Chapter Text
Ein Monat nach der fehlgeschlagenen Rebellion angezettelt durch Minister Chen, saß Maomao aufrecht in ihrem kleinen Apothekerladen. Der Frühling kehrte langsam nach Li zurück und die Knospen auf dem Baum vor dem kleinen Gebäude sprossten unaufhaltsam und lugten pink zwischen grünen Wurzeln hervor.
Die Vögel kamen ebenfalls langsam wieder ins Land zurück und Maomao konnte sehen, wie sich eine kleine Familie auf einem Ast niederließ, um sich die Federn auszuschütteln. Unwillkürlich musste sie lächeln bei dem Anblick einer friedlichen Familie. Friedlich wie die ihre hoffentlich auch bald sein würde.
Seit einem Monat hatte sie sich nun von ihrer Verletzung erholen können, ihre Schulter nun wieder vollkommen genesen. Bloß eine helle Narbe war zurückgeblieben. Jinshi hatte immer wieder darübergestrichen, wenn sie zusammen in seinem Bett gelegen hatten. Einmal waren jedoch die emotionalen Dämme des Mondprinzen schlichtweg zusammengebrochen. Maomao hatte gespürt, wie seine Finger angefangen hatten zu zittern, hatte bemerkt, wie sich seine Fingernägel etwas in ihre vernarbte Haut gebohrt hatten wie eisige Krallen und ihn fragend angesehen.
Das Bild, welches ihr entgegensah, war ein Stillleben aus silbernen Tränen und zurückhaltenden Schluchzern gewesen. Jinshi hatte Maomao fest umschlungen und sich mehrmals dafür entschuldigt, sie nicht beschützt zu haben. Und Maomao? Sie hatte dem ihr liebsten Menschen auf dieser Welt versichert, dass er sie immer beschützt hatte und sie sich auf diese Weise endlich revanchieren, hatte können.
Jinshi hatte nicht mehr tun können, als ihre Worte zu akzeptieren, auch wenn sein Herz immer noch schmerzte, wenn er an Maomaos verletzten Anblick zurückdachte.
Es würde wohl noch einige Versuche brauchen, um Jinshi wirklich davon zu überzeugen, dass Maomao keinerlei Schmerzen mehr hatte und ihr Handeln aus purer Liebe zu dem Mondprinzen geschehen war.
Die Apothekerin seufzte in sich hinein, bevor sie langsam aufstand. Die Sonne war zwar erst vor kurzem aufgegangen, doch der heutige Tag war bereits bis auf die Minute durchgeplant worden. Schließlich war es heute so weit. Heute würde Maomao offiziell ein Mitglied der mächtigsten Familie des Landes werden, denn am Abend fand die Hochzeitszeremonie statt.
Maomao würde lügen, würde sie sagen, dass sie nicht aufgeregt war. Zu ihrem Glück durften die ehemaligen drei Prinzessinnen des Verdigris Hauses zu ihr kommen, um ihr bei den Vorbereitungen auf die Zeremonie zu helfen. Sie hatte sich nur in ihrem kleinen Apothekerladen etwas darauf vorbereiten wollen, bevor besagte Vorbereitungen losgingen.
Die letzten Momente wollte die Apothekerin jedoch für etwas anderes nutzen! Ein kleines Grinsen huschte über ihre Lippen, bevor sie zu dem Tisch in der Mitte des Raumes ging und die kleine Schatulle in die Hand nahm, um sie in ihre Robe zu stopfen. Sie wusste, dass sie Jinshi vor der Zeremonie nicht mehr sehen würde, doch sie wollte ihm ihr ganz persönliches Geschenk zu diesem besonderen Tag noch unbedingt vorher überreichen.
Also nutzte Maomao die frühe Stunde, huschte aus dem Apothekerladen und hinüber zu Jinshis Privatresidenz. Dort war jedoch bereits alles und jeder im vollen Gange. Maomao nutzte ihre Größe aus, um sich so gut es ging vor den Eunuchen zu verstecken, welche ein und aus gingen. Dabei trugen sie Unmengen an gebundenen Blumensträußen, Vasen und Tablets mit köstlichen Speisen.
Beinahe wäre Maomao in einen der herumschwirrenden Eunuchen gestolpert, doch sie konnte sich gerade noch auf den Beinen halten und umklammerte dabei die Schatulle fest in ihrer Hand.
Sie wusste, dass es schwierig sein würde, genau zu dieser Zeit an Jinshi zu kommen, doch sie musste ihm ihr ganz persönliches Hochzeitsgeschenk reichen. Also huschte sie tiefer ins Innere der Residenz und fand ihren zukünftigen Ehemann schließlich in seinem Schlafzimmer vor. Er trug seine lange, weiße Robe und sah mit einem tiefen Blick aus dem Fenster, während die Sonne seine langen dunklen Strähnen glänzen ließ. Maomao seufzte leiser erleichtert auf und ließ ihren Blick einmal in alle Richtungen gleiten, um auch ja nicht entdeckt zu werden.
Doch zu ihrem Glück verschwand der letzte Eunuch soeben in einem Nebenzimmer und ließ Jinshi somit allein. Maomao nutzte ihre vermutlich einzige und letzte Chance und schlich sich ins Zimmer. Die kleine Schatulle in ihrer Hand rieb gegen ihre Handfläche, als sie sie etwas fester umklammerte und langsam an die große Gestalt des Mondprinzen herantrat.
„Maser Jinshi?“ Beim Klang ihrer Stimme wandte sich Jinshi sofort vom Fenster ab und setzte ein verwegenes Lächeln auf.
„Maomao! Natürlich schaffst du es dich hierein zu schleichen obwohl gefühlt der ganze Palast heute hier ein und aus geht.“ In seiner melodischen Stimme lag ein gewisses Amüsement, doch seine Augen spiegelten die reine Liebe für sie in seinem Herzen wider.
„Ich gehöre schließlich auch zum Palast, Master Jinshi.“, widersprach Maomao bloß, bevor sie die Schatulle hochhielt. „Bevor die Zeremonie losgeht, wollte ich Euch das hier schenken.“ Sie überreichte dem erstaunten Prinzen das Kästchen und sah mit gespannten Augen dabei zu, wie er sie mit einem kleinen Knarren öffnete.
„Maomao!“ Das Staunen in seiner Stimme ließ die Apothekerin lächeln. „Ich habe mitbekommen, dass diese Tradition im westlichen Land existiert und dachte mir, dass ich Euch ebenfalls ein Paar schenke. Sozusagen als Versprechen nur zwischen uns.“, erklärte Maomao mit einem ruhigen Blick, während Jinshi die beiden goldenen Ringe aus ihrer Halterung löste und sie im Licht der frühen Sonne glänzen ließ.
„Sie sind wunderschön.“, hauchte er voller Ehrfurcht, indessen er den größeren Ring hin und der drehte. „Ich freue mich, dass sie Euch gefallen.“ „Das tun sie. Sehr sogar! Ich werde dieses Geschenk für mein ganzes Leben lang in Ehren halten.“
Die beiden lächelten sich an und Maomao empfand nichts als pure Freude in diesem Moment, bevor sie Jinshis Hand nahm und ihm seinen Ring aus der Hand pflückte.
„Darf ich?“ Sie deutete auf seinen Ringfinger und obgleich der Mondprinz etwas errötete, so nickte er jedoch und sah gespannt dabei zu, wie Maomao den goldenen Ring auf seinen Finger schob. Er passte perfekt und das kühle Material erwärmte sich sofort, als der Ring positioniert war.
Jinshi sah für einen Moment auf sein neues Schmuckstück hinab, bevor er es ihr gleichtat und Maomaos Ring aus der Schatulle nahm, auf ihren Ringfinger streifte und danach ihre Hand nahm.
„Sie gehören zusammen. Genauso wie wir.“, hauchte er und neigte sich hinab, um die Apothekerin zärtlich auf die Wange zu küssen. Maomao ließ ihn gewähren und drückte im Gegenzug seine Hand etwas. „Ich freue mich, wenn Ihr sie später bei der Zeremonie tragt. Aber ich sollte mich auf den Weg zurück machen. Joka, Pairin und Meimei werden bald eintreffen. Sie helfen mir bei den Vorbereitungen.“ Jinshi verstand und ließ seine zukünftige Braut los, wenn auch widerwillig.
„Ich kann es kaum erwarten, dich in wenigen Stunden widerzusehen.“ Mit diesen Worten schloss Jinshi Maomao in eine letzte Umarmung, bevor auch er sich zurückzog, um sich ganz den finalen Vorbereitungen widmen zu können.
Maomao eilte mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht zurück zu ihrem kleinen Apothekerladen, während sie daran dachte, wie weit sie gekommen war in ihrem Vorhaben, ihre Emotionen besser zu zeigen. Wenigstens den Menschen, die sie liebte.
Durch einen ihrer letzten Besuche in der Stadt war sie an dem Geschäftsmann vorbeigekommen, welcher die goldenen Ringe aus dem Westen mitgebracht hatte. Er hatte ihr die Geschichte von zwei Liebhabern erzählt, welche nicht zusammen sein konnten aufgrund ihrer unterschiedlichen Stellung. Die beiden liefen allerdings zusammen weg und tauschten die Ringe in einer Nacht, als der Mond hell am Himmel gestanden hatte, als Zeichen ihrer ewig andauernden Liebe.
Danach waren die Ringe von Generation zu Generation weitergegeben worden, bis die Familie schließlich keine Nachkommen mehr hatten und die Ringe verkauften.
Maomao war sich zwar nicht sicher gewesen, wie glaubwürdig diese Geschichte war, aber da ihr der Hintergrund durchaus bekannt vorgekommen war, hatte sie nichts anderes tun können, als die Ringe zu kaufen. Es war eine schöne Geste ihrerseits gewesen, da Jinshi ihr andauernd kleine Aufmerksamkeiten schenkte. Sie hatte ihm also ebenfalls etwas schenken wollen.
Pairin bestätigte ihre Gedanken wenig später, während die vier im angrenzenden, kleinen Badezimmer des Apothekerladens saßen und Maomao von Kopf bis Fuß abschrubbten. Maomao wirkte dabei alles andere als begeistert, aber sie wusste, dass ihre Schwestern es nur gut meinten. Maomao sollte eben die schönste Braut des Imperiums werden in ihren Augen.
Anfangs hatte sich Maomao etwas Sorgen gemacht, da Pairins Schwangerschaft bereits äußerst fortgeschritten war, doch ihre Schwester hatte ihr garantiert, dass sie bestens versorgt war und sich diesen Trip auf keinen Fall entgehen lassen wollte, auch wenn Lihaku sie sehr überreden musste, wenigstens mitkommen zu dürfen. Er stand derzeit außerhalb des Apothekerladens und stand Wache.
„Ich kann kaum glauben, dass unsere Maomao tatsächlich heute den Bund der Ehe eingehen wird.“, lächelte Meimei, während sie Maomaos nasses Haar kämmte und Joka ihr nickend zustimmte, bevor sie ein Handtuch holte und Maomaos tropfenden Körper damit abtrocknete. Sie war besonders vorsichtig, als sie das Material über ihren Bauch gleiten ließ.
„Und ich kann es kaum glauben, dass schon bald eine kleine Maomao existieren wird.“, schmunzelte sie. Maomao konnte dabei nicht anders, als kurz gespielt genervt ihre Augen zu verdrehen. „Joka- neechan! Wir wissen nicht, ob das Kind ein Mädchen werden wird.“, merkte sie deshalb an, bevor sie die Robe dankbar annahm, die Joka ihr nun hinhielt. Sofort wickelte sie sich ein und genoss die Wärme, die sie umschloss.
„Mhm, ich hoffe es, dass es eines wird.“ Maomao grinste und legte dabei eine Hand auf ihren gewölbten Bauch. Ihr Kind ruhte beschützt in ihr und würde in wenigen Monaten bereit sein, um das Licht der Welt zu erblicken. Maomao hatte Respekt vor dem Tag, war jedoch nach wie vor neugierig, da sie den Prozess der Geburt schon immer selbst probieren und studieren wollte.
Die drei ehemaligen Prinzessinnen des Verdigris Hauses rückten zusammen und umarmten Maomao in dem Moment. Die Apothekerin war davon kurz so überrascht, dass sie gar nicht sagen konnte und die Umarmung einfach so hinnahm.
„Wir sind so stolz auf dich und deinen Weg.“, flüsterte Meimei. „Du hast ein glückliches Leben so sehr verdient, kleine Maomao.“, hauchte Joka hinterher. „Und wir sind so froh, dich unsere kleine Schwester nennen zu dürfen.“, schloss Pairin ab. Die drei drückte Maomao noch einmal fest, bevor sie die kleinere Frau wieder losließen und Maomao gerührt ihre Schwestern ansah.
„Ich danke euch, dass ihr immer für mich da gewesen seid. Bitte unterstützt mich weiterhin auf diesem Weg.“ Sie verbeugte sich einmal respektvoll und faltete dabei ihre Hände traditionell vor ihrem Körper. „Oh Maomao! Wir werden immer für dich da sein!“
Bevor Maomao reagieren konnte, fand sie sich in einer weiteren Umarmung wieder und lachte leise, während sie daran dachte, was ein Glück sie mit ihrer Familie hatte.
„Aber nun-“ Pairin schälte sich aus der festen Umarmung und eilte schnell zur Tür, um aus dem Nebenzimmer eine große Box zu holen, die mit wunderschönen Holzschnitzereien versehen war. Sie stammte von Lady Anshi und war ein Geschenk für Maomaos Vermählung. Die Blume und der Drache, welche in dem Schnitzmuster vorkamen, waren Beweis genug.
„- müssen wir uns um deine Frisur kümmern!“ Pairin gluckste zufrieden, als sie die Box öffnete und wunderschöne Haargestecke zum Vorschein kamen, gefärbt in purem Gold und Rot, geschmückt mit Rubinen und Perlen.
Selbst Maomao musste zugeben, dass der Schmuck unfassbar schön war. Ebenso wie die Gewänder, welche sie heute tragen würde.
Ihre Gedanken schweiften zu Jinshi, der wohl zum selben Zeitpunkt vorbereitet wurde. Er würde ebenso ein Bad nehmen, seine Gewänder lagen vermutlich schon bereit und auch er würde Schmuck der königlichen Familie tragen. Ziemlich sicher Jade.
Maomao konnte es kaum erwarten, ihn zu sehen, auch wenn ihr seine Leibwächter bereits jetzt schon leidtaten, da Jinshis Schönheit wohl heute ihren absoluten Höhepunkt erreichen würde, er ab der Zeremonie dann aber für immer unverfügbar für den Heiratsmarkt sein würde. Die Apothekerin konnte bereits jetzt schon dutzende Herzen brechen hören.
In Jinshis Residenz, ließ der Mondprinz sich in diesem Moment von Suiren einen feinen Lippenbalsam auftragen, bevor er ein zartes Kitzeln in der Nase spürte und sich schnell wegdrehte, um einen Nieser loszulassen.
„Ah, jemand denkt wohl gerade an Euch.“, witzelte Suiren, bevor sie sich frohen Gemütes weiter an ihr Werk machte. „Ja, und ich hoffe zu wissen, wer.“, antwortete Jinshi mit einem Grinsen, bevor er von Suiren gerügt wurde, ja still zu halten da er ja schließlich perfekt aussehen musste.
Jinshi dachte an die Zeremonie, welche vor ihm lag. Es würde eine lange Zeremonie werden, unterteilt in verschiedene Riten, welche er mit Maomao durchführen musste. Aber er wusste, dass seine Apothekerin bereit war. Ebenso wie er.
Nachdem sein Haar kunstvoll frisiert worden war, sodass es sich über seinen Rücken ergoss, während ein kleiner Dutt es aus seinem Gesicht hielt, trat Basen mit der extra angefertigten Robe ein. „Es ist wirklich wunderschön, Master Jinshi.“, meinte er mit einem Lächeln, welches der Mondprinz erwiderte. Suiren und Basen halfen ihm, während er seine Arme sorgfältig in die Ärmel des rot, goldenen Gewandes schlängelte.
Jinshi war hatte eben das Gewand angelegt und Suiren nochmal alles überprüft, als Gaoshun den Kopf zur Tür rausstreckte. „Die Hochzeitsprozession ist bereits auf dem Weg.“ Jinshis Herz klopfte ihm bis zum Hals, während er nickte und dabei einen letzten Blick in den Spiegel warf.
Er würde Maomao erwarten. Am Ende des Weges.
Die Hochzeitsprozession begann und Maomao fühlte sich beengt in der viel zu großen Sänfte.
Trommeln donnerten. Bronzeglocken erklangen. Flöten sangen durch die Morgenluft.
Und viele Menschen aus dem Palast beobachteten das Geschehen, da schließlich nicht jeden Tag eine royale Hochzeit stattfand.
Beamte. Adlige. Diener. Ausländische Gesandte.
Die gesamte Hauptstadt schien sich versammelt zu haben, um das Spektakel zu erleben.
Die Sänfte an sich war riesig. Es bedurfte an acht Trägern, welche sie auf ihren Schultern trugen. Purpurrote Seidenvorhänge verbargen die Apothekerin darin.
Musiker gingen voraus. Tänzer folgten dahinter. Soldaten säumten die Straßen des Palastes, um die Prozession durchzulassen.
Schlicht gesagt, folgte jeder Schritt Ritualen, die älter waren als Königreiche.
Im Inneren der Sänfte saß Maomao allein, was ihr jedoch Zeit gab, an etwas Schönes zu denken, bevor ihre Nervosität die Oberhand gewann, da sie diese Aufmerksamkeit um sich nicht mochte und auch nicht gewohnt war.
Also dachte sie an ihre Kräuter, an staubige Regale, an Nächte, in denen sie mit Luomen Medizin gemahlen hatte, an das Verdigris-Haus und an Jinshi.
Diesen lächerlich schönen Mann, der ihr Leben vom ersten Augenblick an auf den Kopf gestellt hatte. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Das hier war eindeutig seine Schuld, aber Maomao musste zugeben, dass die letzten Jahre ihres Lebens durchaus die chaotischsten, lehrreichsten und emotionalsten gewesen waren.
Maomao sinnierte weiterhin über ihr bisheriges Leben, während die Glückwünsche der Menschen ihre Sänfte trafen und der Umzug seinen Weg fortsetzte.
Der Große Zeremonialsaal wartete schließlich im Herzen des Palastes.
Rote Säulen erhoben sich zu einer bemalten Decke, auf der Drachen zwischen Wolken aufstiegen. Tausende Laternen erhellten die Halle. Räucherwerk zog in silbernen Schleiern durch die Luft, importiert aus fernen Ländern und gemischt mit weiteren Duftnoten, die Maomao gar nicht alle auseinanderhalten konnte, so teuer rochen sie.
Ihr wurde von zwei Soldaten aus der Sänfte geholfen und zu ihrer Freude bemerkte sie, dass einer der beiden Lihaku war, der ihr sogleich zuzwinkerte. Sie mochten unterschiedlichen Positionen in der Hierarchie angehören, aber ja… Maomao zählte ihn zu ihren Freunden hinzu.
Geleitet von den beiden stieg Maomao die Treppen hinauf zu Halle, wo die schweren Türen für sie geöffnet wurden. Der Raum innen war genauso traditionell geschmückt wie der Rest des Palastes außerhalb. Der Geruch von Sandelholz umspielte ihre Nase, ein weicher Teppich war ausgelegt auf dem Drachen, Phönixe und Blumen tanzten und am anderen Ende standen die Ahnentafeln. Generationen von Herrschern beobachteten das Geschehen in schweigendem Urteil. Maomao neigte kurz respektvoll ihren Kopf in die Richtung.
Schließlich hob der Meister der Riten seinen Stab und die anwesenden Gäste, allesamt hochranginge Offiziere, Bürokraten und die königliche Familie, verstummten. „Die glückverheißende Stunde ist gekommen.“, donnerte der Meister der Riten mit tosender Stimme.
Genau das war Maomaos Stichwort und sie hob den Schleier, der ihre Sicht bereits vernebelt hatte und sah ihn.
Jinshi.
Für einen Augenblick verschwand alles. Die Menge. Die Zeremonie. Der Palast.
Es gab nur ihn.
Sein goldenes Gewand leuchtete im Licht der Kerzen, während seine dunklen Augen auf Maomao fixiert waren. Sie huschten kurz über ihre Gestalt und Maomao fühlte ihr Herz schneller schlagen, als sie die kleinen Freudentränen in Jinshis Augen quellen sah.
Den Ausdruck auf seinem Gesicht spiegelte pure Freude und Liebe wider und Maomao hoffte inständig, dass ihre dieselben Emotionen bargen.
Jinshi konnte seinen Augen kaum trauen, als er Maomao in die große Halle eintreten sah. Sie war so edel wie nie zuvor angezogen, das Rot ihres Gewandes passend zu den roten Wangen, während der goldene Haarschmuck mit den Kerzen um die Wette funkelte.
Sie war bildschön und Jinshi musste seine Tränen zwingen, in seinen Augen zu bleiben, da er noch durch die Zeremonie musste und dabei volle Konzentration von Nöten war.
„Du siehst wunderschön aus.“, flüsterte der Mondprinz ihr dennoch zu. Er hatte ihre Bemühungen schließlich nicht unkommentiert lassen können.
„Und dennoch ist es Eure Schönheit, Master Jinshi, die Königreiche zu Fall bringen könnte.“, antwortete seine gewitzte Apothekerin zurück. Jinshi konnte sich ein kleines Lachen nicht verkneifen, was ihm einen strengen Blick vom Meister der Riten einheimste. Sofort wurde der Blick in Jinshis Augen wieder ernst.
Die Zeremonie fing an und die Halle verwandelte sich in einen Ort der puren Spiritualität. „Die erste Verbeugung.“ Die Stimme des Meisters der Riten hallte durch die Halle. „Vor Himmel und Erde.“ Gemeinsam knieten sie nieder. Ihre Stirnen berührten den Boden. Über ihnen lag der Himmel. Unter ihnen die Erde. Zwischen ihnen stand die gesamte Schöpfung. Das uralte Gleichgewicht von Yin und Yang. Himmel und Menschenwelt. Drache und Phönix. Das Fundament, auf dem eine Ehe ruhte.
„Die zweite Verbeugung.“, verkündete der Meister der Riten mit tosender Stimme, die durch die stille Halle schallte. „Vor den Ahnen und dem Herrscher.“ Wieder knieten sie nieder. Vor den Generationen der Vergangenheit. Vor dem Emperor, der sich soeben selbst ein paar Tränchen von der Wange wischte unter den amüsierten Blicken von Ah-Duo. Sie verneigten sich vor der Geschichte selbst. Maomao spürte das Gewicht unzähliger Blicke.
Doch als sie sich wieder erhob, streifte Jinshis Hand die ihre. Kurz. Verborgen. Beruhigend. Selbst jetzt wollte er sie beschützen. Nicht nur ihren Körper, sondern ebenso ihren Geist. Aber Maomao war ruhig und gelassen in ihrem Herzen, da sie nicht alleine vor dem Altar stand. Sie wusste, dass sie von jetzt an ein geteiltes Leben hatte.
„Die dritte Verbeugung.“, schallte der Meister der Riten ein letztes Mal. „Voreinander.“
Langsam wandten sie sich einander zu. Von Angesicht zu Angesicht. Nicht Prinz und Bürgerliche. Nicht Prinz und Apothekerin.
Einfach Jinshi.
Und Maomao.
Sie verbeugten sich tief voreinander und drückten so ihren ebenso tiefgehenden Respekt füreinander aus. Als sie sich wieder aufrichteten, trafen sich ihre Blicke und Jinshi fühlte seine Wangen erröten, da er es nach wie vor kaum glauben konnte, dass ihr Weg sie bis hierhergebracht hatte. Aber keiner von ihnen sah weg, bis der nächste Teil der Zeremonie begann.
Dann folgte der Einheitswein. Eine Kalebasse, in zwei Hälften geteilt. Es war ein uraltes Symbol, dafür, dass zwei getrennte Leben eins wurden. Maomao und Jinshi verschränkten die Arme, sodass sich ihre Ärmel berührten. Der Wein schmeckte süßlich und Jinshi konnte ein Lächeln nicht verleugnen, als Maomao etwas das Gesicht verzog. Der Mondprinz erinnerte sich, dass Maomao bittere alkoholische Getränke bevorzugte.
Als Nächstes kam das gemeinsame Mahl. Weißer Reis. Rote Datteln. Lotussamen.
Es waren Symbole für den Wohlstand, Fruchtbarkeit und auch Kinder. Kurz gesagt, für eine gemeinsame Zukunft. Auch wenn Jinshi sie nicht verraten wollte, so huschte sein Blick kurz an Maomao hinab und blieb an ihrem Bauch hängen. Die Schwangerschaft war bereits fortgeschritten, aber das lange Gewand verbarg ihren Zustand besser als gut.
Beim letzten Teil der Zeremonie brachten Diener ein bronzenes Räuchergefäß herbei.
Duftende Flammen stiegen empor. Es handelte sich dabei um den Gang durch das Feuer.
Es war ein Ritus, welcher das Unglück verbrennen und die Ehe besiegeln sollte.
Jinshi streckte seine Hand aus. Der goldene Ring, der an seinem Finger strahlte, fing das Licht der Flammen ein und spendete eine zusätzliche Wärme, die sich in seinem Herzen ausbreitete. Ihr geheimes Versprechen stärkte seine Entschlossenheit umso mehr, während der Hof sie beobachtete.
Maomao ergriff ohne zu zögern seine Hand, während sie verstand. Sie verstand, was dieses Feuer bedeutete. Der Augenblick danach würde unumkehrbar sein.
Es war Keine Verlobung mehr, kein Versprechen mehr, keine Möglichkeit mehr. Es war eine Ehe, eine Ewigkeit in einem gemeinsamen Leben. Ihre Hand umfasste seine fest und gemeinsam schritten sie durch die Flammen.
In dem Moment brach die Halle in Jubel aus. Musiker spielten. Beamte verkündeten Segenswünsche. Die Hofastrologen verkündeten, dass die Sterne in vollkommener Harmonie gestanden hätten und es war, als würde das gesamte Reich diese Union feiern.
Doch Maomao nahm kaum etwas davon wahr. Denn Jinshi hielt noch immer ihre Hand, als hätte er Angst, sie könnte verschwinden.
Während des königlichen Banketts sprachen alle Mitglieder der königlichen Familie mit dem jungen Brautpaar. Ah-Duo und Lady Anshi hießen Maomao warmherzig nun offiziell in der Familie willkommen, während der Emperor schallend Lachte und Jinshi auf den Rücken klopfte und Maomao sanft auf den Kopf tapste. Consort Lihua wünschte ihr ebenso alles Gute und die kleinen Prinzen und Prinzessin Lingli sprangen ganz vergnügt an ihrer Robe hoch, bevor sie von Zofen zu Bett gebracht wurden. Selbst Lakan und Lahan ließen jegliche sarkastischen Kommentare sein und gratulierten ihnen. Maomao schaffte es sogar, den Freak Strategen etwas anzulächeln. Ausnahmsweise.
Es war in jeglicher Hinsicht ein wundervolles Event und ging noch lange in die Nacht, bevor Maomao und Jinshi zusammen mit einer Kutsche in ihr neues Zuhause gebracht wurden. Es war ein leerstehendes Gebäude im Inneren Palast, größer als Jinshis ehemalige Residenz und ganz in der Nähe des Palastes des Emperors. Er wollte seine Familie schließlich eng bei sich haben.
Maomao und Jinshi würden morgen das gesamte Ausmaß ihres neuen Zuhauses erforschen, doch sie wollten zuerst einfach nur ins Bett.
Noch dazu wusste Maomao, dass Jinshi die kommende Ruhe der nächsten sieben Tage, in denen sie ihre Residenz nicht verlassen durften nach alten Bräuchen, nur zu gut brauchen konnte. Die Vorbereitungen für die Zeremonie waren schon anstrengend genug gewesen, aber auch die Tatsache, dass während der Rebellion einige gefährliche Häftlinge entkommen waren, die von den Rebellen extra befreit worden waren, um sich an der Unruhe zu beteiligen.
Einer von den entkommenen Häftlingen war unter anderem auch Zixin.
Diese Neuigkeit hatte Maomao sehr nervös gemacht für Jinshi. Der Mondprinz hatte ihr zwar versichert, dass er mit dieser Nachricht umgehen konnte, aber sie bemerkte immer wieder sein Zittern und seine Unruhe. Genau aus diesem Grund hatte Maomao so gut es ging versucht, ihn abzulenken während des letzten Monats.
Ablenkung bot der kurze Spaziergang zu ihrem neuen Schlafgemach ebenso und als Jinshi die Tür öffnete in jener Nacht, glühte das Brautgemach im warmen Licht der Kerzen. Das Bett war groß und konnte ganz bequem zwei Personen darin aufnehmen. Es war zwar nicht die Tradition, sogar die Empress und der Emperor hatten verschiedene Residenzen, aber Jinshi hatte die Bedingung gestellt, zusammen mit Maomao wohnen zu wollen.
Blütenblätter lagen über die Bettdecke verstreut und der Geruch von Weihrauch umhüllte den Raum. „Bereit für unsere erste Nacht als Mann und Frau?“ Jinshis Stimme klang so weich wie Samt und während er sich umdrehte, um die erste Schicht seines Gewanden abzustreifen, glänzten seine langen dunklen Haare wie ein Schleier.
„Bereit.“, erwiderte Maomao sicher. Ohne die Hilfe von Bediensteten halfen sie sich gegenseitig dabei, die schweren Gewänder auszuziehen, bevor Maomao sie sorgfältig auf einen Diwan legte, wo sie auslüften konnten. Sie zogen voreinander ihre Schlafroben an und blickten sich einfach tief in die Augen, während Jinshi Maomaos Hand in seine nahm und einmal über den goldenen Ring strich.
Draußen feierte das Reich weiterhin die königliche Hochzeit, doch hier drinnen, unter roter Seide und dem schwindenden Kerzenschein, existierten einfach zwei Menschen nebeneinander.
Und das stille Verständnis, dass sie sich, nach all den Ritualen, all der Politik, all den Abenteuern und gefährlichen Situationen, sich letztendlich füreinander entschieden hatten.
