. Er ließ ihn aufgelöst wirken. Völlig aus der Fassung gebracht.
Es war an diesem Punkt, dass Jelena auffiel, wie ungünstig sie sich gerade ausgedrückt hatte.
“Mist, sorry, sie sind nicht tot oder so!”, sagte sie hastig. “Aber sie sind in Gefahr und ich wollte nicht warten, bis es zu spät ist.”
Erneute Stille. Dieses Mal schaltete der Fremde sich jedoch nicht stumm, und nach einigen weiteren Sekunden hörte Jelena ein unterdrücktes, zittriges Ausatmen.
“Ich verstehe.”
“Sie haben mir einen Brief für Sie hinterlassen”, erklärte Jelena. “Aber ich wusste überhaupt nicht, mit wem ich es zu tun hatte. Sie sind schwer aufzufinden, Sir, und ich habe mich in sämtliche Datenbanken gehackt, die mir eingefallen sind.”
Der Fremde lachte leise. Seine Erleichterung war fast greifbar. “Nun, das freut mich. Ich bin ein… ah… Bekannter von Justus.”
“Und das war bereits mehr als ich je über sein Sexleben wissen wollte”, murmelte Jelena. “Ich bin jedenfalls Jelena.”
Sie fragte sich ein wenig zu spät, ob sie einen Decknamen hätte verwenden sollen. Aber ein “Bekannter” von Justus, dem auch Bob vollkommen vertraute, sollte vermutlich vertrauenswürdig genug sein.
“Das war nicht, was ich…” Der Fremde seufzte. “Dafür bleibt später auch noch Zeit. Mein Name ist Victor.”
“Hugo?”
“… Es wird Hugenay ausgesprochen.”
Es war einer dieser Momente, die Jelena an ihrer geistigen Unversehrtheit zweifeln ließen. Sie blinzelte ein, zwei Mal, drehte leicht den Kopf, um nach der versteckten Kamera zu suchen, und ergab sich ihrem Schicksal.
“Ja, warum auch nicht”, murmelte sie. “Haben Sie schon einmal von der Toteninsel gehört, Victor?”
