Chapter 1: The Paper Fox
Summary:
Charlie Spring verlässt London und kommt in Foxley an, um dort den Buchladen The Paper Fox zu übernehmen.
Notes:
(See the end of the chapter for notes.)
Chapter Text
Es gibt Orte, die warten auf einen. Nicht im romantischen Sinn. Nicht so, wie es in Büchern steht. Sie warten einfach still. Jahrelang vielleicht. Bis irgendwann ein Mensch auftaucht, der sie genauso dringend braucht, wie sie ihn.
Damals wusste ich das noch nicht. Ich wusste nur, dass ich in einem Bus saß, der mich immer weiter weg von meinem alten Leben brachte. Weg von meinem hektischen Leben in der Großstadt, von London. Weg von meinem sicheren Arbeitsplatz, weg von meinen besten Freunden. Und weg von Ben.
Und immer näher zu einem Ort, von dem ich nicht einmal sicher war, ob er mich überhaupt haben wollte.
Heute war der 1. März und mein Leben sollte neu beginnen. Der Bus brummte gleichmäßig unter meinen Füßen, während die Landschaft hinter der Fensterscheibe langsam vorbeizog. Felder. Steinmauern. Vereinzelte Bäume.
Alles wirkte ruhiger, als ich es aus London gewohnt war. Als hätte jemand die Lautstärke der Welt ein wenig heruntergedreht. Es war angenehm, meine eigenen Gedanken hören zu können.
Ich starrte auf mein Spiegelbild im Fenster. Meine Augen sahen müde aus. Müder, als sie es eigentlich sollten. Neunundzwanzig Jahre waren kein Alter, in dem man sich schon so erschöpft fühlen sollte. Und doch war genau das der Grund, warum ich hier saß. Mit einem Koffer. Und einem Leben, das ich irgendwo hinter mir gelassen hatte.
Der Bus machte eine sanfte Kurve. Für einen Moment spiegelte sich die untergehende Sonne im Glas und ließ alles in warmem Licht aufleuchten. Ich blinzelte und wandte den Blick wieder nach draußen.
Ich hatte nicht wirklich geplant, hierher zu kommen. Es war eher… passiert. Manchmal verändern sich Dinge nicht durch groß geplante Entscheidungen, sondern durch kleine Zufälle. Eine Anzeige im Internet. Ein kurzer Moment des Zögerns. Ein Klick. Irgendetwas daran hatte sich sofort richtiger angefühlt, als es eigentlich sollte.
Buchhandlung zu verkaufen. Kleines Dorf in den Yorkshire Dales. Wohnung vorhanden.
Ich wusste noch genau, wie lange ich auf diese Anzeige gestarrt hatte. Viel zu lange. Mit einer wechselnden Mischung aus Neugier, Aufregung und einem großen Stück Angst. Mein Finger hatte über der Maus geschwebt, als würde ich damit etwas Gefährliches berühren. Als würde mein Leben davon abhängen. Vielleicht tat es das ja auch. Der Bildschirm hatte mein Gesicht gespiegelt, blass im Licht des Laptops, während draußen der Londoner Verkehr vorbeirauschte. Autos. Stimmen. Sirenen irgendwo in der Ferne. Das Leben ging einfach weiter. Wie immer. Und ich saß da und starrte auf drei unscheinbare Zeilen Text.
Eine Buchhandlung.
Ein kleines Dorf.
Eine Wohnung über dem Laden.
Mehr stand da eigentlich nicht. Und trotzdem fühlte es sich an, als hätte jemand plötzlich eine Tür aufgestoßen, von der ich bis dahin nicht einmal gewusst hatte, dass sie existierte.
Der Bus ruckelte leicht über eine unebene Stelle der Straße. Irgendwo hinter mir raschelte jemand mit einer Chipstüte und vor mir schnarchte ein älterer Mann leise vor sich hin. Alles ganz gewöhnlich. Und trotzdem fühlte sich nichts gewöhnlich an. Ich legte meine Hand auf den Griff meines Koffers. Er war alt. Das Leder an den Ecken abgeschabt. Die Rollen quietschten manchmal ein wenig. Aber er hatte mich durch mehrere Umzüge begleitet und war einer der wenigen Gegenstände, die ich wirklich behalten hatte. Der Rest meines Lebens passte inzwischen erstaunlich gut in zwei Kartons. Diese lagerten noch in London und würden in wenigen Tagen nachkommen.
Ein Teil von mir fragte sich immer noch, ob das alles hier ein Fehler war. Ein anderer Teil wusste, dass ich keine Wahl gehabt hatte.
Ich schloss kurz die Augen.
Und wie so oft in den letzten Wochen tauchte ein Gesicht in meinen Gedanken auf. Ben. Allein der Name reichte, um dieses vertraute Ziehen irgendwo tief in meiner Brust auszulösen. Nicht mehr so scharf wie früher, aber immer noch da. Wie ein Echo, das sich hartnäckig weigerte zu verschwinden.
Wir waren lange zusammen gewesen. Lange genug, dass sich mein Leben irgendwann ganz selbstverständlich um ihn herum gedreht hatte. Lange genug, dass ich eine Zeit lang wirklich geglaubt hatte, wir würden gemeinsam irgendwo ankommen. Doch scheinbar hatte sich sein Leben nicht um mich allein gedreht. Ich erinnerte mich an den Abend, an dem er nicht mehr nach Hause gekommen war. Und daran, dass ich trotzdem viel zu lange gewartet hatte.
Ich schob den Gedanken sofort wieder weg. Es war erstaunlich, wie lange manche Erinnerungen brauchen, um leiser zu werden. Ich sah sein Gesicht vor mir, viel zu klar, als hätte mein Gedächtnis beschlossen, ausgerechnet diese Erinnerungen besonders sorgfältig aufzubewahren. Die Art, wie er manchmal gelächelt hatte. Die Art, wie dieses Lächeln später immer seltener mir gegolten hatte.
Ich öffnete die Augen wieder.
Nein. Nicht jetzt.
Vehement schüttelte ich den Kopf und verbannte Ben in die hinterste Ecke meines Bewusstseins, so wie ich es in den letzten Wochen gelernt hatte. Manchmal funktionierte es besser, manchmal schlechter.
Heute war ich glücklicherweise abgelenkt.
Der Busfahrer räusperte sich über das Mikrofon.
„Nächster Halt Foxley in fünf Minuten.“ Seine Stimme klang müde, aber freundlich. Mein Herz begann zu schlagen. Fünf Minuten. Mehr Zeit hatte ich nicht mehr, um mir zu überlegen, ob das eine gute Idee gewesen war.
Ich lehnte den Kopf gegen die Scheibe und sah wieder hinaus. Die Straße wurde schmaler. Die Landschaft hügeliger. Steinmauern zogen sich wie Linien durch die Felder. Schafe standen irgendwo im Gras und hoben kurz die Köpfe, als der Bus vorbeifuhr. Es sah aus wie aus einem Buch. Und das war vielleicht der seltsamste Teil daran. Ich hatte mein ganzes Leben lang Bücher geliebt. Geschichten. Orte, die sich zwischen Seiten verstecken. Und jetzt saß ich auf dem Weg zu einem Ort, der sich genauso anfühlte.
Der Bus fuhr langsamer. Ein Ortsschild tauchte am Straßenrand auf.
Foxley
Ich wusste nicht genau warum, aber der Name passte. Als hätte jemand beschlossen, dass dieser Ort freundlich klingen sollte. Ich las den Namen zweimal. Sprach ihn leise aus. Er fühlte sich fremd an auf meiner Zunge.
Der Bus rollte in eine kleine Straße hinein. Steinhäuser. Schmale Gehwege. Ein Pub mit einem dunklen Holzschild. Ein paar Menschen, die sich unterhielten, als hätten sie alle Zeit der Welt. Niemand schien es eilig zu haben.
Der Bus hielt. Die Türen zischten auf. Und plötzlich war es still. Der ältere Mann vor mir wachte auf und stieg aus. Eine Frau nahm ihre Tasche aus dem Gepäcknetz. Ich blieb noch einen Moment sitzen. Nur einen Moment. Ich atmete einmal tief durch. Dann griff ich nach meinem Koffer.
Als ich aus dem Bus stieg, traf mich die kühle Abendluft sofort. Sie roch nach feuchter Erde und Gras. Und nach Regen. Der Busfahrer nickte mir kurz zu.
„Schönen Abend.“
„Danke“, sagte ich automatisch.
Die Türen schlossen sich. Der Bus fuhr weiter. Und mit ihm verschwand die letzte Verbindung zu meinem alten Leben. Ich stand allein auf dem kleinen Platz. Für einen Moment wusste ich nicht, wohin ich schauen sollte. Das Dorf war kleiner, als ich es mir vorgestellt hatte. Ein paar Straßen. Alte Steinhäuser. Fenster mit Blumenkästen. Irgendwo bellte ein Hund. Ein Schild zeigte zum Pub. Ein anderes zur Kirche.
Ich stellte den Koffer kurz ab und zog mein Handy aus der Tasche. Der Akku war fast leer. Natürlich. Ich entsperrte den Bildschirm und öffnete noch einmal die E-Mail mit der Adresse der Buchhandlung.
The Paper Fox
Market Street 14
Foxley, North Yorkshire
Ich hatte den Namen sofort gemocht. The Paper Fox. Er klang nach Geschichten. Nach Papier und Büchern. Nach einem Ort, an dem man sich verlieren konnte, ohne dass es jemand seltsam fand.
Ich sah mich um. Vor mir lag eine kleine Straße, gesäumt von niedrigen Häusern aus hellem Stein. Ein paar Autos standen am Rand, irgendwo klapperte eine Tür und in der Ferne hörte ich Stimmen.
Market Street. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich schon dort war oder erst noch dorthin musste. Gab es hier Straßenschilder? Ich drehte den Kopf nach rechts und links, konnte jedoch keines entdecken.
Für einen Moment überlegte ich, jemanden nach dem Weg zu fragen. Aber außer einer älteren Frau mit Einkaufstaschen und einem Mann, der gerade sein Fahrrad abschloss, schien niemand wirklich Zeit zu haben.
Außerdem fühlte sich das plötzlich seltsam an.
Ich war gerade erst angekommen und schon sollte ich anfangen, fremde Menschen nach dem Weg zu meinem neuen Leben zu fragen.
Ich nahm den Koffer wieder in die Hand und warf noch einmal einen Blick auf die Adresse auf dem Display. Market Street 14. So groß konnte dieses Dorf schließlich nicht sein.
Die Rollen des Koffers klapperten laut über das Kopfsteinpflaster, während ich losging. Ein paar Menschen sahen kurz auf, als ich vorbeikam. Ein älteres Paar. Zwei Jugendliche mit Skateboards. Der Mann mit dem Fahrrad. Ich nickte ihnen vorsichtig zu. Einige nickten zurück. Neugierig, nicht unfreundlich. Aber aufmerksam genug, dass mir klar wurde, wie sehr ich hier auffiel.
Die Straße führte leicht bergauf. Ich ging langsam. Nicht nur wegen des Koffers. Sondern auch, weil ich versuchte, mir alles einzuprägen. Die Häuser. Die Geräusche. Das Gefühl dieses Ortes. Als könnte ich dadurch sicherstellen, dass ich wirklich hier war.
Nach ein paar Minuten blieb ich stehen. Vor mir öffnete sich ein kleiner Dorfplatz. Eine Bank. Ein alter Baum. Und der Pub mit warmem Licht in den Fenstern.
Für einen Moment überlegte ich, einfach hineinzugehen. Noch einmal in ein warmes, vertrautes Geräusch einzutauchen. Stimmen. Gelächter. Etwas, das sich nach altem Leben anfühlte. Ein Bier zu bestellen. Und so zu tun, als wäre ich nur auf der Durchreise. Als müsste ich morgen wieder zurück nach London.
Aber das stimmte nicht. Ich war nicht auf der Durchreise. Ich blieb. Der Gedanke fühlte sich gleichzeitig beängstigend und beruhigend an. Ich zog die Jacke etwas enger um mich und ging weiter. Die Straße wurde schmaler. Ich sah auf die Hausnummern. Dann wieder auf mein Handy. Und genau in diesem Moment wäre ich beinahe an der Buchhandlung vorbeigelaufen. Das Schaufenster war klein. Fast unscheinbar zwischen zwei größeren Gebäuden. Ich hätte es wirklich übersehen. Erst als ich über einen Bordstein stolperte und kurz stehen blieb, fiel mein Blick auf das Schild über der Tür.
The Paper Fox
Ein kleiner, stilisierter Fuchs war daneben gezeichnet. Als wäre er aus Papier gefaltet. Ich stand einfach da und sah das Gebäude an.
Das also war es. Der Ort, der jetzt irgendwie zu meinem Leben gehörte. Mein Herz klopfte schneller. Für einen kurzen Moment zögerte ich. Dann griff ich nach dem Schlüssel in meiner Tasche. Er fühlte sich schwer an. Nicht wegen des Metalls. Sondern wegen dem, was er bedeutete. Ich trat näher an die Tür. Und genau in diesem Moment bewegte sich etwas im Schatten neben dem Eingang. Eine Katze trat neben mich. Grau. Schlank. Mit einem Blick, als würde sie mich schon lange kennen. Sie setzte sich auf die Schwelle der Buchhandlung und sah mich an. Ich sah zurück. „Hallo“, murmelte ich leise. Die Katze blinzelte langsam. Als hätte sie gerade beschlossen, dass ich akzeptabel war. Ich konnte nicht anders, als zu lächeln. Dann steckte ich den Schlüssel ins Schloss. Und öffnete die Tür zu meinem neuen Leben.
Der Laden roch nach Staub, Papier und Holz. Nach Geschichten. Ich stellte meinen Koffer neben den Tresen und blieb einen Moment einfach stehen. Es war still. Anders als in London. Keine Sirenen. Kein stetiges Hintergrundrauschen. Nur ich. Und dieser Raum … und die Katze. Sie schlüpfte an mir vorbei ins Innere der Buchhandlung und verschwand irgendwo zwischen den Regalen, als würde sie überprüfen wollen, ob alles noch so war wie gestern. Vielleicht tat sie das tatsächlich. Vielleicht war sie die eigentliche Besitzerin dieses Ortes. Ich schloss die Tür hinter mir und hörte das kleine Glöckchen über dem Rahmen leise klingeln.
In diesem Moment hatte ich noch keine Ahnung, dass diese Buchhandlung tatsächlich einmal mein Zuhause werden würde. Und auch nicht, dass dieses Dorf mein Leben auf eine Weise verändern würde, die ich mir jetzt noch nicht einmal vorstellen konnte. Aber das erfuhr ich erst später.
An diesem Abend wusste ich nur eines:
Ich war angekommen.
Notes:
Das war der erste Teil der Geschichte von Nick und Charlie in Foxley. Ich hoffe, es hat euch gefallen. Lasst gerne Kudos da und schreibt Feedback, Wünsche und Anregungen in die Kommentare.
Chapter 2: Zwischen Koffer und Katzenfell
Summary:
Charlie betritt zum ersten Mal den Buchladen und die Wohnung.
Notes:
(See the end of the chapter for notes.)
Chapter Text
Das helle Klingeln der kleinen Glocke über der Tür war noch nicht ganz verklungen, als die Katze zu mir zurück kam und ihren Kopf an meinem Bein rieb. Ich sah nach unten. Es war eine schöne Katze. Leicht struppiges Fell, aber dennoch gepflegt. Sie wirkte nicht wie eine herrenlose Katze. Ob sie vielleicht einem Nachbarn gehörte? Sie sah mich mit ihren großen Katzenaugen an und miaute, als wollte sie mir irgendetwas erzählen.
„Hm? Was möchtest du mir sagen?“ fragte ich sie.
Sie antwortete mit einem erneuten Maunzen.
„Wohnst du hier in der Nähe?“
Noch während ich den Satz zu Ende sprach, schüttelte ich den Kopf. So weit war es also schon gekommen. Ich stand hier mitten in einem Buchladen in einem fremden Ort und sprach mit einer Katze. Ich blickte mich um, als hätte ich Sorge, dass mich jemand gesehen haben könnte. Doch es war niemand da. Ich war allein. Und zwar ganz allein. Ich kannte hier niemanden.
Super, Charlie. Rede dir nur ein, wie deprimierend dein Leben ist.
Ich verdrehte die Augen über mich selbst.
„Es wird alles gut werden. Das hier ist ein Neuanfang! Der Neuanfang, den du so dringend brauchst!“, sprach ich mir selbst Mut zu.
Ich atmete tief durch und stand für einen Moment einfach nur da. Der Laden war still. Aber wenn ich genau hinspürte, war es nicht die unangenehme Stille einer leeren Wohnung, sondern eine andere. Eine ruhigere. Eine warme Stille, die sich zwischen den Bücherregalen ausbreitete, als hätte sie schon viele Jahre hier verbracht.
Ich ließ meinen Blick langsam durch den Raum wandern. Der Laden war größer, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Die Regale standen dicht an dicht, einige davon bis zur Decke reichend. Viele waren gefüllt mit Büchern, andere waren halb leer. Im ganzen Raum verteilt stapelten sich Bücher zu kleinen Türmen: auf Tischen, auf Fensterbrettern, sogar auf einem alten Stuhl in der Ecke.
Es roch nach Papier, Holz und einem Hauch von Staub. Nach einem Ort, der lange existiert hatte, bevor ich überhaupt daran gedacht hatte, hierherzukommen. Es roch herrlich.
Langsam ging ich zwischen den Regalen hindurch.
Ein paar Bereiche wirkten ordentlich, andere eher… improvisiert. Offenbar hatte der frühere Besitzer seine ganz eigene Art gehabt, Bücher zu sortieren.
Als ich mit dem Makler telefoniert hatte, der mich über das überraschende Ableben von Mr. Hargreaves, dem früheren Besitzer, informiert hatte, war ich überrascht gewesen. Mr. Hargreaves war alt gewesen und hatte weder Frau und Kinder noch sonstige Angehörige. Daher war der Buchladen in den Besitz der Gemeinde übergegangen, die sich um einen schnellstmöglichen Verkauf kümmerte. Der Buchladen war seit jeher ein wichtiger Bestandteil des Ortes und auch der umliegenden Orte und sollte daher nicht lange leer stehen. Das war auch der Grund gewesen, warum der Verkaufspreis und mein finanzielles Budget überhaupt zusammen gepasst hatten. Früher hatte ich oft davon geträumt, in meiner eigenen Buchhandlung zu arbeiten, doch dieser Traum zerplatzte in London ziemlich schnell. Nun hatte ich nicht nur einen Buchladen, sondern auch noch eine Wohnung direkt darüber.
Der Kauf war schnell abgeschlossen gewesen. Ein paar Telefonate, einige Briefe mit Informationen, Fotos und Verträgen, die hin und her gingen, eine Unterschrift hier, eine Bestätigung da und der Laden gehörte mir. Und ehe ich mich versah, hatte ich meinen alten Job gekündigt, meine wenigen Habseligkeiten gepackt und war auf dem Weg nach Foxley.
Und hier stand ich nun. Voller Zuversicht und ziemlich einsam.
Ich drehte mich einmal im Kreis, um alles in mich aufzunehmen. Es war durchaus eine schöne Buchhandlung, doch man sah ihr an, dass in den letzten Jahren viel liegen geblieben war. Einige Regale standen etwas schief, an manchen Stellen blätterte die Farbe von den Wänden und das Licht flackerte alle paar Minuten, als wäre die Glühbirne kurz davor, den Geist aufzugeben. Hier kam einiges auf mich zu, bevor ich den Laden für Kunden würde öffnen können. Aber ich freute mich darauf, meine eigene Handschrift hier hineinzulegen. Den Laden zu meinem eigenen zu machen.
Ich sah mich weiter um. Neben dem großen Schaufenster entdeckte ich ein kleineres Regal, das sich ein wenig von den anderen unterschied. Es war niedriger, dunkler, das Holz deutlich älter und an den Kanten glattpoliert, als hätten unzählige Hände darüber gestrichen. Ich ging interessiert darauf zu. Die Bücher darin sahen ebenfalls anders aus. Keine neuen Ausgaben mit glänzenden Umschlägen. Stattdessen abgegriffene Einbände, verblichene Farben und Titel, deren Schrift schon leicht verblasst war.
Neugierig trat ich an das Regal heran und zog eines der Bücher ein Stück heraus.
Auf der Innenseite des Einbands befand sich ein kleiner Stempel.
The Paper Fox – Reading Copy.
Ich runzelte leicht die Stirn. Nicht zum Verkauf? Ich ließ meinen Blick über die übrigen Titel wandern.
Geschichte der Yorkshire Dales.
Alte Wege durch die Hügel.
Foxley und seine Menschen.
Offenbar eine kleine Sammlung über die Gegend. Vielleicht hatte der alte Besitzer sie einfach gern hier gehabt. Ich stellte das Buch wieder zurück ins Regal. „Okay“, murmelte ich leise zu mir selbst, während ich weiter durch den Laden ging. „Dann bleiben die wohl erstmal.“
Ich war gespannt, welche Überraschungen hier noch auf mich zukommen würden.
Die Katze, die sich inzwischen wieder irgendwo zwischen den Regalen bewegte, ignorierte mich vollständig. Ich atmete tief ein. Der Geruch überwältigte mich erneut. Staub, Papier, ein Hauch von Holzpolitur. Der Geruch neuer Bücher, die darauf warteten, gelesen zu werden. Nach Geschichten. Mein Koffer stand neben dem Tresen, wo ich ihn abgestellt hatte. Obendrauf lag mein Rucksack. Für einen Moment betrachtete ich ihn, als wäre er ein fremder Gegenstand. Die Katze sah ich nicht mehr, sie war bereits irgendwo zwischen den Regalen verschwunden.
„Hallo?“, sagte ich leise in den Raum hinein. Meine Stimme klang fremd zwischen den Büchern. Ein leises Miauen antwortete aus der Richtung eines niedrigen Regals.
„Ah“, murmelte ich. „Also bist du noch da. Ich bin auch noch hier.“
Sie tauchte kurz darauf wieder auf, lief mit erhobenem Schwanz über den Holzboden und blieb neben dem Tresen stehen, als hätte sie beschlossen, mich zu beobachten. „Ich hoffe, das ist in Ordnung“, sagte ich zu ihr. Sie blinzelte langsam. Ich nahm das als Zustimmung.
Die Dielen knarrten unter meinen Schritten, als ich weiterlief. Hier stand ein Regal mit Taschenbüchern. Daneben ein kleines Regal mit Gedichten. Ich zog einen Band heraus und blätterte kurz darin. Ich stellte das Buch wieder zurück. Neben dem Regal stand eine schmale Holzleiter auf Rollen. Ich schob sie leicht zur Seite und sie quietschte leise über den Boden.
„Oh“, sagte ich. Die Katze sah kurz zu mir herüber. „Die bist du wahrscheinlich gewohnt.“ Ich stellte mir vor, wie ich die Leiter irgendwann benutzen würde, um an die oberen Bücher zu kommen. Ich spürte ein freudiges Kribbeln im Bauch. Vielleicht konnte das hier alles wirklich gut werden. Vielleicht konnte das hier tatsächlich funktionieren.
Im hinteren Teil des Raumes entdeckte ich die kleine Küche. Es war nur eine kleine Nische, kaum mehr als eine Arbeitsplatte, eine Spüle und eine Kaffeemaschine, die ich mit übernommen hatte. Aber sie schien zu funktionieren und für den Anfang war das mehr als genug.
An der Wand hinter dem Tresen sah ich Fotos. Verschiedene Menschen waren drauf zu sehen, die meisten, wie sie hier im Laden standen. Ein Mann sehr häufig. Auf manchen Bildern war er deutlich jünger als auf anderen. War das der frühere Besitzer? Es wirkte so. Auf einigen entdeckte ich die Katze, die es sich an verschiedenen Orten in der Buchhandlung bequem gemacht hatte. Am besten gefiel mir das Bild, auf dem sie zusammengerollt wie ein Wollknäuel auf einem Bücherstapel schlief, während ihr die Sonne helle Flecken auf das Fell zauberte. So wie es aussah, gehörte die Katze tatsächlich hier zum Laden. Doch wer hatte sich in den letzten Wochen um sie gekümmert? Sie sah keineswegs abgemagert aus. Vielleicht konnte ich mich morgen mal in der Nachbarschaft umhören.
Ich lief weiter.
Neben dem Fenster stand ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen. Ich konnte mir vorstellen, wie hier Menschen sitzen würden. Mit einer Tasse Kaffee. Mit einem Buch. Vielleicht würden sie bleiben. Vielleicht würden sie reden. Vielleicht würde dieser Laden irgendwann wieder voller Stimmen sein. Das Fenster hinter dem Tisch zeigte direkt auf den Dorfplatz.
Plötzlich knurrte mein Magen. Ich hatte seit Stunden nichts gegessen. Das letzte war eine Kleinigkeit am Bahnhof in London gewesen, während ich auf meinen Zug wartete, der mich zu dem Bus brachte, der mich wiederum nach Foxley bringen würde. Während der Fahrt war ich zu nervös gewesen, um auch nur einen Bissen herunterzubekommen. Also ging ich nun zurück zum Tresen und öffnete meinen Rucksack. Das Sandwich, das ich heute Früh vorbereitet hatte, sah nicht mehr besonders einladend aus. Ich setzte mich an den kleinen Tisch am Fenster und wickelte das Papier langsam auf. Für einen Moment hielt ich einfach nur das Sandwich in der Hand. Früher hätte dieser Moment anders ausgesehen. Früher hätte mein Kopf sofort angefangen zu rechnen. Kalorien. Portionen. Gründe, warum ich vielleicht noch warten sollte. Warum ich jetzt im Moment vielleicht gar nichts brauchte.
Charlie, sagte ich mir leise in Gedanken. Das ist vorbei.
Doch das war es nicht. Nicht ganz. Vielleicht würde es das nie ganz sein. Aber es war besser. Immerhin so weit, dass ich in das Sandwich biss. Es schmeckte alt und etwas matschig.
Die Katze sprang auf den Tisch und beobachtete jeden Bissen aufmerksam.
„Nein“, sagte ich.
Sie blinzelte.
„Du bekommst nichts.“
Sie schien anderer Meinung zu sein. Selbst mein strenger Blick hielt sie nicht davon ab, weiterhin hoffnungsvoll zu schauen. Sie setzte sich mitten auf den Tisch und sah mich an, als hätte sie vor, dort für den Rest des Abends zu bleiben.
„Du bist ziemlich selbstbewusst, weißt du das?“
Sie blinzelte langsam.
Ich nahm noch einen Bissen von dem Sandwich und musterte sie dabei. Ihr Fell war grau mit ein paar helleren Streifen und ihre Ohren hatten diese kleinen, zerzausten Spitzen, die Katzen bekommen, wenn sie zu oft durch Hecken und Büsche laufen. „Ich kann dich schlecht die ganze Zeit einfach nur Katze nennen.“ Keine Reaktion. Sie begann, sich demonstrativ die Pfote zu putzen.
„Du wohnst scheinbar im Paper Fox. Hast du einen Namen?“, murmelte ich.
Dann überlegte ich. Ich hatte den Laden übernommen und offenbar ich die Katze gleich mit. Konnte ich ihr dann nicht einen neuen Namen geben?
„Da wir hier im Paper Fox sind, sollte dein Name irgendetwas mit Papier zu tun haben.“
Ich dachte einen Moment nach. Papier. Bücher. Tinte.
„Ink“, sagte ich schließlich. Die Katze hörte kurz auf, sich zu putzen. „Das passt doch.“ Sie sah mich an, als würde sie überlegen, ob sie mit dieser Entscheidung leben konnte. Dann setzte sie ihre Pfoten wieder ordentlich nebeneinander und begann zu schnurren. Ich lächelte leicht.
„Gut“, sagte ich. „Dann bist du jetzt Ink.“
Ich steckte mir das letzte Stück Sandwich in den Mund, faltete das Papier zusammen und warf es in den kleinen Mülleimer hinter dem Tresen.
Dann ging ich noch einmal durch den Laden. Diesmal langsamer. Als würde ich versuchen, mir jede Ecke einzuprägen. Die Titel der Bücher. Die kleinen Kratzer im Holz der Regale. Ich strich mit der Hand über einen Buchrücken. Ich zog das Buch heraus und schlug es auf. Ich hatte es noch nicht gelesen, doch schon einiges darüber gehört. Ich stellte es wieder zurück.
Die meisten Bücher im Laden gehörten noch zum ursprünglichen Bestand.
Ich hatte den Buchladen übernommen und gewusst, dass er nicht leer sein würde. Ganz im Gegenteil.
Mr. Hargreaves hatte alles so hinterlassen, wie es gewesen war.
Die Regale waren noch gefüllt, manche ordentlich sortiert, andere eher… eigenwillig.
Zwischen den Reihen standen kleine handgeschriebene Zettel mit Empfehlungen, und in manchen Büchern steckten Lesezeichen.
Es fühlte sich an, als hätte der Laden einfach darauf gewartet, dass jemand zurückkam und das Licht wieder anschaltete.
In den nächsten Tagen würde ich beginnen, neue Bücher zu bestellen. Neuerscheinungen, ein paar Klassiker. Dinge, die ich selbst gern las.
Aber ein großer Teil der Regale würde weiterhin noch Mr. Hargreaves Handschrift tragen.
Am Ende des Ladens stand ein kleines Regal mit Kinderbüchern. Bunte Rücken zwischen all den gedeckten Farben der anderen Bücher. Ein Stofffuchs lag oben auf dem Regal. Ich nahm ihn kurz in die Hand. „Der gehört wahrscheinlich dir“, sagte ich zur Katze. Zu Ink. Sie antwortete nicht. Aber sie sah mich an. Ich ging weiter durch den Laden. Ink sprang mühelos auf den Tresen. „Du wohnst also wohl tatsächlich hier“, sagte ich. Ein weiteres langsames Blinzeln.
„Gut“, sagte ich schließlich. „Dann sind wir nun Mitbewohner.“
Ich ging langsam weiter zwischen den Regalen entlang und sah mich um. Neben dem Eingang stand ein kleines Regal mit einem handgeschriebenen Schild: Foxley & Umgebung.
Ich beugte mich vor. Wanderführer. Ein paar Bildbände. Ein schmales Buch über die Geschichte der Yorkshire Dales. Ich zog es kurz heraus und blätterte darin. Alte Fotos. Steinmauern. Schafe. Dorfstraßen. Ich stellte das Buch wieder zurück.
Ink war inzwischen auf das Fensterbrett gesprungen. Ich trat neben sie und sah hinaus auf den Dorfplatz. Draußen war es inzwischen dunkel geworden. Ich sah das Licht der Straßenlaterne draußen, das durch das Schaufenster fiel. Der Pub auf der anderen Seite war hell erleuchtet. Die Tür ging auf, Stimmen drangen gedämpft nach draußen. Jemand lachte laut. Das Leben spielte sich dort ab. Und ich stand hier. Allein. Nun ja, mit einer Katze, die mich ansah, als hätte ich ihr das Abendessen weggegessen. Ich musste leicht lächeln. Immerhin hatte ich jemanden an meiner Seite. Es war ein seltsames Gefühl. Nicht ganz Einsamkeit. Aber auch nicht wirklich Zugehörigkeit. Ich war irgendwo dazwischen. Ein Fremder, der gerade erst angekommen war. Ich beobachtete die Menschen, die aus dem Pub kamen. Zwei Männer unterhielten sich laut. Eine Frau zog ihre Jacke enger um sich. Jemand verabschiedete sich mit einer Umarmung. Sie alle gehörten hierher. Ich noch nicht.
„Vielleicht irgendwann“, murmelte ich. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte mich leicht gegen den Fensterrahmen. Ink rieb ihren Kopf an meinem Arm und sah ebenfalls hinaus.
„Was meinst du?“, fragte ich. Sie antwortete nicht. Aber sie schnurrte.
Schließlich löste ich mich vom Fenster. Es wurde Zeit, die Wohnung zu begutachten. Ich griff nach meinem Koffer und zog ihn zur Treppe. Die Rollen rumpelten über das Holz. Ink folgte mir, als hätte sie diesen Weg schon tausendmal genommen. Die Treppe knarrte bei jedem Schritt. Oben angekommen öffnete sich ein kleiner Flur. Das Licht der Straßenlaterne fiel durch ein schmales Fenster und legte ein blasses Rechteck auf den Boden. Ich tastete nach dem Lichtschalter. Die Lampe flackerte kurz, bevor sie ein warmes Licht verbreitete. Die Wohnung war klein. Ein Wohnzimmer mit einer alten Couch. Eine winzige Küche. Ein Schlafzimmer. Aber sie war gemütlich. Die Art von Ort, die nicht perfekt sein musste, um sich richtig anzufühlen. Ich stellte meinen Koffer mitten im Wohnzimmer ab. Ink sprang sofort auf das Sofa und rollte sich zusammen, als hätte sie dort schon immer geschlafen.
„Das ging schnell“, sagte ich und musste lächeln. Ich setzte mich neben sie. Wenn ich mich etwas streckte, konnte ich durch das Fenster noch immer den Pub sehen. Die Stimmen draußen waren inzwischen leiser geworden.
Ich öffnete meinen Koffer. Ein paar T-Shirts. Zwei Pullover. Ein Stapel Bücher. Mein Notizbuch. Ich begann langsam auszupacken. Das dauerte nicht lange. Nahezu mein ganzes Leben passte inzwischen erstaunlich gut in diesen einen Koffer. Der Rest war in den zwei Kartons verstaut, die sich nächste Woche auf dem Weg von London nach Foxley machen würden. Ich hatte ein Umzugsunternehmen gefunden, das sie mir günstig liefern würde, sobald sich ein größerer Umzug fand, der ein Ziel in der Nähe von Foxley hatte. Und glücklicherweise war ein solcher in wenigen Tagen geplant.
Als ich fertig war, setzte ich mich wieder auf das Sofa. Ink rutschte näher und legte sich halb auf meinen Arm. „Du bist wirklich sehr anhänglich“, murmelte ich.
Mein Notizbuch lag auf dem Tisch. Ich schlug es auf. Die Seiten waren leer. Ich hatte es mir in London gekauft. Aus meinem Rucksack zog ich einen Stift. Er zögerte einen Moment über der Seite.
Dann schrieb ich ein einziges Wort:
Foxley
Ich sah mir das Wort an. Es fühlte sich noch immer fremd an. Aber nicht unangenehm. Eine Weile starrte ich das Wort einfach nur an. Dann legte ich den Stift wieder beiseite.
Ich gähnte. Der Tag hatte sich länger angefühlt, als er eigentlich gewesen war.
Im Schlafzimmer roch das Bett nach frisch gewaschener Bettwäsche. Der Makler, der sich um den Verkauf der Buchhandlung inklusive der kleinen Wohnung gekümmert hatte, war so freundlich gewesen, jemanden im Ort zu beauftragen, der mir die Wohnung vorbereitete, sodass ich direkt einziehen konnte.
Ink sprang ohne zu zögern auf die Decke. „Natürlich“, sagte ich. Ich legte mich vorsichtig auf die Matratze. Die Federn quietschten leise. Für einen Moment starrte ich an die Decke. Neue Orte hatten ihre eigenen Geräusche. Das Knacken des Holzes. Der Wind draußen. Die entfernten dumpfen Geräusche aus dem Pub.
Ink rollte sich neben meinen Beinen zusammen. Ich streckte die Hand aus und strich über ihr Fell. Mein letzter Gedanke, bevor ich einschlief, war überraschend ruhig. Vielleicht konnte das hier wirklich funktionieren.
Notes:
Wie hat euch Teil 2 gefallen? Schreibt gerne wieder Feedback, Anregungen und Wünsche in die Kommentare. Ich freue mich auch sehr über Kudos.
Chapter 3: Ein neuer Anfang
Summary:
Charlies erster Tag in Foxley. Er spaziert durchs Dorf, lernt erste Bewohner kennen und verschafft sich einen Überblick über die Arbeiten im Paper Fox.
Notes:
(See the end of the chapter for notes.)
Chapter Text
Etwas Warmes lag auf meiner Brust.
Das war das Erste, was ich bemerkte, noch bevor ich wirklich wach wurde. Ich blinzelte langsam gegen das Morgenlicht, das durch das kleine Fenster im Schlafzimmer fiel. Für einen Moment wusste ich nicht genau, wo ich war. Die Decke über mir war fremd, das Licht kam aus einem ungewohnten Winkel und irgendwo draußen rief ein Vogel. Dann bewegte sich das Gewicht auf meiner Brust. Ink hob den Kopf.
„Oh“, murmelte ich heiser.
Die Katze sah mich an, als wäre es völlig selbstverständlich, dass sie dort lag. Ihr Schwanz bewegte sich träge über die Bettdecke, während sie sich ein wenig streckte und anschließend wieder zusammenrollte. „Du hast es dir ja bequem gemacht.“ Ink antwortete mit einem leisen, zufriedenen Schnurren.
Durch das Fenster drang das erste Licht des Morgens. Es war dieses weiche, blasse Licht, das nur ganz früh am Tag existiert, wenn die Welt noch nicht richtig wach ist.
Ich hörte Schritte auf der Straße unten. Eine Tür, die geräuschvoll geschlossen wurde. Dann irgendwo in der Ferne das dumpfe Läuten einer Kirchenglocke. Für einen Moment blieb ich einfach liegen und sah an die Decke.
Foxley.
Das Wort tauchte wieder in meinen Gedanken auf, genauso wie am Abend zuvor. Nur fühlte es sich diesmal ein kleines bisschen weniger fremd an.
Ink sprang vom Bett und tapste durchs Zimmer.
Der Morgen brach still über dem Dorf herein. Ein leises Grau legte sich über die Hügel, durchbrochen von vereinzelten Sonnenstrahlen, die durch die Wolken fielen. Ich erwachte in meiner kleinen Wohnung über der Buchhandlung mit einem Gefühl von Spannung und gleichzeitig leichter Beklommenheit. Es war der erste Tag, an dem ich wirklich auf eigenen Beinen stehen musste. Die leisen Geräusche der Katzenpfoten, die auf den Holzdielen hin und her tappten, begleiteten mich.
Ich zog die Vorhänge auf und blickte hinaus auf die gepflasterte Straße. Sie war noch leer, nur ein paar Vögel pickten nach den letzten Körnern, die scheinbar irgendwie dort gelandet waren. Die Häuser ringsum waren in sanften Farben gestrichen, manche mit kleinen Blumenkästen an den Fenstern, auf denen noch der Tau glitzerte. Alles wirkte so friedlich, so weit entfernt von dem Lärm, den ich in London gewohnt war. Gleichzeitig überkam mich eine leichte Panik. Ich kannte niemanden hier, wusste nicht, ob ich es schaffen würde, diese Buchhandlung zu führen, geschweige denn, mich hier heimisch zu fühlen.
Beim Frühstück, das heute aus einer Tasse starken Kaffee bestand, überlegte ich, wie ich die ersten Stunden gestalten sollte. Der Laden war offiziell noch eine ganze Weile geschlossen, doch die Regale standen bereit. Ink schnurrte auf meinem Schoß und ließ sich streicheln. Sie schien zu spüren, dass auch ich neu war, dass wir beide uns erst aneinander gewöhnen mussten.
Der Spaziergang durch das Dorf war mein erster Schritt ins Leben außerhalb meiner vier Wände. Ich zog meine Jacke an, verabschiedete mich von Ink, schloss die Tür hinter mir und atmete tief die kühle Morgenluft ein. Der Geruch von frischem Brot wehte mir von der kleinen Bäckerei entgegen. Ein älterer Mann, vermutlich ein Dorfbewohner, winkte mir freundlich zu. „Morgen!“, rief er, und ich murmelte ein zaghaftes „Guten Morgen“ zurück.
Ich ging weiter, betrachtete die kleinen Schilder an den Häusern, die liebevoll gestaltet waren. Jedes Haus schien seine eigene Geschichte zu erzählen. Eine Katze huschte über den Weg, verschwand hinter einer Ecke und ich konnte nicht anders, als zu lächeln. Überall wirkte es, als ob die Zeit langsamer verging, als ob jeder Moment bewusst erlebt wurde.
Auf dem Dorfplatz blieb ich stehen und betrachtete die kleine, etwas weiter entfernte Kirche, deren Turmuhr leise schlug. Kinder spielten auf dem Rasen davor und ein paar Frauen unterhielten sich am Brunnen. Es war eine kleine Gemeinschaft, in der ich nun ein Teil werden sollte … aber wie? Ich war nicht sicher, ob ich willkommen sein oder als Außenseiter betrachtet werden würde.
Die ersten Besorgungen erledigte ich in der kleinen Gemischtwarenhandlung. Die Besitzerin, eine freundliche Frau mittleren Alters, begrüßte mich mit einem warmen Lächeln. „Neu hier?“ fragte sie, als ich nach Mehl und ein paar Lebensmitteln griff. Ich nickte und stellte mich kurz vor. „Charlie Spring. Ich habe den Buchladen übernommen.“ Sie musterte mich mit einem neugierigen Blick, der weder ablehnend noch besonders interessiert wirkte. Eher wie das prüfende Auge eines Menschen, der sich fragt, ob das Gegenüber wirklich dazugehört. „Willkommen im Dorf“, sagte sie schließlich und ich spürte, wie ein kleines Gefühl der Erleichterung durch mich hindurchströmte.
Zurück in der Buchhandlung setzte ich mich hinter den Tresen, betrachtete die Regale und überlegte, wo ich beginnen sollte. Es gab so viel zu tun: die Bücher sortieren, einige Regale neu ordnen. Außerdem Wände streichen, die kaputten Regale reparieren, eine neue Glühbirne besorgen. Und dann natürlich das Organisatorische. Die Zahlen des Ladens durchgehen, den Bestand überprüfen, planen, Notizen über Bestellungen und Lieferanten machen. Und ganz nebenbei mich hier zurechtfinden und im Dorf ankommen. Die Verantwortung lastete schwer auf meinen Schultern. Ich hatte die Buchhandlung übernommen, weil ich einen Neuanfang wollte, aber mit jedem Gedanken an die Arbeit stieg die Unsicherheit. Hatte ich genug Erfahrung? Reichte mein Wissen über Bücher? Wusste ich genug über die Mechanik eines kleinen Ladens?
Ink sprang auf den Tresen und stupste meine Hand mit der Nase an. Ich lachte leise. „Du bist wohl meine erste Kundin, hm?“ Sie schnurrte und rollte sich auf dem Tresen zusammen, als würde sie mir sagen: Alles wird gut.
Im Laufe der Woche lernte ich langsam die Straßen kennen, die Wege zu den kleinen Cafés, die Bäckerei, die Post. Jede Begegnung war eine kleine Lektion. Ein paar Kinder grüßten mich beim Vorbeilaufen, eine ältere Dame schenkte mir ein freundliches Lächeln, als ich an ihrem Garten vorbeiging. Es war eine Welt, die mir fremd war und doch merkte ich, wie ich mich nach und nach eingewöhnte.
Zwischen all dem begann ich, den Laden Stück für Stück zu meinem zu machen.
Ich verbrachte Stunden damit, Dinge zu sortieren, zu prüfen, neu zu ordnen. Bücher aus den Regalen zu nehmen, den Staub von den Einbänden zu wischen, sie neu zu kategorisieren, so, dass es sich für mich richtig anfühlte. Manche schienen schon seit Jahren an derselben Stelle zu stehen und ich hatte das Gefühl, sie ein kleines Stück aus ihrem gewohnten Leben zu reißen, wenn ich sie verschob.
An anderen Tagen saß ich an dem kleinen Tisch hinter dem Tresen, umgeben von Ordnern und losen Zetteln. Rechnungen, alte Bestellungen, Listen, die jemand irgendwann begonnen und nie beendet hatte. Ich arbeitete mich langsam durch alles hindurch, versuchte, ein System zu erkennen, wo oft keines mehr war. Es war mühsam, manchmal frustrierend, aber gleichzeitig auch seltsam beruhigend.
Ich strich eine Wand neu, erst unsicher, dann mit gleichmäßigeren Bewegungen, bis das Weiß wieder klar wirkte. Ich reparierte ein Regalbrett, das sich immer wieder leicht abgesenkt hatte und war für einen Moment unverhältnismäßig stolz, als es schließlich gerade blieb. Ich ersetzte die alte Glühbirne durch eine neue, wärmere und zum ersten Mal wirkte der hintere Teil des Ladens nicht mehr wie ein vergessener Raum.
Zwischendurch überprüfte ich den Bestand, notierte mir, welche Bücher fehlten, welche ich nachbestellen wollte, welche vielleicht nie wieder jemand kaufen würde. Es war ein langsames Herantasten. Kein klarer Plan, eher ein ständiges Ausprobieren, Anpassen, Verwerfen.
Und doch merkte ich, wie sich mit jedem Tag etwas veränderte. Nicht nur im Laden. Sondern auch in mir. Ich kannte irgendwann die Geräusche des Bodens, das Knarren bestimmter Dielen, das leise Klacken der Tür, wenn ich die Wohnung betrat. Ich wusste, wo das Licht am Nachmittag am schönsten durch die Fenster fiel und welche Ecke sich besonders gut zum Lesen eignete.
Es war noch nicht perfekt. Aber es begann, sich nach mir anzufühlen.
An einem Nachmittag setzte ich mich in die Ecke der Buchhandlung, öffnete ein Buch über lokale Geschichte und begann zu lesen. Ink lag zu meinen Füßen und schlief. Ich ließ meinen Blick über die Seiten wandern und spürte ein leises Gefühl von Frieden. Hier gab es keine Hektik, keine Erwartungshaltungen. Nur die Geschichten zwischen den Buchdeckeln und die leisen Geräusche des Dorfes draußen.
Ein leichter Regen setzte ein, als ich die Buchhandlung verließ, um ein paar Besorgungen zu machen. Die Tropfen fielen auf meine Jacke, auf meine Hände und ich bemerkte, wie ich tief durchatmete. Das Dorf fühlte sich lebendig an, aber auf eine ruhige, geordnete Weise. Jeder Mensch schien Teil eines großen Ganzen, in dem ich mich langsam einfügte.
Am Sonntag ging ich an der Kirche vorbei, hörte die Glocken schlagen, sah die Kinder nach Hause laufen und die Dorfbewohner, die in kleinen Gruppen plauderten. Alles wirkte so natürlich, so harmonisch und doch spürte ich meine eigene Unsicherheit, die mich daran erinnerte, dass ich hier ein Neuling war.
Einmal traf ich auf eine ältere Frau, die mir von Mr. Hargreaves, dem alten Besitzer, erzählte. „Er war ein guter Mann“, sagte sie, während wir auf der Bank vor ihrem Haus saßen. „Er hat sich um alles gekümmert, sogar um die kleine Katze. Seit er fort ist, haben wir Dorfbewohner ein Auge auf sie geworfen.“ Ich nickte, überrascht, dass die Nachbarschaft sich um die Katze gekümmert hatte. „Ich habe sie Ink genannt. Weil sie doch in der Buchhandlung lebt. Und dort gibt es viel Tinte.“ Ein kleines Lächeln stahl sich auf mein Gesicht. Auch die ältere Dame lächelte. „Das ist ein wunderschöner Name. Das hätte dem alten Hargreaves gefallen.“ Alles fügte sich hier zusammen, auf eine Art, die ich kaum fassen konnte.
Am Abend saß ich wieder im Laden, schrieb in mein Notizbuch und ließ die Ereignisse des Tages Revue passieren. Ich dachte an die freundlichen Gesichter, die kleinen Gespräche, das Lachen der Kinder, Inks leises Schnurren. Alles fühlte sich neu und doch richtig an. Während ich darüber schrieb, spürte ich, wie sich ganz langsam eine Art Heimatgefühl in mir breit machte.
Ich beschloss, am nächsten Morgen einen längeren Spaziergang zu machen, um das Dorf und seine Umgebung besser kennenzulernen. Ich schnürte meine Schuhe fester, zog die Jacke an, die mir bisher in London nie viel geholfen hatte und schloss die Tür hinter mir. Ink miaute leise, als wolle sie mich begleiten, doch ich schüttelte den Kopf und lächelte. „Du bleibst heute hier, kleine Lady“, sagte ich und streichelte ihr noch einmal über den Kopf. Sie schnurrte und trabte langsam zum Fenster, als würde sie mich mit einem wissenden Blick verabschieden.
Die Straße, die ich gestern entlanggelaufen war, wirkte heute noch vertrauter. Ich achtete auf Details: das alte, moosbewachsene Geländer am Dorfplatz, die kleinen Steingartenwege, die sich hinter einigen Häusern versteckten, die hölzernen Fensterläden, die sich bei einem leisen Windzug bewegten. Überall lag etwas Vertrautes, aber gleichzeitig Neues. Ich spürte, wie meine Unsicherheit langsam abnahm, ersetzt durch Neugier.
Am Rande des Dorfes erreichte ich eine kleine Wiese, die in einen sanften Hügel überging. Das Gras war feucht vom Morgentau, die Schmetterlinge flogen träge von Blume zu Blume und das Zwitschern der Vögel erfüllte die Luft. Ich ließ den Koffer, den ich vor wenigen Tagen noch geschleppt hatte, in Gedanken zurück. Es war, als hätte ich einen Moment gefunden, der nur mir gehörte, bevor die Aufgaben des Tages mich wieder einholten.
Auf dem Rückweg durch das Dorf begegnete ich einer Gruppe älterer Männer, die auf einer Bank saßen und Karten spielten. Sie nickten mir zu, einer rief sogar: „Na, neuer Ladenbesitzer, alles gut?“ Ich errötete leicht und murmelte ein „Ja, danke“, während sie sich wieder ihren Karten zuwandten. Ich spürte ein warmes Gefühl der Zugehörigkeit, das in mir wuchs, als wäre ich Teil dieser Gemeinschaft, auch wenn ich sie noch nicht wirklich kannte.
Zurück in der Buchhandlung, ließ ich mich auf einen Stuhl fallen und beobachtete Ink, die auf einem Regal thronte und sich putzte. Ich merkte, wie sich ein kleines Lächeln auf meine Lippen schlich. Sie war so ruhig, so sicher in ihrem Territorium. Vielleicht war es genau das, was ich brauchte, um mich ebenfalls sicher zu fühlen. Ich machte mir einen Kaffee und setzte mich wieder hinter den Tresen, um meine Notizen durchzugehen.
Ein paar Stunden später hörte ich das leise Klappern von Schritten auf dem Pflaster draußen. Ich blickte auf und sah ein junges Mädchen, vielleicht zehn Jahre alt, das neugierig durch das Schaufenster spähte. Es lächelte zaghaft und winkte mir. „Hallo“, sagte ich und es winkte zurück, bevor es kichernd davonrannte. Ich musste lachen und spürte, wie die kleinen Gesten des Dorflebens mir ein Gefühl von Wärme gaben.
Am Nachmittag öffnete ich das Fenster, um frische Luft hereinzulassen. Ein paar Nachbarn gingen vorbei, grüßten mich freundlich. Ich begann zu verstehen, dass dieses Dorf ein Netz aus Beziehungen war, aus kleinen Gesten, aus Aufmerksamkeit füreinander, die ich in der Großstadt nie erlebt hatte. Es fühlte sich fast magisch an, wie jeder Blick, jedes Nicken, jede kurze Unterhaltung etwas Verbindendes hatte.
Ink sprang auf meinen Schoß und schnurrte. Ich streichelte sie, während ich weiter meine Gedanken sortierte. Ich dachte an den alten Besitzer, an die plötzliche Übernahme der Buchhandlung, an den Umzug aus London, an das Leben, das ich hinter mir gelassen hatte. Alles war fremd und gleichzeitig notwendig. Ich hatte das Gefühl, dass dies der richtige Schritt war, auch wenn ich es mir immer wieder selbst beweisen musste.
In den nächsten Tagen begann ich, meine kleine Routine weiterzuentwickeln. Morgens sortierte ich wie gewohnt im Laden Bücher, fegte den Boden, wischte die Regale ab. Nachmittags ging ich spazieren, lernte weitere Menschen kennen, erkundete neue kleine Straßen, versteckte Gassen, Hinterhöfe mit blühenden Gärten. Ich fing an, die Jahreszeit bewusst zu spüren, wie der Wind den Geruch von frisch geschnittenem Gras und Erde mit sich trug, wie das Licht durch die Wolken fiel und kleine Schattenmuster auf die Straßen warf.
Auf dem Dorfplatz blieb ich eines Vormittags stehen, während ich die kleine Liste mit Dingen überprüfte, die ich noch für den Laden besorgen musste. Die Kirchturmuhr schlug gerade halb zehn und ein paar Dorfbewohner unterhielten sich in kleinen Gruppen rund um den Brunnen.
„Du bist doch der neue Buchladenbesitzer, oder?“ Ich blickte auf. Ein Mann mit grauem Bart und einer flachen Mütze sah mich freundlich an.
„Ja“, sagte ich etwas zögernd.
„Wann machst du denn auf?“, fragte er neugierig. „Meine Frau hat schon gefragt. Sie vermisst den Laden.“
Ich musste lächeln.
„Noch ein bisschen Geduld“, sagte ich. „Ich bin noch mitten in den Vorbereitungen. Die Regale mussten sortiert werden, ein paar Bestellungen stehen noch aus…“
Der Mann nickte verständnisvoll.
„Aber ich hoffe, dass ich in etwa einer Woche öffnen kann.“
„Das wird viele hier freuen“, sagte er und klopfte mir kurz auf die Schulter. „Foxley braucht seinen Buchladen.“
Als er weiterging, blieb ich noch einen Moment stehen und sah zur Buchhandlung hinüber, die am anderen Ende des Platzes lag.
Eine Woche. Plötzlich fühlte sich das sehr nah an.
Später am Abend, als ich den Laden für einen Abendspaziergang schließen wollte, bemerkte ich, dass Ink bereits draußen wartete, auf der kleinen Treppe vor der Tür. Sie miaute, als wolle sie mich begleiten. Ich schloss die Tür hinter mir und sie lief mir ein paar Schritte voraus, bevor sie stehen blieb und mich mit funkelnden Augen ansah. Es war, als würde sie mich durch das Dorf führen, mir die Wege zeigen, die ich noch lernen musste.
Die Tage vergingen und ich begann, die kleinen Rituale des Dorflebens zu verstehen. Jeden Morgen hörte ich die Glocken der Kirche, sah die Kinder zur Schule gehen, begrüßte die Bäckerin und die alte Frau, die jeden Tag auf ihrer Bank saß. Ich entdeckte ein kleines Café, in dem man die beste heiße Schokolade bekam und kleine Parks, in denen man die Seele baumeln lassen konnte.
Die Buchhandlung wurde langsam mein Rückzugsort. Ich sortierte die letzten Regale nach Themen, ordnete die Tische so, dass man bequem lesen konnte und richtete den kleinen Bereich mit Kinderbüchern schön her. Ink folgte mir überallhin, sprang auf die Tische, legte sich auf die Bücherstapel und schien die Atmosphäre zu überwachen. Ich beobachtete sie oft, während ich etwas schrieb oder die Regale sortierte und merkte, wie sie zu einer ständigen, beruhigenden Präsenz in meinem neuen Leben wurde.
An einem besonders ruhigen Nachmittag setzte ich mich auf die Fensterbank, beobachtete das Dorf draußen und schrieb in mein Notizbuch. Ich reflektierte über die Veränderungen in meinem Leben, über die Stadt, die ich verlassen hatte, über die Bücher, die ich nun in meiner Hand hielt, über die Ruhe, die mich umgab. Ich spürte, wie sich ein Gefühl der Dankbarkeit und Zufriedenheit in mir ausbreitete.
Ich ließ den Blick noch einen Moment länger über den Platz schweifen. Es wirkte alles so vertraut aus dieser Perspektive. Fast so, als wäre ich schon viel länger hier. Und doch wusste ich, dass ich den größten Teil davon bisher nur aus der Entfernung kannte. In den wenigen Wochen, die ich nun hier in Foxley war, war ich zwar immer wieder draußen gewesen. Ich war durch die Straßen gelaufen, hatte mir die Wege eingeprägt, war abends noch einmal durch den Ort gegangen, wenn es ruhiger wurde. Hatte die Gegend erkundet, ohne wirklich ein Ziel zu haben. Aber das war etwas anderes.
Die meisten Tage hatten sich trotzdem im Laden abgespielt. Zwischen Regalen, Kisten und Listen. Ich hatte mich darin verloren, von einem Punkt zum nächsten zu arbeiten, immer mit dem Gefühl, dass es noch etwas gab, das erledigt werden musste.
Und wenn ich draußen war, dann oft genau dann, wenn es still war. Wenn weniger Leute unterwegs waren. Wenn niemand von mir erwartete, dass ich stehen blieb oder ein Gespräch begann. Es war einfacher so. Denn draußen sein hieß auch Gespräche, Fragen, Blicke. Menschen, die sich kannten und genau wussten, wer sie waren und wohin sie gehörten. Und ich… war einfach nur neu.
Also war ich meist nur kurz unterwegs gewesen. Zum Bäcker, zur Post, einmal durch den Ort und wieder zurück. Es blieb bei kurzen Begegnungen. Ein Nicken hier, ein flüchtiges Lächeln dort. Genug, um gesehen zu werden. Aber nicht lange genug, um wirklich anzukommen.
Und doch fügten sich all das, die kleinen Begegnungen mit den Dorfbewohnern, die kurzen Gespräche, die freundlichen Blicke, zu einem Bild, das ich langsam verstand. Ich war nicht mehr der Mensch, der aus London geflüchtet war. Ich war jemand, der neu anfing, der Verantwortung trug, der Teil einer Gemeinschaft wurde.
Und vor allem merkte ich, dass ich stolz auf mich war. Das war ein mir ziemlich unbekanntes Gefühl. Neu und irgendwie seltsam. Doch ich hatte es geschafft. Ich war hier. In Foxley. Hatte den Laden auf Vordermann gebracht. Ganz allein. Hatte mich halbwegs eingelebt. Hatte mich um Ink gekümmert. Dass es ihr gut ging und dies mein Verdienst war, freute mich besonders. Ich hatte mich noch nie so um jemand anderen, um ein Haustier kümmern müssen. Der Laden war kurz davor, fertig zu sein, sodass bald die ersten Kunden kommen konnten.
Unwillkürlich musste ich an Tao und Elle denken. Sie waren seit Jahren meine besten Freunde und diejenigen, die mich besser kannten als die meisten anderen. Diejenigen, die immer irgendwie schon gewusst hatten, was ich selbst noch nicht sehen konnte.
Ich konnte mir genau vorstellen, wie Tao jetzt irgendetwas sagen würde wie „Natürlich hast du das geschafft. Was hast du denn gedacht?“ und Elle ihm nur zustimmen würde, ruhiger, aber mit diesem Blick, der immer mehr sagte als Worte.
Sie hätten es nie angezweifelt. Nicht eine Sekunde.
Ich ließ den Gedanken einen Moment zu. Und zum ersten Mal fühlte es sich nicht ganz falsch an, ihnen zu glauben.
Ink sprang auf meinen Schoß und schnurrte laut. Ich streichelte sie und murmelte: „Vielleicht werden wir hier beide ein Zuhause finden, hm?“ Sie miaute leise, als wollte sie antworten und ich lächelte.
In diesem Moment wusste ich, dass die Buchhandlung mehr war als nur ein Geschäft. Sie war ein Ort des Lebens, ein Ort des Neubeginns, ein Ort, an dem Geschichten geschrieben wurden … auf Papier und im Herzen. Und ich war bereit, ein Teil dieser Geschichten zu werden, mit all meinen Unsicherheiten, Ängsten, Hoffnungen und Träumen.
Notes:
In Teil 3 gewöhnt sich Charlie langsam in Foxley ein. Was wohl im nächsten Teil passiert? Schreibt gerne wieder Feedback, Anregungen und Wünsche in die Kommentare und lasst Kudos da.
Chapter 4: Das Schild an der Tür
Summary:
Die Eröffnung des Paper Fox steht an. Es kommen viele Menschen und auch Isaac taucht auf.
Notes:
(See the end of the chapter for notes.)
Chapter Text
Heute war der große Tag!
Der Morgen fühlte sich anders an. Nicht, weil das Licht anders durch das Fenster fiel oder weil die Geräusche auf der Straße ungewohnt waren. Diese Dinge hatte ich in den letzten Wochen langsam kennengelernt. Die Glocke der Kirche, die jeden Morgen zur gleichen Zeit schlug. Das Knirschen von Schritten auf dem Kopfsteinpflaster. Der Duft von frischem Brot, der von der Bäckerei über den Platz zog. Nein. Anders war vor allem mein eigener Kopf.
Ich stand schon seit einer Weile in der kleinen Küche in der Wohnung und starrte auf meine Kaffeetasse, als würde sich darin vielleicht eine Antwort verbergen. Heute würde ich den Laden öffnen. Nicht zum Sortieren. Nicht zum Putzen. Nicht zum Planen.
Für Menschen.
Ink saß auf dem Fensterbrett und beobachtete aufmerksam die Straße, als hätte sie den gleichen Gedanken. „Du siehst ziemlich entspannt aus“, sagte ich zu ihr. Sie drehte den Kopf und blinzelte. Dann begann sie, sich demonstrativ die Pfote zu putzen.
Ich seufzte leise. „Ja, danke für die Unterstützung.“
Der Kaffee war inzwischen nur noch lauwarm, aber ich trank ihn trotzdem. Die Tasse klirrte leise, als ich sie in die Spüle stellte.
Drei Wochen. Drei Wochen waren vergangen, seit ich mit meinem Koffer aus dem Bus gestiegen war und unsicher durch Foxley gelaufen war. Drei Wochen voller Bücherstapel, Kartons und Listen. Ich hatte Wände gestrichen, Regale repariert und sortiert, alte Rechnungen durchgesehen, Lieferanten angerufen, neue Bestellungen aufgegeben und mehr Staub gewischt, als ich jemals für möglich gehalten hätte. Langsam hatte der Laden angefangen, sich zu verändern. Nicht dramatisch. Aber genug, dass ich manchmal einen Schritt zurücktrat und dachte: Ja. So kann es funktionieren.
In den letzten Tagen hatte ich mich irgendwie dazu durchgerungen, es tatsächlich öffentlich zu machen. Nichts Großes. Kein richtiges Ereignis.
Ich hatte einen kleinen Zettel an die Tür gehängt, mit den Öffnungszeiten, ordentlich geschrieben, ein bisschen zu gerade vielleicht. Und einen zweiten am schwarzen Brett neben der Post, wo sich scheinbar alles sammelte, was im Dorf irgendwie von Bedeutung war. Es fühlte sich seltsam an, das so offen festzuhalten. Sichtbar zu machen.
Und doch hatte ich in den letzten Tagen immer wieder das Gefühl gehabt, dass der Laden anders wahrgenommen wurde. Dass Blicke länger an den Fenstern hängen blieben. Dass Menschen langsamer vorbeigingen. Als würden sie es bereits wissen.
Als würde Foxley bereits darauf warten, dass die Tür sich öffnete.
Ink sprang vom Fensterbrett. „Du willst runter, oder?“ Sie lief bereits zur Tür. Ich zog meinen Pullover über und folgte ihr die schmale Treppe hinunter. Der Laden empfing uns mit diesem vertrauten Geruch aus Papier, Holz und Staub, der inzwischen so sehr zu meinem Alltag gehörte, dass ich ihn kaum noch bemerkte. Das Licht der Morgensonne fiel durch das Schaufenster und legte lange Streifen auf den Holzboden. Ich blieb mitten im Raum stehen. Die Regale waren ordentlich. Die Leiter stand wieder an ihrem Platz. Der kleine Tisch am Fenster war frei, zwei Stühle daneben.
Ink sprang sofort auf den Tresen und setzte sich neben die alte Kasse. „Natürlich“, sagte ich.
Ich ging noch einmal langsam durch den Laden. Nur um sicherzugehen. Ein Buch gerade rücken. Einen Stapel etwas ordentlicher machen. Mit der Hand über das Holz eines Regals streichen, als könnte ich fühlen, ob alles wirklich so war, wie es sein sollte.
Ich öffnete die Tür einen Spalt, um frische Luft hereinzulassen. Die Glocke über der Tür bewegte sich leicht. Ein heller, etwas schiefer Klang. Ich lächelte. Dann blieb ich vor der Tür stehen. Das kleine Schild hing noch immer am Griff.
Geschlossen.
Ich nahm es in die Hand. Ein Moment lang zögerte ich. Nicht lange. Aber lange genug, dass ich mir bewusst wurde, was dieser kleine Handgriff bedeutete. Dann drehte ich es um.
Geöffnet.
Die Glocke klingelte erneut, als ich die Tür nun weit öffnete. Ich brauchte mehr frische Luft. Der Klang hallte kurz durch den Raum. Ink hob den Kopf. Ich atmete tief durch. Dann setzte ich mich hinter den Tresen. Und wartete.
Die ersten Minuten fühlten sich seltsam lang an. Ich hörte jeden Schritt draußen auf der Straße, jedes Stimmenfragment, das vom Dorfplatz herüberwehte. Irgendwann schloss ich die Tür wieder. Ein paar Menschen blieben vor dem Schaufenster stehen. Eine ältere Dame beugte sich leicht vor, um hineinzusehen. Ein Mann mit einem Hund blieb kurz stehen, las das Schild über der Tür und nickte mir durch die Scheibe zu.
Ink sprang vom Tresen und begann, zwischen den Regalen zu patrouillieren, als würde sie überprüfen, ob alles in Ordnung war. „Sehr professionell“, murmelte ich.
Dann klingelte die Glocke. Ich sah sofort auf. Eine ältere Frau trat ein, die mir vage bekannt vorkam. Sie trug eine dunkle Jacke und hielt eine kleine Stofftasche in der Hand. Ihr graues Haar war ordentlich frisiert und ihr Blick wanderte neugierig durch den Raum.
„Na, dann schauen wir mal“, sagte sie schließlich und lächelte mich freundlich an.
Ich stand auf. „Guten Morgen.“
Sie lächelte. „Du musst Charlie Spring sein.“
Ich blinzelte kurz. Das du kam so selbstverständlich, dass ich einen Moment brauchte, um es überhaupt einzuordnen. In London hätte das nie jemand so gesagt. Zumindest nicht jemand, den man gerade erst zum ersten Mal traf.
Ich zögerte einen Herzschlag lang, unsicher, ob ich darauf eingehen sollte oder nicht. Dann nickte ich. „Ja, genau.“
Es schien hier einfach so zu sein. Direkter. Unkomplizierter.
Und während ich noch darüber nachdachte, merkte ich, dass es sich… eigentlich ganz gut anfühlte. Weniger Abstand. Weniger Regeln. Ein bisschen leichter.
„Mrs. Bennett“, sagte sie und streckte mir die Hand hin. „Die Bäckerei.“
Ihre Hand war warm und fest.
„Freut mich sehr.“
Sie sah sich erneut im Laden um. Langsam. Aufmerksam. Als würde sie jeden Winkel prüfen.
„Sehr schön“, sagte sie schließlich. „Wirklich sehr schön.“
Ink sprang auf ein Regalbrett in ihrer Nähe.
Mrs. Bennett beugte sich sofort zu ihr.
„Na, dich kenne ich doch.“
Ink schnurrte sofort.
„Sie hat einen Namen. Einen neuen … ich hab ihr einen neuen Namen gegeben.“, sagte ich etwas unsicher.
Mrs. Bennett sah zu mir.
„Ach ja?“
„Ja. Ink. Ich fand das irgendwie passend, weil sie doch hier im Buchladen wohnt.“
Ein warmes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Das passt perfekt.“
Sie strich der Katze kurz über den Kopf, bevor sie weiter durch den Laden ging. Ihre Finger glitten über einige Buchrücken, als würde sie alte Freunde begrüßen.
„Der alte Hargreaves hat diesen Laden geliebt“, sagte sie schließlich leise.
Ich nickte. „Das haben mir schon ein paar Leute erzählt.“
„Und er hätte sich gefreut zu sehen, dass hier wieder jemand ist.“
Sie blieb vor dem Tisch am Fenster stehen. Die Sonne fiel genau auf die Tischplatte und ließ das Holz warm aufleuchten.
„Foxley hat seinen Buchladen vermisst“, sagte sie dann.
Die Glocke klingelte erneut. Zwei junge Frauen traten. Sie unterhielten sich leise miteinander, während sie durch die Regale gingen.
„Ist das nicht schön?“, hörte ich eine von ihnen sagen.
Der Laden begann ganz langsam, sich mit Stimmen zu füllen. Nicht laut. Nicht lebhaft, aber lebendig. Irgendwo zwischen diesen Stimmen merkte ich, dass sich etwas in mir entspannte. Vielleicht war das hier tatsächlich der Anfang von etwas.
Als Mrs. Bennett schließlich mit einem kleinen Stapel Bücher zum Tresen zurückkam, hatte sich der Laden bereits ein wenig verändert. Nicht sichtbar. Aber doch fühlte sich der Raum plötzlich anders an.
Die beiden jungen Frauen standen inzwischen vor den Taschenbüchern und diskutierten leise. Ein älterer Mann mit Wollmütze war neu hereingekommen und musterte die Wanderführer.
Ich nahm die Bücher von Mrs. Bennett entgegen.
„Die nehme ich“, sagte sie und klopfte leicht auf den Stapel. „Ein Roman für mich und zwei für meine Schwester. Sie behauptet zwar immer, sie hätte keine Zeit zum Lesen, aber ich glaube, sie braucht nur die richtigen Bücher.“
Ich lächelte und begann, die Preise einzutippen. Die alte Kasse machte ein zufrieden klingendes Klack, als ich sie öffnete.
Mrs. Bennett sah sich währenddessen noch einmal im Laden um.
„Es fühlt sich gut an“, sagte sie schließlich.
Ich sah auf.
„Der Laden“, fügte sie hinzu. „Er fühlt sich wieder… richtig an.“
Ich suchte kurz nach einer Antwort, fand aber keine, die sich richtig anfühlte. Also nickte ich nur.
„Ich hoffe, er bleibt das“, sagte ich schließlich doch.
„Das wird er“, sagte sie mit einer Selbstverständlichkeit, die mich kurz überraschte.
Sie bezahlte, steckte die Bücher sorgfältig in ihre Tasche und sah dann noch einmal zu Ink hinüber.
„Pass gut auf ihn auf“, sagte sie zur der Katze. Ink antwortete mit einem kurzen Miauen.
Ich musst schmunzeln. „Sie scheint das ernst zu nehmen.“
Mrs. Bennett lachte leise. „Oh, glaub mir. Diese Katze kennt den Laden wahrscheinlich besser als wir alle.“
Als sie ging, klingelte die Glocke wieder und für einen kurzen Moment blieb ich einfach hinter dem Tresen stehen und beobachtete den Raum.
Die beiden jungen Frauen hatten inzwischen ihre Entscheidung getroffen und kamen mit einem Buch zum Tresen.
„Wir haben gehört, dass du neu hier bist“, sagte eine von ihnen, während sie das Buch vor mir ablegte.
Wieder dieses direkte du. Das schien hier wirklich ganz normal zu sein.
„Stimmt. Ich bin vor drei Wochen hier angekommen und hab den Laden wieder hergerichtet“, sagte ich und nahm das Buch entgegen.
Sie ließ den Blick einmal durch den Raum wandern. „Er sieht wirklich schön aus.“
Ich lächelte. „Danke.“
„Es wurde auch Zeit“, sagte ihre Freundin mit einem kleinen Lächeln. „Foxley ohne Buchladen war irgendwie seltsam. Selbst aus den umliegenden Dörfern kommen die Leute gerne hierher.“
Ich lächelte zurück. Hoffentlich würden die Leute auch mit einem neuen Besitzer weiterhin kommen.
Dann reichte ich ihr das Wechselgeld und kurz darauf klingelte die Tür erneut. Draußen stand eine weitere Frau, die sie scheinbar kannten. Bei geöffneter Tür blieben die drei noch einen Moment stehen und unterhielten sich.
Der ältere Mann mit der Wollmütze kam jetzt ebenfalls zum Tresen.
„Haben Sie vielleicht etwas über die Hügel nördlich vom Dorf?“, fragte er. Ich zeigte auf das kleine Regal mit den lokalen Büchern.
„Da drüben müsste was dabei sein. Verschiedene Wanderführer und ein paar Bildbände.“
Er nickte zufrieden und verschwand wieder zwischen den Regalen. Ink sprang von ihrem Platz herunter und landete lautlos auf dem Boden. Sie lief direkt zu einem Bücherstapel, sprang hinauf und stieß dabei mit der Hinterpfote ein Buch an, das sofort auf den Boden rutschte.
„Ink“, sagte ich mahnend.
Sie sah mich an. Dann setzte sie sich demonstrativ mitten auf den Stapel, als wäre genau das ihr Plan gewesen. Die Frauen an der Tür lachten leise.
„Sie gehört eindeutig hierher. Sie hat den alten Hargreaves überlebt, wahrscheinlich überlebt sie dich auch noch“, sagte eine von ihnen.
Ich zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich.“
Ein Bild schoss mir durch den Kopf. Ich, mit grauen Haaren, auf einen Stock gestützt, so wie ich mir Mr. Hargreaves vorgestellt hatte. Würde ich dann immer noch hier in Foxley sein? Würde ich den Buchladen so lange am Laufen halten können? Wollte ich den Rest meines Lebens in einem kleinen Dorf in den Yorkshire Dales verbringen? Irgendwie konnte ich mir das noch nicht so recht vorstellen. Sicherlich würde mir London irgendwann fehlen.
„Tschüss, Charlie! Wir sehen uns sicherlich bald wieder“, riss mich eine der Frauen mit Worten aus meinen Gedanken, als würden wir uns schon lange kennen.
Den restlichen Vormittag über war der Laden nicht besonders voll. Aber er war auch nicht leer. Menschen bewegten sich zwischen den Regalen, blätterten in Büchern, stellten Fragen, unterhielten sich miteinander. Die Glocke über der Tür klingelte immer wieder. Und jedes Mal zuckte mein Blick kurz nach oben. Es war ein angenehmes Geräusch. Fast wie ein kleiner Herzschlag des Ladens. Ein Junge kam herein, vielleicht acht oder neun Jahre alt und sah sich mit großen Augen um.
„Wow“, sagte er leise. Ich beugte mich über den Tresen.
„Suchst du etwas Bestimmtes?“
Er schüttelte den Kopf. „Nur… Bücher.“
Ich musste lachen. „Das ist ein guter Anfang.“
Ich zeigte auf das Regal mit Kinderbüchern am hinteren Ende des Ladens. „Dort drüben.“
Er rannte praktisch los. Ink beobachtete ihn mit großem Interesse.
Gegen Mittag wurde es wieder etwas ruhiger.
Der ältere Mann mit der Wollmütze hatte inzwischen seinen Wanderführer gekauft und war gegangen und der Junge saß jetzt auf dem Boden zwischen zwei Regalen und las mit erstaunlicher Konzentration.
Ich lehnte mich kurz gegen den Tresen und atmete tief durch. Der Laden funktionierte. Er funktionierte wirklich.
Genau in diesem Moment klingelte die Tür erneut. Ein Mann trat ein. Er blieb einen Moment direkt hinter der Tür stehen, als müsste er sich erst orientieren. Sein Blick wanderte langsam durch den Raum. Über die Regale. Über den Tisch am Fenster. Über die Leiter. Dann blieb er bei Ink hängen, die immer noch auf dem Bücherstapel saß. Er ging in die Hocke. „Na du.“
Ink sprang sofort zu ihm. Ich musste lachen. „Das ging schnell. Ihr scheint euch zu kennen.“
Der Mann sah auf. Er lächelte. „Ich habe Erfahrung mit Buchladenkatzen. Und wir kennen uns tatsächlich gut.“
„Ach ja?“
Er streichelte Ink kurz über den Kopf, bevor er aufstand und zum Tresen kam. „Isaac“, sagte er und streckte mir die Hand hin.
Ich nahm seine Hand. „Charlie. Ich hab den Laden übernommen.“
Isaac nickte und sah sich noch einmal im Laden um. „Sieht gut aus. Da hast du wirklich was draus gemacht. War bestimmt viel Arbeit.“
„Danke, ja das war es. Aber es hat sich gelohnt.“ Ink maunzte, als hätte sie die meiste Arbeit geleistet. „Und ich hab die Katze Ink genannt.“ Irgendwie hatte ich das Gefühl, mich zu rechtfertigen.
Er nickte. „Schöner Name. Er passt irgendwie.“ Dann sah er sich erneut um. „Ich habe gehört, dass du eröffnet hast.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Die Nachricht verbreitet sich hier wirklich schnell.“
„Foxley“, sagte er nur, als würde das alles erklären. „So funktioniert das hier.“
Er ging zum Regal mit den Gedichtbänden und zog ein Buch heraus.
„Du hast das hier neu sortiert.“ Es war keine Frage.
„Ja…“
Isaac blätterte kurz darin und lächelte mich dann an. „Gute Entscheidung. Hier war ein bisschen frischer Wind notwendig.“
Er kam mit dem Buch zum Tresen. Ink sprang hinter ihm hinauf und setzte sich direkt neben die Kasse. Isaac sah zu ihr. „Ich glaube, sie hat sich ihren Arbeitsplatz ausgesucht.“
Ich sah Ink mit einem warmen Lächeln an. Sie war mir mittlerweile richtig ans Herz gewachsen. Seit guten drei Wochen war sie mein ständiger Begleiter, ich fühlte mich in bester Gesellschaft. „Ich fürchte auch.“
Ich kassierte das Buch und die Kasse machte wieder ihr zufriedenes Klack. Isaac nahm das Buch entgegen.
„Ich komme jetzt öfter vorbei. Ich bin so froh, dass der Laden wieder auf hat. Da hat in den letzten Monaten wirklich was gefehlt. Alles Gute dir, wir sehen uns“, sagte er dann.
„Das hoffe ich.“
Er lächelte. Dann ging er zur Tür. Die Glocke klingelte, als er hinaus auf den Dorfplatz trat. Ich sah ihm kurz nach. Ink setzte sich neben meine Hand und begann laut zu schnurren. Ich strich ihr über den Rücken und blickte durch das Schaufenster hinaus auf Foxley. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft hatte ich das Gefühl, dass diese kleinen Stimmen zwischen den Regalen tatsächlich ein Anfang waren.
Notes:
Isaac ist da!
Wie immer ... gerne Feedback, Anregungen, Wünsche, Kudos ;-)
Chapter 5: Zwischen Seiten und Stimmen
Summary:
Tag 2 in Foxley. Charlie hat erste Zweifel, doch es kommen wieder Kunden und er und Isaac lernen sich besser kennen
Notes:
(See the end of the chapter for notes.)
Chapter Text
Der zweite Morgen begann ruhiger als der erste. Und seltsamerweise machte mich genau das nervös.
Am Vortag hatte das kleine Messingglöckchen über der Tür fast ununterbrochen geklungen. Erst vorsichtig, dann immer häufiger. Stimmen hatten den Raum gefüllt, Bücher waren durchgeblättert worden und irgendwann hatte ich aufgehört, jeden Schritt draußen auf der Straße zu verfolgen.
Heute war es still.
Ich stand hinter der Theke, beide Hände flach auf dem alten Holz und sah zur Tür.
Es war kurz nach halb zehn. Draußen hing noch dieser feuchte Morgendunst über Foxley, der das Dorf jeden Tag ein wenig so aussehen ließ, als würde es noch schlafen. Die Luft hatte diesen kühlen, leicht erdigen Geruch, den ich inzwischen mit den Morgenstunden hier verband.
Der Laden roch wie immer nach Papier, Holzpolitur und seit neuestem nach einem Hauch frischer Farbe. Es war der gleiche Laden und doch hatte sich vieles verändert. Drei Wochen Vorbereitung steckten in diesen Regalen. Drei Wochen Kartons schleppen, Bücher sortieren, Listen schreiben, Staub wischen.
Gestern hatte der Laden zum ersten Mal wirklich gelebt. Heute begann alles wieder von vorn.
Ink lag zusammengerollt auf der Fensterbank und schien tief und fest zu schlafen. Ihr Fell hob und senkte sich ruhig mit jedem Atemzug und der Morgenstreifen aus Sonnenlicht fiel genau über ihren Rücken.
„Du könntest wenigstens so tun, als wärst du nervös“, murmelte ich.
Ein Ohr zuckte. Mehr nicht.
„Sehr hilfreich.“
Ich griff nach einem Buch neben der Kasse, schlug es auf und las zwei Sätze. Dann sah ich wieder zur Tür. Was, wenn gestern nur Neugier gewesen war? Was, wenn heute niemand kam? Der Gedanke setzte sich fest wie ein kleiner Stein in meinem Kopf.
Ich dachte an London. An das Geräusch der U-Bahn. An Menschenmengen, die sich durch Straßen drängten, als gäbe es keine Pausen zwischen ihren Bewegungen. An Buchläden, in denen immer jemand stand, der ein Buch aufschlug oder eine Empfehlung suchte.
Und dann… dachte ich an Ben. Der Gedanke kam so plötzlich, dass ich kurz inne hielt. Ben hatte Buchläden nie gemocht. Zu ruhig, hatte er einmal gesagt. Zu viele Menschen, die sich in Geschichten verstecken. Ich erinnerte mich noch daran, wie wir einmal gemeinsam in einem Laden gestanden hatten. Ich hatte einen Gedichtband aufgeschlagen. Er hatte nur mit den Schultern gezuckt und gesagt, dass er nicht verstehe, warum Menschen ihre Zeit damit verbringen würden, sich in ausgedachte Welten zu verlieren.
Stopp! Hör auf, dir Gedanken über die Vergangenheit zu machen.
Ich schloss das Buch. Das war vorbei. Ich war nicht mehr dort. Ich war hier. In Foxley.
Das Glöckchen klingelte so plötzlich, dass ich leicht zusammenzuckte. Die Tür ging auf und ließ kalte Morgenluft herein. Mrs. Bennett trat ein.
„Guten Morgen, Charlie!“, rief sie freundlich.
„Guten Morgen“, sagte ich und musste lächeln.
Meine Stimme klang diesmal ein wenig entspannter. Sie blieb mitten im Laden stehen und sah sich erneut um, als würde sie überprüfen, ob sich über Nacht etwas verändert hatte.
„Es sieht immer noch wunderbar aus“, sagte sie schließlich. „Das beruhigt mich.“
„Ich habe übrigens gestern noch ein bisschen Werbung für dich gemacht.“
Ich zog die Augenbrauen hoch. Ich hatte eine leise Ahnung, was jetzt kommen würde. „Ein bisschen?“
Sie begann aufzuzählen und hob dabei nacheinander die Finger.
„Ich habe beim Metzger Bescheid gesagt. Dann beim Postamt. Oh, und natürlich beim Blumenladen. Und Tom vom Pub habe ich es auch erzählt.“
Sie dachte kurz nach.
„Und Mr. Holloway. Der liest immer diese dicken historischen Romane.“
Ich blinzelte. „Mrs. Bennett…“
Sie lächelte zufrieden.
„Was denn? Ein Buchladen braucht Leser.“
Das Glöckchen klingelte erneut. Als hätte das Dorf ihre Worte gehört. Zwei ältere Damen kamen herein, begrüßten Mrs. Bennett mit vertrauter Herzlichkeit und begannen sofort, durch die Regale zu gehen. Kurz darauf trat ein Mann ein, der nach einem Gartenbuch fragte. Der Laden wurde langsam lebendig. Ink sprang vom Fensterbrett und setzte sich mitten auf den Verkaufstisch.
„Gehört die Ihnen?“, fragte eine der Damen.
Ich sah zu Ink. Sie sah zurück.
„Ich glaube eher… umgekehrt.“
Die Dame lachte.
Ich atmete tief durch und fühlte mich leicht. Ich konnte das hier schaffen. Mit der Hilfe der Menschen in Foxley, die mich so einfach in ihre Gemeinschaft aufnahmen.
Der restliche Vormittag verging schneller, als ich erwartet hatte. Menschen kamen und gingen. Einige kauften Bücher, andere stöberten nur. Ein älterer Mann fragte nach Vogelbeobachtung, Teenager nach Mangas und zwischendurch erkundigte sich jemand nach Notizbüchern.
Zwischendurch saß ich immer wieder einen Moment hinter der Theke und beobachtete den Raum. Die Sonne fiel durch das Fenster und tauchte den Laden in warmes Licht. Staubpartikel tanzten darin wie kleine Sterne. Ink hatte sich wieder auf dem Fensterbrett zusammengerollt.
Gegen Mittag wurde es allmählich ruhiger. Die Stimmen verklangen, die letzten Kunden verabschiedeten sich und für einen Moment stand ich einfach nur da, mitten im Laden und ließ die Stille zurückkehren.
Ich drehte das kleine Schild an der Tür auf Geschlossen und schloss für eine Weile ab. Es fühlte sich seltsam an, den Laden einfach so hinter mir zu lassen, auch wenn es nur für eine Stunde war.
Oben in der Wohnung war es stiller. Anders still als unten. Weniger bewegt, weniger durchzogen von leisen Geräuschen.
Ich machte mir etwas zu essen, mehr aus Gewohnheit als aus echtem Hunger und setzte mich an den kleinen Tisch in der Küche. Ink sprang kurz darauf aufs Fensterbrett, als hätte sie beschlossen, dass auch sie eine Pause brauchte.
Ich ließ den Blick nach draußen wandern, versuchte, meine Gedanken ein wenig zu sortieren.
Der Vormittag ging mir noch einmal durch den Kopf. Die Gespräche. Die Fragen. Die kleinen Momente, in denen ich kurz nicht wusste, was ich sagen sollte. Und die anderen, in denen es plötzlich ganz leicht gewesen war. Ich wusste nicht so recht, was überwog.
Ein Teil von mir fragte sich, ob das alles wirklich so weiterlaufen konnte. Ob ich irgendwann an einen Punkt kommen würde, an dem ich nicht mehr kurz zögerte, bevor ich antwortete. Ob ich mir das hier vielleicht einfacher vorstellte, als es war.
Ich atmete leise aus. Und gleichzeitig war da dieses andere Gefühl. Leiser, aber da. Dass es funktioniert hatte. Dass ich es hinbekommen hatte. Zumindest heute. Und gestern. Ich lehnte mich ein Stück zurück, ließ die Schultern sinken. Vielleicht musste es gar nicht perfekt sein. Vielleicht reichte es, dass es weiterging.
Und während ich so dasaß, wurde mir klar, dass ich mich trotz aller Unsicherheit auf den Nachmittag freute.
Eine Weile später stand ich wieder unten im Laden, das Schild an der Tür zurück auf Geöffnet gedreht. Die Stille vom Mittag war noch da, aber sie fühlte sich anders an als zuvor. Weniger leer. Eher wie eine kurze Pause zwischen zwei Momenten.
Ich strich noch einmal über den Tresen, richtete ein Buch gerade, ohne wirklich darüber nachzudenken.
Dann öffnete sich die Tür erneut. Isaac trat ein. Er nickte mir zu, als wäre es das Natürlichste der Welt, einfach wiederzukommen. „Es ist schon wieder offen.“
Ich musste unwillkürlich leicht schmunzeln. „Das ist irgendwie der Plan.“
Er hob kaum merklich eine Augenbraue, als würde er das zur Kenntnis nehmen, dann trat er einen Schritt weiter in den Raum.
Ink sprang sofort vom Tisch und lief zu ihm.
„Na, du“, sagte er und ging leicht in die Hocke, während er sie hinter den Ohren kraulte. Sie schloss sofort die Augen und drückte den Kopf gegen seine Hand.
Ich verschränkte locker die Arme vor der Brust und beobachtete die beiden. „Sie scheint dich wirklich zu mögen.“
Isaac warf mir einen kurzen Blick zu, während seine Hand ruhig weiter über Inks Fell strich. „Das ist ein gutes Zeichen, oder?“
Ich hob eine Augenbraue. „Die Frage ist nur, für wen.“
Er richtete sich langsam wieder auf. „Ganz klar für dich.“
Ich konnte mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen.
Während Isaac zwischen den Regalen stöberte, kamen weitere Besucher herein. Eine junge Mutter mit drei kleinen Kindern. Die Kinder entdeckten sofort das Regal mit den Bilderbüchern. Eines von ihnen zog einen Band etwas zu hastig heraus. Der ganze Stapel kippte um. Bücher rutschten auf den Boden. Das Kind erstarrte.
Ich musste lachen. „Keine Sorge“, sagte ich und ging um die Theke herum. „Das passiert sogar Erwachsenen.“
Wir sammelten die Bücher gemeinsam wieder ein. Ink setzte sich daneben und beobachtete die Szene, als würde sie die Qualität unserer Arbeit überprüfen.
„Hat die Katze auch einen Job hier?“, fragte eines der Kinder und deutete mit ernster Miene auf Ink.
„Ja“, sagte ich. „Sie kontrolliert, ob wir alles richtig machen. Und wenn nicht …“ Ich sah kurz zu Ink hinunter „…dann schaut sie uns so lange vorwurfsvoll an, bis wir es richtig machen.“
Das Kind nickte sofort, als wäre das die logischste Erklärung der Welt und wandte sich wieder seinem Buch zu.
Ein paar Schritte weiter beobachtete Isaac das Ganze, die Arme locker verschränkt, ein schiefes Grinsen auf den Lippen.
„Das ist ein guter Test für einen neuen Buchladen“, sagte er schließlich.
Ich sah zu ihm rüber. „Was genau testet das denn deiner Meinung nach?“
Er zuckte leicht mit den Schultern, ließ den Blick über die Kinder schweifen, die sich inzwischen auf dem Boden verteilt hatten. „Ob der Besitzer Chaos aushält. Oder zumindest so tut, als hätte er alles unter Kontrolle.“
Ich stellte den letzten Band zurück ins Regal und ließ den Blick einen Moment im Raum ruhen. „Am zweiten Teil arbeite ich noch.“ Ich lachte. Er hatte absolut Recht.
Die Kinder hatten sich mittlerweile weiter an den Rand gesetzt und waren in ihre Bücher vertieft. Der Laden füllte sich wieder mit diesem leisen, gleichmäßigen Geräusch, das ich in den letzten Tagen so mochte. Seiten raschelten. Jemand stellte leise eine Frage nach Krimis. Von weiter hinten hörte ich jemanden nach Wanderführern suchen. Es war kein lautes Durcheinander. Eher ein ruhiges, lebendiges Murmeln.
Isaac ging währenddessen ein Stück weiter durch den Laden, ließ den Blick über die Regale wandern, als würde er sie neu entdecken, obwohl er sie längst kannte. Schließlich zog er ein Buch heraus und kam damit zur Theke zurück.
„Du hast hier ziemlich viel Fantasy“, stellte er fest und blätterte ein paar Seiten durch.
Ich folgte seinem Blick zu den Regalen. „Ja“, sagte ich. „Das war irgendwie das Erste, was sich hier richtig angefühlt hat. Außerdem...“ Ich zuckte mit den Schultern. „…braucht man manchmal einfach eine andere Welt.“
Isaac nickte langsam, während er weiterblätterte. „Guter Plan. Gerade hier. Die Leute unterschätzen oft, wie gern man aus seiner eigenen Realität mal kurz raus will“
Ich lehnte mich leicht gegen die Theke, verschränkte die Arme locker. „Du scheinst dich hier gut auszukennen.“
„Ich lese viel“, sagte er, fast beiläufig, ohne aufzusehen.
Ich musste leicht schmunzeln. „Das habe ich schon gemerkt. Du wirkst nicht, als würdest du Bücher nur beiläufig durchblättern.“
Er hob kurz den Blick und lächelte, dann deutete er mit dem Buch in der Hand ein kleines Stück in den Raum. „Außerdem kenne ich diesen Laden, seit ich ein Kind war.“
Ich richtete mich ein wenig auf. „Wirklich?“
Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über sein Gesicht. „Ja. Meine Mutter hat mich früher hierher geschickt, wenn ich zu laut war. Das war ihre Version von … Beschäftigungstherapie.“
Ich lachte leise. „Und? Hat es funktioniert?“
„Nicht wirklich, nein.“ Er schloss das Buch und legte es vor sich auf die Theke. „Aber ich bin trotzdem geblieben.“
In diesem Moment sprang Ink mit einem leichten Satz auf die Theke und setzte sich direkt neben meine Hand, als hätte sie beschlossen, wieder die Kontrolle zu übernehmen. Isaac sah zu ihr hinunter, musterte sie einen Moment.
„Sie war übrigens schon immer hier“, sagte er etwas ruhiger.
Ich strich ihr kurz über den Rücken. „Das hat mir Mrs. Bennett erzählt. Es klang, als würde sie zur festen Einrichtung gehören.“
„Das tut sie, definitiv“, meinte er. „Das ganze Dorf kennt sie. Wahrscheinlich kennt sie das Dorf sogar besser als wir alle.“
Ich sah zu Ink, die sich demonstrativ putzte, völlig unbeeindruckt von unserer Unterhaltung.
„Das beruhigt mich irgendwie“, sagte ich nach einem Moment.
Isaac hob leicht eine Augenbraue. „Inwiefern?“
Ich zuckte mit den Schultern, während ich weiter durch ihr Fell strich. „Ich weiß nicht… weil ich mich frage, wie es dazu kam, dass ich plötzlich Verantwortung für eine Katze übernommen habe. Und ob ich das überhaupt wollte.“
Für einen Moment blieb es ruhig zwischen uns, dann verzog Isaac leicht den Mund. „Das passiert bei Katzen öfter. Die entscheiden einfach für dich.“
Ich musste leise lachen. „Das klingt irgendwie nach einer Warnung.“
„Ist es irgendwie auch“, erwiderte er trocken.
Einen Moment lang schwiegen wir beide. Dann meinte er plötzlich: „Du bist heute deutlich entspannter als gestern.“
„Ist das so offensichtlich?“
Er wiegte den Kopf hin und her, als müsste er die Entscheidung abwägen. „Irgendwie schon ein bisschen.“ Er grinste mich an.
Ich sah mich im Laden um. Die Stimmen. Das Rascheln der Seiten. Das leise Knarren des Bodens.
„Ich glaube“, sagte ich langsam, „ich fange an zu glauben, dass das hier wirklich funktionieren könnte.“
Isaac nickte. „Das tut es.“
Ich blickte nochmal durch den Raum, dann wieder zu ihm. „Woher weißt du das?“
Er zuckte mit den Schultern. „Foxley mag Orte, die bleiben. Und ein Buchladen gehört definitiv dazu.“ Er streckte mir ein Buch entgegen. „Ich nehme das hier.“
Danach wurde es ruhiger. Die junge Mutter ging mit ihren Kindern. Die älteren Damen verabschiedeten sich. Mrs. Bennett winkte mir vom Dorfplatz noch einmal zu. Isaac stand schließlich an der Tür. „Ich komme morgen wieder“, sagte er.
„Als Kunde? Du hast gestern und heute schon ein Buch gekauft“, antwortete ich überrascht.
„Mal sehen. Man kann schließlich nie genug Bücher haben.“ Er lächelte kurz und verschwand nach draußen.
Das Glöckchen klingelte ein letztes Mal. Ich blieb hinter der Theke stehen und sah mich im Raum um. Ink sprang zurück auf die Fensterbank. Der Laden war wieder still. Aber diesmal fühlte sich die Stille nicht leer an. Eher ruhig. Zufrieden. Ich strich über das Holz der Theke.
„Gar nicht schlecht für Tag zwei“, murmelte ich. Ink schnurrte zustimmend. Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich nicht das Gefühl, irgendwo anders sein zu müssen.
Notes:
Wir lernen erst Charlie und sein neues Leben noch ein bisschen kennen, aber keine Sorge ... Nick taucht auch bald auf...
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Chapter 6: Tage zwischen den Regalen
Summary:
Der Alltag im Laden kehrt ein. Charlie wird immer sicherer im Umgang mit verschiedenen Kunden und Isaac immer mehr zu einem festen Bestandteil im Paper Fox.
Notes:
(See the end of the chapter for notes.)
Chapter Text
Die Tage nach der Eröffnung begannen langsam ineinander zu fließen. Nicht auf eine verwirrende Weise, sondern eher so, wie Seiten in einem Buch sich unmerklich umblättern, während man liest. Erst wenn man kurz innehält, merkt man, wie viele bereits vergangen sind. Der Buchladen entwickelte seine eigene kleine Routine. Morgens kam ich die schmale Treppe aus der Wohnung hinunter, meistens noch mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Ink wartete dann bereits auf der obersten Stufe, als hätte sie eine sehr klare Vorstellung davon, wann ein Laden zu öffnen hatte.
„Ich komme ja schon“, murmelte ich ihr dann entgegen.
Sie lief immer direkt voraus zur Tür. Ich drehte das kleine Schild um. Geöffnet . Die Glocke über der Tür klingelte leise, wenn ich sie ein Stück öffnete, damit frische Luft hereinkam. Foxley war zu dieser Zeit noch ruhig. Der Nebel hing oft noch über den Hügeln und die gepflasterte Straße glänzte manchmal vom Morgentau. Von der Bäckerei zog fast jeden Morgen der Duft von frischem Brot herüber. Fast täglich nahm ich mir vor, dort einmal vorbeizuschauen und mich mit leckeren Backwaren zum Frühstück auszustatten. Doch bisher hatte es sich noch nicht ergeben. Und ich war irgendwie zu unsicher. Ich fühlte mich nach wie vor ein Stück weit fremd in Foxley. Da wollte ich nicht morgens als einer der Ersten unterwegs sein.
Ink sprang dann meistens auf die Fensterbank, ihr Aussichtspunkt über den Laden und die Straße.
Die ersten Besucher kamen selten vor neun. Mrs. Bennett gehörte inzwischen zu den zuverlässigsten.
„Guten Morgen!“, rief sie jedes Mal fröhlich in den Raum, noch während sie die Türe öffnete.
„Guten Morgen“, grüßte ich zurück.
Wie jedes Mal ließ sie den Blick einmal durch den Laden wandern, langsam, prüfend, als würde sie im Stillen kontrollieren, ob noch alles an seinem Platz war.
„Du hältst dich gut hier“, sagte sie einmal. „Der Laden … und du.“
Manchmal kaufte sie ein Buch. Manchmal nur eine Postkarte oder ein kleines Notizbuch. Manchmal blieb sie auch einfach nur einen Moment stehen, sagte ein paar Worte und ging wieder. Aber sie kam. Immer wieder. Und jedes Mal, wenn sie ging, hatte ich das Gefühl, dass der Laden ein kleines Stück mehr im Dorf angekommen war.
Nach und nach tauchten weitere Gesichter auf. Die Tür öffnete sich, schloss sich wieder. Stimmen kamen und gingen. Und nach und nach wurden aus fremden Gesichtern solche, die mir zumindest vertraut vorkamen.
Und mit jedem Tag wurde ich ein kleines bisschen sicherer. Die Gespräche fielen mir leichter, die kurzen Momente zwischen Tür und Theke, in denen man entscheiden musste, wie man jemanden anspricht oder was man sagt, fühlten sich weniger wie ein Stolpern an. Ich begann, die kleinen Unterschiede wahrzunehmen. Wie jemand ein Buch in die Hand nahm. Wie lange er zögerte, bevor er eine Frage stellte. Was er sagte … und was er vielleicht nicht sagte. Und genau das mochte ich. Dass jeder, der durch die Tür kam, etwas Eigenes mitbrachte. Eine Idee, eine Unsicherheit, eine Erwartung. Und dass ich Teil davon wurde.
So vergingen einige Tage mit den unterschiedlichsten Begegnungen.
Eines Morgens, einige Tage nach der Eröffnung, betrat eine junge Frau den Laden, die in dem kleinen Gemischtwarenladen am Dorfplatz arbeitete. Sie schlenderte langsam zwischen den Regalen hin und her, ihr Blick wanderte suchend über die Buchrücken, als könnte das richtige Buch sich selbst melden
„Ich brauche ein Geschenk für meine Schwester…“ Sie zögerte, strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. „Aber ich habe keine Ahnung, was.“
Ich trat einen Schritt näher, lehnte mich mit der Schulter gegen das Regal. „Was liest sie denn normalerweise gern?“
Sie zögerte. „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht so genau. Sie liest viel, glaube ich. Aber … nichts, was ich kenne.“
Ich nickte langsam. „Okay. Dann fangen wir anders an. Was ist sie denn für ein Mensch?“
Sie sah mich überrascht an, als hätte sie mit der Frage nicht gerechnet.
„Ähm … ruhig“ sagte sie dann. „Und irgendwie … nachdenklich. Sie mag Spaziergänge und solche Sachen. Und sie schreibt manchmal.“
Während ich das Gehörte in Gedanken sortierte, glitt mein Blick glitt über die Regale.
„Also nichts, was laut ist“, murmelte ich mehr zu mir selbst als zu ihr. „Eher etwas, das man langsam liest.“
Sie nickte sofort. „Ja, genau!“
Ich zog ein schmales Buch aus einem der Regale, blätterte kurz darin und reichte es ihr.
„Das hier könnte passen. Es ist ruhig geschrieben, aber nicht langweilig. Und es bleibt einem irgendwie im Kopf.“
Sie nahm das Buch vorsichtig entgegen, als wäre es etwas Zerbrechliches und begann auf der ersten Seite zu lesen. Ein paar Sekunden vergingen. Kurzeitig war ich verunsichert.
Doch dann hob sie den Blick. „Das fühlt sich … richtig an.“
Ich lächelte sie an. „Dann ist es wahrscheinlich das Richtige.“
Sie nickte, diesmal sicherer und ging mit mir zur Kasse.
„Ich hoffe, sie mag so etwas“, sagte sie.
Ich lächelte sie ermutigend an. „Wenn nicht, können Sie ihr immer noch erzählen, es sei sehr anspruchsvoll.“
Warum sagte ich Sie ? Obwohl hier eigentlich niemand Sie sagte. Es fühlte sich seltsam falsch an, einfach du zu sagen. Zu nah, zu schnell, als würde ich mir etwas herausnehmen, das mir noch gar nicht zustand.
Ich senkte kurz den Blick auf den Tresen.
Doch vielleicht gehörte das auch dazu. Ankommen hieß wohl nicht nur bleiben, sondern sich auch trauen, ein bisschen weniger Abstand zu lassen.
Der Frau schien mein Zögern nicht aufgefallen zu sein. Sie lachte nur und diesmal klang es freier.
Ich war erleichtert und glücklich, ihr geholfen zu haben.
An einem anderen Tag, an einem ruhigeren Nachmittag, als der Laden gerade wieder etwas leerer geworden war, trat eine Frau ein, die sich deutlich langsamer bewegte als die meisten anderen. Sie blieb erst einmal nahe der Tür stehen, ließ den Blick durch den Raum wandern, als müsste sie sich orientieren. Dann ging sie ein paar Schritte weiter, blieb vor einem Regal stehen, zog ein Buch heraus, stellte es wieder zurück.
Ich beobachtete sie einen Moment, ohne sie direkt anzusprechen.
Sie wirkte nicht so, als würde sie einfach stöbern. Eher… als würde sie etwas suchen, ohne genau zu wissen, was.
Nach einer Weile trat ich vorsichtig näher. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte ich ruhig.
Sie sah kurz auf, schüttelte dann leicht den Kopf. „Ich weiß es nicht“, sagte sie. „Ich habe schon länger kein Buch mehr gelesen.“
Ich nickte. Damit konnte ich umgehen. „Das ist kein Problem.“
„Was hat Ihnen früher gefallen?“, fragte ich dann.
Sie zögerte. „Früher…“, wiederholte sie leise, als würde sie das Wort erst einmal sortieren müssen. „Ich mochte Geschichten, in denen nicht so viel passiert. Eher… Menschen. Gedanken. Solche Sachen.“
Ich ließ den Blick über die Regale wandern. „Also etwas Ruhiges“, sagte ich. „Nicht zu viel Handlung, eher etwas, das sich Zeit nimmt.“
Sie nickte langsam. „Aber nichts Schweres“, fügte sie hinzu. „Ich möchte nicht das Gefühl haben, dass ich mich durchkämpfen muss.“
Ich musste leicht lächeln. „Verstehe ich.“
Ich zog ein Buch aus dem Regal, hielt es kurz in der Hand, überlegte. Nein, das passte nicht. Ich legte es wieder zurück. „Nicht das“, murmelte ich.
Ein paar Schritte weiter griff ich nach einem anderen.
„Das hier…“, sagte ich schließlich und reichte es ihr. „Das liest sich ruhig, aber es bleibt trotzdem hängen. Und man muss sich nicht anstrengen, um hineinzukommen.“
Sie nahm das Buch, blätterte vorsichtig darin, las ein paar Zeilen. Ich ließ ihr Zeit.
Nach einer Weile sah sie auf. „Ich bin mir nicht sicher“, sagte sie ehrlich.
Ich nickte. „Dann ist es vielleicht noch nicht das richtige.“
Okay, das gestaltete sich schwieriger, als ich gedacht hatte.
Ich nahm das Buch wieder entgegen, stellte es zurück und zog ein zweites heraus.
„Versuchen Sie dieses hier“, sagte ich. „Es ist ein bisschen leichter. Mehr… Atmosphäre als Handlung.“
Sie nahm auch dieses Buch, diesmal ohne zu zögern und begann wieder zu lesen.
Die Sekunden vergingen langsamer. Dann nickte sie.
„Ja“, sagte sie leise. „Das ist besser.“
Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht. Es war nur ganz kurz da. Aber es war da.
Als sie später ging, mit dem Buch unter dem Arm, blieb ich noch einen Moment stehen und sah ihr nach.
Es hatte länger gedauert als bei den meisten anderen. Und zwischendurch hatte ich kurz das Gefühl gehabt, nicht weiterzukommen. Aber genau das hatte es irgendwie… besonders gemacht.
Die Tage gingen weiter und mit ihnen diese kleinen Gespräche. Mal kürzer, mal länger. Mal mit klaren Antworten, mal mit viel Herantasten. Aber immer öfter war ich nicht nur derjenige, der hinter der Theke stand. Ich war mittendrin.
Und irgendwann, zwischen all den Fragen, den zögernden Blicken und den leisen „Ich suche eigentlich nur…“-Sätzen, merkte ich, wie sehr mir genau das gefehlt hatte, ohne dass ich es gewusst hatte.
Es ging nicht nur darum, Bücher zu verkaufen. Sondern darum, zuzuhören. Zwischen den Worten zu verstehen, was jemand suchte, auch wenn er es selbst nicht genau sagen konnte. Gemeinsam etwas zu finden, das passte. Ich hatte mir das immer so vorgestellt. Und jetzt stand ich hier, tat genau das … und es fühlte sich so richtig an. Nicht überfordernd. Nicht zu viel. Einfach… passend.
Es gab Momente, in denen der Laden sich einfach füllte, ohne dass etwas Besonderes passierte. Und es gab Momente, die … mir im Gedächtnis blieben.
Eines Abends, es dämmerte bereits und ich hatte schon begonnen, die ersten Regale zu sortieren, bevor ich den Laden wenig später schließen würde, da öffnete sich leise die Tür, fast zögerlich.
Ich blickte auf und sah ein Mädchen hereinkommen, vielleicht sechzehn oder siebzehn. Sie blieb einen Moment direkt hinter der Tür stehen, als müsste sie sich erst überwinden, überhaupt weiter hineinzugehen.
„Hallo“, sagte ich ruhig.
„Hi“, murmelte sie und schob sich eine Strähne hinter das Ohr, ohne mich wirklich anzusehen.
Sie ging ein paar Schritte in den Laden, blieb dann stehen, sah sich kurz um und kam dann schließlich doch zur Theke.
Ihre Hände hatte sie tief in die Ärmel ihres Pullovers gezogen.
„Ich… ähm…“, begann sie, brach dann ab.
Ich wartete einfach.
Sie atmete einmal tief durch.
„Hast du… also…“, setzte sie erneut an, deutlich leiser diesmal. „Hast du das Buch…“
Sie nannte den Titel so schnell, dass ich ihn beim ersten Mal kaum verstand.
Ich blinzelte kurz. „Entschuldigung, kannst du das nochmal sagen?“
Sie schloss für einen Moment die Augen, als hätte sie genau damit gerechnet, dann wiederholte sie den Titel, diesmal ein kleines bisschen deutlicher, aber noch immer so, als würde sie hoffen, dass es niemand sonst hörte.
Während sie sprach, breitete sich langsam ein deutliches Rot auf ihrem Gesicht aus.
Ich brauchte einen Moment. Dann verstand ich. „Ah“, sagte ich nur, ruhig.
Sie sah sofort auf, suchte meinen Blick, offensichtlich bereit, sich zu entschuldigen oder zu erklären. Ich lächelte leicht, ganz bewusst unaufgeregt. Ich war ungefähr im gleichen Alter gewesen, als ich zum ersten Mal diese Art von Büchern gelesen hatte.
„Ich glaube, das haben wir da hinten“, sagte ich und deutete auf ein Regal weiter hinten im Laden.
Sie nickte hastig und folgte mir, immer noch ein bisschen angespannt.
Ich ging ein Stück vor, ließ mir Zeit, ließ den Blick über die Buchrücken wandern, als wäre das die normalste Suche der Welt.
„Hier müsste es irgendwo sein…“, murmelte ich.
Neben mir stand sie ganz still, die Hände noch immer halb in den Ärmeln verschwunden.
Nach ein paar Sekunden zog ich das Buch schließlich aus dem Regal. „Das hier?“
Sie sah es an und sofort wurde ihr Blick ein kleines bisschen heller. „Ja“, sagte sie leise. „Genau das.“
Ich reichte es ihr. Innerlich freute ich mich, dass sie sich getraut hatte, danach zu fragen. Am liebsten hätte ich ihr das gesagt, doch ich war mir sicher, dass es ihr unangenehm sein würde. Daher ließ ich es sein.
Sie nahm das Buch vorsichtig entgegen, fast ehrfürchtig und gleichzeitig so, als könnte es jeden Moment jemand bemerken.
Sie blätterte kurz hinein, las eine paar Zeilen und wurde prompt noch ein bisschen roter.
Ich wandte den Blick demonstrativ ein Stück zur Seite, um ihr den Moment nicht noch unangenehmer zu machen.
„Alles gut?“, fragte ich ruhig.
Sie nickte schnell. „Ja. Also… ja.“
Ein kleines, verlegenes Lächeln. „Ich nehme es.“
Wir gingen zurück zur Theke. Sie legte das Buch vorsichtig hin, als würde es zu laut aufkommen, wenn sie es einfach ablegte.
Beim Bezahlen vermied sie weiterhin meinen Blick. „Danke“, sagte sie leise.
„Gern“, antwortete ich.
Als sie den Laden verließ, war ihr Gesicht immer noch leicht gerötet.
Ich sah ihr kurz nach. Solche Begegnungen blieben mir länger im Kopf als ich erwartet hatte. Ich konnte mir ein leises, warmes Lächeln nicht verkneifen.
Eine der schönsten Begegnungen kam mit einem älteren Ehepaar, das an einem frühen Nachmittag durch die Regale schlenderte. Sie gingen langsam, Seite an Seite, ohne Eile. Immer wieder sprachen sie leise miteinander, fast flüsternd, als befänden sie sich in einer kleinen Ausstellung und wollten die Stille nicht stören. Manchmal blieb einer von ihnen stehen, zeigte auf ein Buch, sagte etwas, das ich nicht verstand und der andere lächelte. Es hatte etwas Beruhigendes, ihnen zuzuschauen.
Einmal hob die Frau leicht die Hand und deutete auf ein Regal in der Ecke, als würde sie etwas wiedererkennen. Der Mann nickte sofort und für einen kurzen Moment wirkten beide, als wären sie nicht ganz hier, sondern irgendwo in einer Erinnerung. Fast hatte ich das Gefühl, als wäre sie etwas verlegen. Wollte ich wissen, an was sie sich erinnerten? Ich presste die Lippen aufeinander, um mir ein Grinsen zu verkneifen.
Ein paar Schritte weiter strich sie mit den Fingern über die Kante eines alten Regals, ganz langsam, fast vorsichtig, als hätte auch das Holz selbst etwas behalten, das nur sie sehen konnte.
Ich ließ sie in Ruhe, beobachtete sie nur aus der Ferne. Es war kein Suchen, kein Zögern wie bei anderen Kunden. Eher ein Erinnern.
Die Frau strich mit den Fingern über einen Buchrücken, blieb einen Moment länger daran hängen, als wäre es etwas Vertrautes. Der Mann trat ein kleines Stück näher, sah auf das Buch, dann auf sie.
Und dann griff er ganz selbstverständlich nach ihrer Hand. Es war keine große Geste. Nichts Auffälliges. Nur ein ruhiger, sicherer Griff, als hätte er das schon unzählige Male getan. Sie sah zu ihm auf und lächelte. In diesem Lächeln lag etwas, das ich nicht sofort benennen konnte. Etwas Vertrautes. Etwas Gewachsenes. Es war wunderschön. Als würde dieser Raum, dieser Geruch von Papier und Staub und Zeit, etwas in ihnen auslösen, das weit zurückreichte.
„Hier riecht es noch genauso wie früher“, sagte die Frau schließlich leise.
Der Mann nickte. Sein Blick blieb einen Moment länger bei ihr.
„Ein Buchladen riecht immer gleich“, sagte er.
Ich stand hinter der Theke und wusste nicht genau, ob das stimmte. Aber ich verstand, was er meinte. Und irgendwie war es einer dieser Momente, in denen mir klar wurde, dass dieser Laden für andere nicht nur ein Ort war, an dem man Bücher kaufte. Sondern ein Ort, an dem Dinge geblieben waren. Auch wenn die Zeit längst weitergegangen war.
Dank all dieser Begegnungen begann Foxley sich im Laufe der Zeit für mich immer mehr wie eine Sammlung kleiner Geschichten anzufühlen. Keine großen, keine dramatischen. Eher leise, fast unscheinbare.
Jeder, der durch die Tür kam, brachte etwas mit. Eine Frage, eine Gewohnheit, eine Art, sich im Raum zu bewegen. Jeder Mensch schien hier wichtig zu sein.
Ink hatte diese Dynamik erstaunlich schnell verstanden. Oder sie war einfach so daran gewöhnt, dass es für sie nichts Neues war. Sie bewegte sich zwischen den Regalen mit der ruhigen Selbstsicherheit einer Katze, die wusste, dass der Laden eigentlich ihr gehörte. Einmal jagte sie eine Fliege quer durch den Raum, sprang von Regal zu Regal und stieß dabei einen ganzen Stapel Taschenbücher um. Die Bücher rutschten mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden. Ink blieb einen Moment stehen, betrachtete das Ergebnis und setzte sich dann anschließend mitten darauf. Als wäre genau das ihr Plan gewesen.
Auch Isaac tauchte an vielen dieser Tagen auf, teilweise fast täglich, immer im Laufe des Nachmittags. Manchmal blieb er nur kurz. Manchmal eine ganze Stunde. Dann zog er ein Buch aus dem Regal, setzte sich an den Tisch am Fenster und begann zu lesen. Es war eine stille Anwesenheit. Aber eine angenehme. Am dritten oder vierten Tag brachte er sogar einen eigenen Kaffeebecher mit.
Ich lehnte mich leicht gegen die Theke und beobachtete ihn einen Moment, wie er den Deckel abschraubte, einen Schluck nahm und sich dann wieder in sein Buch vertiefte. Mit was für einer Selbstverständlichkeit er sich hier … ich suchte nach dem richtigen Wort … eingenistet hatte. Ja, das passte. So fühlte es sich an. Ich lächelte.
„Du hast dich hier ja ziemlich schnell eingerichtet“, sagte ich schließlich grinsend. „Eigener Becher, fester Platz… ich weiß nicht, ob ich mir Sorgen machen soll. Wenn das so weitergeht, sollte ich dir wohl einen Sessel besorgen.“
Er sah nicht sofort auf, ließ den Blick noch einen Moment auf der Seite ruhen, bevor er das Buch ein kleines Stück sinken ließ.
„Ich finde es einfach angenehmer, wenn man nicht jedes Mal von vorne anfängt“, sagte er ruhig. „Und wenn ich schon öfter hier bin, kann ich es mir auch ein bisschen bequem machen. Wobei ein Sessel ein nettes Angebot ist.“ Er lachte und ich stimmte mit ein.
Ich verschränkte die Arme locker vor der Brust. „Das heißt also, du hast vor, das beizubehalten? Deine Zeit hier zu verbringen, meine ich. Mit Kaffee und Lesen.“
Ein kaum merkliches Lächeln zog über sein Gesicht. „Ich würde es zumindest nicht ausschließen“, sagte er. „Kommt ein bisschen darauf an, wie sich das hier entwickelt.“
Ink hatte ihn in der Zwischenzeit längst entdeckt. Mit einem leichten Satz sprang sie auf die Armlehne seines Sessels und setzte sich dort hin, als hätte sie ihn schon eine Weile beobachtet. Isaac sah kurz zu ihr hinüber, dann wieder zu seinem Buch, ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen.
„Ich habe übrigens das Gefühl, sie überprüft mich“, sagte er nach einem Moment. „So, als würde sie genau darauf achten, ob ich das hier auch ordentlich mache.“
Ich musste schmunzeln und trat ein paar Schritte näher. „Und? Bestehst du ihre Prüfung bisher? Oder bist du schon durchgefallen?“
Er blätterte eine Seite um, ließ sich dabei Zeit, als würde er wirklich darüber nachdenken.
„Ich glaube, im Moment bin ich noch im grünen Bereich“, sagte er schließlich. „Aber ich traue ihr zu, dass sie ihre Meinung jederzeit ändern kann.“
Ich sah zu Ink hinüber, die halb die Augen geschlossen hatte, aber trotzdem wirkte, als würde sie alles mitbekommen.
„Das klingt ziemlich realistisch“, meinte ich. „Sie hat hier sehr klare Vorstellungen davon, wer sich wie zu verhalten hat.“
Isaac nickte leicht, als würde er das ernsthaft abwägen.
„Verständlich“, sagte er dann. „Wenn man so lange hier ist wie sie, entwickelt man wahrscheinlich ein gewisses Verantwortungsgefühl.“
Ich schnaubte. „Oder ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle.“
„Das schließt sich nicht aus“, erwiderte er ruhig. Doch in seiner Stimme konnte ich die Belustigung hören.
Ich musste lachen, lehnte mich wieder ein Stück zurück und ließ den Blick kurz durch den Laden wandern.
Und ohne dass wir noch viel sagen mussten, kehrte wieder diese ruhige, angenehme Stille zurück, in der jeder einfach für sich da sein konnte.
Der Laden entwickelte langsam sein eigenes Tempo. Und irgendwo zwischen den Regalen merkte ich, dass auch mein Kopf ruhiger wurde. Die Gedanken an London tauchten immer seltener auf. Ben auch. Nicht ganz. Aber weniger. Und das fühlte sich gut an.
An den Wochenenden wurde es ruhiger.
Samstags blieb der Laden geöffnet, aber es war entspannter als unter der Woche. Es kamen nicht weniger Besucher, doch sie kamen langsamer, mit mehr Ruhe, blieben länger stehen, ließen sich mehr Zeit beim Stöbern. Es gab weniger Eile, weniger dieses schnelle Kommen und Gehen. Stattdessen zog sich alles ein wenig auseinander, als hätte der Tag mehr Raum zwischen den Momenten.
Ich nutzte die ruhigeren Phasen, um kleine Dinge zu erledigen. Bücher neu zu sortieren, Bestellungen zu schreiben, Listen durchzugehen und Dinge wieder geradezurücken, die wahrscheinlich nur mir auffielen. Zwischendurch setzte ich mich selbst für ein paar Minuten ans Fenster, ein Buch in der Hand, den Blick immer wieder nach draußen gerichtet. Ich liebte diese Momente. Sie gehörten nur mir. Dann fühlte ich mich sicher, fast geborgen, im Schutz meines eigenen Ladens, mit einem Buch in der Hand und Ink, die nie weit von mir entfernt war. Es fühlte sich… ausgeglichener an.
Sonntags blieb der Laden ganz geschlossen.
Das war beim ersten Mal komisch für mich. Ein ganzer Tag ohne das leise Klingeln der Tür, ohne Stimmen, ohne dieses stetige Kommen und Gehen.
Ich verbrachte den Vormittag oben in der Wohnung, ließ mir mehr Zeit als sonst, machte mir mein Frühstück und blieb länger am Tisch sitzen, ohne wirklich etwas zu tun.
Später ging ich dann noch eine Runde durch das Dorf. Ohne Ziel, einfach nur, um draußen zu sein. Die Straßen waren stiller, fast leer. Nur vereinzelt begegnete ich jemandem, ein kurzes Nicken, ein leises „Hallo“.
Es war eine andere Art von Ruhe. Und obwohl sie sich zunächst ungewohnt anfühlte, merkte ich, dass sie mich nicht mehr so stark verunsicherte wie noch zu Beginn.
So begannen die Tage, sich einander anzugleichen.
Der Laden öffnete sich, schloss sich wieder. Menschen kamen, gingen, kamen wieder. Gespräche wiederholten sich, ohne wirklich gleich zu sein. Alles bekam nach und nach einen Rhythmus, an den ich mich gewöhnte.
Bis zu dem Tag, an dem es ein kleines bisschen anders war. Nicht viel. Aber eben doch ein bisschen.
Der Vormittag war lebendig gewesen.
Der Nachmittag dagegen brachte Ruhe. Ich sortierte gerade eine kleine Lieferung neuer Bücher, als die Türglocke klingelte.
Isaac trat ein.
Er blieb kurz stehen, ließ den Blick durch den Laden wandern und sah dann zu mir. „Du hast wirklich schon wieder offen und stehst bereit, als würdest du auf Kunden warten“, sagte er, als würde ihn das jedes Mal ein kleines bisschen überraschen. Ich mochte seine trockene, direkte Art.
Ich grinste leicht. „Ich arbeite daran, dass das hier zu so etwas wie einer festen Einrichtung wird.“
Er nickte in Richtung von Ink, die sich auf dem Tisch zusammengerollt hatte. „Und sie ist auch wieder im Dienst, sehe ich.“
Es freute mich, dass er sie jedes Mal so selbstverständlich in unsere Gespräche mit einband. War das seltsam? Ink kam mir manchmal fast vor wie mein Kind, auf das ich aufpasste, um das ich mich kümmerte und das ich verteidigte, wenn ihm jemand blöd kam. Wahrscheinlich nicht. Sie war schließlich meine einzig wirklich Bezugsperson … Bezugskatze hier in Foxley.
Ink öffnete träge ein Auge, als hätte sie Isaacs Worte gehört, beschloss dann aber offenbar, dass es keine Reaktion wert war.
Isaac ging zum Regal mit den Fantasybüchern, ließ den Blick darüber gleiten und zog schließlich einen Band heraus.
„Ich glaube wirklich, dass du langsam gefährlich für mein Bücherbudget wirst“, sagte er und wog das Buch kurz in der Hand.
Ich lehnte mich leicht gegen die Theke. „Das ist tatsächlich ein ziemlich zentraler Bestandteil meines Geschäftsmodells“, gab ich genauso trocken zurück, wie er es oft tat.
Er schnaubte leise, setzte sich dann wieder an seinen Platz am Fenster und schlug das Buch auf.
Es war inzwischen fast ein kleines Ritual geworden. Isaac kam. Er suchte ein Buch. Er setzte sich ans Fenster. Und irgendwann begannen wir zu reden. Manchmal dauerte es eine Weile. Manchmal saßen wir erst einmal ziemlich lange schweigend im selben Raum. Aber dieses Schweigen fühlte sich nie unangenehm an. Und fast immer begann irgendwann ein Gespräch.
So auch dieses Mal. Nach vielleicht 15 Minuten hob Isaac den Blick.
„Du hast dich hier ziemlich schnell eingelebt“, sagte er. „Ich habe das Gefühl, du bist inzwischen mehr Teil des Dorfes, als dir vielleicht selbst bewusst ist.“
Ich sah von der Liste auf, die ich gerade ausfüllte. Meinte er das ernst? Ich fühlte mich alles andere als ein Teil des Dorfes. Andererseits … Die Menschen kannten mich mittlerweile. Sie grüßen mich, sie sprachen mich an, sie kamen in meinen Laden. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr musste ich Isaac Recht geben.
„So offensichtlich ist das also?“, fragte ich schließlich.
Er zuckte leicht mit den Schultern. „Ein bisschen schon. Die Leute sprechen über dich. Und das ist hier meistens ein Zeichen dafür, dass man angekommen ist.“
Sie sprachen über mich? Mein Puls schoss nach oben. Ich wollte nicht, dass sie über mich sprachen. Das war nicht mein Ziel gewesen. Ich merkte, wie meine Handflächen feucht wurden. Das konnte nichts Gutes heißen. Wenn Leute redeten, ging es meistens um Dinge, die jemand falsch machte. Es wurde getratscht, gelästert. War es, weil ich aus London, aus der Großstadt, kam? Passte ich hier nicht rein? Oder lag es daran, dass ich den Laden verändert hatte? Hätte Foxley vielleicht das Paper Fox gerne so behalten, wie es Mr. Hargreaves geführt hatte? Ich hatte mein Leben lang versucht, möglichst unauffällig zu sein, um auf keinen Fall Gegenstand solcher Lästereien zu sein. Was hatte ich hier also falsch gemacht? Ich hatte mir solche Mühe gegeben.
Stopp! Sagte ich mir vehement. Du machst es schon wieder!
Leider hatte ich die Angewohnheit, mich schnell in negative Gedanken zu verstricken. Eigentlich hatte ich es über die letzten Jahre hin gelernt, schneller einzugreifen. Doch scheinbar war die Situation hier in Foxley – neu und allein an einem fremden Ort – belastender für meine Psyche, als ich es mir eingestand. Ich atmete tief durch.
Ganz ruhig! Er hat nichts davon behauptet. Nur weil ich es denke, heißt es nicht, dass es wahr sein muss! Der Satz meines früheren Therapeuten half mir, mich wieder etwas zu beruhigen.
„Sie sprechen… über mich?“, fragte ich schließlich, ein kleines bisschen vorsichtiger, als ich es eigentlich beabsichtigt hatte.
Isaac sah mich kurz an, als würde er überlegen, wie er es erklären sollte.
„Ja“, sagte er dann ruhig. „Aber nicht so, wie du jetzt wahrscheinlich denkst.“
Ich verzog leicht den Mund. „Und woher weißt du, was ich denke?“
Ein kaum merkliches Lächeln huschte über sein Gesicht. „Weil die meisten am Anfang genau das denken“, sagte er. „Dass es etwas Schlechtes sein muss, wenn Leute reden.“
Ich sagte nichts.
„Hier ist das anders“, fuhr er fort. „Es geht nicht darum, jemanden auseinanderzunehmen. Die Leute reden, weil etwas neu ist. Weil jemand neu ist. Das gehört irgendwie dazu.“
Er machte eine kleine Pause. „Und du bist im Moment eben genau das.“
Ich legte den Stift zur Seite und ließ den Blick kurz durch den Laden wandern.
„Ich habe … also, am Anfang hatte ich ständig das Gefühl, irgendetwas falsch zu machen“, sagte ich schließlich sicherer, als ich mich fühlte. „Als würde ich die Regeln nicht kennen, nach denen hier alles funktioniert.“
Isaac schloss sein Buch ein Stück, ohne es ganz wegzulegen. „Das gehört wahrscheinlich dazu“, meinte er. „Ich glaube nicht, dass man irgendwo neu anfängt und sich sofort sicher fühlt.“ Dann sah er mich einen Moment länger an, als ich erwartet hätte.
Ich verzog leicht den Mund. „Ich meine … “, ich zögerte kurz. „Es ist ja eigentlich nur ein Buchladen“, sagte ich schließlich. „So kompliziert sollte das doch nicht sein.“
Ein kleines Lächeln zog über sein Gesicht. „Ich meinte auch nicht den Laden.“ Er ließ eine kurze Pause. „Ich meinte den Neuanfang.“
Das Wort blieb einen Moment im Raum stehen. Ich ließ mir seine Worte eine Weile durch den Kopf gehen. Irgendwie hatte er ja recht. Ein Neuanfang war nie leicht. Aber trotzdem … Ich wollte nicht, dass es schwer war. Ich wollte das schaffen. Ich musste das schaffen.
„Foxley ist ziemlich weit weg von London“, unterbrach Isaac plötzlich meine Gedanken.
Ich nickte. „Das war auch so geplant.“ Es war sogar notwendig.
„Das dachte ich mir“, sagte er ruhig.
Er fragte nicht sofort weiter. Und genau das machte es leichter, selbst weiterzureden.
„London wurde irgendwann einfach zu viel“, sagte ich schließlich. „Zu laut. Zu schnell. Ich hatte irgendwann das Gefühl, ich komme da gar nicht mehr hinterher.“
Ein Teil von mir wusste, dass das nicht die ganze Wahrheit war. Aber es war auch nicht gelogen.
Isaac nickte langsam, als würde er verstehen, was ich sagen wollte. „Foxley ist ziemlich das Gegenteil davon.“
Ich ließ den Blick kurz durch den Laden wandern. „Das habe ich inzwischen auch gemerkt.“
Er sah sich ebenfalls um. „Hier passieren Dinge langsamer“, sagte er.
Ich musste leicht lächeln. „Im Moment fühlt sich das ehrlich gesagt ziemlich gut an.“
Ink sprang vom Fensterbrett und setzte sich neben seine Füße. Isaac sah zu ihr hinunter. „Ich glaube übrigens wirklich, dass sie dich inzwischen akzeptiert hat. Anfangs war ich mir nicht sicher. Schließlich hat sie ihr ganzes bisheriges Leben bei Mr. Hargreaves verbracht. Ich glaube, sie war ziemlich verwirrt, als er plötzlich nicht mehr da war. Zum Glück gab es genug Leute, die sich ihrer sofort angenommen haben.“ Er sah einen Moment nach draußen auf den Dorfplatz. „Es gab immer jemanden, der sie gefüttert, gestreichelt oder aufgenommen hat. Ich dachte, dass sie dieses neue Leben vielleicht mehr genießt, als sie sollte“, er grinste mich an „und dass sie nicht wieder zurück in den Laden gehen würde. Vor allem nicht, wenn jemand neues da ist.“
Ich hob leicht eine Augenbraue. „Das klingt nach einer größeren Auszeichnung, als ich erwartet hätte.“
„Das ist definitiv eine Auszeichnung“, sagte er ruhig.
Ich verschränkte die Arme locker vor der Brust. „Und wie lange hat sie gebraucht, um dich zu akzeptieren?“
Er sah kurz zu mir auf. „Ich wohne schon mein ganzes Leben hier in Foxley“, sagte er schulterzuckend.
Ich lachte leise. „Dann hast du hier definitiv einen unfaireren Vorteil.“ Ich dachte kurz nach. „Und du kennst nicht nur Ink und den Laden schon lange, sondern auch alle Leute hier. Ich habe das Gefühl, dass ich Jahre brauchen werde, um alle hier zu kennen und die ganze Dynamik zu verstehen.“
Der Laden war in diesem Moment still. Nur das Rascheln einer Buchseite war zu hören.
Isaac stand schließlich auf und stellte das Buch zurück.
„Du wirst die Leute hier alle noch kennenlernen“, sagte er. „Um ehrlich zu sein, wirst du es gar nicht vermeiden können, schon bald alle mit Namen zu kennen. Danny, den Postboten. Tom aus dem Pub. Den Tierarzt Nick. Mr. Holloway mit seinen historischen Romanen… und ein paar andere. Mrs. Bennett kennst du ja schon. Früher oder später wird fast jeder mal hier im Laden gewesen sein.“
Ich hob eine Augenbraue. „So viele Leser in einem Dorf?“
Isaac grinste leicht. „Foxley hat da seinen eigenen Geschmack.“
Er ging zur Tür, legte die Hand auf den Griff und sah noch einmal zu mir zurück. „Du warst übrigens noch nicht im Pub, oder?“
„Noch nicht.“ Ich runzelte leicht die Stirn. „Woher weißt du das eigentlich so genau?“
Er sah mich nur an, eine Augenbraue leicht hochgezogen, als würde er sagen Du bist das Stadtgespräch Nummer eins. Jeder weiß, wo du warst und wo nicht.
Na, super! Soviel dazu, dass ich nicht auffallen wollte.
Scheinbar sah Isaac mir diese Gedanken an, denn er ergänzte: „Mach dir keine Sorgen. Das hält nie lange. Spätestens in ein paar Tagen gibt es etwas Neues, über das alle reden.“
Ich verschränkte die Arme. „Das beruhigt mich ehrlich gesagt nur minimal.“
Isaac lachte leise. „So funktioniert das hier. Heute bist du der neue Buchladenbesitzer aus London. Morgen ist es irgendetwas völlig anderes.“
Ich lehnte mich leicht gegen die Theke. „Zum Beispiel?“ Jetzt war ich wirklich gespannt.
Er überlegte kurz. „Zum Beispiel, wenn Mrs. Holloway wieder beschließt, ihren Garten umzubauen und dafür das halbe Dorf einspannt.“
Ich schnaubte. „Das klingt noch ziemlich harmlos.“
„Oder wenn Tom Carter im Pub behauptet, er hätte das beste Ale der ganzen Region gebraut und dann alle zur Verkostung einlädt.“
Ich musste grinsen. „Das klingt zumindest unterhaltsam.“ Aber würde das reichen, um den neuen Buchladenbesitzer abzulösen?
Isaac grinste schief. „Oder wenn eines von Mr. Bennetts Schafen wieder ausbüxt.“
Okay, das klang nach einer spannenderen Geschichte. Ich blinzelte. „Das passiert öfter?“
„Oh ja“, sagte er und nickte leicht in Richtung Straße. „Letzten Herbst ist eines bis auf den Dorfplatz gelaufen. Und Nick musste es einfangen.“
„Nick?“
„Der Tierarzt“, erklärte Isaac. „Er war zufällig da, also hat er sich darum gekümmert. Das ganze Dorf hat zugesehen.“
Ich konnte mir das sofort vorstellen. Irgendwie gefielen mir die ganzen typischen Dorfanekdoten. „Hat er es geschafft?“
Isaac grinste. „Natürlich. Nick schafft das irgendwie immer.“ Er dachte kurz nach. „Aber das hat auch zwei Tage lang für Gesprächsstoff gesorgt.“
Ich lehnte mich leicht zurück. „Das beruhigt mich. Dann bin ich also bald nicht mehr das Hauptthema?“
Er sah mich mit einem beruhigenden Lächeln an. „Keine Sorge. Spätestens in zwei Jahren ist das vorbei.“
Ich sah ihn an und verdrehte die Augen.
Dann öffnete er die Tür ein Stück. Die Glocke klingelte leise. „Foxley findet immer etwas Neues.“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das beruhigend oder eher beunruhigend finden soll.“
Isaac grinste. „Ich würde sagen: ein bisschen von beidem.“
Schließlich trat er hinaus auf den Dorfplatz, blieb aber noch einen Moment stehen und drehte sich halb zu mir zurück.
„Und falls heute nichts Spannendes mehr passiert“, sagte er mit einem kleinen Lächeln, „kannst du ja einfach im Pub auftauchen.“
Ich sah ihn an. Ich war wirklich kein Pubgänger, also nicht ohne Tao und Elle. Mit den beiden waren Abende im Pub lustig, ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass ich sie genoss. Doch hier…? „Warum sollte ich das tun?“
„Weil dann garantiert alle darüber reden.“ Er hob fragend die Hände.
Ich lachte leise. „Das klingt ehrlich gesagt ein bisschen nach einer Falle.“
„Vielleicht“, sagte er und hob die Hand zum Abschied.
Dann schloss sich die Tür hinter ihm und das Glöckchen verstummte.
Ich sah Isaac nach, wie er über den Dorfplatz ging und ließ meinen Blick dann rüber zum Pub wandern.
Heute Abend? Wollte ich in den Pub gehen?
Das war also der Tag, an dem die Routine durchbrochen wurde.
Notes:
Wird Charlie in den Pub gehen? Was meint ihr?
Chapter 7: Der Tierarzt, der Dächer repariert
Summary:
Charlie geht mit Isaac in den Pub und erfährt interessante Dinge über ... verschiedene Personen aus dem Dorf.
Notes:
(See the end of the chapter for notes.)
Chapter Text
Ich hatte bereits dreimal beschlossen, nicht zu gehen.
Das erste Mal, als Isaac am Nachmittag im Laden beiläufig gesagt hatte, ich solle doch am Abend mit in den Pub kommen. Er hatte das so selbstverständlich ausgesprochen, als wäre es das Natürlichste der Welt.
Das zweite Mal, als ich später allein im Laden stand und mir vorstellte, wie viele Menschen dort vermutlich sitzen würden.
Und das dritte Mal, als ich schließlich die Treppe zu meiner kleinen Wohnung über der Buchhandlung hinaufging und mir einredete, dass ich eigentlich noch genug zu tun hätte.
Ink saß auf der Fensterbank und beobachtete mich.
„Das ist eine schlechte Idee“, sagte ich zu ihr, während ich die Schuhe auszog. Sie blinzelte langsam.
„Zu viele Menschen.“ Keine Reaktion. „Und ich kenne dort niemanden.“ Ink begann demonstrativ, sich zu putzen. Ich seufzte.
Durch das Fenster konnte ich den Dorfplatz sehen. Die Dämmerung legte sich langsam über Foxley und die ersten Lichter gingen in den Häusern an. Ein paar Menschen liefen noch über das Pflaster, irgendwo klapperte eine Autotür.
Der Pub lag nur ein Stück weiter die Straße hinunter. Von hier oben konnte ich sogar das warme Licht sehen, das aus den Fenstern fiel. Es sah einladend aus. Das machte es nicht einfacher.
Ich setzte mich kurz aufs Bett. Ich sollte wirklich einfach hierbleiben. Genau in diesem Moment hörte ich ein Klopfen. Gedämpft, aber deutlich. Noch einmal. Ich runzelte die Stirn. Das kam von unten. Von der Ladentür. „Moment!“, rief ich lautstark und hoffte, dass der Besucher es hören würde. Ich zog meine Schuhe wieder an und ging die schmale Treppe hinunter. Ink sprang vom Fensterbrett und folgte mir neugierig.
Als ich die Tür öffnete, stand Isaac draußen auf der kleinen Stufe. Er sah kurz an mir vorbei zur Treppe. „Du bist noch da.“
„Ich wohne hier“, sagte ich lachend.
Ein kleines Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Stimmt … Also?“ Er sah mich fragend an.
Ich lehnte mich gegen den Türrahmen. Ich wusste sofort, was er meinte. „Ich überlege noch.“
Isaac musterte mich einen Moment lang. Dann schüttelte er langsam den Kopf. „Charlie.“
„Was?“, fragte ich unschuldig.
„Du kannst nicht in Foxley wohnen und noch nie im Pub gewesen sein.“
Ich zog eine Augenbraue hoch. „Warum nicht? Ich komme gut ohne Pubbesuche aus.“
Isaac zuckte mit den Schultern. „Weil dort ungefähr die Hälfte des Dorfes jeden Abend sitzt.“
Das sollte mich überzeugen? Das beruhigte mich nicht im Geringsten. „Das klingt eher nach einem guten Grund, nicht hinzugehen.“
Isaac lachte leise. „Du kennst schon mehr Leute dort, als du denkst.“ Er begann aufzuzählen. Mrs. Bennett. Danny, der Postbote. Tom Carter, der den Pub betreibt. Und vermutlich ein paar Menschen, die in den letzten Tagen im Laden gewesen waren. Ich konnte mich kaum an jemanden davon direkt erinnern. Außer Mrs. Bennett natürlich.
„Mrs. Bennett geht in den Pub?“, fragte ich erstaunt.
„Natürlich.“ Isaac wirkte irritiert.
„Sie wirkt nicht wie jemand, der im Pub sitzt“, gab ich ehrlich zu. Ich konnte sie mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie sie mit einem Bier in der Hand an der Bar saß und sich über Fußballergebnisse, Bierbrauarten oder wer wie viel trinken konnte unterhielt.
„Sie trinkt für ihr Leben gern Apfelwein und gewinnt regelmäßig beim Quizabend.“
Okay, anscheinend verstand ich die ganze Dorfdynamik tatsächlich noch nicht so ganz. Oder ein Abend im Pub lief hier in Foxley einfach komplett anders ab als in London.
Ich wusste nicht, ob mich Isaacs Information beruhigen sollte oder mir noch mehr zeigte, dass die Menschen in diesem Dorf so komplett anders waren als ich. Denn Pubabende in London waren nicht exakt meine Welt, aber Apfelwein und Quizabende lösten ebenfalls keine Freudensprünge bei mir aus.
„Komm einfach mit. Es wird sicherlich lustig. Und ich bleibe auch an deiner Seite. Versprochen!“, versuchte er es erneut.
Ich dachte kurz darüber nach.
Das änderte leider nichts daran, dass ein Pub voller Menschen immer noch ein Pub voller Menschen war.
„Du musst nichts Besonderes machen“, sagte Isaac schließlich. „Du setzt dich hin, trinkst ein Bier und hörst dir an, worüber das Dorf gerade spricht.“
Ich sah zu Ink hinunter. Sie hatte sich neben meine Füße gesetzt und beobachtete uns beide aufmerksam.
„Und wenn ich nicht gehen will?“
Isaac hob eine Schulter. „Dann gehst du eben morgen.“ Für ihn war das so einfach. Er machte eine kleine Pause. „Oder übermorgen.“ Dann sah er mich wieder an. „Aber irgendwann wirst du hingehen.“ Wie konnte er sich da so sicher sein?
Ich musste unwillkürlich lachen. Doch wenn ich ehrlich war, wurde ich mit der Zeit neugierig. Eigentlich hatte er recht. Und irgendwie wir wussten beide, dass er recht hatte.
Ich griff nach meiner Jacke und seufzte. „Nur ein Bier.“
Isaac grinste. „Das sagen alle.“
Der Pub lag nur ein paar Schritte vom Dorfplatz entfernt. Je näher wir kamen, desto deutlicher hörte ich Stimmen und Gelächter, das durch die Abendluft nach draußen drang.
Über der Tür hing ein hölzernes Schild. The Fox & Lantern. Ein Windstoß ließ es leicht knarren. Ich blieb kurz stehen. Isaac bemerkte es sofort. „Das ist der Moment, in dem du noch umdrehen kannst.“ Er grinste mich breit an.
Ich sah ihn an. „Sehr beruhigend.“ Doch jetzt würde ich keinen Rückzieher mehr machen. Den einen Abend würde ich schon schaffen. Und vielleicht hatte Isaac ja recht und es wurde ein netter Abend. Mir wurde plötzlich klar, dass ich genau das insgeheim hoffte. Wenn ich ganz tief in mich hineinspürte, wünschte ich mir sogar irgendwie, dass mir solche Abende Spaß machen würden. Das würde das Leben hier mit Sicherheit einfacher machen. Das schien hier einfach dazuzugehören. Vielleicht konnte ich mich irgendwann daran gewöhnen.
Isaac öffnete die Tür. Warme Luft schlug mir entgegen. Und Stimmen. Viele Stimmen. Der Pub war lebendig. Holztische standen dicht beieinander, an der Theke standen mehrere Dorfbewohner und irgendwo in der Ecke lief leise Musik aus einem alten Lautsprecher. Das Licht war warm und gelb und der Raum roch nach Bier, Holz und etwas, das vermutlich aus der Küche kam.
Ein paar Menschen sahen kurz auf, als wir hereinkamen. Nicht neugierig. Eher so, wie man in einem kleinen Dorf eben aufblickt, wenn jemand zur Tür hereinkommt.
Isaac legte mir kurz eine Hand auf die Schulter. „Entspann dich.“
Wir gingen zur Theke. Hinter ihr stand ein großer Mann mit grauem Bart, der gerade ein Glas abtrocknete.
„Tom“, sagte Isaac. „Das ist Charlie.“
Der Mann grinste sofort. „Der Buchladen!“
Ich blinzelte. „Das ging schnell.“
Tom lachte. „Foxley ist schnell.“ Er stellte zwei Gläser auf den Tresen und begann, Bier einzuschenken. „Das erste Bier geht aufs Haus.“
„Das ist wirklich nicht nötig“, sagte ich.
„Doch“, sagte er und schob mir das Glas zu. „Neue Buchläden müssen gefeiert werden.“
Ich nahm einen vorsichtigen Schluck. Das Bier schmeckte überraschend gut. Währenddessen hatte sich neben uns ein Mann umgedreht, der offenbar gerade ein Dartspiel beobachtet hatte. „Du bist der aus London, oder?“
Ich nickte.
„Der mit dem Buchladen“, ergänzte er.
Ich nickte wieder. „Das bin ich.“
„Paul“, stellte er sich vor. „Meine Frau war gestern bei dir“, meinte er dann grinsend.
Ich lächelte. „Ich hoffe, sie hat etwas gefunden.“
„Zwei Bücher. Sie kam sehr glücklich nach Hause. Du weißt wohl, wie man die Frauen glücklich macht.“ Er hob sein Glas und prostete mir zu.
Ich errötete. Warum sagte er das? Das waren genau die Art von Gesprächen, die typisch für Pubs waren und mit denen ich nichts anfangen konnte. Und vor allem wollte ich nicht als jemand wahrgenommen werden, der … Frauen glücklich machte …
Auch wenn es nur ein lockerer Satz war, offensichtlich als Scherz gemeint, blieb er einen Moment in meinem Kopf hängen, als hätte jemand einen kleinen Stein ins Wasser geworfen.
Wie man die Frauen glücklich macht. Wenn er wüsste … Doch woher sollte er es wissen? Woher sollte es überhaupt jemand wissen? Auf meiner Stirn prangte schließlich nicht in großen Buchstaben GAY PANIC, wie früher auf meinem Handydisplay. „Vielleicht sollte ich mir ein Schild umhängen mit den Worten Definitiv nicht hetero. Überraschung!“, dachte ich selbstironisch und verdrehte die Augen über meine Gedanken.
Ich nahm einen Schluck Bier, mehr um mir einen Moment Zeit zu verschaffen als aus wirklichem Durst. In London hätte ich wahrscheinlich einfach gelacht und etwas Schlagfertiges gesagt. Oder ich hätte beiläufig erwähnt, dass Frauen in meinem Leben eher selten die Hauptrolle spielten.
Hier war das plötzlich… komplizierter. Nicht, weil jemand etwas gesagt hätte. Im Gegenteil. Alle waren bisher freundlich gewesen. Offen. Herzlich sogar. Mrs. Bennett hatte mich behandelt, als würde ich schon seit Jahren hier wohnen. Mr. Holloway hatte im Laden mit mir über Krimis diskutiert, als würden wir uns schon lange kennen. Und genau deshalb fühlte sich der Gedanke so seltsam an. Was, wenn sich das änderte?
Es war ein kleines Dorf. Foxley war nicht groß genug, um Dinge lange geheim zu halten. Früher oder später würde jemand fragen. Oder etwas vermuten. Oder es würde einfach in einem Gespräch auftauchen. Die Frage war nur, wann. Und wie. Ich merkte, dass ich immer noch auf mein Glas sah.
Paul neben mir lachte inzwischen schon wieder über etwas, das jemand am anderen Ende der Theke gesagt hatte. Offenbar hatte er meinen kurzen Moment des Schweigens gar nicht weiter bemerkt.
Isaac allerdings schon. Er sah mich kurz von der Seite an, sagte aber nichts.
Ich hob schließlich mein Glas. „Dann hat sich der Laden ja schon gelohnt“, sagte ich, nochmal auf das Gespräch Bezug nehmend und versuchte, die Situation leicht zu nehmen. Der Mann schaute mich noch einmal kurz an, nickte dann zufrieden und wandte sich wieder seinem Dartspiel zu.
Für einen Moment blieb ich still stehen. Der Gedanke ließ mich trotzdem nicht ganz los. Ich hatte mein ganzes Erwachsenenleben damit verbracht, ziemlich offen damit umzugehen, wer ich war. In London hatte es sich nie wie eine große Sache angefühlt. Hier… war ich mir nicht sicher. Vielleicht machte ich mir auch einfach zu viele Gedanken.
Isaac stieß mich leicht mit dem Ellbogen an. „Alles okay?“
Ich nickte. „Ja.“
Er musterte mich noch einen Moment, als würde er überlegen, ob er weiter nachfragen sollte. Sein Blick blieb kurz auf meinem Gesicht hängen, ruhig, aufmerksam, aber nicht aufdringlich. Dann ließ er es bleiben. Und genau das machte es leichter, wieder zu atmen. Ich nahm noch einen Schluck Bier. Langsam kehrten die Geräusche des Pubs wieder richtig in mein Bewusstsein zurück. Das Klacken der Dartpfeile an der Scheibe, das Klirren von Gläsern. Gelächter von einem der Tische hinter uns. Jemand rief quer durch den Raum nach Tom, weil ein Glas leer war. Das Stimmengewirr hatte etwas Beruhigendes. Es war kein aufdringlicher Lärm, eher ein gleichmäßiges Hintergrundrauschen aus Gesprächen, die sich überlagerten.
Isaac folgte meinem Blick durch den Raum. „Gar nicht so schlimm, oder?“, sagte er schließlich.
Ich sah mich noch einmal um. Die Menschen wirkten entspannt. Niemand schien mich besonders zu mustern. Niemand erwartete irgendetwas von mir. Es war auch tatsächlich angenehmer als die Pubs in London. Dort war es voller, gedrängter und definitiv lauter. Hier fühlte es sich eher an, wie ein Treffen der gesamten Dorfgemeinschaft. Man unterhielt sich, man lachte, man trank. Kurz gesagt, man stand zusammen und genoss die gemeinsame Zeit.
Ich schüttelte leicht den Kopf. „Nein“, gab ich ehrlich zu.
Isaac nahm einen Schluck aus seinem Glas und grinste dann ein wenig. „Siehst du?“
Ich musste unwillkürlich lächeln.
Der Pub war warm, lebendig, voller Gespräche, die sich wie kleine Strömungen durch den Raum bewegten. Und während ich noch versuchte, mich in diesem Gewirr aus Stimmen und Eindrücken zurechtzufinden, beugte sich Isaac plötzlich leicht zu mir. „Ah, schau, Peter kommt grad“, sagte er.
Am anderen Ende der Theke war gerade ein Mann aufgestanden, der direkt auf uns zukam. Er war etwa Ende fünfzig, groß, mit wettergegerbtem Gesicht und einer Jacke, die aussah, als hätte sie schon viele Jahre auf irgendwelchen Feldern verbracht.
Er blieb direkt vor uns stehen und musterte mich kurz. Nicht unfreundlich. Eher so, wie jemand einen neuen Gegenstand betrachtet, der plötzlich im eigenen Wohnzimmer steht.
„Also“, sagte er schließlich, „du bist also der Buchladen.“
Ich blinzelte. Isaac grinste neben mir. „Charlie“, korrigierte er. „Er heißt Charlie.“
Der Mann streckte mir seine Hand hin. „Peter.“ Sein Händedruck war kräftig, aber nicht unangenehm. Dann fügte er hinzu, als hätte er seine Manieren vergessen: „Peter Lawson.“ Ich hatte mittlerweile schon mitbekommen, dass man sich hier in Foxley sehr schnell beim Vornamen nannte. Das war scheinbar ganz normal. Außer Mrs. Bennett. Sie schien fast so etwas wie einen Sonderstatus zu haben. Vielleicht lag das an ihrem Alter? Sie wirkte ein gutes Stück älter.
„Freut mich“, sagte ich.
„Meine Tochter war gestern bei dir. Sie hat drei Bücher gekauft.“
Ich musste lachen. Ich erinnerte mich an sie. Ihr Bild tauchte vor meinem inneren Auge auf. Ein Mädchen mit wirren dunklen Haaren und Sommersprossen auf der Nase, das kaum stillstehen konnte, weil es gleichzeitig drei verschiedene Bücher in der Hand hielt und versuchte, mir zu erklären, warum sie alle unbedingt brauchte. Sie hatte so begeistert über Geschichten gesprochen, dass ich irgendwann selbst angefangen hatte zu grinsen.
„Die mit den Sommersprossen und dem Stapel Fantasyromane, die ganz aufgeregt hin und her hüpfte?“ fragte ich.
Peter nickte. „Das klingt nach ihr.“
Ich schüttelte lächelnd den Kopf. „Sie hat mir ungefähr zehn Minuten lang erklärt, warum Drachen in Geschichten völlig unterschätzt werden.“
Peter lachte. „Das hat sie von ihrer Mutter.“
„Sie hat definitiv guten Geschmack“, sagte ich. „Sie wusste genau, was sie wollte.“
Peter nickte zufrieden. „Sie liest seit gestern Abend ununterbrochen.“
Ich lächelte. Es machte mich glücklich, dass es heutzutage noch Kinder gab, die sich vollständig in Büchern verlieren konnten.
„Dann entschuldige ich mich vorsorglich bei ihrer Familie“, antwortete ich ihm grinsend.
Peter lachte laut. „Ach, die ist sowieso schon verloren. Und keine Sorge. Lucy wird wiederkommen. Wenn sie einmal einen Buchladen entdeckt hat, lässt sie ihn nicht mehr in Ruhe. Sie war so traurig, als der alte Hargreaves gestorben und mit ihm das Paper Fox vorübergehend verschwunden ist.“
Er klopfte mir kurz auf die Schulter und wandte sich dann wieder der Theke zu. „Tom! Zwei Bier!“
Ich sah Isaac an. „Ist das normal?“
Er sah mich fragend an. „Was? Foxley?“
Ein schiefes Grinsen stahl sich auf meine Lippen. „Dass Menschen mich begrüßen, als wäre ich ein neues Möbelstück.“
Isaac grinste. „Ja, ziemlich.“
Plötzlich wurde es laut. Neben uns wurde aus dem Nichts diskutiert.
„Ich sage dir, das war deine Schuld!“
„Meine? Du hast doch an der Sicherung herumgefummelt!“
„Weil du gesagt hast, das wäre einfach!“
Tom rief von hinter der Theke:
„Wenn ihr zwei noch einmal die Elektrik vom Gemeindehaus erwähnt, drehe ich selbst den Strom ab!“
Gelächter ging durch den Raum. Scheinbar war es kein wirklicher Streit.
Isaac beugte sich leicht zu mir.
„Siehst du. Das neue Dorfthema des Tages. Du bist schon wieder Schnee von gestern.“
„Die Elektrik?“ Ich war tatsächlich ein bisschen erleichtert.
„Der Strom ist heute Nachmittag im Gemeindehaus ausgefallen.“
Ich nahm einen Schluck Bier. „Und darüber redet jetzt das ganze Dorf?“
„Natürlich.“ Er nickte in Richtung der beiden Männer. „Mr. Dalton hat versucht, die Sicherung selbst zu wechseln.“ Er sagte das mit einem Ausdruck im Gesicht, als wäre das nicht die beste Idee gewesen. Als hätte man das Problem besser anders lösen sollen.
Ich sah zu den beiden hinüber, die sich inzwischen wieder versöhnt hatten und gemeinsam über irgendetwas lachten.
„Und normalerweise…?“
Isaac zuckte mit den Schultern. „Normalerweise hätte Nick das geregelt.“
Ich sah ihn an. Verwirrt. „Der Tierarzt?“ Ich dachte zumindest, dass das der Name war, der im Zusammenhang mit dem Tierarzt gefallen war. Eigentlich war mein Namensgedächtnis recht gut, aber vielleicht täuschte ich mich auch.
„Genau der.“ Isaac nahm einen Schluck Bier und nickte.
„Ein Tierarzt, der Elektrik repariert!?!“ Ich zog amüsiert die Augenbrauen hoch.
„Und Zäune“, warf Peter ein.
„Und Traktoren“, meldete sich auch Tom zu Wort.
„Und einmal hat er sogar das Dach von Mrs. Bennetts Gartenhaus repariert.“ Wer das genau hinzugefügt hatte, konnte ich gar nicht genau sagen. Jedenfalls schien jeder etwas zu wissen, bei dem der Tierarzt schon geholfen hatte.
Ich musste lachen. „Warum repariert ein Tierarzt das Dach?“
Isaac grinste. „Weil er zufällig vorbeikam.“
Ich hob eine Augenbraue. Natürlich, das erklärte alles … nicht.
„Nick kommt irgendwie immer zufällig vorbei.“ Isaac nahm ein Schluck aus seinem Glas, während sich um uns herum mehrere zustimmende Geräusche hören ließen.
„Das Lustige ist“, fuhr er dann fort, „dass ihn eigentlich nie jemand direkt fragt.“
„Wie meinst du das?“, wollte ich wissen.
Peter Lawson lachte leise. „Die Leute hier haben ihre eigene Methode.“
Tom stellte gerade ein frisch gezapftes Bier auf die Theke und mischte sich ebenfalls wieder ein. „Man erwähnt einfach ganz beiläufig ein Problem.“
Isaac nickte. „Genau.“ Er nahm eine übertrieben nachdenkliche Haltung ein, als würde er eine Szene nachspielen. „Zum Beispiel so: Ach, schade, dass das Dach von Mrs. Bennetts Gartenhaus undicht ist ... aber naja, wird schon irgendwie gehen.“
Peter grinste. „Und rein zufällig steht Nick daneben.“
Tom schnaubte. „Und rein zufällig hat er Werkzeug im Auto.“
„Und rein zufällig“, ergänzte Isaac, „hat er zehn Minuten später schon die Leiter aufgestellt.“
Ein paar Männer lachten leise, mit diesem Tonfall, der mehr Anerkennung als Spott in sich trug. Vielleicht war es genau das, was mich einen Moment lang innehalten ließ. Diese Selbstverständlichkeit. Die Verlässlichkeit. Die Art, wie sein Name fiel, als wäre er einfach da, wenn man ihn brauchte. Ich wusste nicht genau, wann ich zuletzt erlebt hatte, dass jemand so über eine Person sprach.
Trotzdem schüttelte ich den Kopf. „Das klingt ziemlich … geplant.“
„Vielleicht ein bisschen“, gab Isaac zu. Er zuckte mit den Schultern. „Aber Nick ist einfach jemand, der nicht wegschauen kann, wenn etwas gemacht werden muss.“
Peter hob sein Glas leicht. „Und wir wissen das zu schätzen.“
Tom nickte zustimmend. „Er hilft gern. Und wir sind verdammt froh, dass wir ihn haben.“
Isaac sah mich kurz an. „Nick ist hier aufgewachsen“, sagte er. „Foxley ist sein Zuhause.“
Er machte ein kleine Pause. „Und wenn in deinem Zuhause etwas kaputt geht, reparierst du es eben. Und Nick ist in diesen Dingen einfach der Beste.“
Ich nahm einen Schluck Bier und dachte einen Moment darüber nach. Ein Tierarzt, der Dächer repariert, Zäune richtet und zufällig überall dort auftaucht, wo gerade Hilfe gebraucht wird. Langsam begann ich zu verstehen, warum alle über ihn sprachen.
„Und heute?“, fragte ich schließlich.
Isaac deutete mit dem Kopf zur Tür. „Heute ist Rugbytraining.“ Als würde das alles erklären.
Ich blinzelte. „Er spielt Rugby?“ Ich kannte wenig Leute, die im Erwachsenenalter noch Rugby spielten. Für einen kurzen Moment war da dieser alte, reflexartige Gedanke. Dann möchte ich ihn vielleicht doch lieber nicht so schnell kennenlernen.
Rugby hatte für mich nie einfach nur Sport bedeutet. Ich hatte es immer nur von außen erlebt. Auf dem Schulhof, am Rand des Spielfelds, in Gesprächen, in denen ich nie wirklich vorkam. Die Jungs, die spielten, schienen immer genau zu wissen, wo sie hingehörten. Und ich eben nicht. Es waren nicht nur Blicke gewesen. Es waren Sprüche, die zu laut gesagt wurden, damit andere lachen konnten. Witze, die keine waren. Dieses Gefühl, beobachtet zu werden, als würde man darauf warten, dass ich irgendetwas tat, worüber man sich lustig machen konnte.
Und später… war es nicht besser geworden.
Ich hatte irgendwann aufgehört, mir einzureden, dass es nur am Sport lag.
Ich schob den Gedanken schnell beiseite, fast ein bisschen zu hastig, als wäre er mir selbst unangenehm.
„Er trainiert die Mannschaft“, erklärte jemand, dessen Namen ich nicht kannte.
„Ja“, sagte Isaac und nahm einen Schluck Bier. „Seit ein paar Jahren.“
Tom, der gerade ein Glas polierte, mischte sich wieder einmal in das Gespräch ein. „Die Jugendmannschaft vom Dorfverein.“
Peter nickte zustimmend. „Mein Neffe spielt dort. Der vergöttert Nick.“
Ich sah zwischen ihnen hin und her und nahm noch einen Schluck Bier. Was genau tat dieser Mann eigentlich nicht?
Isaac schien meine Gedanken beinahe erraten zu haben, denn er grinste leicht. „Nick hat früher selbst gespielt“, erklärte er. „Ziemlich gut sogar.“
„Semiprofessionell“, warf Tom ein.
Peter fügte hinzu: „Er hätte wahrscheinlich weiterspielen können. Aber irgendwann hat er sich für die Tierarztpraxis entschieden. Rugby ist trotzdem noch seine große Leidenschaft. Die Praxis auch, doch die ist auch sein Beruf, aber Rugby … das lässt er sich nicht nehmen.“
Isaac fuhr mit dem Finger über den Rand seines Glases. „Nick hält sich gern beschäftigt.“ Er machte eine kleine Pause, als würde er überlegen, wie viel er sagen sollte. „Seit letztem Jahr sogar noch ein bisschen mehr.“
Peter nickte langsam, sagte aber nichts dazu.
Tom stellte das Glas ab und sah kurz zur Tür. „Training müsste bald vorbei sein.“ Er wischte mit einem Tuch über die Theke. „Er kommt danach meistens noch hier vorbei.“
Isaac grinste. „Wenn es nicht wieder irgendwo zufällig ein Dach zu reparieren gibt.“
„Oder irgendwas mit Leitungen“, murmelte Tom. „Bei dem, was hier alles so rumzickt.“
„Kein Wunder nach dem Stromausfall gestern“, warf jemand von weiter hinten ein. Am anderen Ende des Raumes wurde ein Stuhl verrückt. „Sag ich doch! Das Gemeindehaus war komplett lahmgelegt!“
„So schlimm war es auch wieder nicht“, widersprach sofort jemand anderes. Tom schüttelte hinter der Theke nur den Kopf. Isaac beugte sich wieder etwas näher zu mir. „Siehst du, wie schnell sich hier die Themen abwechseln? Gestern warst du das Thema Nummer eins. Gerade eben war es Nick und jetzt steht wieder der Stromausfall im Mittelpunkt.“
Dann sah er sich um. Ich folgte seinem Blick durch den Raum. Er hatte recht. Menschen redeten durcheinander. Jemand erzählte eine Geschichte. Jemand anderes lachte so laut, dass mehrere Köpfe sich umdrehten. Es fühlte sich lebendig an. Es war eine Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die zusammenhielt. Die über andere Bewohner sprach, die über mich sprach, aber die auch wusste, wann es genug war und die immer genug Themen fand, um die Abende im Pub zu füllen.
Und ohne dass ich genau sagen konnte, wann es passiert war, hatte ich aufgehört, mich wie ein Fremder zu fühlen.
Isaac schien das zu bemerken, denn er stieß mit seinem Glas leicht gegen meines. „Willkommen im Dorf!“
Ich hob mein Glas ebenfalls.
Genau in diesem Moment rief jemand quer durch den Raum meinen Namen.
„Charlie!“ Die Stimme kam vom anderen Ende des Raumes. Ich drehte mich um.
Mrs. Bennett stand ein paar Tische weiter und winkte mir mit erstaunlicher Energie zu. Neben ihr saßen zwei ältere Damen, die mich neugierig musterten, als wäre ich ein neuer Programmpunkt des Abends.
Isaac grinste bereits. „Du bist jetzt offiziell Teil des Dorfes“, murmelte er.
„Woran erkenne ich das?“, wollte ich skeptisch wissen.
„Die Leute rufen deinen Namen quer durch den Pub“, lachte er.
Ich musste ebenfalls lachen und hob kurz mein Glas in Mrs. Bennetts Richtung. Sie nickte zufrieden, als wäre damit alles Wichtige erledigt und wandte sich wieder ihrem Gespräch zu.
Die Unterhaltung um uns herum lief inzwischen weiter, als hätte es nie eine Pause gegeben. Am Nachbartisch wurde immer noch über die Elektrik im Gemeindehaus diskutiert. Jemand versuchte zu erklären, wie eine Sicherung funktionierte, während ein anderer überzeugt war, dass es daran definitiv nicht gelegen hatte.
Ich hörte nur mit halbem Ohr zu. Es war seltsam. Vor einer Stunde noch hatte ich mir vorgestellt, wie ich hier stehen würde, unsicher, fehl am Platz, ständig darauf bedacht, nicht im Weg zu stehen. Jetzt war ich einfach … hier. Nicht im Mittelpunkt. Niemand beobachtete mich. Niemand erwartete etwas von mir. Die Gespräche sprangen von Thema zu Thema, so schnell, dass man kaum hinterherkam. Gerade noch hatten sie über die Elektrik gesprochen, jetzt ging es plötzlich um das Dorffest im letzten Sommer.
Ich merkte erst, dass mein Glas leer war, als Tom wortlos ein neues vor mich auf den Tresen stellte.
„Oh“, sagte ich überrascht.
Tom zuckte nur mit den Schultern. „Ist hier so üblich.“
Isaac verkniff sich ein Grinsen. „Du hast die ersten Beiden ziemlich schnell geleert. Hattest es wohl nötig, hm?“
Ich blinzelte auf das neue Glas hinunter. Tatsächlich konnte ich mich kaum daran erinnern, wann ich genau das letzte Mal daraus getrunken hatte. „Ich glaube, ich war abgelenkt“
Isaac lachte leise. „Foxley kann das!“
Ein Dartpfeil klackte gegen die Scheibe und ein Raunen ging durch den Pub, klang aber schnell wieder ab. Das folgende Stimmengewirr hatte etwas Gleichmäßiges, fast Beruhigendes. Ein warmes Rauschen aus Gesprächen, Lachen und dem gelegentlichen Klirren von Glas.
Ich nahm einen weiteren Schluck Bier. Das leichte, angenehme Gefühl in meinen Schultern hatte sich inzwischen ausgebreitet. Nicht betrunken, nicht einmal wirklich beschwipst … eher so, als hätte mein Körper endlich beschlossen, sich zu entspannen.
Isaac lehnte neben mir an der Theke.
„Also“, sagte er schließlich „dein erster Pubabend in Foxley.“
Ich sah mich noch einmal um. „Ich hatte ehrlich gesagt Schlimmeres erwartet.“
Isaac hob leicht eine Augenbraue. „Inwiefern schlimmer?“
Ich zuckte mit den Schultern, suchte kurz nach den richtigen Worte. „Mehr ... Chaos, glaube ich. Lauter. Unübersichtlicher.“ Ich machte eine kleine Handbewegung in Richtung des Raumes. „So, dass man das Gefühl hat, sofort wieder gehen zu wollen.“
Ein leichtes, kaum erkennbares Schmunzeln erschien auf seinem Gesicht. „Mit zu vielen Menschen?“
Ich atmete leise durch und nickte. „Ja. Vor allem das“, sagte ich. „Zu viele Menschen auf einmal.“
Ich betrachtete einen Moment lang die Menschen um uns herum. Es waren viele. Aber es waren nicht zu viele. Und sie wirkten so entspannt, zufrieden und … glücklich. Wie selbstverständlich sie sich bewegten, miteinander redeten, lachten. Jeder schien jeden zu kennen.
Mir wurde bewusst, dass das hier das erste Mal seit Monaten war, dass ich in einem Pub stand, ohne mich unwohl zu fühlen.
Der Gedanke traf mich unerwartet.
Für einen Moment war ich wieder in London. Ein anderer Pub, andere Stimmen, andere Gesichter. Ben stand neben mir an der Bar, ein Arm lässig auf den Tresen gestützt, während seine Freunde laut über irgendeine Geschichte lachten. Ich hatte versucht, mich in das Gespräch einzubringen, hatte ein paar Sätze gesagt, die im Lärm einfach untergingen. Niemand hatte reagiert. Die Gespräche waren über mich hinweg gelaufen, als wäre ich gar nicht wirklich da. Ben hatte es nicht einmal bemerkt. Oder vielleicht hatte er bemerkt und es war ihm egal gewesen.
Einmal hatte er sogar einen Witz über mich gemacht, irgendetwas darüber, dass ich „der schüchterne Freund“ sei, der wahrscheinlich lieber zu Hause mit einem Buch auf dem Sofa sitzen würde. Alle hatten gelacht. Ich hatte mitgelacht, weil ich nicht wusste, was ich sonst hätte tun sollen.
So hatten sich Pubabende für mich angefühlt. Laut. Oberflächlich. Und irgendwie einsam.
Ich blinzelte und sah wieder in den Raum um mich herum. Isaac stand neben mir, Tom zapfte Bier, Mrs. Bennett diskutierte inzwischen mit jemandem über Bäume auf dem Friedhof. Immer wieder prostete mir jemand zu. Niemand ignorierte mich. Niemand machte sich über mich lustig. Ich war einfach … Teil der Raumes. Und während ich weiter darüber nachdachte, nahm ich noch einen Schluck aus meinem Glas, ohne zu merken, dass es längst das Vierte war.
Isaac beobachtete mich kurz von der Seite. „Du bist gerade sehr still geworden.“
„Ich denke nur nach“, gab ich entschuldigend zurück.
„Das klingt gefährlich“, meinte er nur, während er die Augenbrauen hochzog.
Ich bewegte meinen Kopf hin und her, so als müsste ich etwas abwägen. „Nur ein bisschen, würde ich sagen.“
Isaac nahm einen Schluck aus seinem Glas. „Und? Zu welchem Schluss bist du gekommen?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Ich glaube…“ Ich suchte kurz nach den richtigen Worten. „Ich glaube, ich fühle mich hier gerade wohler, als ich gedacht hätte.“
Isaac grinste. „Das ist ein gutes Zeichen. Ich freue mich sehr, dass du mitgekommen bist.“
Ein paar Minuten später stellte ich fest, dass mein Glas schon wieder leer war. Ich stellte es auf die Theke. „Ich glaube, ich sollte langsam gehen.“
Isaac sah überrascht auf. „Schon?“
„Der Buchladen öffnet morgen wieder.“ Ich sah auf die Uhr. Es war bereits nach Mitternacht. Ich musste in wenigen Stunden wieder aufstehen.
„Das ist eine wirklich langweilige Ausrede“, meinte Isaac nur, als wäre das überhaupt kein Grund.
„Das ist eine sehr realistische Ausrede. Ich brauche meinen Schönheitsschlaf“, fügte ich mit einem Grinsen hinzu.
Als ich mich umdrehte und nach meiner Jacke griff, drehte sich der Raum kurzzeitig ein bisschen und ich hielt mich am Tresen fest. Glücklicherweise hielt das Gefühl nur kurz an.
Notiz an mich: vier Bier sind drei Bier zu viel!
Isaac lachte. „Na gut. Findest du den Weg allein oder soll ich doch begleiten?“ Kurz dachte ich, dass er es ernst meinte, doch dann sah ich die Belustigung in seinem Blick. Ich war kurz davor, ihm wie ein fünfjähriges Kind die Zunge herauszustrecken, konnte mich jedoch im letzten Moment davon abhalten.
„Ich kriege das hin. Bis morgen?“
Statt einer Antwort nickte er nur.
Tom hob kurz die Hand, als ich mich verabschiedete. „Tschüss Charlie. Komm bald wieder mal vorbei.“
„Mach ich“, sagte ich und winkte zurück.
Mrs. Bennett und Peter Lawson hoben noch einmal ihre Gläser in meine Richtung.
Ich wandte mich zu Isaac. Er stand noch immer an der Theke, ein Ellbogen locker auf dem Holz abgestützt, das halb leere Glas in der Hand.
„Danke übrigens“, sagte ich.
Er sah mich fragend an. „Wofür?“
„Dass du mich überredet hast.“
Isaac zuckte leicht mit den Schultern. „Jemand musste dich ja aus dem Buchladen herauslocken.“
Ich lachte leise. Für einen Moment standen wir einfach da. Dann sah Isaac mich kurz an, ein bisschen ernster als vorher. „Es ist gut“, sagte er schließlich, „dass du hier bist.“
Ich blinzelte überrascht. Er nahm noch einen kleinen Schluck aus seinem Glas. „Foxley kann manchmal… klein sein.“ Ein leichtes Grinsen kehrte in sein Gesicht zurück. „Tut ganz gut, wenn mal jemand Neues auftaucht.“
Ich nickte langsam. „Das hoffe ich.“
Isaac hob sein Glas leicht in meine Richtung. „Bis morgen, Buchhändler.“
Ich grinste. „Bis morgen.“
Die kühle Nachtluft draußen tat gut und fühlte sich frisch an, nachdem es im Pub so warm gewesen war. Foxley war inzwischen ruhig geworden. Die Fenster der Häuser leuchteten weich im Dunkeln und irgendwo in der Ferne hörte ich einen Hund bellen.
Ich blieb kurz vor der Buchhandlung stehen. Mein Laden. Ink saß bereits auf der Stufe und sah mich an, als hätte sie genau gewusst, dass ich bald zurückkommen würde.
„Na?“, murmelte ich und beugte mich zu ihr. Ich musste mich kurz an der Wand abstützen, um nicht umzukippen. Vertrug ich tatsächlich so wenig?
Ink stupste meine Hand mit der Nase an und ich streichelte ihr über den Rücken. „Hattest du einen schönen Abend? Meiner war … überraschend gut. Anders als erwartet.“ Sie antwortete nicht. Warum konnten Katzen eigentlich nicht sprechen? Das würde doch vieles einfacher machen.
Mit einer Hand immer noch an der Wand stand ich wieder auf, sperrte die Türe auf und ging direkt die Treppe zu meiner Wohnung hinauf. Ich war müde. Ich war angetrunken. Aber ich war auch glücklich. Der Abend war deutlich besser verlaufen, als ich erwartet hatte.
Ich füttere Ink und zog mich um. Auf dem Rückweg aus dem Badezimmer machte ich am Fenster halt.
Der Pub lag direkt gegenüber. Ich betrachtete den warmen Lichtschein, der aus den Fenstern auf den Dorfplatz fiel. Beinahe konnte ich das Stimmengewirr bis hier oben hören.
Gerade wollte ich mich vom Fenster wegdrehen, als sich unten eine Bewegung bemerkbar machte. Eine Gestalt kam über den Dorfplatz. Der Mann lief mit ruhigen, langen Schritten über das Pflaster, als würde er den Weg im Halbdunkel längst auswendig kennen. Im Licht der Laterne konnte ich nur grob seine Umrisse erkennen: groß, breite Schultern, die Hände tief in den Taschen seiner Jacke. Er überquerte den Platz ohne zu zögern und steuerte direkt auf den Pub zu. Kurz bevor er die Tür erreichte, fiel der warme Lichtschein aus dem Inneren auf sein Gesicht, aber aus der Entfernung konnte ich nicht mehr erkennen als einen flüchtigen Eindruck von hellen Haaren.
Die Tür öffnete sich. Lachen und Stimmen schwappten für einen Moment nach draußen. Und noch bevor der Mann ganz im Licht verschwand, rief jemand laut aus dem Inneren: „Nick!“
Der Mann hob kurz die Hand zum Gruß. Dann verschwand er im warmen Licht des Pubs.
Ich blieb einen Moment am Fenster stehen. Das musste der Tierarzt sein. Der Mann, von dem heute Abend offenbar jeder im Pub eine Geschichte zu erzählen gehabt hatte. Der Tierarzt, der Dächer reparierte, Zäune richtete und nebenbei eine Rugby-Mannschaft trainierte. Irgendwie beeindruckte mich das.
„Nick“, wiederholte ich leise. Der Name blieb einen Moment in der Stille des Zimmers hängen.
Dann zog ich den Vorhang ein Stück zu, löschte das Licht und ließ den Dorfplatz draußen langsam wieder still werden.
Notes:
"Der Tierarzt, der Dächer reparierte, Zäune richtete und nebenbei eine Rugby-Mannschaft trainierte. Irgendwie beeindruckte mich das." Tja, Charlie, wenn du wüsstest ;-)
Lasst gerne wieder Feedback, Anregungen und Wünsche da und natürlich auch Kudos.
Chapter 8: Zwischen Zweifeln und Geschichten
Summary:
Charlie hat erneut Zweifel, ob das mit dem Laden funktionieren wird, doch Isaac kann ihn beruhigen. Außerdem erfährt Charlie einige neue Dinge, sowohl über Isaac als auch über Foxley. Und es gibt Kuchen.
Notes:
(See the end of the chapter for notes.)
Chapter Text
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, brauchte ich einen Moment, um zu verstehen, warum mein Kopf sich anfühlte, als hätte jemand über Nacht ein kleines Schlagzeug darin aufgebaut.
Ich öffnete ein Auge. Das Licht, das durch das Fenster meiner kleinen Wohnung über dem Buchladen fiel, war viel zu hell für diese Uhrzeit. Irgendwo draußen hörte ich Schritte auf dem Pflaster und das entfernte Klappern von Geschirr aus dem Pub gegenüber.
Ink saß auf meiner Brust. Natürlich.
„Guten Morgen“, murmelte ich heiser.
Die Katze blinzelte mich mit der ruhigen Selbstverständlichkeit eines Wesens an, das offenbar eine deutlich bessere Nacht gehabt hatte als ich.
Langsam setzte ich mich auf. Mein Kopf protestierte sofort.
Der Pubabend kam in kleinen, leicht verschwommenen Bildern zurück. Stimmen. Gelächter. Isaac, der mir ein Glas zuschob. Tom, der plötzlich ein neues Bier vor mich stellte, obwohl ich mir ziemlich sicher gewesen war, gerade erst eins bekommen zu haben.
Und irgendwann später das Fenster meiner Wohnung. Der Dorfplatz. Ein Mann, der über das Pflaster ging.
Nick.
Ich rieb mir das Gesicht.
„Großartig“, murmelte ich.
Ink sprang vom Bett und verschwand Richtung Küche, vermutlich mit der festen Überzeugung, dass es längst Zeit für Frühstück war. Da es bereits kurz vor 8 war, putzte ich mir nur die Zähne und zog mich an, bevor ich ohne zu frühstücken mit langsamen Schritten nach unten in den Laden lief. Der Raum empfing mich mit seinem vertrauten Geruch. Sonnenlicht fiel durch das große Fenster und legte helle Streifen auf den Boden. Ich kniff die Augen leicht zusammen. Warum musste ausgerechnet heute die Sonne besonders hell scheinen?
Für einen Moment blieb ich einfach stehen und sah mich um. Mein Laden. Der Gedanke fühlte sich immer noch ein wenig unwirklich an.
Ich machte Kaffee, setzte mich hinter den Tresen und wartete. Ganz langsam fühlte ich mich besser. Der Kaffee half etwas.
Der Morgen verging langsam. Ein älterer Mann kam kurz herein, um eine Zeitung zu kaufen und eine Frau blieb am Schaufenster stehen, betrachtete die Auslage und ging dann wieder weiter.
Danach wurde es still. Sehr still.
Ich nahm ein Buch vom Stapel neben der Kasse, schlug es auf und merkte nach zwei Seiten, dass ich keine Ahnung hatte, worum es ging.
Mein Blick fiel auf mein Handy. Mehrere neue Nachrichten. Der Name des Chats ließ mein Herz für einen Moment schneller schlagen. Der Gruppenchat mit Tao und Elle, meinen besten Freunden.
Chaos Trio.
Der Name war irgendwann während unserer Schulzeit entstanden. Tao hatte ihn nach einem besonders chaotischen Projekttag erstellt, an dem wir es geschafft hatten, gleichzeitig die Bibliothekarin zu verärgern, unseren Geschichtslehrer zu verwirren und den Feueralarm auszulösen. Seitdem hatte niemand mehr ernsthaft darüber nachgedacht, ihn zu ändern.
Ich öffnete den Gruppenchat. Ich sah die neueste Nachricht von Tao.
Tao:
Also… lebt der Buchladen noch?
Darunter ein Foto. Tao und Elle saßen offenbar irgendwo in einem Café, beide mit einem Getränk in der Hand. Elle grinste breit in die Kamera, während Tao so tat, als würde er das Ganze nur widerwillig mitmachen.
Du fehlst hier übrigens, hatte Elle darunter geschrieben.
Ich scrollte ein Stück durch unseren Chat. Seit meiner Abreise war ein ganzer Monat vergangen.
Die Unterhaltung seitdem war mal umfangreicher gewesen, mal knapper. Kleine Nachrichten hier, Fotos da, kurze Updates aus London. Vieles davon hatte ich gelesen, manches nur überflogen. Ich scrollte weiter. Sah die ersten Nachrichten nach meiner Ankunft.
Tao:
Bist du gut angekommen???
Elle:
Schick Bilder vom Laden!!
Darunter ein Foto von einem Tisch am Fenster ihres Lieblingscafés. Zwei Kaffeetassen. Der Stuhl ihr gegenüber leer.
Elle:
Tao behauptet, dein Platz gehört jetzt offiziell ihm.
Meine Antworten darunter wirkten plötzlich erstaunlich kurz.
Ich:
Bin gut angekommen.
Ich:
Der Laden ist schön.
Ich:
Viel zu tun gerade.
Ich blickte einen Moment auf die Worte. Die Wahrheit war, dass ich einfach nicht genau gewusst hatte, was ich sagen sollte. Alles fühlte sich noch zu neu an, zu unfertig, um es wirklich erklären zu können.
Wie beschreibt man jemandem, dass man sein ganzes Leben in ein paar Kartons gepackt hat und plötzlich in einem Dorf sitzt, das man vorher nicht einmal dem Namen nach gekannt hatte?
Ich legte das Handy langsam wieder auf den Tresen.
Für einen Moment dachte ich an London.
An mein altes Büro im Verlag. An den langen Tisch im Lektorat, an dem sich Manuskriptstapel türmten. An Tage, an denen ich stundenlang Texte gelesen hatte, Randnotizen gemacht, E-Mails beantwortet und versuchte hatte herauszufinden, ob aus einer Geschichte vielleicht irgendwann einmal ein richtiges Buch werden könnte.
Es war chaotisch gewesen. Laut. Manchmal anstrengend. Aber ich hatte gewusst, was ich tat.
Hier dagegen… Ich sah mich im Laden um.
Die Regale standen ordentlich. Die Bücher waren sortiert. Alles sah genauso aus, wie ich es mir vorgestellt hatte.
Nur die Tür blieb still.
Ein Gedanke schob sich langsam in meinen Kopf. Was, wenn die erste Woche einfach nur Neugier gewesen war? Ein neuer Laden. Ein neuer Besitzer. Und jetzt?
Ich lehnte mich im Stuhl zurück und starrte zur Tür.
Was, wenn es nicht funktionierte…
Der Gedanke ließ sich nicht mehr ganz verdrängen.
Wenn es nicht funktionierte, könnte ich vielleicht einfach zurückgehen.
Der Verlag hatte immer Leute gebraucht. Ich könnte vielleicht eine Mail schreiben, mich entschuldigen, irgendetwas von „persönlicher Auszeit“ erzählen. Vielleicht würde man mich wieder einstellen. London war groß genug für zweite Chancen.
Und für einen Moment tauchte noch ein anderer Gedanke auf.
Ben.
Er hatte den Verlag immer geliebt. Die Partys, die Veranstaltungen, die Autorenabende. Er hatte sich dort sofort wohlgefühlt, während ich manchmal das Gefühl gehabt hatte, immer ein bisschen zu leise für diese Welt zu sein.
Ich schob den Gedanken schnell wieder zur Seite. Das hier hatte nichts mehr mit Ben zu tun.
Ich sah wieder auf mein Handy.
Tao hatte noch eine Nachricht geschickt.
Tao:
Also wirklich. Wenn du nicht bald antwortest, kommen wir einfach vorbei.
Ein kleines Lächeln huschte über mein Gesicht. Das würde ihnen ähnlich sehen.
Ich antwortete knapp, dass es mir gut gehe und ich mich bald wieder melden würde. Dann legte das Handy weg und sah wieder durch den Laden.
Ink sprang auf den Tresen, setzte sich neben mich und betrachtete mich mit ruhiger Gelassenheit.
„Das ist bestimmt normal“, sagte ich zu ihr.
Die Katze blinzelte. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich sie überzeugen wollte oder mich selbst.
Der restliche Tag lief glücklicherweise etwa besser. Es kamen immer wieder Menschen, von denen manche etwas kauften, andere, die nur stöberten. Doch sie kamen. Ich war etwas beruhigt.
Die nächsten Tage verliefen ähnlich. Manchmal kamen mehrere Kunden hintereinander. Dann wieder lange niemand.
An einem Nachmittag verkaufte ich fünf Bücher in einer Stunde und dachte kurz, dass vielleicht doch alles funktionieren würde.
Am nächsten Tag aber kam bis zum frühen Nachmittag überhaupt niemand.
Ich saß hinter dem Tresen, sortierte Bücher, schrieb Notizen, räumte Dinge um, die eigentlich gar nicht umgeräumt werden mussten.
Und irgendwann kamen die Zweifel wieder.
Was, wenn diese ganze Idee einfach nur… eine ziemlich romantische Vorstellung gewesen war?
Ich lehnte mich im Stuhl zurück und starrte zur Tür. Ink legte den Schwanz um ihre Pfoten und beobachtete mich.
„Das ist bestimmt nur eine ruhige Woche“, sagte ich, um mich zu beruhigen.
Ink blinzelte langsam.
Das Glöckchen über der Tür klingelte. Ich sah sofort auf. Für einen kurzen Moment hoffte ich automatisch auf eine ganze Gruppe Kunden, die plötzlich den Laden füllen würde.
Stattdessen trat Isaac herein.
Er blieb direkt hinter der Tür stehen, sah sich kurz im Raum um und zog dann eine Augenbraue hoch.
„Du siehst aus“, sagte er langsam, „als würdest du gerade versuchen, das Alphabet neu zu erfinden.“
Ich lehnte mich im Stuhl zurück. „Dir auch einen Guten Morgen.“
„Eher Mittag“, korrigierte er.
Ich sah kurz auf die Uhr hinter der Theke. „Oh.“ Irgendwie fühlte sich der Tag noch sehr jung an.
Er warf einen kurzen Blick durch den Laden, der an diesem Nachmittag wieder ungewöhnlich still wirkte. „Ruhiger Tag heute?“
Ich nickte beunruhigt und erschöpft vom Nichtstun. „Kann man so sagen.“
Isaac lehnte sich mit dem Rücken gegen ein Regal.
„Foxley funktioniert anders als London.“
Ich sah ihn an.
Isaac nickte in Richtung der stillen Tür.
„Manche Tage sind leer“, sagte er ruhig. „Und andere plötzlich voll. Die Leute hier laufen nicht einfach ständig in Läden rein.“ Er verschränkte die Arme. „Die müssen erst merken, dass etwas wieder da ist.“
Ich dachte einen Moment darüber nach. Vielleicht hatte er recht. Vielleicht sollte ich mir nicht so viele Gedanken machen. Schließlich war der Laden ja vor mir auch gelaufen. Leider ließ sich mein Kopf davon nicht so leicht überzeugen.
„Willst du einen Kaffee?“ fragte ich schließlich.
Isaac grinste. „Gerne. Jetzt kommen wir langsam zu Sache.“
Ich verschwand kurz in den kleinen Raum hinter dem Tresen. Die Küche war kaum mehr als eine Arbeitsplatte, eine Spüle und der kleinen Kaffeemaschine.
Als ich mit zwei Tassen zurückkam, hatte Isaac sich bereits an den Platz am Fenster gesetzt.
Ink hatte sich natürlich sofort auf seinen Schoß gelegt.
„Verräterin“, murmelte ich.
Isaac nahm die Tasse entgegen und bedankte sich. „Sie hat eben Geschmack.“
Wir saßen eine Weile einfach nur da.
Er blätterte durch ein Buch aus dem Regal neben sich, ich sortierte ein paar Titel auf dem Tisch neu und versuchte so zu tun, als wäre das eine absolut notwendige Tätigkeit.
Die Ruhe fühlte sich plötzlich nicht mehr ganz so schwer an.
Isaac sah wieder zu mir. „Also“, sagte er. „Was ist los?“
„Nichts.“ Ich wollte … ich konnte ihm nicht von meinen Zweifeln erzählen. Glücklicherweise schien er das zu akzeptieren, denn er fragte nicht weiter nach.
„Das hier“, sagte er nach einer Weile und deutete mit der Tasse auf den Laden, „ist ein ziemlich guter Ort für Kaffee.“
Für einen Moment sagte keiner von uns etwas. Durch das Fenster fiel helles Licht auf die Holzdielen. Ink lag zusammengerollt auf der Fensterbank und schlief.
„Du bist übrigens erstaunlich oft hier“, sagte ich schließlich.
Isaac blickte von seinem Buch auf. „Stört dich das?“
„Nein“, sagte ich schnell. „Ich wundere mich nur ein bisschen.“
Er lächelte leicht.
„Ich unterrichte Englisch an der Schule in Haworth“, erklärte er. „Die meisten Tage bin ich mittags fertig.“
Ich hob eine Augenbraue. „Du bist Lehrer?“ Das hatte ich nicht erwartet. Um ehrlich zu sein, hatte ich mir bisher keine Gedanken darüber gemacht, was Isaac beruflich machen könnte, doch Lehrer wäre einer der letzten Berufe, auf die ich gekommen wäre.
Isaac verzog entschuldigend das Gesicht. „Leider.“ Doch so ganz ernst schien er das nicht zu meinen.
Ich musste lachen. „Du klingst irgendwie … nicht so richtig begeistert.“
„Doch, eigentlich bin ich das schon. Ich liebe meinen Job“, sagte er. „Aber täglich knapp 30 Kindern immer wieder das Gleiche zu erklären, gleichzeitig Zuhörer, Aufmunterer, Tröster, Gesprächspartner, Streitschlichter, Vermittler und Aufpasser zu sein, kostet Kraft.“
Er schnaubte leise.
„Und erst heute hat ein Kind mitten im Unterricht beschlossen, dass es eine sehr gute Idee wäre, einen Papierflieger quer durch den Raum zu werfen“, fuhr er fort. „Was an sich schon genug gewesen wäre.“
Ich grinste leicht.
„Das Problem war nur, dass sich ein zweites Kind sofort angesprochen fühlte, zurückgeworfen hat und innerhalb von zwei Minuten plötzlich die halbe Klasse damit beschäftigt war, möglichst kreative Flugbahnen zu testen.“
Ich musste lachen. „Und du mittendrin?“
Isaac hob leicht die Schultern. „Ich habe versucht, ihnen zu erklären, dass das kein offizieller Teil des Unterrichts ist“, sagte er trocken. „Was erstaunlich wenig Eindruck gemacht hat.“
Ich schüttelte den Kopf, immer noch schmunzelnd. „Und trotzdem liebst du deinen Job?“
Er nickte, diesmal ohne zu zögern.
„Ja“, sagte er. „Genau deswegen eigentlich. Es ist anstrengend, aber… es passiert immer irgendetwas. Und manchmal gibt es diese Momente, in denen plötzlich jemand etwas versteht oder sich traut, etwas zu sagen, was er sich vorher nicht zugetraut hätte.“
Er nahm noch einen Schluck Kaffee und blätterte gedankenverloren eine Seite seines Buches um. „Das gleicht den Rest meistens wieder aus. Was aber mein größter Ausgleich ist, sind Bücher. Deshalb halte ich mich einfach gerne hier auf.“
„Und hier“, fügte er hinzu, „gab es monatelang keinen Buchladen. Nach einem stressigen Tag brauche ich das Lesen einfach zum Abschalten. Das Stöbern und gemütlich hier zu sitzen hat mir gefehlt.“
Er sah sich kurz im Raum um. „Jetzt geht das alles wieder. Und außerdem gibt es jetzt einen Buchladenbesitzer, dessen Gesellschaft ich schätze.“
Isaac lächelte mich an. Ich freute mich darüber, dass er nicht nur froh darüber war, dass der Laden wieder geöffnet hatte, sondern dass es auch ein Stück weit mit mir zu tun hatte. Denn mir ging es ähnlich. Isaac war, ohne dass mir es bewusst gewesen war, meine erste richtige Bezugsperson in Foxley geworden. Ich würde ihn noch nicht als Freund bezeichnen, aber das konnte sich ja noch ändern. Isaac war auf jeden Fall eine dieser Personen, die ich gerne zu meinen Freunden zählen würde.
Wir saßen eine Weile einfach da. Isaac las, ich sortierte ein paar Bücher. Der Laden war ruhig, aber die Stille fühlte sich diesmal weniger schwer an.
Irgendwann klingelte die Tür erneut. Diesmal trat Mrs. Bennet ein. In der Hand trug sie eine Kuchenplatte, sorgfältig mit einem karierten Tuch bedeckt.
„Ah“, sagte sie zufrieden, „gut, dass ich euch beide hier antreffe.“
„Mrs. Bennet“, sagte ich überrascht.
Sie stellte die Platte mit einem zufriedenen Ausdruck im Gesicht auf den Tresen und zog das Tuch zurück. Darunter lag ein Apfelkuchen, der noch leicht warm roch.
„Man kann schließlich nicht erwarten, dass ein junger Mann einen Buchladen führt und den ganzen Tag arbeitet, ohne etwas Ordentliches zu essen.“
Isaac richtete sich ein wenig auf und grinste.
„Ich komme eindeutig immer zum richtigen Zeitpunkt.“
Mrs. Bennett schmunzelte. „Bleib ruhig sitzen“, sagte sie dann zu ihm. „Der Kuchen ist groß genug. Charlie hast du Teller und Gabeln hier im Laden?“
Ich verschwand kurz in der kleinen Küche und holte Teller und Gabeln aus dem Schrank. Als ich zurückkam, hatte Ink bereits entschieden, dass der Tresen der beste Beobachtungsposten für diese Situation war.
Mrs. Bennet schnitt ein paar Stücke ab, während Isaac seinen Stuhl demonstrativ näher Richtung Tresen zog.
„Es ist schön, hier wieder Stimmen im Laden zu hören“, sagte sie glücklich lächelnd.
Genau in diesem Moment klingelte die Tür erneut. Lucy Lawson schob sich vorsichtig durch die Tür. Sie blieb einen Moment stehen und sah sich im Laden um, bis sie mich entdeckte.
„Hallo.“
„Hallo, Lucy.“
Sie kam ein paar Schritte näher und hielt ihr Buch hoch. Es war der Band mit dem Drachen, den sie sich beim letzten Besuch ausgesucht hatte.
„Ich brauche den nächsten.“
Ich musste lächeln. „Schon durch?“
Sie nickte sehr ernst. „Gestern Abend.“
Isaac lachte leise. „Das nenne ich Einsatz.“
Ich ging zum Regal mit der Fantasyreihe und zog den nächsten Band heraus. Lucys Augen leuchteten sofort. „Ja! Der! Und ich möchte noch ein bisschen schauen, was ich als nächsten lesen kann, wenn ich die ganze Reihe beendet habe.“
Isaac und ich sahen uns an, während Lucy zielstrebig den Gang entlang lief und ihren Blick über die Buchrücken wandern ließ.
„Sie ist definitiv deine beste Kundin.“
Ich stimmte Isaac mit einem Kopfnicken zu.
Nach einer Weile kam Lucy zu uns zurück. Während sie ihr Buch fest an sich drückte, war Ink vom Tresen gesprungen und kam zu uns herüber. Lucy hockte sich sofort hin, um sie zu streicheln.
„Hallo, Ink.“
Die Katze ließ sich mit königlicher Gelassenheit kraulen. Lucy betrachtete sie einen Moment aufmerksam.
„Die hatte mal eine kaputte Pfote“, sagte sie dann.
Ich blinzelte. „Wirklich?“
„Ja“, sagte Lucy. „Letzten Winter.“
Mrs. Bennet nickte bestätigend. „Sie war ein paar Tage verschwunden.“
Lucy streichelte weiter über das graue Fell. „Nick hat sie wieder hingekriegt.“
„Der Tierarzt?“ fragte ich.
Lucy nickte begeistert. „Er hat ihre Pfote verbunden und gesagt, sie soll nicht so tun, als wäre sie ein Tiger.“
Isaac grinste.
Ink sah aus, als hätte sie zu dieser Darstellung eine sehr klare Gegenmeinung.
Lucy stand schließlich wieder auf, legte das neue Buch auf den Tresen und bezahlte glücklich.
Als sie mit dem Buch unter dem Arm wieder hinauslief, blieb die Tür einen Moment offen. Ein warmer Luftzug wehte durch den Laden, brachte das kleine Glöckchen noch einmal zum Klingen und trug für einen Augenblick die Geräusche vom Dorfplatz hinein. Dann fiel die Tür wieder ins Schloss.
Mrs. Bennet nahm noch einen letzten Bissen von ihrem Kuchen, tupfte sich sorgfältig die Finger an einer Serviette ab und sah sich zufrieden im Laden um.
„Es fühlt sich wieder richtig an“, sagte sie schließlich.
„Was genau?“ wollte ich wissen.
„Dass hier wieder Bücher stehen. Dass die Regale wieder gut gefüllt sind, meine ich. In den letzten Jahren hat man Mr. Hargreaves angemerkt, dass er … naja, dass er eben alt wurde. Er konnte sich nicht mehr so um den Laden kümmern, wie er es gerne getan hätte.“
Ich nickte. So etwas hatte ich schon vermutet. Mir waren nach meiner Ankunft schnell vielen Kleinigkeiten aufgefallen, die zu lange nicht erledigt worden waren.
Mrs. Bennett erhob sich langsam. Isaac stand ebenfalls auf und brachte seine Tasse in die kleine Küche zurück.
„Ich sollte weiter“, sagte Mrs. Bennet. „Sonst glaubt noch jemand, ich hätte nichts Besseres zu tun, als den ganzen Tag im Buchladen zu sitzen.“
Isaac grinste. „Das wäre ja schrecklich.“
Sie schüttelte amüsiert den Kopf und ging zur Tür. Bevor sie hinausging, drehte sie sich noch einmal um. „Der Kuchen bleibt natürlich hier.“
„Das hoffe ich“, sagte Isaac sofort.
„Lasst ihn euch schmecken!“, ergänzte sie, während die liebevoll den Kopf schüttelte.
Isaac grinste zurück. „Dafür werde ich höchstpersönlich sorgen!“
Das konnte ich mir vorstellen. Wahrscheinlich gab es heute gar keine Chance mehr, Isaac aus dem Laden zu bekommen.
„Die Platte hole ich in den nächsten Tagen ab“, sagte Mrs. Bennett noch und schon war sie verschwunden.
Nach einem weiteren Stück Kuchen verabschiedete Isaac sich dann doch und wünschte mir einen schönen Abend, nicht ohne zu erwähnen, dass der Kuchen sich ja problemlos bis morgen halten würde.
Das Glöckchen an der Tür klingelte noch einmal und dann war er fort. Der Laden wurde still. Aber diesmal war es eine andere Art von Stille. Nicht mehr ganz so schwer wie am Vormittag.
Ich räumte die Teller und Gabeln zusammen und stellte sie in die kleine Küche. Als ich zurückkam, hatte Ink sich wieder auf dem Tresen zusammengerollt und beobachtete mich mit halb geschlossenen Augen.
„Du hattest heute einen erfolgreichen Tag“, sagte ich zu ihr.
Die Katze blinzelte langsam.
Ich begann, ein paar Bücher zurück in die Regale zu stellen. Lucy hatte eine kleine Spur hinterlassen – ein paar Bände standen quer, andere lagen noch auf dem Tisch.
Auch ein paar andere Bücher hatten im Laufe des Tages ihren eigentlich Platz verlassen. Ich schnappte mir alle und brachte sie in die entsprechenden Regale zurück.
Während ich sie wieder einsortierte, fiel mir im Regal mit den lokalen Büchern ein schmales Buch auf, das zwischen zwei dickeren Bänden eingeklemmt war. Der Einband war dunkelgrün und deutlich älter als die meisten Bücher im Regal. Die Ecken waren leicht abgestoßen.
Ich zog es heraus. Auf dem Rücken stand in verblasster Schrift: Die Geschichte von Foxley
Ich setzte mich mit dem Buch an den Tisch am Fenster und schlug es auf. Die ersten Seiten waren vergilbt und auf der ersten Seite stand eine handgeschriebene Widmung.
Für die Menschen von Foxley – damit sie nicht vergessen, woher sie kommen.
Darunter ein Datum.
1948.
Ich setzte mich mit dem Buch ans Fenster. Auf Isaacs Platz. Ich musste lachen. Ich sollte ihm tatsächlich einen Sessel besorgen.
Ink hob kurz den Kopf, schien zu überlegen, ob sie sich zu mir gesellen sollte, entschied sich dann aber doch, liegen zu bleiben.
Ich schlug das Buch auf. Die Schrift wirkte altmodisch, fast ein wenig feierlich. Die ersten Seiten erzählten von Hügeln, von alten Wegen zwischen den Tälern und von einer kleinen Siedlung, die vor vielen Jahrzehnten langsam zu einem Dorf geworden war.
Und irgendwann, ein paar Seiten später, stieß ich auf eine Überschrift.
Der Ursprung des Namens Foxley
Ich rückte im Sessel ein Stück näher ans Fenster und begann zu lesen.
Die Hügel rund um das heutige Dorf Foxley waren schon lange bewohnt, bevor der Ort seinen heutigen Namen trug. Früher standen hier nur wenige Steinhäuser, verstreut entlang eines alten Handelswegs, der sich durch die Täler der Yorkshire Dales zog.
Die Menschen, die hier lebten, hielten Schafe, bestellten kleine Felder und kannten einander beim Namen. Fremde kamen selten und wenn doch, blieb ihr Besuch meist nicht lange in Erinnerung.
Eine Geschichte jedoch hat sich bis heute gehalten.
Im Winter des Jahres 1812 soll ein besonders harter Sturm über die Hügel gezogen sein. Schnee fiel mehrere Tage lang und die wenigen Wege zwischen den Häusern waren kaum noch zu erkennen. Die Menschen blieben in ihren Häusern, warteten auf besseres Wetter und hofften, dass ihre Tiere die Kälte überstehen würden.
Am dritten Morgen nach dem Sturm entdeckte ein Hirte auf der Anhöhe über dem Dorf eine ungewöhnliche Spur im Schnee.
Sie führte nicht von den Häusern weg, sondern auf sie zu.
Die Spur gehörte einem Fuchs.
Der Fuchs soll in jener Nacht zwischen den Höfen umhergestreift sein, ohne ein einziges Tier zu reißen. Stattdessen lief er immer wieder denselben Weg entlang – von Haus zu Haus, von Stall zu Stall – als würde er nach dem Rechten sehen.
Am Ende soll er auf der alten Steinmauer am Rand der Siedlung gestanden haben und einen Moment lang ins Tal geblickt haben, bevor er im Schnee verschwand.
Ob die Geschichte wahr ist, lässt sich heute nicht mehr sagen.
Aber von diesem Winter an begannen die Menschen in den umliegenden Tälern, die kleine Siedlung auf dem Hügel „Fox’s Ley“ zu nennen – die Lichtung des Fuchses.
Im Laufe der Jahre wurde aus dem Namen schließlich das Dorf, das wir heute kennen.
Foxley.
Ich blätterte langsam weiter.
Auf einer der nächsten Seiten entdeckte ich eine kleine Zeichnung. Ein Fuchs saß auf einer Steinmauer und blickte über ein Tal, das entfernt an die Landschaft um Foxley erinnerte.
Darunter stand in verblasster Tinte nur ein einziges Wort.
Foxley.
Ich lehnte mich leicht zurück.
Die Lichtung des Fuchses.
Mein Blick wanderte durch den Laden. Zum Schild über der Tür.
The Paper Fox.
Irgendwie fühlte sich dieser Name plötzlich noch ein kleines bisschen richtiger an.
In dieser Nacht schlief ich schnell ein.
Und irgendwo zwischen den Bildern des Tages tauchte er wieder auf. Der Fuchs. Er saß auf der Steinmauer, genau wie es in dem Buch beschreiben war. Regungslos, aufmerksam. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, er würde mich ansehen. Nicht prüfend. Eher… als würde er mich einfach bemerken. Als würde ich dazugehören. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war dieses Bild immer noch da und ließ mich den ganzen Tag nicht mehr los.
Notes:
Fox's Ley - die Lichtung des Fuchses 🥰
Ich freue mich wie immer über Feedback, Anregungen, Wünsche und Kudos.
Chapter 9: Zwischen Pfoten und Begegnungen
Summary:
Charlie schreibt mit seinen Freunden, Ink verletzt sich und Isaac holt mal einfach schnell den Tierarzt.
Notes:
(See the end of the chapter for notes.)
Chapter Text
In Foxley schien niemand etwas dagegen zu haben, dass ein Buchladenbesitzer mittags auch einmal essen musste. Die meisten Menschen kamen ohnehin entweder vormittgas oder erst später am Tag vorbei, oft auf dem Heimweg vom Bäcker oder vom Postamt.
Daher drehte ich ein paar Tage später, an einem ruhigen Nachmittag, gerade das kleine Schild an der Tür wieder von Geschlossen auf Geöffnet, als mein Handy in der Tasche vibrierte.
Ich zog es heraus. Chaos Trio. Neue Nachrichten blinkten auf.
Tao:
Extrem wichtige Frage: Gibt es in deinem Dorf überhaupt Bubble Tea oder muss ich dir welchen per Post schicken?
Ich lachte leise. Das war so typisch Tao. Ich liebte diese Mischung aus Übertreibung und ehrlicher Sorge, die nur er so hinbekam.
Elle:
Ignorier ihn. Tao glaubt immer noch, dass London der Mittelpunkt des Universums ist.
Tao:
Ist es auch.
Darunter tauchte noch eine weitere Nachricht auf.
Elle:
Charlie, wie läuft der Laden wirklich?
Ich lehnte mich kurz gegen den Türrahmen und sah hinaus auf den Dorfplatz. Foxley war an diesem Nachmittag so ruhig, dass man das Zwitschern der Vögel hören konnte. Vor dem Pub wurde gerade eine Kiste geliefert und irgendwo klapperte eine Tür im Wind.
Sehr anders als in London.
Der Chat auf meinem Handy war inzwischen weitergegangen.
Tao:
Und bevor du ausweichst: Wie viele Kunden hattest du heute?
Elle:
Tao!
Tao:
Was? Ich stelle nur investigative Fragen.
Ich musste lächeln.
Für einen Moment tauchte eine Erinnerung auf, so plötzlich und klar, dass ich sie fast riechen konnte.
Wir drei an unserem alten Tisch in der Schulbibliothek. Tao mit einem Stapel Bücher vor sich, die er eigentlich gar nicht lesen wollte. Elle, die versuchte, konzentriert an einer Zeichnung zu arbeiten, während Tao gleichzeitig irgendeine völlig absurde Theorie über unseren Mathelehrer entwickelte.
Und ich irgendwo dazwischen, halb lachend, halb verzweifelt.
Damals hatte Tao einmal behauptet, wir würden später alle völlig unterschiedliche Leben führen.
„Du landest bestimmt irgendwann in irgendeinem kleinen Buchladen“, hatte er zu mir gesagt.
Ich hatte gelacht. Es hatte sich damals so absurd angehört.
Jetzt stand ich tatsächlich in einem kleinen Buchladen in einem Dorf in den Yorkshire Dales.
Ich tippte eine Antwort.
Ich:
Der Laden lebt noch. Und ich auch.
Kurz darauf erschien die kleine Anzeige, dass Tao bereits wieder tippte.
Ich steckte das Handy jedoch zurück in meine Tasche, bevor seine Antwort auftauchte. Ich war noch nicht bereit, mehr über mein neues Leben zu schreiben.
Ink saß draußen auf der kleinen Stufe vor der Tür und blinzelte in die milde Frühlingsluft, als würde sie den Laden bewachen.
Die Sonne stand inzwischen höher über dem Dorfplatz und fiel warm durch das große Schaufenster des Paper Fox.
Ich hatte die Tür einen Spalt offen gelassen, damit die milde Frühlingsluft hereinkam. Von meinem Platz hinter dem Tresen konnte ich Ink sehen, während ich eine Liste mit neuen Bestellungen durchging.
„Du bewachst also den Laden“, murmelte ich.
Ink blinzelte träge in meine Richtung und legte den Kopf wieder auf ihre Pfoten.
Der Nachmittag begann ruhig. Genau so ruhig, wie man es sich von einem kleinen Dorfbuchladen vielleicht vorstellte.
Gerade setzte ich einen Haken hinter den nächsten Titel auf meiner Liste, als plötzlich ein scharfes Bellen die Luft durchschnitt.
Ich sah auf.
Ein Hund lief am Laden vorbei, geführt von einem Mann aus dem Dorf, dessen Namen ich immer noch nicht ganz sicher wusste. Der Hund war groß, braun und offensichtlich der Meinung, dass Katzen eine äußerst aufregende Angelegenheit waren.
Ink bemerkte ihn scheinbar erst im letzten Moment.
Wie ein grauer Blitz schoss sie von der Stufe hoch und sprang durch die offene Tür zurück in den Laden.
Der Hund bellte noch einmal laut, wurde aber sofort vom Besitzer zurückgezogen.
„Alles gut, alles gut“, hörte ich ihn draußen sagen.
Die Tür schwang leicht nach.
Für einen Moment herrschte wieder Stille.
Dann bemerkte ich, dass Ink mitten im Raum stehen geblieben war.
„Ink?“
Ich trat hinter dem Tresen hervor.
Sie machte ein paar Schritte … und blieb wieder stehen. Etwas daran sah… falsch aus.
Ich kniete mich vorsichtig zu ihr herunter. „Hey.“
Ink sah mich an, blinzelte kurz und setzte eine Pfote auf den Boden. Sie zog sie sofort wieder zurück.
Mein Magen zog sich zusammen. „Oh nein.“
Genau in diesem Moment klingelte das Glöckchen über der Tür. Isaac trat herein. Er blieb stehen, sah mich auf dem Boden knien und dann die Katze.
„Was ist passiert?“, fragte er mir besorgter Stimme.
Ich sah vom Boden aus zu ihm hoch. „Ich glaube, sie hat sich die Pfote verletzt.“
Isaac kam näher und hockte sich neben mich. Ink ließ sich erstaunlich ruhig beobachten, während sie vorsichtig versuchte, ihr Gewicht zu verlagern.
„Der Hund draußen hat sie erschreckt“, erklärte ich.
Isaac nickte langsam. „Ja, das passiert.“
Ich sah ihn irritiert an. „Wie? Das passiert? Wie meinst du das?“
Er hob eine Augenbraue. „Sie ist eine Katze. Katzen verletzten sich hin und wieder. Dafür sind es Katzen geworden.“
Trotz meiner Sorge musste ich kurz lachen. Ich war ihm dankbar für diese Worte. Sie beruhigten mich ein Stück weit.
Isaac streckte vorsichtig eine Hand nach Ink aus, ließ sie aber erst einmal an ihm schnuppern. Dann sah er wieder zu mir. „Ich hole kurz Nick. Er soll sich das anschauen.“
Ich blinzelte. „Den Tierarzt?“ Hielt Isaac die Verletzung doch für so gravierend? Was, wenn Ink sich tatsächlich so stark verletzt hatte, dass sie große Schmerzen hatte. Was, wenn die Pfote gebrochen wäre? Ich stutzte einen Moment. Brachen sich Katzen ihre Pfoten? Mir wurde wieder einmal bewusst, wie wenig ich eigentlich über Katzen wusste.
Isaac richtete sich schon wieder auf. „Genau den.“
„Ist das nicht ein bisschen übertrieben?“, fragte ich mit der Hoffnung, dass Isaac mir zustimmen und versichern würde, dass die Verletzung doch nicht wirklich schlimm schien.
Isaac zuckte mit den Schultern. „Nick ist der Tierarzt im Dorf. Wenn ein Tier hinkt, schaut er eben kurz nach.“
Er ging zur Tür. „Ich bin gleich wieder da.“
Bevor ich noch etwas sagen konnte, war er schon draußen.
Ich blieb auf dem Boden sitzen und sah Ink an. Sie hatte sich inzwischen neben mich gesetzt und begann demonstrativ ihr Fell zu putzen, als wäre überhaupt nichts passiert.
„Du hättest auch einfach drin bleiben können“, sagte ich leise.
Ink antwortete nicht. Natürlich nicht.
Draußen hörte ich Isaacs Schritte über das Pflaster des Dorfplatzes verschwinden.
Ich seufzte. Und wartete. Vielleicht fünf Minuten. Vielleicht auch zehn. Die Zeit fühlte sich länger an, als sie vermutlich war.
Während Ink weiterhin so tat, als wäre überhaupt nichts passiert, musste ich unweigerlich an das denken, was ich bisher über diesen ominösen Tierarzt aus Foxley gehört hatte.
Nick.
Gefühlt hatte inzwischen jeder im Dorf irgendwann einmal seinen Namen erwähnt.
Nick hilft da kurz.
Nick schaut sich das an.
Nick repariert das Dach noch schnell.
Nick fährt später nochmal vorbei.
Es klang ehrlich gesagt ein bisschen so, als hätte Foxley beschlossen, einfach einen einzigen Mann für alles zuständig zu machen. Tierarzt. Handwerker. Problemlöser. Wahrscheinlich rettete er nebenbei noch Katzen von Bäumen und half älteren Damen über die Straße. Ich schnaubte leise bei dem Gedanken. Und trotzdem war ich neugierig.
Alle schienen ihn zu mögen. Und zwar nicht nur dieses höfliche Dorfmögen, bei dem man freundlich übereinander sprach, solange die Person in Hörweite war. Sondern echtes Mögen. Isaac offensichtlich auch. Das allein sagte irgendwie schon genug aus.
Ich strich Ink vorsichtig über den Rücken. Sie schnurrte sofort, als würde sie demonstrativ beweisen wollen, dass sie eigentlich kerngesund war und das hier alles eine riesige Überreaktion meinerseits sei.
„Wenn du gleich vollkommen normal herumläufst, blamiere ich mich übrigens bis ans Ende meines Lebens“, murmelte ich leise.
Ink schnurrte unbeirrt weiter. Sie hatte sich inzwischen neben mich auf den Boden gesetzt, hielt ihre verletzte Pfote nun aber immerhin leicht in der Luft und beobachtete mich mit diesem gelassenen, beinahe vorwurfsvollen Blick, den Katzen offenbar perfektioniert hatten.
„Ich weiß“, murmelte ich. „Das war nicht meine beste Idee, die Tür offen zu lassen.“
Ink antwortete nicht. Sie begann stattdessen erneut, ihr Fell zu putzen.
Das Glöckchen über der Tür klingelte. Ich sah auf. Isaac trat zuerst ein. Und direkt hinter ihm blieb jemand in der Tür stehen. Für einen kurzen Moment stand er einfach nur dort, halb im Licht des Nachmittags, halb im Schatten des Ladens. Ich erkannte ihn sofort. Nick. Er war größer, als ich ihn in Erinnerung gehabt hatte. Breite Schultern, dunkelblondes, leicht rötliches Haar, das ein wenig zerzaust aussah, als hätte er sich gerade erst durch den Wind draußen gekämpft. Seine Jacke war noch halb offen und an seinen Händen klebten kleine Spuren von Erde oder Staub, als hätte Isaac ihn direkt von irgendeiner Arbeit weggeholt.
Er ließ den Blick kurz durch den Laden wandern. Dann blieb dieser kurz an mir hängen.
„Hi“
Seine Stimme war ruhig und warm. Freundlich.
Ich grüßte zurück. „Hi.“
Dann fiel sein Blick auf Ink.
„Da ist sie ja.“
Er legte seine Jacke auf den Tresen und kniete sich direkt neben uns auf den Boden, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. Das dunkle T-Shirt spannte sich leicht über seine Schultern, während Ink ihn aufmerksam beobachtete.
Ich stand auf, um ihm Platz zu machen.
„Na, du.“ Seine Stimme wurde automatisch ein bisschen leiser. „Was hast du denn angestellt?“
Er streckte die Hand aus, ließ sie aber kurz in der Luft verweilen, damit Ink selbst entscheiden konnte.
Die Katze schnupperte kurz … und ließ sich dann einfach auf die Seite fallen.
Nick lachte leise. „Meine kleine Dramaqueen.“
Er sprach mit ihr, als würde er mit einer alten Bekannten oder einem kleinen Kind reden.
Bevor er sie weiter streichelte, legte er zwei Finger kurz zwischen ihre Ohren und strich ihr sanft über ihre Stirn.
„Ganz ruhig“, murmelte er. Ink schnurrte sofort lauter.
Seine Hand strich vorsichtig über ihren Rücken, langsam, beruhigend, routiniert. Als hätte er alle Zeit der Welt.
Ich bemerkte, dass ich ihn beobachtete. Nicht absichtlich. Es passierte einfach. Die Art, wie er mit Ink sprach, war so ruhig und geduldig, dass selbst ich mich ein bisschen entspannter fühlte.
Isaac hatte sich inzwischen gegen den Tresen gelehnt und beobachtete die Szene mit diesem typischen, leicht amüsierten Ausdruck, den ich schon öfter an ihm gesehen hatte.
„Hund“, erklärte er kurz. Als schien das alles erklären. Mir wurde erneut bewusst, wie wenig ich eigentlich über das Leben mit einer Katze wusste.
Nick nickte. „Das dachte ich mir.“
Er ließ Ink vorsichtig wenige Schritte gehen und beobachtete, wie sie ihre Pfote aufsetzte. Ink humpelte ein kleines Stück.
Nick beugte sich ein wenig näher.
„Okay“, murmelte er leise. „Dann zeig mal her.“
Er hob Ink vorsichtig hoch, als würde sie kaum etwas wiegen und setzte sie auf seinen Schoß, um ihre Pfote besser sehen zu können. Dabei lehnte er sich ein Stück nach vorne.
Für einen Moment rutschte sein T-Shirt ein kleines Stück nach oben.
Ich schluckte.
Okay.
Das war… ein sehr gut gebauter Tierarzt.
Ich räusperte mich leise und sah schnell zu Ink.
Nick hatte davon offensichtlich nichts bemerkt. Er war völlig damit beschäftigt, die Pfote vorsichtig zwischen seinen Fingern zu drehen.
„Gefällt dir nicht, hm?“ sagte er ruhig.
Ink protestierte kurz mit einem empörten Maunzen.
„Ich weiß“, sagte Nick ruhig. „Mir auch nicht. Aber ich muss kurz schauen.“
Er drehte die Pfote erneut, drückte sanft an einer Stelle.
Ink zuckte leicht.
Nach einer Weile nickte Nick. „Nur verstaucht.“
Ich merkte, wie meine Schultern sich sofort entspannten. „Wirklich?“
Nick sah kurz zu mir auf. Das war der Moment, in dem sich unsere Blicke zum ersten Mal richtig trafen. Seine Augen waren heller, als ich erwartet hatte. Warm. Freundlich.
„Ja“, sagte er. „Nichts Ernstes.“
Er setzte Ink wieder vorsichtig auf dem Boden ab. Die Katze machte eine elegante Drehung, humpelte kurz und setzte sich dann neben meine Schuhe.
Nick richtete sich auf. „Du bist Charlie, oder?“
Ich blinzelte. „Ja … Charlie Spring.“
Er streckte mir die Hand hin. „Nick Nelson.“
Seine Hand war warm und fest, ein bisschen rau an den Fingern.
Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass mir mein eigener Name nicht mehr einfiel.
„Du bist der Tierarzt“, sagte ich schließlich brillant.
Großartig, Charlie!
Isaac lachte leise hinter uns.
Nick grinste. „So ist es.“
Er sah noch einmal zu Ink. „Lass sie heute ein bisschen ruhiger machen. Morgen sollte sie wieder halbwegs normal laufen.“
Ich nickte einfach nur. Dann fiel mir ein, dass ich vielleicht doch mit Worten antworten sollte. „Danke“, brachte ich schließlich über die Lippen.
Nick zuckte leicht mit den Schultern, als wäre das nichts Besonderes. „Sie gehört zum Laden.“
Er sagte das so selbstverständlich, dass ich einen Moment brauchte, um zu verstehen, was er meinte.
Isaac stieß sich vom Tresen ab. „Foxley wäre ziemlich beleidigt, wenn jemand der Ladenkatze nicht hilft.“
Nick lächelte nur kurz.
Dann sah er sich noch einmal im Laden um. Sein Blick blieb einen Moment länger an den Regalen hängen, dann am Tisch am Fenster. „Es ist schön geworden hier.“
Ich merkte, dass ich wieder lächelte. „Danke“, sagte ich erneut.
Für einen Moment war es still. Dann strich Nick Ink noch einmal über den Kopf. „Pass auf dich auf, ja?“
Ink antwortete mit einem entspannten Schnurren. Sie saß vor uns auf dem Boden und schien vollkommen zufrieden mit sich und der Welt zu sein, als wäre nicht gerade extra jemand gekommen, um sich ihre verletzte Pfote anzuschauen.
„Sie wird es überleben“, sagte Nick mit einem Schmunzeln in der Stimme.
„Danke“, sagte ich zum dritten Mal. Kannte mein Gehirn etwa keine anderen Worte mehr? „Auch für den spontanen Notfalleinsatz!“
Er nickte nur leicht, als wäre das nichts Besonderes gewesen.
Dann ging er zur Tür.
Für einen kurzen Moment blieb er noch stehen und drehte sich halb zu mir zurück. „Pass gut auf sie auf.“
„Mach ich“, antwortete ich.
Er lächelte kurz. Dann öffnete er die Tür. Das kleine Glöckchen klingelte leise, als er nach draußen trat. Dann fiel die Tür hinter ihm mit einem leisen Klicken wieder ins Schloss.
Und ich? Ich starrte sie einfach an.
Notes:
Endlich! 🤩
Feedback, Anregungen und Wünsche gerne wieder in die Kommentare. Und lasst gerne Kudos da.
Chapter 10: Die Sache mit dem Brot
Summary:
Charlie unterhält sich mit Isaac und Lucy, schreibt mit Tao und Elle und beschließt, die Sache mit Nick ab jetzt "ganz normal" anzugehen, was ... sagen wir ... mittelmäßig funktioniert.
Notes:
(See the end of the chapter for notes.)
Chapter Text
Oh mein Gott.
Was um alles in der Welt war das bitte gerade?
Ich stand immer noch mitten im Laden und dennoch fühlte ich mich, als hätte sich gerade irgendetwas in meiner Welt ein kleines Stück verschoben.
Ink saß neben meinen Füßen und putzte seelenruhig ihre Pfote, als wäre gerade überhaupt nichts Außergewöhnliches passiert. Ich sah sie an.
Ich atmete langsam ein. Und wieder aus.
Dann wanderte mein Blick automatisch wieder zur Tür, durch die Nick eben verschwunden war. Das kleine Glöckchen über dem Rahmen schaukelte noch ganz leicht nach, als hätte es ebenfalls noch nicht ganz entschieden, ob dieser Moment wirklich schon vorbei war.
Neben mir räusperte sich jemand. Ich zuckte leicht zusammen.
Isaac lehnte immer noch am Tresen und beobachtete mich. Sehr aufmerksam.
Ein paar Sekunden lang sagte er nichts. Dann hob sich langsam eine seiner Augenbrauen und dieses typische, leicht schiefe Grinsen erschien in seinem Gesicht.
„Also“, sagte er schließlich ruhig. Er verschränkte die Arme. „Ich nehme an, das war ein interessanter erster Eindruck von Nick.“
Ich blinzelte. „Was?“
Isaacs Grinsen wurde noch ein kleines bisschen breiter. „Nur eine Beobachtung.“
Ich spürte, wie meine Ohren warm wurden. „Ich weiß nicht, wovon du redest.“
„Natürlich nicht.“ Isaac nickte langsam. „Du hast ihn ja auch nur ungefähr fünf Minuten lang angestarrt.“
Ich sah ihn empört an. „Ich habe ihn nicht angestarrt.“ Mist!
Isaac betrachtete mich einen Moment lang. Dann zuckte er mit den Schultern.
„Wenn du das sagst.“
Ink miaute leise.
Ich hatte plötzlich das sehr unangenehme Gefühl, dass ich gerade von zwei Lebewesen gleichzeitig beurteilt wurde.
Isaac betrachtete mich noch einen Moment lang. Dann stieß er sich langsam vom Tresen ab.
„Mach dir nichts draus“, sagte er schließlich beiläufig.
Ich runzelte die Stirn. „Woraus?“
Isaac griff nach seiner Tasse, die noch auf dem Tisch stand und nahm einen kleinen Schluck, als würde er gerade über das Wetter sprechen.
„So geht’s den meisten beim ersten Mal mit Nick.“
Ich blinzelte. „Wie bitte?“
Isaac grinste. Nicht gemein. Eher… amüsiert. „Der Effekt ist ziemlich bekannt hier im Dorf.“
Ich starrte ihn an. „Ich hatte keinen Effekt.“ Was für ein Effekt sollte das bitte sein?
„Natürlich nicht.“ Er nickte ernsthaft. „Du bist nur plötzlich ganz schön still geworden.“
Ich öffnete den Mund. Schloss ihn wieder.
Isaac hob beschwichtigend beide Hände.
„Schon gut.“
Dann sah er kurz zur Tür hinüber, durch die Nick verschwunden war.
„Passiert ständig“, sagte er mit einem leichten Schulterzucken. „Nick merkt das meistens nicht mal.“
Das beruhigte mich… irgendwie überhaupt nicht.
Ich ließ mich auf den Stuhl neben dem Tisch fallen und fuhr mir durch die Haare.
Ink sprang sofort auf meinen Schoß, als wäre das ihr gutes Recht.
Isaac sah mich noch einen Moment lang an.
Dann schüttelte er leicht den Kopf und lächelte.
„Foxley wird dir gefallen“, sagte er ruhig.
Er blieb noch einen Moment stehen. Dann schob er sich vom Tresen ab und griff nach seiner Jacke, die über der Rückenlehne eines Stuhls hing.
„Also“, sagte er, während er sich langsam den Reißverschluss zuzog, „eine Sache wollte ich dich schon länger fragen.“
Ich sah auf und grinste ihn an. „Oh je. Sätze, die so beginnen, verheißen meistens nichts Gutes.“
Isaac grinste kurz. „Keine Sorge. Nichts Dramatisches.“
Er nickte in Richtung Fenster, als würde draußen irgendwo die Antwort stehen.
„Du bist einfach… ziemlich weit weggezogen.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Das stimmt wohl.“
Isaac steckte die Hände in die Taschen. „Hast du eigentlich jemanden in London zurückgelassen?“
Die Frage traf mich unerwartet. Nicht hart. Aber genau an der Stelle, an der man sie am deutlichsten spürte. Für einen Moment sagte ich nichts.
Ink schnurrte leise auf meinem Schoß und rollte sich noch enger zusammen.
Ich sah aus dem Fenster, auf den kleinen Platz vor dem Laden. Ein paar Leute gingen vorbei. Jemand blieb kurz stehen, um mit jemand anderem zu reden. Ganz normale, ruhige Dorfszenen. Ganz anders als London. Ganz anders als früher.
„Freunde“, sagte ich schließlich.
Isaac nickte leicht. Er wartete.
„Tao und Elle“, fügte ich nach einem Moment hinzu.
Ein kleines Lächeln schlich sich auf mein Gesicht, obwohl ich gar nicht genau wusste, warum. „Wir haben zusammen studiert.“ Ich dachte an die Zeit zurück. Es war die beste Zeit meines bisherigen Lebens gewesen. Bei ihnen hatte ich hatte ich sein können. Musste mich nicht verstecken, nicht verstellen.
Isaac lehnte sich wieder ein Stück gegen den Tresen. „Klingt nach guten Leuten.“
„Sind sie auch. Sie sind die Besten!“ bestätigte ich nickend.
Mein Blick blieb wieder am Fenster hängen. Tao und Elle waren nicht die einzigen, die ich zurück gelassen hatte.
Für einen Moment sah ich wieder einen Abend vor mir. Ein kleiner Pub in London. Viel zu laut. Viel zu voll. Ben, der irgendwo zwischen seinen Freunden stand und lachte. Ich daneben. Irgendwo am Rand.
Ich blinzelte einmal und schob das Bild wieder weg.
Isaac sagte nichts.
Er sah mich nur an, mit diesem ruhigen Blick, den er manchmal hatte, wenn er merkte, dass jemand noch nicht alles erzählen wollte. Und das war irgendwie… angenehm.
„Und sonst?“, fragte er schließlich leicht.
Ich zuckte mit den Schultern. „Sonst bin ich einfach hier.“ Ich wollte nicht über Ben sprechen. Selbst, wenn ich gewollt hätte … es war noch zu frisch. Der Schmerz noch zu präsent. Ich schon den Gedanken an Ben wieder weit weg.
Isaac nickte langsam. Dann lächelte er. „Nicht die schlechteste Entscheidung.“
Ink schnurrte zustimmend.
Und zum ersten Mal seit einer Weile hatte ich das Gefühl, dass er vielleicht recht haben könnte.
Die Türglocke klingelte noch einmal leise, als Isaac den Laden verließ. Dann wurde es wieder still.
Ich blieb einen Moment lang einfach sitzen.
Ink schnurrte auf meinem Schoß, vollkommen zufrieden mit der Welt, während draußen jemand über den Dorfplatz ging und irgendwo in der Ferne eine Autotür zufiel.
Foxley war leise.
Nicht diese gedrückte, unangenehme Stille, die man manchmal in der Stadt spürte, wenn plötzlich alle Geräusche verschwanden. Es war eher eine ruhige Stille. Eine, die einfach da war.
Ich strich Ink gedankenverloren über den Rücken. Mein Blick wanderte durch den Laden. Die Regale. Der kleine Tisch am Fenster. Die alte Kasse auf dem Tresen.
Mein Laden.
Dieser Gedanke fühlte sich immer noch ein bisschen unwirklich an.
Und dann kam ein anderer Gedanke. Ganz plötzlich.
Ich würde ihn wiedersehen.
Nick.
Nicht sofort vielleicht. Nicht heute. Aber irgendwann. Foxley war klein. Und er war der Tierarzt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich unsere Wege wieder kreuzen würden, war ungefähr so hoch wie die Wahrscheinlichkeit, dass Mrs. Bennet morgen wieder im Laden auftauchte. Also ziemlich sicher.
Ich lehnte mich ein Stück im Stuhl zurück.
Warum beschäftigte mich das so? Er sah gut aus, ja. Und er war freundlich und hilfsbereit. Doch ich kannte ihn nicht. Vielleicht suchte mein Kopf einfach nach einer Ablenkung von Ben? Etwas, auf das er sich konzentrieren konnte? Ja, so musste es sein.
Ink öffnete kurz ein Auge, als wollte sie prüfen, ob ich noch da war.
„Keine Sorge“, murmelte ich leise und kraulte sie hinter den Ohren. „Ich gerate schon nicht in Panik.“
Ink blinzelte.
Ich atmete langsam aus. Und beschloss, dass ich beim nächsten Mal ganz normal reagieren würde. Ganz ruhig. Ganz erwachsen. Nicht so wie eben.
Ich sah zur Tür. Und musste plötzlich lachen.
„Ja klar“, murmelte ich. „Ganz normal.“
Ink schnurrte weiter. Ich hatte das sehr vage Gefühl, dass sie mir kein Wort glaubte.
Der restliche Tag ging schneller vorbei, als ich erwartet hatte.
Irgendwann hatte ich die Kasse gezählt, ein paar Bücher wieder an ihren Platz gestellt und das kleine Schild an der Tür umgedreht.
Geschlossen.
Draußen wurde der Dorfplatz langsam ruhiger. Stimmen verklangen, irgendwo knirschte noch einmal Kies unter Schritten, dann senkte sich diese typische Foxley-Stille über den Platz.
Ich schloss die Tür ab und ging die schmale Treppe nach oben in meine Wohnung.
Ink folgte mir, wie sie es fast jeden Abend tat. Sie humpelte noch leicht, doch es schien sie nicht weiter zu stören.
Oben war es warm. Ich ließ mich auf das Sofa fallen. Ink sprang sofort neben mich.
Für einen Moment starrte ich einfach nur an die Decke. Der Tag lief noch einmal in meinem Kopf ab.
Der Hund.
Ink.
Isaac.
Und dann…
Nick.
Ich schloss kurz die Augen. Es war wirklich absurd. Ich kannte diesen Mann ungefähr fünf Minuten. Und trotzdem schaffte es mein Gehirn, immer wieder zu genau diesem Moment zurückzuspringen.
Die Art, wie er mit Ink gesprochen hatte. Diese ruhige Stimme. Die Finger zwischen ihren Ohren, um sie zu beruhigen.
Ich setzte mich auf und fuhr mir durch die Haare.
„Hör auf damit“, murmelte ich zu mir selbst.
Ink hob kurz den Kopf, als würde sie prüfen, ob sie gemeint war.
„Nicht du“, sagte ich schnell.
Ich griff nach meinem Handy. Der Gruppenchat mit Tao und Elle war ganz oben.
Chaos-Trio.
Tao hatte vor ein paar Stunden eine Nachricht geschickt.
Tao:
Ich habe heute versucht zu kochen.
Darunter ein Foto. Eine Pfanne. Etwas Schwarzes darin.
Elle hatte darunter geschrieben:
Elle:
Wir bestellen jetzt Pizza.
Ich musste lachen. Meine Finger schwebten einen Moment über der Tastatur.
Dann tippte ich:
Ich:
Gute Entscheidung.
Drei Punkte erschienen sofort.
Tao antwortete:
Tao:
Du lebst noch.
Ich lächelte. Gott, ich vermisste die beiden so sehr.
Ich:
Gerade so. Ich vermisse euch.
Ich legte das Handy neben mich auf den Tisch.
Ink rollte sich inzwischen zu einer grauen Kugel zusammen und schnurrte leise.
Ich sank wieder ins Sofa.
„Und du“, murmelte ich in Richtung Decke, „denkst jetzt einfach nicht mehr darüber nach.“
Ink schnurrte zustimmend.
Ich schloss die Augen. Beim nächsten Mal würde ich ganz normal reagieren. Ganz ruhig. Ganz erwachsen. Nicht so wie heute.
Mit diesem festen Vorsatz schlief ich irgendwann ein.
Ich wachte erst auf, als am nächsten Morgen Sonnenlicht durch das Fenster fiel. Für einen Moment wusste ich nicht, wo ich war. Dann kam langsam die Erinnerung, dass ich wohl auf dem Sofa eingeschlafen war.
Ink sprang vom Sofa und streckte sich ausgiebig. Ihre Pfote hob sie immer noch leicht schonend an, doch das Humpeln war deutlich schwächer geworden.
Ich setzte mich auf und streckte mich ebenfalls. Mein Nacken schmerzte und auch mein Rücken sagte mir eindeutig, dass es keine gute Idee war, die ganze Nacht auf dem Sofa zu verbringen.
Der Gedanke an gestern flackerte kurz wieder auf.
Nick.
Ich schob ihn sofort wieder beiseite. Was sollte das? Warum ließ mein Gehirn diesen Gedanken nicht verschwinden. Brauchte es so dringend eine Ablenkung von Ben, dass es sich den ersten Mann aussuchte, der gut aussah und freundlich war?
„Es reicht jetzt“, murmelte ich. „Ab jetzt wird alles ganz normal.“
Ink sah mich skeptisch an. Ich starrte zurück.
Eine Stunde später stand ich unten im Laden.
Die Sonne schien warm durch das große Schaufenster und legte helle Streifen auf den Boden.
Ink hatte ihren Platz auf dem Fensterbrett eingenommen und beobachtete draußen die Straße.
Ich sortierte gerade ein paar Bücher ein, als die Türglocke klingelte.
„Hallo!“ Lucy kam herein.
Sie hatte einen Rucksack auf dem Rücken, der fast so groß war wie sie selbst.
„Guten Morgen, Lucy“, sagte ich.
Lucy blieb mitten im Laden stehen. Dann entdeckte sie Ink.
„Ink!“, rief sie begeistert.
Die Katze sprang sofort vorsichtig vom Fensterbrett und lief auf sie zu. Lucy kniete sich auf den Boden und begann sie zu streicheln. „Na, du.“
Ink schnurrte laut.
Lucy sah kurz zu mir hoch.
„Geht es ihr wieder gut? Papa hat mir erzählt, dass sie sich gestern verletzt hat.“
Neuigkeiten sprachen sich sichtlich schnell herum in Foxley.
„Ja“, sagte ich. „Nick meinte, sie soll sich heute ein bisschen ausruhen.“
Lucy nickte ernst. „Nick ist der Beste. Er hat Zauberhände.“
Ich musste lachen. „Hat er das?“
Lucy nickte überzeugt. „Er hat mal ein Lamm gerettet, dass sich in einem Zaun verfangen hatte. Papa meinte, dass das Lamm es nicht mehr lange überlebt hätte. Aber Nick hat ihm geholfen.“
Sie überlegte kurz. „Und meinem Kaninchen.“
Ich hob die Augenbrauen. „Du hast ein Kaninchen?“ Warum überraschte mich das nicht?
Lucy grinste. „Zwei!“
Dann stand sie auf und ging zu einem der Regale. „Ich brauche übrigens ein neues Buch.“
Ich verschränkte die Arme. „Schon wieder?“ Wie viel konnte ein Kind denn bitte lesen?
Lucy nickte. „Das andere habe ich gestern fertig gelesen.“
Ich starrte sie an. „Das hatte über dreihundert Seiten.“
Lucy zuckte nur mit den Schultern. „War gut.“
Ich seufzte theatralisch. „Ich fürchte, ich muss meine Bestellungen erhöhen.“
Lucy grinste breit.
Ink sprang zurück auf das Fensterbrett. Ich sah ihr zu und ließ dann meinen Blick durch den Laden schweifen. In diesem Moment fühlte sich alles genau so an, wie ich mir ein Leben in Foxley vorgestellt hatte. Ruhig. Ein bisschen chaotisch. Und überraschend… richtig gut.
Ein paar Tage später beschloss ich, dass ich etwas frische Luft brauchte.
Der Laden lief an diesem Vormittag ruhig und Isaac hatte mir irgendwann einmal erklärt, dass Foxley nach elf Uhr eine kurze Phase hatte, in der scheinbar das ganze Dorf gleichzeitig Kaffee trank oder Besorgungen machte.
Also hängte ich das kleine Schild an die Tür. Bin gleich zurück.
Ink sah mir vom Fensterbrett aus hinterher, als würde sie prüfen, ob ich auch wirklich wiederkommen würde.
„Ich hole nur Brot“, sagte ich.
Sie schien nicht überzeugt.
Draußen lag der Dorfplatz in warmem Frühlingslicht. Ein paar Menschen standen vor dem Pub und unterhielten sich, jemand fuhr langsam mit dem Fahrrad vorbei und aus der Bäckerei wehte der Geruch von frischen Brötchen über die Straße.
Ich schob die Tür auf.
Die Bäckerei war klein, aber gemütlich. Hinter der Theke stapelten sich Brote, Croissants und Gebäck und Mrs. Carter, eine der Verkäuferinnen in der Bäckerei, diskutierte gerade mit einem älteren Mann darüber, ob Rosinen im Brot eine gute Idee seien.
Ich stellte mich ans Ende der kurzen Schlange.
Und bemerkte erst ein paar Sekunden später, wer direkt vor mir stand.
Nick.
Er drehte sich genau in diesem Moment um. Unsere Blicke trafen sich. Für einen winzigen Moment vergaß mein Gehirn wieder, wie normales Verhalten funktionierte. Dann lächelte er.
„Hey“, sagte er.
„Hey.“
Er musterte mich kurz, freundlich. „Der Buchladen.“
Ich nickte. „Der Tierarzt.“
Einfallsreich, Charlie, wirklich einfallsreich. Er hat vor ein paar Tagen deine Katze behandelt.
Nick grinste. „Das bin wohl ich.“
Er lehnte sich ein wenig zur Seite, als wollte er prüfen, ob ich wirklich allein war. „Wie geht’s Ink?“
Ich blinzelte. „Gut. Ab und zu humpelt sie noch leicht. Aber es wird immer weniger. Sie hat die Verletzung inzwischen offenbar fast komplett vergessen.“
„Typisch Katze.“ Nick nickte zufrieden.
Die Schlange bewegte sich langsam vorwärts. Vor uns bestellte jemand ein Brot und zwei Croissants.
Nick hielt plötzlich eine riesige leere Tasche hoch. „Ich hoffe, du hast Zeit“, sagte er. „Ich muss ungefähr das halbe Regal leer kaufen.“
Ich sah die Tasche an und riss die Augen auf. „Was hast du vor? Eine eigene Bäckerei eröffnen?“
Nick lachte. Und dieses Lachen war… ansteckend.
„Rugby-Training“, erklärte er nach einer Weile. „Die Jungs glauben, dass sie schneller laufen, wenn sie vorher genug Zucker essen.“
Ich sah auf die Auslage mir den süßen Gebäckstücken. Alles sah so lecker aus, dass mir das Wasser im Munde zusammenlief.
„Das klingt wissenschaftlich absolut fundiert“, sagte ich.
Nick grinste. „Ich stelle keine Fragen. Ich sorge nur für Nachschub.“
Die Schlange rückte weiter. Ein paar Minuten später standen wir vorne an der Theke. Mrs. Carter sah Nick und schüttelte sofort den Kopf.
„Nicholas Nelson“, sagte sie. „Du willst mir nicht erzählen, dass du schon wieder fünfzig Zimtschnecken brauchst.“
Nick hob beschwichtigend die Hände. „Nur vierzig.“
Sie seufzte theatralisch. „Die Jungen werden eines Tages alle Zahnprobleme haben.“
Nick sah kurz zu mir. „Das wird dann das Problem des nächsten Tierarztes.“
Ich musste lachen.
Mrs. Carter sah mich jetzt genauer an.
„Du bist der neue Buchhändler“, stellte sie fest.
„Charlie“, bestätigte ich.
Sie nickte zufrieden. „Dein Laden gefällt mir.“
Dann wandte sie sich wieder Nick zu. „Und du hörst irgendwann auf, die halbe Bäckerei leer zu kaufen.“
Nick grinste frech. „Aber nicht heute!“
Er deutete auf die Auslage. „Vierzig Zimtschnecken, bitte.“
Mrs. Carter schüttelte den Kopf, begann aber trotzdem, das Gebäck in eine große Papiertüte zu packen, die Nick in seiner überdimensionierten Tasche verstaute. „Gut, dass ich mittlerweile immer extra viele Zimtschnecken vorbereite, wenn ihr Rugby-Training habt.“
Ich sah noch einmal auf die Zimtschnecken. „Eigentlich wollte ich nur Brot kaufen“, sagte ich. „Aber jetzt habe ich das Gefühl, ich verpasse etwas.“
Nick grinste. „Das tust du.“
Ich seufzte. „Gut. Dann nehme ich eine.“
Mrs. Carter schob mir kurz darauf eine kleine Tüte über den Tresen. Sie sah winzig aus im Vergleich zu der Großen von Nick, deren obere Ecke aus der Tasche herausschaute.
Kurze Zeit später standen wir wieder draußen auf dem Dorfplatz.
Nick balancierte die große Tasche voller Zimtschnecken auf einem Arm, als wäre sie erstaunlich leicht und alles andere als unhandlich.
„Ich sollte los“, sagte er. „Die Jungs warten.“
Dann sah er mich wieder an. „Aber schön, dich wiederzusehen.“
Ich nickte. „Ebenso.“
Nick ging ein paar Schritte rückwärts, als würde er das Gespräch noch nicht ganz beenden wollen. „Und falls Ink wieder Drama macht“, sagte er, „weißt du ja, wo du mich findest.“
„Ich habe das Gefühl, sie plant das absichtlich.“
Nick lachte wieder. „Dann passt sie perfekt hierher.“
Er hob kurz die Hand zum Abschied.
„Bis bald, Charlie.“
„Bis bald.“
Ich blieb noch einen Moment auf dem Platz stehen. Dann sah ich in meine eigene kleine Tüte. Eine einzelne Zimtschnecke. Ich blinzelte. Dann seufzte ich.
„Verdammt.“
Ich hatte das Brot vergessen.
Für einen Moment überlegte ich ernsthaft, einfach so zu tun, als wäre das mein Plan gewesen. Ich könnte einfach zurück in meinen Laden gehen, dachte ich. Niemand würde es merken. Ich könnte später behaupten, ich hätte nie Brot kaufen wollen.
Ich sah wieder auf die Zimtschnecke.
Das Problem war nur: Ich hatte Brot kaufen wollen. Und ich kannte mich gut genug, um zu wissen, dass ich spätestens heute Abend wieder hier stehen würde, weil ich ohne Brot schlecht planen konnte, was ich essen sollte. Außerdem war es irgendwie absurd. Ich hatte einen Buchladen gekauft, war in ein neues Dorf gezogen, führte Gespräche mit Tierärzten und Dorfbewohnern … und scheiterte jetzt daran, ein Brot zu kaufen.
Ich drehte mich halb zur Bäckerei. Vielleicht war es gar nicht so schlimm. Vielleicht würde Mrs. Carter gar nicht bemerken, dass ich gerade eben schon einmal hier gewesen war.
Ich sah noch einmal auf die Zimtschnecke und schnaubte. Nein. Das würde sie definitiv bemerken.
Ich atmete einmal tief durch. „Na gut“, murmelte ich. Dann ging ich zurück. Als ich die Tür der Bäckerei öffnete, klingelte das kleine Glöckchen wieder über meinem Kopf.
Drinnen war es deutlich ruhiger als noch vor wenigen Minuten. Die Schlange, die eben noch bis zur Tür gereicht hatte, war verschwunden. Der ältere Mann mit dem Rosinenbrot war offenbar gegangen und nur Mrs. Carter stand hinter der Theke und sortierte ein paar Brote neu ein.
Sie sah auf. Dann sah sie auf die kleine Tüte in meiner Hand. Langsam zog sich ein wissendes Lächeln über ihr Gesicht. „Brot vergessen?“
Ich blieb stehen. „Ist es so offensichtlich?“
Sie verschränkte die Arme. „Unsere Zimtschnecken haben schon viele Leute aus dieser Bäckerei gelockt.“
Ich sah kurz auf meine Tüte. „Das erklärt einiges.“
Mrs. Carter deutete mit dem Kopf zur Theke. „Also. Jetzt wirklich Brot?“
„Jetzt wirklich Brot.“
Während sie sich umdrehte, um ein Laib aus dem Regal zu holen, öffnete sich hinter mir die Tür. Ich drehte mich um. Ein Mann in einer grünen Jacke trat ein. Sein Gesicht war vom Wetter gegerbt und er nickte Mrs. Carter kurz zu, bevor sein Blick auf mir hängen blieb.
Er musterte mich einen Moment lang. Dann hellte sich sein Gesicht auf. „Ah.“ Er deutete leicht auf mich. „Der neue Buchladenbesitzer. Charlie, oder?“
Ich nickte. „Der bin ich.“
Er kam ein paar Schritte näher. „Meine Frau war vor ein paar Tagen bei dir.“
Ich überlegte kurz. Das hätte auf ziemlich viele Menschen zutreffen können. Der Mann schien meinen Gesichtsausdruck zu bemerken und grinste. „Die mit den zwei Kindern.“ Er machte eine kurze Pause. „Und der großen Tasche voller Bücher.“
Plötzlich erinnerte ich mich. Die beiden Kinder, die sich mitten auf den Boden gesetzt hatten, um Bilderbücher durchzublättern.
„Stimmt“, sagte ich. „Die kenne ich.“
Der Mann nickte zufrieden. „June und Max.“
Er deutete kurz mit dem Daumen über seine Schulter, als würden die beiden irgendwo draußen herumlaufen.
„Meine Frau meint, der Laden tut dem Dorf gut.“
Mrs. Carter stellte das Brot auf den Tresen.
„Das ist Charlie“, sagte sie nebenbei. „Unser neuer Buchhändler.“
Der Mann nickte und streckte mir sofort die Hand hin. „Paul. Freut mich, dich kennenzulernen.“
Ich schüttelte sie. Sein Händedruck war fest, aber freundlich.
Eigentlich sollte ich mittlerweile daran gewöhnt sein, dass man sich in Foxley duzte, auch wenn man sich noch nicht kannte, doch für meine Londoner Ohren hörte sich das irgendwie immer noch falsch an. Auch, dass man sich hier fast ausschließlich mit Vornamen ansprach, war für mich immer wieder irritierend. Mit manchen Bewohnern hatte ich schon einige Male gesprochen und kannte ihre Vornamen, doch wenn mich jemand nach einem Nachnamen fragen würde, wäre ich aufgeschmissen.
„Foxley braucht seinen Buchladen“, sagte Paul.
Er sah kurz zur Tür hinaus auf den Platz. „Und jemand, der ihn offen hält.“
Ich nahm das Brot entgegen.
Für einen Moment standen wir alle drei einfach da, in dieser kleinen Bäckerei, die nach warmem Teig und Kaffee roch, während draußen jemand über das Kopfsteinpflaster lief. Es war eine dieser einfachen Situationen, in denen nichts Besonderes passierte. Und trotzdem fühlte es sich plötzlich so an, als würde ich langsam immer mehr ankommen.
Paul griff nach seinem eigenen Brot.
„Und?“, fragte er dann. „Läuft der Laden?“
Ich nickte. „Besser als ich gedacht hätte.“
Mrs. Carter schnaubte leise. „Natürlich läuft er. Die Leute hier haben lange genug gewartet.“
Paul grinste. „Meine Frau hat schon eine Liste.“
Ich lachte. „Das beruhigt mich.“
Mrs. Carter sah mich an.
„Und du“, sagte sie, „pass auf, dass Nick dir nicht noch mehr Sachen verkauft, die du gar nicht kaufen wolltest.“
Ich spürte, wie mir die Hitze in die Ohren stieg und hob schnell die Tüte mit der Zimtschnecke ein kleines Stück an. „Zu spät.“
Sie lachte.
Ein paar Minuten später stand ich wieder draußen auf dem Dorfplatz. Diesmal mit Brot. Und einer Zimtschnecke. Was für ein Fortschritt.
Ich ging über das Kopfsteinpflaster zurück zum Laden.
Ink saß im Fenster. Als ich die Tür öffnete, sprang sie sofort vom Fensterbrett herunter und kam mir entgegen.
„Keine Sorge“, sagte ich und hob die Tüten ein wenig hoch. „Ich habe diesmal wirklich Brot.“
Ink sah zuerst das Brot an. Dann die Zimtschnecke. Und entschied sich offenbar sofort für die Zimtschnecke.
Ich lachte. Dann stellte ich die Tüten auf den Tresen und sah kurz durch das Fenster hinaus auf den Dorfplatz. Der Dorfplatz vor meinem Laden. In Foxley, das Dorf in dem ich nun lebte.
Vielleicht war Foxley doch keine schlechte Entscheidung gewesen.
Notes:
"Ganz normal ..." Klar Charlie, red dir das nur ein 😉
Chapter 11: Ein Stück mehr Foxley und Isaac
Summary:
Isaac zeigt Charlie die Steinmauer aus der Legende und seinen Lieblingsplatz. Dort öffnet sich Isaac Charlie gegenüber und Charlie erfährt wichtige Dinge über Isaac. Außerdem sieht Charlie etwas Interessantes, als er seinen Blick über Foxley schweifen lässt.
Notes:
(See the end of the chapter for notes.)
Chapter Text
Der Nachmittag im Buchladen war ruhig. Nicht ganz leer, aber ruhig genug, dass sich zwischen den wenigen Kunden immer wieder kleine Inseln der Stille bildeten.
Ich saß am kleinen Tisch beim Fenster, hatte ein Buch vor mir liegen und tat so, als würde ich lesen. In Wirklichkeit wanderte mein Blick immer wieder durch den Laden. Das Licht war warm, draußen zog langsam der Spätnachmittag auf und Ink lag zusammengerollt auf dem Fensterbrett wie eine graue Wolke mit Ohren.
Das Glöckchen über der Tür klingelte.
Ich sah nicht einmal wirklich auf.
„Du bist spät heute“, sagte ich.
Isaacs Stimme antwortete von der Tür aus, amüsiert: „Ich fühle mich geehrt. Du erkennst mich inzwischen am Klang der Glocke.“
Jetzt hob ich meinen Kopf doch. Isaac stand mit diesem vertrauten, leicht schiefen Grinsen im Eingang.
„Man gewöhnt sich an Dinge“, sagte ich schmunzelnd.
Er trat ein, schob die Hände in die Taschen seiner Jacke und ließ den Blick durch den Laden schweifen. Das tat er immer, fast automatisch, als würde er jedes Mal kurz überprüfen, ob noch alles an seinem Platz war.
Ink öffnete ein Auge, musterte ihn und beschloss offenbar, dass seine Anwesenheit akzeptabel war.
„Ich sehe, sie hat immer noch das Kommando“, bemerkte Isaac und nickte ihr zu.
„Ich habe aufgegeben, dagegen anzukämpfen“, sagte ich und stand auf. „Kaffee?“
Isaac nickte sofort. „Sehr gern.“
Ich verschwand kurz in der kleinen Küche hinter dem Tresen und kam ein paar Minuten später mit zwei Tassen zurück. Isaac hatte sich inzwischen an den Tisch beim Fenster gesetzt und betrachtete das Regal mit den lokalen Büchern, das direkt neben uns stand.
Als ich ihm die Tasse hinstellte, blieb sein Blick immer noch dort hängen.
„Interessiert dich dieses Regal?“, sagte ich.
Isaac nahm einen Schluck Kaffee. „Das mit den lokalen Büchern?“
Ich nickte.
„Natürlich interessiert mich das. Das ist das interessanteste Regal im ganzen Laden.“
Ich lachte leise. „Das wage ich zu bezweifeln.“
Isaac streckte den Arm aus und zog ein Buch ein Stück aus dem Regal. Ich erkannte sofort den Einband.
„Das hier“, sagte er, „ist älter als die meisten Häuser im Dorf.“
Ich setzte mich ihm gegenüber, nickte. „Das Buch über Foxley.“
Isaac hob eine Augenbraue. „Du hast es schon entdeckt.“
„Ich denke, ich hatte jedes Buch hier im Laden mindestens einmal in der Hand. Dieses hier hab ich vor ein paar Tagen gefunden.“
Ich lehnte mich leicht zurück und nahm ebenfalls einen Schluck Kaffee.
„Da steht diese Geschichte drin“, sagte ich nachdenklich. „Mit dem Fuchs.“
Isaac nickte langsam. „Der auf der Steinmauer gesessen haben soll.“
„Genau.“ Ich sah kurz zum Fenster hinaus auf den Dorfplatz. „Ich habe mich gefragt, ob diese Mauer wirklich existiert.“
Isaac lächelte leicht. „Das tut sie tatsächlich. Es ist zwar eine Legende, aber ich schätze, dass alle Legenden irgendwo ein Stück Wahrheit enthalten. Und außerdem gibt es Steinmauern ja irgendwie überall. Aber ich glaube, die aus der Geschichte ist auf den Hügeln hinter dem Dorf.“
Ich sah ihn überrascht an. „Wirklich?“
Er zuckte mit den Schultern. „Nicht weit von hier.“
Für einen Moment schwiegen wir. Isaac nahm noch einen Schluck Kaffee und ließ den Blick wieder durch den Laden gleiten. Kurz sah er zu der Uhr an der Wand, dann wieder zu mir.
„Hast du heute noch etwas vor?“
Ich sah ihn an. „Außer Bücher verkaufen?“
Isaac nickte leicht. „Ja, das meine ich.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Nicht wirklich.“
Isaac stellte seine Tasse ab. „Gut.“
Ich runzelte die Stirn. „Gut?“
Er schob sich vom Tisch weg und machte eine beiläufige Handbewegung, die ziemlich eindeutig bedeutete, dass ich ihm folgen sollte.
Ich verschränkte die Arme und sah ihn an. „Wohin gehen wir?“
Isaac grinste. „Du hast Foxley noch gar nicht richtig gesehen.“
Ich sah mich demonstrativ im Laden um. „Ich wohne immerhin hier. Und ich würde sagen, ich war definitiv schon überall.“
„M-mh.“ Isaac schüttelte den Kopf. „Das zählt nicht.“
Ich musste lachen. „Was genau zählt denn?“
Er zuckte mit den Schultern. „Die Hälfte dieses Dorfes liegt außerhalb des Dorfes.“
Ich überlegte kurz. Isaac unterbrach meine Gedanken, als hätte er meine Sorge gesehen. „Hier ist es keine Problem, wenn du mal eine Weile weg bist. Häng einfach das Schild in die Tür und jemand, der was kaufen möchte, kommt später wieder.“
Der Laden war gerade leer, das Nachmittagslicht lag ruhig auf den Holzdielen und Ink hatte sich wieder eingerollt. Es war einer dieser Momente, in denen nichts Dringendes passierte.
„Okay“, sagte ich schließlich und tat, was Isaac mir geraten hatte.
Ich schnappte mir meine Jacke und hängte das Schild an die Tür.
Bin gleich zurück.
Isaac nickte zufrieden. „Perfekt.“
„Du bist erschreckend penetrant für jemanden, der einfach Leute aus ihren Läden entführt.“
Isaac grinste. „Ich bin Lehrer. Ich muss penetrant sein.“
Ich schüttelte lachend den Kopf.
Ein paar Minuten später standen wir draußen auf dem Dorfplatz. Die Nachmittagssonne lag warm auf den Häuser und der Wind bewegte leicht die Schilder über den Geschäften.
„Also?“, fragte ich.
Isaac deutete die Straße entlang. „Da lang.“
Zuerst gingen wir durch die kleine Straße hinter dem Pub. Die Häuser wurden schnell weniger und bald führte der Weg zwischen niedrigen Steinmauern hindurch aus dem Dorf hinaus. Der Wind war stärker hier draußen. Es roch nach Gras, nach Erde und ein wenig nach Schafen.
„Ich wusste gar nicht, dass es hier so viele Wege gibt“, sagte ich nach einer Weile.
Isaac ging ein paar Schritte vor mir, während ich mich umsah und antwortete über die Schulter: „Es gibt mehr Wege als Straßen. Du kannst wochenlang jeden Tag spazieren gehen und trotzdem noch nicht alle Wege entdeckt haben.“
Der Pfad wurde schmaler und begann langsam anzusteigen. Wir gingen weiter zwischen Wiesen hindurch, an alten Steinmauern vorbei, die sich wie graue Linien durch die Landschaft zogen. Nach einer Weile deutete Isaac auf eine besonders alte Mauer. „Die da. Das ist sie.“
Ich sah sie mir genauer an. „Das ist die Mauer aus der Geschichte?“
Isaac nickte. „Zumindest behaupten das alle.“
Ich trat näher an die Mauer heran. Das Gestein war rau und ungleichmäßig, stellenweise von Moos überzogen. „Hier soll der Fuchs gesessen haben?“
Isaac zuckte mit den Schultern. „Vielleicht. Wie gesagt, es ist eine Geschichte. Aber ich kann mir schon sehr gut vorstellen, dass es hier war.“
Ich legte kurz die Hand auf den Stein. „Irgendwie komisch.“
Er sah mich fragend an.
„Weil ich die Geschichte gelesen habe und mir trotzdem nicht vorstellen konnte, dass dieser Ort wirklich existiert.“
Isaac lächelte. „Ja, so funktioniert Foxley manchmal. Komm, ich zeige dir noch mehr.“
Wir gingen weiter. Der Weg führte nun deutlich bergauf, über eine breite Wiese hinweg. Der Wind zog stärker über das Gras, das sich in langen Wellen bewegte.
Isaac führte, als wäre es selbstverständlich.
„Wohin gehen wir jetzt?“, fragte ich.
„Geduld, Buchhändler!“, war die einzige Antwort, die ich bekam.
Ich lachte und verschränkte die Arme. „Das klingt verdächtig.“
Isaac grinste nur und lief weiter. Der Weg führte weiter bergauf. Nicht steil, aber stetig.
Nach einer Weile, als wir nur noch von Wiesen und Feldern umgeben waren, fragte ich Isaac, wie lange wie noch laufen würden.
„Noch ein Stück“, antwortete er nur knapp.
„Das klingt nicht beruhigend.“ Ich kam mir vor wie ein kleines jammerndes Kind.
Isaac lachte. „Etwa eine halbe Stunde insgesamt. Vielleicht ein bisschen mehr.“
Meine Augen wurden groß. Jetzt war ich tatsächlich das jammernde Kleinkind. „Eine halbe Stunde?“ Ich blieb stehen. „Du hast mich zu einer Wanderung überredet! In London bin ich, soweit ich mich erinnere, höchstens zwei Mal in fünf Jahren so lange am Stück gelaufen!“ Isaac sah mir an, dass ich ihm nicht böse war. Ich genoss unseren Ausflug tatsächlich sogar. Doch das musste ich ihm ja nicht auf die Nase binden. Die frische Luft tat gut und die Ruhe der Umgebung erfüllte mich mir einer tiefen Zufriedenheit, nach der ich mich unbewusst lange gesehnt hatte. Das wurde mir in diesem Moment schlagartig klar.
„Du brauchst Bewegung!“, stichelte Isaac schmunzelnd.
„Ich arbeite in einem Buchladen!“, konterte ich.
„Eben!“, sagte er nur, als würde das alles erklären.
Ich schnaubte, musste aber lächeln.
Nach einer weiteren Weile blieb Isaac schließlich stehen.
„Da, schau nur!“, sagte er fast ehrfürchtig und fuhr mit seiner Hand in einem großen Bogen durch die Luft, fast so als wollte er den gesamten Ausblick, der sich uns bot, einfangen.
Ich trat neben ihn. Und hielt augenblicklich die Luft an. Es war atemberaubend.
Vor uns lag eine von niedrigen Büschen umsäumte Anhöhe mit einer alten Holzbank und einem einzelnen Weißdornbaum, dessen Äste sich im Wind bewegten. Dahinter öffnete sich eine Weite, die mir als eingefleischter Großstädter die Sprache verschlug.
Von hier oben konnte man das ganze Dorf sehen. Foxley lag unter uns wie ein kleines Mosaik aus grauen Dächern. Der Kirchturm ragte über die Häuser hinweg und die Straßen wirkten plötzlich viel schmaler als unten. Im Hintergrund erstreckte sich ein kilometerlanges Flachland, die uns über dichte, dunkelgrüne Wälder und hellgrüne Wiesen blicken ließ, auf denen in der Ferne Schafe als kleine weiße Punkte zu erkennen waren. Ein tiefblauer Fluss schlängelte sich mittenhindurch und verlieh dem Ganzen eine weitere Farbnuance. Fast hätte man es für ein Gemälde halten können.
Ich brauchte einen Moment, um alles zu erfassen.
„Ich wusste nicht, dass es von hier oben so aussieht“, flüsterte ich schließlich leise. Ich hatte Sorge, dass ich durch meine Stimme die Atmosphäre zerstören würde.
Isaac setzte sich auf die Bank. „Die meisten Leute gehen nie hier hoch.“ Sein Ausdruck im Gesicht ließ erkennen, dass er das nicht nachvollziehen konnte.
Ich blieb noch einen Moment stehen und ließ den Blick über die Landschaft wandern. Je länger ich mich umsah, desto mehr entdeckte ich. In der Ferne konnte ich weitere Steinmauern und vereinzelte Farmhäuser ausmachen. Über eine kleine Straße sah ich ein einzelnes Auto fahren. Es wirkte fast wie ein Spielzeugauto. Mein Blick wanderte die Straße entlang, bis er an einem größeren Haus am Rande von Foxley hängenblieb. Bei genauerem Hinschauen meinte ich Foxley Veterinary Clinic auf einem großen Holzschild in der Einfahrt zu lesen. Sofort begann mein Herz schneller zu schlagen. Das musste Nicks Tierarztpraxis sein. Ich starrte einen Moment zu lange auf das Schild hinunter. Und ärgerte mich im selben Augenblick darüber. Nicht über die Praxis. Über mich.
In den letzten Tagen war es mir erstaunlich gut gelungen, nicht mehr an ihn zu denken. Der Alltag im Buchladen, die Gespräche mit Isaac, die vielen kleinen Begegnungen im Dorf, all das hatte meinen Kopf beschäftigt genug gehalten, dass diese Momente mit Nick langsam in den Hintergrund gerutscht waren. Fast so, als hätte ich ihn einfach… abgelegt. Als wäre er nichts weiter gewesen als eine kurze, merkwürdige Begegnung. Denn genau das war es gewesen. Mein Herz hatte nur deshalb schneller geschlagen hatte, weil alles neu gewesen war. Neues Dorf. Neue Menschen. Ein fremder Tierarzt, der plötzlich mitten im Laden stand. Nichts Besonderes.
Aber jetzt?
Jetzt genügte ein einziges Schild vor einem Haus in der Ferne und mein Herz begann wieder dieses verräterische Tempo aufzunehmen.
Ich atmete langsam aus und zwang meinen Blick zurück auf die Landschaft.
Das ist lächerlich. Du kennst diesen Mann kaum.
Trotzdem blieb mein Blick erneut einen Moment zu lange an dem Gebäude hängen, bevor ich ihn schließlich wieder von der Praxis löste.
Für einen Moment gelang es mir tatsächlich, mich wieder auf das Panorama vor mir zu konzentrieren. Auf die Felder, die sich bis zum Horizont zogen, auf die schmalen Steinmauern, die sich wie Linien durch das Grün zogen.
Doch kaum hatte ich den Blick abgewandt, merkte ich, wie meine Aufmerksamkeit wieder zurückwanderte. Erst unmerklich, dann immer deutlicher. Als würde irgendetwas meinen Blick dorthin zurückziehen. Wider besseres Wissen ließ ich ihn schließlich erneut zu dem Haus am Dorfrand gleiten. Mein Blick blieb zum wiederholten Mal einen Moment zu lange an dem Gebäude hängen, bevor ich ihn schließlich erneut abrupt davon löste. Als hätte ich Angst, dass allein das Hinsehen schon wieder zu viel verraten könnte.
Hinter mir bewegte sich Isaac leicht auf der Bank. „Siehst du etwas Interessantes?“
Ich blinzelte kurz und sah zu ihm hinüber. Einen Moment lang überlegte ich, ob er meinem Blick gefolgt war.
„Hm?“ sagte ich möglichst beiläufig.
Isaac deutete mit dem Kinn in die Richtung, in die ich eben noch geschaut hatte.
„Du hast ziemlich lange in diese Richtung gestarrt.“
Ich räusperte mich leise und sah wieder hinaus über die Felder, diesmal bewusst ein Stück weiter nach links. „Ich habe nur versucht herauszufinden, wo genau das Dorf endet.“
Isaac folgte meinem Blick, ließ ihn kurz über die Häuser wandern und nickte dann. „Ah.“ Ein kleines, fast amüsiertes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Die Praxis da draußen gehört übrigens Nick.“
Mein Herz machte einen kleinen, verräterischen Sprung.
Isaac sagte es so beiläufig, als würde er über das Wetter sprechen.
Ich zwang mich, ruhig zu bleiben. „Die Tierarztpraxis?“
„Mhm.“ Isaac lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Foxley Veterinary Clinic.“
Ich nickte langsam, als wäre das eine völlig neue Information. Dabei spürte ich wieder dieses leichte, unangenehme Kribbeln irgendwo in meiner Brust. Vehement schob ich das Gefühl beiseite und ließ meinen Blick schließlich zurück über die Dächer von Foxley schweifen. Und plötzlich konnte ich mittendrin das Dach meines Ladens erkennen.
„Da“, sagte ich begeistert und deutete hinunter. „Das ist das Paper Fox.“
Isaac folgte meinem Blick und nickte.
Dann setzte ich mich ebenfalls auf die Bank.
Eine Weile sagten wir nichts, während der Wind über das Gras strich und irgendwo weit entfernt ein Schaf blökte.
Isaac brach schließlich die Stille. „Ich bin als Kind oft hier hochgelaufen.“
Ich sah ihn verwundert an. „Warum?“
Er überlegte kurz, bevor er antwortete. „Wenn ich allein sein wollte.“
Ich musste lächeln. „Hat es funktioniert?“
Isaac schnaubte leise. „Als ich zehn war, dachte ich immer, wenn ich hier hochkomme, lösen sich alle Probleme von selbst.“
Ich wartete einen Moment. „Und?“
Isaac sah über das Dorf hinunter. „Hat irgendwie nicht funktioniert.“
Ich musste lachen.
Der Wind zog stärker über den Hügel und die Wolken warfen langsam wandernde Schatten über die Felder.
Isaac zog mit dem Fuß eine kleine Linie in den Boden.
„Als Kind denkt man immer, Probleme wären … einfacher“, sagte er nachdenklich. „Man streitet sich mit jemandem, läuft ein Stück weg, kommt wieder zurück und alles ist wieder gut.“ Er hob kurz die Schultern. „Aber je älter man wird, desto mehr merkt man, dass die meisten Probleme mit Menschen zu tun haben.“
Ich sah ihn kurz an.
Seine Stimme blieb ruhig. „Mit Erwartungen. Mit Beziehungen. Mit diesem ganzen … komplizierten Kram.“
Für einen Moment überlegte ich, ob er über etwas Bestimmtes sprach.
Dann fragte ich, fast ohne darüber nachzudenken: „Hast du eigentlich jemanden hier?“
Isaac drehte leicht den Kopf zu mir. „Jemanden?“
„Also… eine Partnerin… oder Partner.“
Er lächelte kurz, dann schien er für einen Moment darüber nachzudenken, als würde er die Frage sortieren. Schließlich schüttelte er leicht den Kopf. „Nein.“ Es klang so bestimmt, so endgültig, dass ich fragend aufsah.
Ich wartete kurz, bevor ich nachhakte. „Gar nicht?“
Isaac zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, ich habe einfach nie danach gesucht.“
Er blickte wieder hinaus über Foxley, während er weitersprach. „Die meisten Menschen scheinen ziemlich genau zu wissen, dass sie das wollen. Diese ganze… Beziehungssache.“ Er machte eine kleine Handbewegung, als würde er das Wort selbst nicht ganz ernst nehmen. „Bei mir war das nie so.“
Ich nickte langsam.
„Ich mag Menschen“, sagte Isaac nach einem Moment. „Ich mag Zeit mit ihnen verbringen. Freundschaften, Gespräche, solche Sachen.“ Er lehnte sich ein Stück zurück auf der Bank. „Aber ich hatte nie das Gefühl, dass mir etwas fehlt.“ Er zuckte mit den Schultern.
Ich nickte langsam. Isaac hatte kein großes Wort dafür benutzt. Keine Erklärung, kein Etikett. Trotzdem verstand ich sofort, was er meinte. Und noch etwas anderes. Dass er mir das nicht einfach nur erzählt hatte. Es fühlte sich eher an, als hätte er eine Tür geöffnet und sie einen Spalt weit offen stehen lassen. Nicht mit der Erwartung, dass ich hindurch gehen musste. Aber mit der Einladung, dass ich es könnte.
Ich sah wieder hinunter ins Dorf. Diesmal bewusst irgendwohin, wo nicht die Tierarztpraxis lag.
Zum ersten Mal seit ich in Foxley angekommen war, hatte ich das Gefühl, das ich hier vielleicht tatsächlich jemanden gefunden hatte, mit dem man über Dinge reden konnte, die sonst schwer auszusprechen waren.
„Das klingt für die meisten Leute komplizierter, als es für mich ist“, fuhr er plötzlich fort und deutete schließlich wieder auf das Dorf. „Für mich funktioniert das hier ganz gut. Und wenn dir Foxley irgendwann mal zu klein wird …“, sagte er und deutete über die Landschaft. Ich folgte seinem Blick. Blieb seine Hand da etwa einen kleinen Moment länger in Richtung der Tierarztpraxis hängen? Oder bildete ich mir das ein?
„… dann komm einfach hier hoch.“
Ich lächelte leicht. „Warum?“
Isaac antwortete erst nach einem Moment. „Von hier oben fühlt es sich größer an.“
Eine Weile blieben wir noch oben auf dem Hügel sitzen. Der Wind hatte etwas Gleichmäßiges, Ruhiges.
Ich ließ den Blick noch einmal über die Dächer wandern.
„Schon verrückt“, sagte ich schließlich leise. „Dass ich jetzt einfach hier sitze.“
Isaac sah kurz zu mir herüber. „Du hast jetzt seit zwei Wochen offen, oder?“
Ich nickte. „Kommt ungefähr hin.“
Er lehnte sich ein Stück zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Und du hast es überlebt.“
Ich schnaubte leise, dann lachte ich. „Knapp.“
Isaac grinste. „Dafür lief es ziemlich gut, oder?“
Ich zuckte mit den Schultern, aber ich konnte nicht verhindern, dass sich ein kleines Lächeln in meine Stimme schlich. „Ja… schon.“
Einen Moment sagte keiner von uns etwas. Dann setzte Isaac sich aufrecht hin und klopfte sich leicht die Hände an den Oberschenkeln ab.
„Passt ja ganz gut“, sagte er.
Ich sah ihn fragend an.
„Morgen ist Sonntag. Alles hat zu.“
„Das klingt immer noch… ungewohnt.“
„Das ist es auch.“ Ein kurzes Grinsen huschte über sein Gesicht. „Aber dafür ist Markt.“
Ich hob die Augenbrauen. „Markt?“
Isaac nickte. „Immer am ersten Sonntag im Monat. Ganz Foxley ist da. Auch viele aus den umliegenden Dorfen lassen sich unseren Markt nicht entgehen. Er ist regelrecht berühmt hier. Fast so berühmt wie das Paper Fox“, fügte er dann mit einem Grinsen hinzu. Dann stand er auf und streckte sich kurz. „Ich hol dich morgen ab.“
Ich blinzelte. „Du lässt mir ja richtig viel Entscheidungsfreiheit.“
„Du kommst mit“, sagte er trocken.
Ich musste lachen. „Okay.“
Schließlich machten wir uns auf den Rückweg. Ich warf noch einen letzten Blick über Foxley. Die Dächer wirkten von hier oben kleiner. Ruhiger irgendwie. Fast so, als würde das Dorf selbst tief durchatmen. Ich folgte ich Isaac den Hügel hinunter, während die Abendsonne langsam tiefer sank und Foxley in dieses warme Licht tauchte, das alles ein bisschen weicher aussehen ließ.
Morgen würde ich zum ersten Mal den Markt sehen. Und überraschenderweise freute ich mich wirklich darauf.
Notes:
Charlie versteht sofort, was Isaac ihm sagen will 🥹 Meint ihr, Charlie öffnet sich ihm gegenüber nun auch oder ist er noch zu unsicher dafür?
Lasst gerne wieder Feedback, Anregungen, Wünsche und Kudos da.
Chapter 12: Zwischen neuen Gesichtern und alten Gefühlen
Summary:
Charlie geht mit Isaac auf den Markt, erfährt dort Einiges über die Dorfbewohner und lernt eine neue Person kennen, die im weiteren Verlauf nicht ganz unwichtig sein wird.
Notes:
(See the end of the chapter for notes.)
Chapter Text
Am nächsten Tag stand Isaac gegen 10 Uhr vor meiner Tür und begrüßte mich mit einem breiten Grinsen und den Worten „Guten Morgen. Ich hoffe, du hast gut geschlafen. Bist du bereit für dein erstes echtes Foxley-Erlebnis? Das hier wird jetzt ein Sozialtraining.“
Ich verdrehte nur die Augen. Doch Isaacs gute Laune schlug schnell auf mich über. Ich freute mich regelrecht, diese neue Seite von Foxley kennenzulernen. Auch wenn ich mittlerweile einige Wochen hier lebte, hatte ich mich in der Anfangszeit kaum getraut, mich bei größeren Menschenansammlungen draußen zu zeigen. Ich hatte mich immer wie ein Eindringling gefühlt. Und, um ehrlich zu sein, ich hatte auch Angst vor zu viel Aufmerksamkeit. Mir war zu Beginn schnell klar geworden, dass ich die neue Attraktion im Dorf war und das war mir höchst unangenehm. Der Abend im Pub hatte mich eines Besseren belehrt und mit Isaacs Hilfe gelang es mir Stück für Stück diese Unsicherheit abzulegen. Dennoch freute ich mich darauf, wenn mich die meisten Menschen hier eher als Inventar statt als Attraktion betrachteten. Heute war der erste Tag, an dem ich guter Dinge war, dass ich diesem Ziel ein Stück näher kommen könnte. Vielleicht lag es an dem Gespräch mit Isaac gestern. Er hatte sich mir geöffnet und es hatte sich eine Art Vertrautheit eingestellt, die mir enorm viel Sicherheit gab.
Am Morgen hatte ich das Schild in der Ladentür noch mit einem kleinen Zögern auf geschlossen gelassen, als müsste ich mich erst daran gewöhnen, dass ich mir erlauben durfte, einen Tag nichts zu tun. In London hatte sich ein freier Tag oft wie ein verlorener Tag angefühlt. Hier schien es … normal zu sein. Als wir uns dem Dorfplatz näherten, merkte ich schnell, dass „ruhig“ in Foxley offenbar etwas völlig anderes bedeutete.
Schon von weitem war ein Stimmengewirr zu hören. Es war ein vielstimmiges Murmeln, durchzogen von Lachen, vereinzelten Rufen und dem Klappern von Kisten. Als wir um die letzte Ecke bogen, öffnete sich der Blick auf den Platz und ich blieb für einen kurzen Moment stehen.
Es war… lebendig.
Zwischen den Häusern drängten sich kleine Marktstände, dicht an dicht, als hätte das Dorf beschlossen, sich für einen Tag nach draußen zu verlagern. Holztische voller Obst und Gemüse, Körbe mit Brot, Gläser mit Marmelade, Blumen, handgeschriebene Schilder, die leicht im Wind flatterten.
Es roch nach Kaffee, nach frischem Gebäck, nach irgendetwas Süßem, das ich nicht ganz einordnen konnte.
Menschen bewegten sich zwischen den Ständen, blieben stehen, unterhielten sich, lachten. Kinder liefen kreuz und quer, Hunde bellten und aus der Ferne hörte man jemanden auf einer Gitarre spielen.
Ich merkte, wie ich langsamer wurde, fast automatisch.
Isaac beobachtete mich einen Moment, dann schnaubte er leise. „Ganz schön viel, oder?“
Ich nickte. „Ich dachte, Sonntag wäre hier eher… ruhig.“
„Ruhig ist hier nur das, was niemand sehen kann“, sagte er trocken.
Ich musste lachen.
Wir tauchten in das Gewusel ein und schnell merkte ich, dass es etwas völlig anderes war, sich durch die Menschenmenge in Foxley zu bewegen als in London. Es gab kein Drängen, kein Ausweichen, kein ständiges Aufpassen. Stattdessen wurde ich immer wieder angesehen, erkannt, freundlich angesprochen.
„Charlie! Isaac!“
Wir drehten uns um. Mrs. Bennet stand an einem Stand mit Blumen, ein Strauß Lavendel in der Hand, der farblich perfekt zu ihrem Mantel passte.
„Guten Tag!“
„Du siehst schon aus, als hättest du ich ein wenig besser eingelebt“, sagte sie in meine Richtung.
Ich lächelte. „Ich versuche es.“
„Das tust du“, sagte sie, als wäre das keine Meinung, sondern eine Tatsache.
Isaac wechselte ein paar Worte mit ihr, während ich mich umsah. Es war seltsam, auf eine gute Art, wie selbstverständlich ich hier inzwischen angesprochen wurde. Noch vor wenigen Wochen hätte mich das wahrscheinlich überfordert. Jetzt fühlte es sich … leichter an.
Nach ein paar Minuten zog Isaac mich sanft weiter durch die Menge. Er blieb immer wieder stehen, grüßte Leute, stellte mich vor oder erklärte mir leise nebenbei kleine Dinge über das Dorf.
„Komm“, sagte er schließlich und nickte mir zu. „Ich zeige dir den besten Stand hier.“
„Der mit dem besten Kaffee?“, wollte ich wissen.
„Der mit dem besten Käse!“
Ich ließ meine Schultern nach unten sacken und machte ein trauriges Gesicht. „Jetzt bin ich enttäuscht.“
Wir sahen uns einen kurzen Moment an, dann fingen wir gleichzeitig an zu lachen.
„Du wirst es überleben“, meinte er dann nur.
Ich war froh, Isaac hier in Foxley kennengelernt zu haben. Ich würde ihn nun mittlerweile tatsächlich schon als einen Freund bezeichnen. Und das war mehr als ich mir jemals hätte vorstellen können nach wenigen Wochen in einem neuen Dorf.
Wir blieben an einem Stand stehen, an dem ein älterer Mann verschiedene Käsesorten in ordentlichen Reihen ausgelegt hatte. Isaac unterhielt sich kurz mit ihm, stellte mich vor und ich bekam ohne Vorwarnung ein kleines Stück Käse in die Hand gedrückt.
„Probier! Der hier lohnt sich“, murmelte Isaac, während er selbst sich ein kleines Stück reichen ließ und es sich genüsslich in den Mund schob.
Ich probierte. Ein kurzer Moment Stille.
Der Käse schmeckte kräftig, aber nicht zu aufdringlich, leicht nussig irgendwie. Er war so gut, dass ich kurz vergaß, dass ich eigentlich nur höflich probieren wollte. „Okay“, gab ich zu. „Du hattest recht.“
Isaac grinste zufrieden, als hätte er genau darauf gewartet.
Wir zogen weiter und während wir durch die Stände schlenderten, begann ich, die kleinen Muster zu erkennen. Wer mit wem sprach, wer hier schon ewig zu stehen schien, wer eher neu war. Immer wieder blieben wir stehen, wechselten ein paar Worte mit verschiedenen Menschen, Isaac stellte mich vor und erklärte mir nebenbei Dinge, die ich allein vermutlich nie verstanden hätte. Dies tat er mit einem leichten Unterton, der irgendwo zwischen Ernst und Humor lag.
„Der da“, sagte er leise und deutete mit einem kaum merklichen Nicken auf einen Mann am anderen Ende des Platzes „verkauft seit zwanzig Jahren denselben Honig und behauptet jedes Jahr, er wäre besser geworden.“
Ich fragte ihn, ob das stimmte. Isaac zuckte mit den Schultern. „Niemand weiß es.“
Ich musste lachen.
„Und die da“, fuhr er fort, als wir an einem Stand mit handgestrickten Schals vorbeikamen, „ist sehr nett. Aber fang nicht an, mit ihr über Schafe zu reden.“
„Warum nicht?“, fragte ich verwundert.
„Alles, was mit Schafen, Wolle oder Stricken zu tun hat, ist ihre große Leidenschaft. Da kommst du nicht mehr raus.“
Ich musste mir ein Lachen verkneifen. Es war … einfach. Das alles hier war einfach.
Irgendwann blieb Isaac an einem Stand stehen, an dem er offenbar jemanden kannte und begann ein Gespräch, das ein wenig länger zu dauern schien. Ich trat einen Schritt zurück, um nicht im Weg zu stehen. Für einen Moment war ich allein. Aber das war in Ordnung. Ich lief ein paar Schritte weiter, ließ den Blick über den Markt schweifen und überlegte, welche Eigenheiten von Bewohnern ich heute wohl noch erfahren würde.
Genau in diesem Moment sprach mich jemand an. „Du musst Charlie sein.“
Ich drehte mich um.
Vor mir stand eine Frau, vielleicht Ende fünfzig, mit warmen Augen und einem freundlichen, offenen Lächeln. Ihr Blick war ruhig, aufmerksam, ohne aufdringlich zu sein. Das Haar fiel ihr weich über die Schultern und irgendetwas an ihr wirkte sofort ... bekannt.
„Ähm… ja“, sagte ich. „Bin ich.“
Sie lächelte, als hätte sie genau diese Antwort erwartet. „Ich habe schon von dir gehört.“
Ich hob leicht die Augenbrauen. „Das passiert mir in letzter Zeit öfter.“
Ein leises Lachen. „Foxley ist nicht besonders gut darin, Dinge für sich zu behalten.“
Ich musste ebenfalls lächeln.
„Ich bin Sarah“, fügte sie hinzu und streckte mir die Hand entgegen.
Ich nahm sie. Ihr Händedruck war ruhig, warm. „Freut mich.“
„Mich auch.“
Für einen Moment sah sie mich einfach nur an, nicht unangenehm, eher … aufmerksam. Als würde sie sich ein Bild machen, ohne dass es sich wie ein Urteil anfühlte. Es wirkte interessiert.
„Ich war vor ein paar Tagen bei dir im Laden“, sagte sie dann.
Ich blinzelte kurz. Und tatsächlich, mit ein wenig Verzögerung erkannte ich sie wieder. Zwischen all den Gesichtern, die in der letzten Wochen durch den Laden gegangen waren, war sie mir damals gar nicht besonders aufgefallen.
„Stimmt“, sagte ich langsam. „Jetzt erinnere ich mich.“
Sie lächelte leicht.
„Er fühlt sich gut an, der Laden“, sagte sie. „So, als würde er wieder richtig benutzt werden.“
Ich musste bei der Formulierung unwillkürlich schmunzeln. „Das hoffe ich.“
Sie nickte, als wäre das keine Hoffnung, sondern etwas, das sie bereits entschieden hatte.
„Gib dem Ganzen ein bisschen Zeit“, fügte sie ruhig hinzu. „Foxley braucht manchmal einen Moment. Aber es merkt sich Dinge.“
Der Satz blieb hängen, ohne dass ich genau sagen konnte, warum.
In der Ferne hörte ich Isaacs Stimme, irgendwo hinter mir, noch immer im Gespräch.
Sarah folgte meinem Blick kurz, dann sah sie mich wieder an. „Ich will dich nicht länger aufhalten“, sagte sie. Sie trat einen halben Schritt zurück. „Komm gut hier an.“
Ich nickte und lächelte. „Ich versuche es. Danke.“
Sie lächelte zurück, dann drehte sie sich um und verschwand zwischen den Marktständen.
Ich blieb einen Moment stehen und sah ihr nach.
„Hey“, sagte Isaac hinter mir, als er wieder zu mir aufschloss. „Sorry, das hat etwas länger gedauert.“
„Kein Problem“, sagte ich.
Er sah sich kurz um. „Alles gut?“
Ich nickte. „Ja, alles bestens. Bei dir?“
Isaac erzählte mir von dem Gespräch mit dem Vater eines Schülers, der gerade etwas Schwierigkeiten im Rechnen zeigte. So wie er von dem Jungen sprach, merkte ich, dass Isaac sich sorgte, kümmerte. Er schien wirklich ein guter Lehrer zu sein.
Wir liefen weiter, bis Isaac ein paar Stände weiter Isaac plötzlich stehenblieb.
„Warte kurz“, sagte er und deutete auf einen kleinen Stand, an dem in großen Körben Gebäck lag, das noch leicht dampfte. Der Mann dahinter nickte ihm schon entgegen, als hätte er ihn längst erwartet.
„Du bist spät dran heute“, bemerkte er mit einem Grinsen.
„Ich hatte Gesellschaft“, antwortete Isaac trocken und warf mir einen kurzen Blick zu.
Ich hob leicht die Augenbrauen, musste aber schmunzeln.
Isaac griff nach einer der noch warmen Teigtaschen, die nach Käse und Kräutern rochen, und bezahlte, ohne lange zu überlegen.
„Willst du auch eine?“, fragte er und zeigte auf den Korb.
Ich schüttelte den Kopf, obwohl der Duft wirklich verlockend war. „Vielleicht später.“ Spontanes Essen fiel mir in manchen Situationen noch schwer. Besonders wenn ich nervös war oder mich unsicher fühlte.
Er zuckte nur mit den Schultern und biss bereits hinein, als wäre das hier ein festes Ritual. Ein kleines Stück Alltag, das so selbstverständlich war, dass es gar nicht weiter erklärt werden musste.
Während wir weitergingen, kaute er zufrieden und wischte sich nebenbei ein paar Krümel von den Fingern. „Das hier“, sagte er mit vollem Mund, „ist der einzige Grund, warum ich sonntags freiwillig früh aufstehe.“
Ich lachte leise. „Gut zu wissen. Ich dachte schon, es wäre die Gesellschaft.“
Er sah kurz zu mir rüber, grinste schief und sagte nichts weiter.
Ein paar Minuten später begegneten wir Tom, der mir sofort zuwinkte und kurz darauf Peter Lawson, der Lucy an der Hand hatte. Lucy entdeckte mich sofort, riss sich los und kam auf mich zugelaufen. „Charlie! Du bist auch hier!“
Sie schlang ihr kleinen Arme um meine Beine und strahlte mich an.
„Sieht ganz so aus“, antwortete ich ein wenig irritiert. Sie hatte den Buchladen in den Monaten, in denen er geschlossen war, scheinbar so sehr vermisst, dass ich ihr Ritter in strahlender Rüstung war.
„Ich hab‘ heute Früh schon wieder ganz viel gelesen. Und ich war schon zweimal beim Käse und einmal beim Kuchen!“, erklärte sie atemlos und ließ mich los.
„In dieser Reihenfolge?“
„Natürlich nicht!“, sagte sie tadelnd, als wäre meine Frage absolut absurd.
Ich musste lachen.
Sie fing an, mir vom Inhalt des Buches zu erzählen, bis ihr Vater sie irgendwann an der Hand nahm und sagte, dass sie weiter müssten. Er nickte mir zum Abschied freundlich zu.
Isaac und ich liefen ebenfalls weiter. Ich ließ einfach alles auf mich wirken. Die Gespräche um uns herum wechselten schnell, leicht, fast beiläufig. Nichts blieb lange an einem Thema hängen und trotzdem fühlte sich nichts oberflächlich an.
Irgendwann blieb ich einfach stehen. Für einen Moment hörte ich nur zu. Den Stimmen. Dem Lachen. Den Schritten. Jemand winkte mir von der anderen Seite des Platzes zu. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass es mir galt. Ich hob die Hand zurück. Ich kannte diese Person vom Sehen, konnte mich aber nicht an den Namen erinnern. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, fühlte sich alles ein kleines Stück weniger fremd an. Ohne dass ich genau sagen konnte, wie es dazu gekommen war.
Plötzlich zog ein Stück weiter etwas meine Aufmerksamkeit auf sich. Ein kleiner Stand, etwas abseits der anderen, mit handgemachten Dingen. Holz, Papier, kleine gebundene Hefte, getrocknete Blumen, sorgfältig arrangiert.
Ich blieb stehen und sah mir die Dinge an.
Isaac ging noch zwei Schritte weiter, bevor er bemerkte, dass ich nicht mehr neben ihm war. „Alles okay?“, fragte er und blieb stehen.
Ich nickte nur leicht und trat näher an den Stand heran.
Zwischen all den Dingen lag ein kleines, schlicht gebundenes Notizbuch. Der Einband war aus grobem, leicht unregelmäßigem Papier, mit einer eingeprägten, goldenen Linie am Rand. Nichts Auffälliges. Aber irgendwie… besonders. Ich nahm es vorsichtig in die Hand und strich mit dem Daumen über die Oberfläche. Unwillkürlich musste ich an Tao und Elle denken. An unseren Gruppenchat, in dem ich in den letzten Wochen mehr gelesen als geschrieben hatte. An die Nachrichten, auf die ich oft nur knapp geantwortet hatte, weil ich nicht wusste, wie ich erklären sollte, wie sich alles hier anfühlte. Oder weil ich es selbst noch nicht wusste.
Ich öffnete das Notizbuch. Die Seiten waren leer. Dick, leicht rau, als würden sie darauf warten, dass jemand sich wirklich Zeit für sie nahm.
Ich stelle mir vor, wie ich ihnen schrieb. Nicht nur schnell auf dem Handy. Sondern richtig. Vielleicht über das Dorf. Über den Laden. Über die Menschen hier.
Vielleicht auch einfach darüber, dass ich sie vermisste.
Der Gedanke traf mich leise, aber deutlich.
Ich schluckte kurz und klappte das Buch wieder zu.
„Das ist handgebunden“, erklärte die Frau hinter dem Stand freundlich. „Jedes ist ein bisschen anders.“
Ich nickte. „Das merkt man.“ Es gefiel mir.
Einen Moment zögerte ich. Dann lächelte ich leicht. „Ich nehme es.“
Als ich das Geld überreichte und das Notizbuch vorsichtig in meine Tasche steckte, fühlte es sich an wie eine Entscheidung. Als würde ich mir selbst eingestehen, dass ich mein altes Leben nicht einfach zurücklassen konnte. Und auch gar nicht wollte. Sondern es mitnahm. Auf eine andere Art. Als würde ich ein Stück von hier mitnehmen und gleichzeitig etwas von dort festhalten.
Isaac war wieder neben mich getreten. „Für den Laden?“, fragte er neugierig.
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Für… Freunde.“
Er nickte, ohne weiter nachzufragen. Und irgendwie war ich ihm dafür dankbar.
Irgendwann begann der Markt sich langsam zu leeren.
Die ersten Stände wurden abgebaut, Holzkisten gestapelt, Stoffdächer zusammengefaltet. Das Stimmengewirr, das den Platz noch vor einer Stunde gefüllt hatte, wurde leiser, brüchiger, als würde es sich Stück für Stück auflösen. Der Duft von frischem Brot und gebratenem Gemüse hing noch in der Luft, vermischte sich mit der kühlen, klaren Brise, die vom offenen Land herüberzog.
Isaac blieb neben mir stehen und sah sich kurz um, als würde er prüfen, ob es noch etwas gab, das wir unbedingt hätten sehen müssen.
„Das war der wichtigste Teil“, sagte er schließlich, mit diesem kleinen, zufriedenen Lächeln, das ich inzwischen so gut kannte. „Alles andere ist optional.“
Ich musste leise lachen. „Gut zu wissen. Dann habe ich ja nichts verpasst.“
Wir machten uns langsam auf den Rückweg. Ohne Eile. Ohne wirklich darüber zu sprechen, wohin wir gingen, weil es ohnehin klar war.
Der Weg durch das Dorf fühlte sich diesmal anders an als sonst. Vielleicht, weil ich ihn nicht mehr nur beobachtete, sondern ein Teil davon war. Menschen nickten uns zu, grüßten im Vorbeigehen, riefen Isaac noch etwas hinterher, das ich nicht ganz verstand. Und es fühlte sich… leicht an. Nicht neu. Nicht überwältigend. Einfach leicht.
Wir waren gerade an einer kleinen Gruppe vorbeigegangen, die noch vor einem der letzten Stände stand. Stimmen mischten sich durcheinander, Fetzen von Gesprächen, die ich nicht wirklich verfolgte. Ich hörte nur einzelne Worte. Ein Lachen. Jemand, der sich über irgendetwas beschwerte. Und dann, ganz plötzlich, ein Name. Nick.
Ich merkte, wie ich unwillkürlich ein wenig langsamer wurde, ohne stehen zu blieben. Mein Blick blieb nach vorn gerichtet, aber meine Aufmerksamkeit war für einen Moment nicht mehr bei dem Weg, sondern bei den Stimmen hinter uns.
„…weiß jemand, ob er heute auch noch kommt?“
„Keine Ahnung.“ Ich hörte ein kurzes Schulterzucken in der Stimme.
Dann: „Der war heute früh schon da, bevor er wieder los musste. Irgendein Termin in der Klinik.“
Etwas in mir reagierte sofort. Nicht sichtbar. Nicht groß. Aber deutlich genug, dass ich es nicht übergehen konnte. Es war nichts in der Stimme dieser Person. Kein besonderes Gewicht. Kein Geheimnis. Nur eine beiläufige Feststellung, wie so vieles hier. Und trotzdem. Etwas in mir zog sich ganz kurz zusammen. Ein kaum greifbarer Stich. Erst in diesem Moment wurde mir klar, dass ich offenbar damit gerechnet hatte, ihn hier zu sehen. Nicht bewusst. Nicht geplant. Aber irgendwo zwischen all den Stimmen, den Ständen und dem Durcheinander hatte wohl ein Teil von mir gehofft, ihm zufällig zu begegnen. Und jetzt, da ich wusste, dass ich ihn verpasst hatte, fühlte sich das unangenehm an. Als hätte ich unbewusst auf etwas gewartet, ohne es selbst zu merken.
Neben mir setzte Isaac seinen Schritt fort, als hätte er von alldem nichts mitbekommen. Wahrscheinlich hatte er das auch nicht.
Ich atmete einmal ruhig durch und richtete den Blick stur nach vorne, auf die schmale Straße, die uns zurück ins Dorf führte.
Das ist doch lächerlich. Du hast ihn zweimal gesehen. Zweimal!
Und selbst das war… nichts. Ein kurzer Moment. Ein Gespräch. Mehr nicht.
Ich presste leicht die Lippen aufeinander.
Es musste jetzt einfach reichen. Ich konnte nicht jedes Mal innerlich reagieren, nur weil sein Name irgendwo fiel. Das war weder sinnvoll noch… besonders hilfreich. Außerdem war es doch offensichtlich. Nick war mit größter Wahrscheinlichkeit hetero. Und selbst wenn nicht, selbst wenn es theoretisch irgendeine Möglichkeit gäbe, war das … nichts, in dem ich überhaupt eine Rolle spielte.
Warum auch? Ich war doch einfach nur… ich. Charlie. Neben jemandem wie ihm wirkte ich blass. Unauffällig. Ganz sicher nicht jemand, den Nick überhaupt bemerken würde. Wahrscheinlich hatte er unsere Begegnung in der Bäckerei auch längst vergessen. Mit Glück konnte er sich noch an meinen Namen erinnern.
Ich seufzte. Für ihn war ich einfach der Neue im Dorf. Der mit dem Buchladen. Mehr nicht.
Der Gedanke ließ mich kurz schlucken, bevor ich ihn bewusst beiseiteschob.
Es war in Ordnung. Es musste in Ordnung sein. Und ich würde dafür sorgen, dass es das auch blieb.
Neben mir stieß Isaac mich leicht mit dem Ellenbogen an. „Du denkst wieder zu viel“, stellte er fest, ganz ohne nachzufragen.
Ich sah ihn kurz an. Dann musste ich lächeln. „Vielleicht ein bisschen.“
„Magst du darüber reden?“, bot er mir an, doch ich verneinte. Es gab nichts, worüber ich hätte sprechen können. Schließlich war da ja auch gar nichts.
„Gewöhn dir das Nachdenken nicht ganz ab“, sagte er und sah geradeaus weiter. „Sonst wird’s hier zu langweilig.“
Ich lachte leise und irgendetwas in mir löste sich dabei ganz von selbst.
Als wir dem Paper Fox näher kamen, war es schon deutlich ruhiger geworden. Die meisten Menschen waren verschwunden, die letzten Stimmen verklangen irgendwo zwischen den Häusern und das Licht hatte diesen weichen, goldenen Ton angenommen, der alles ein bisschen ruhiger wirken ließ.
Ich ließ meinen Blick noch einmal über die vertrauten Fassaden wandern.
Ich steckte die Hände in die Jackentaschen und ging ein paar Schritte weiter, während Isaac neben mir irgendetwas erzählte, das ich nur halb hörte. Ich ließ stattdessen den Tag in Gedanken Revue passieren. Es war ein guter Tag gewesen. Mit Lachen, Freude, Überraschungen, aber auch mit Gesprächen, mit einem wachsenden Vertrauen und mit vielen neuen Eindrücken.
Und plötzlich freute ich mich auf die nächsten Tage, wenn ich wieder im Laden stehen und Leute begrüßen würde, die ich nun besser kannte. Die mich nun kannten. Die nicht nur im Laden vorbeischauten, um die neue Attraktion im Dorf zu sehen, sondern die kamen, um bei mir ein Buch zu kaufen und die ganz vielleicht auch einfach auf dem Weg zu einem Termin hereinschauten, um sich ein wenig zu unterhalten.
Und ich musste zugeben: Das war eine völlig neue Erfahrung.
Notes:
Sarah... eine nette Frau aus dem Dorf ... iykyk 😉
Und ja, ich weiß, ihr wartet sehnsüchtig auf mehr Nick-Content. Nicht nur Charlie hätte ihn gerne auf dem Markt getroffen 😏
Aber vielleicht dauert es gar nicht mehr lange, bis wieder jemand im Buchladen auftaucht 🤫Habt ihr Feedback, Anregungen, Wünsche? Lasst gerne auch Kudos da.
Chapter 13: Zwischen Wiedersehen, Geldscheinen und viel zu viel Kleingeld
Summary:
Charlie genießt einen ruhigen Tag im Paper Fox, versucht sich Isaac gegenüber weiter zu öffnen und stellt fest, dass Nick selbst in peinlichen Situationen noch viel zu sympathisch ist.
Notes:
(See the end of the chapter for notes.)
Chapter Text
Die nächsten Tage vergingen ruhig.
Die anfängliche Neugier schien sich weiterhin gelegt zu haben, dieses ständige Kommen und Gehen, bei dem jeder einmal hereinschauen wollte, nur um zu sehen, was sich verändert hatte.
Jetzt war es anders. Die Tür ging nicht mehr alle paar Minuten auf. Stattdessen blieb sie manchmal eine ganze Weile geschlossen, während ich zwischen den Regalen stand und Bücher sortierte, die ich längst schon einmal sortiert hatte.
Ink lag zusammengerollt auf der Fensterbank, genau dort, wo das Licht am schönsten in den Raum fiel. Ihr Schwanz zuckte ab und zu leicht, wenn draußen jemand vorbei ging, aber sie machte sich nicht die Mühe aufzustehen.
Ich versuchte mir wieder einmal einzureden, dass das normal war. Dass es einfach Zeit brauchte. Dass ein Laden wie dieser vor allem nicht jeden Tag gleich laufen konnte.
Und trotzdem ertappte ich mich immer wieder dabei, wie mein Blick zur Tür wanderte, als würde ich sie damit irgendwie dazu bringen können, sich zu öffnen.
Ich lehnte mich kurz gegen den Tresen und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Irgendwie war es zu still. Ich ging in die Küche und schaltete das Radio ein. Die Musik im Hintergrund half mir etwas, die unangenehme Stille zu vertreiben.
Ich atmete langsam aus und griff nach einem der Bücher, das ich eigentlich schon längst an seinen Platz zurückgestellt hatte, nur um irgendetwas zu tun.
In genau diesem Moment klingelte die Tür. Ich sah auf. Eine Frau trat ein, vielleicht Mitte dreißig, mit einem vorsichtigen Blick, als wäre sie sich nicht ganz sicher, ob sie wirklich richtig war. Ich legte das Buch zurück.
„Hallo“, sagte ich und lächelte.
Sie erwiderte das Lächeln ein wenig zögerlich. „Hi. Ich wollte nur kurz… schauen.“
„Gern“, antwortete ich und trat einen Schritt zur Seite. „Nimm dir alle Zeit, die du brauchst.“ Mir fiel auf, dass ich die Eigenart der Foxley Bewohner, alle direkt mit du anzusprechen, bereits übernommen hatte. Ich unterdrücke ein Schmunzeln. Dass es so schnell gehen würde, hätte ich nicht erwartet.
Die Frau nickte dankbar und begann, langsam durch den Laden zu gehen, strich mit den Fingern über die Buchrücken, blieb hier und da stehen.
Ich ließ sie in Ruhe, beobachtete sie nur aus dem Augenwinkel.
Es war eine andere Art von Besuch als am Anfang. Ruhiger und vorsichtiger. Echter, vielleicht.
Nach einer Weile blieb sie vor einem Regal stehen und zog zwei Bücher heraus. Sie drehte sie in den Händen, las die Rückseiten, sah wieder zwischen beiden hin und her.
Ich ging ein paar Schritte auf sie zu. „Kann ich helfen?“
Sie hob den Blick. „Ich kann mich nicht entscheiden“, sagte sie und hielt die beiden Bücher ein Stück hoch. „Das hier klingt irgendwie spannender, aber das hier…“ Sie zögerte. „Ich glaube, das könnte mir besser gefallen.“
Ich lächelte. „Dann nimm beide.“
Sie lachte leise. „So einfach ist das?“
„Nicht unbedingt“, gab ich zu. „Aber vielleicht hilft’s, wenn du ein paar Seiten liest.“
Ich deutete Richtung Fenster. Erst heute Morgen hatte ich einen Strauß frische Blumen, den ich auf dem Rückweg von der Bäckerei gekauft hatte, auf dem kleinen Tischen dort in eine Vase gestellt.
„Du kannst dich gern da vorne hinsetzen. Niemand hier wird dich rausschmeißen, wenn du in die Bücher erst mal reinschaust.“
Sie folgte meinem Blick und ein kleines, fast erleichtertes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Echt?“
„Ja, ganz in Echt“, bestätigte ich.
Sie zögerte nur kurz, dann ging sie mit den Büchern zum Tisch am Fenster und setzte sich.
Ink hob kurz den Kopf, musterte die neue Besucherin mit halb geschlossenen Augen und streckte sich dann einmal träge, bevor sie sich wieder zusammenrollte, als hätte sie beschlossen, dass diese Person akzeptabel war.
Ich blieb einen Moment stehen und sah der Frau zu. Irgendwie… fühlte sich das gut an. Nicht wie ein Verkauf. Mehr wie… das, was ich mir vorgestellt hatte, als ich diesen Ort zum ersten Mal gesehen hatte.
Ein paar Minuten später ging die Tür erneut auf. Ich musste nicht hinsehen, um zu wissen, wer es war.
„Du stehst schon wieder einfach nur rum“, stellte Isaac fest, noch bevor er ganz drin war.
Ich drehte mich empört zu ihm. „Ich arbeite.“
„Sieht nicht so aus.“ Er konnte sich ein Lachen kaum verkneifen. Es schien ihm großen Spaß zu machen, mich aufzuziehen.
Er blieb neben mir stehen und ließ den Blick durch den Laden wandern, blieb kurz an der Frau am Fenster hängen, die inzwischen völlig in ihr Buch vertieft war.
„Hm“, machte er. „Das ist ein Fortschritt.“
Ich verschränkte die Arme. „Ich nehme das mal als Kompliment.“
„Solltest du auch. So war es gemeint.“, sagte er trocken.
Ich musste grinsen. „Willst du einen Kaffee?“
Er sah mich an, als hätte ich ihn nach der Mondlandung gefragt. „Was für eine Frage! Immer.“
Ink hob ihren Kopf und als sie erkannte, wer da soeben gekommen war, streckte sie sich ausgiebig und bewegte sich dann langsam in seine Richtung.
„Hallo Ink“, begrüße Isaac sie und streichelte ihr übers Fell. Ink schien die Streicheleinheiten sehr zu genießen. „Schön, dass deine Verletzung wieder so gut verheilt ist.“
Ich ließ die beiden allein und ging nach hinten in die kleine Küche, stellte zwei Tassen auf die Arbeitsfläche und setzte Wasser auf. Während ich wartete, lehnte ich mich kurz gegen die Anrichte und ließ die Gedanken treiben.
Es war anders als am Anfang. Weniger… offensichtlich erfolgreich. Aber vielleicht auch … nachhaltiger.
Ich nahm die Tassen, ging zurück nach vorne und stellte eine vor Isaac auf die Theke.
Ink lag inzwischen halb auf der Fensterbank, halb auf dem Tisch bei der Frau, als würde sie sich bewusst möglichst viel Raum nehmen. Ihr Schwanz hing locker über die Kante und bewegte sich im Takt mit dem langsamen Umblättern der Seiten.
Isaac lehnte sich wie selbstverständlich entspannt an, nahm einen Schluck und sah sich noch einmal um.
„Es wird“, sagte er schließlich.
Ich stellte mich ihm gegenüber. „Was genau?“
Er zuckte leicht mit den Schultern. „Alles hier.“
Ich folgte seinem Blick. Die Frau am Fenster blätterte gerade um, völlig in ihre Welt vertieft.
Ich spürte, wie sich ein kleines, unerwartetes Gefühl von Zufriedenheit in mir ausbreitete. Vielleicht war es genau das. Nicht die vielen Leute. Nicht der volle Laden. Sondern diese Momente.
Die Tür ging noch einmal auf. Ich hob den Blick. Und musste lächeln. Es war Sarah, die Frau, die ich auf dem Markt kennengelernt hatte.
„Ich dachte mir, ich schau mal vorbei“, sagte sie, während sie sich den Schal lockerte und kurz stehen blieb, als würde sie den Raum auf sich wirken lassen.
„Hallo“, sagten Issac und ich beinahe im Chor.
„Hallo, Charlie. Hallo Isaac.“, erwiderte sie warm. Sie trat ein paar Schritte näher, blieb stehen und sah sich um. Ihr Blick blieb kurz an den Regalen hängen, dann an dem Tisch am Fenster.
„Es fühlt sich anders an als beim letzten Mal“, sagte sie nachdenklich. „Irgendwie… mehr wie ein Ort, an dem man verweilen möchte.“
Ich sah automatisch zu der Frau am Fenster, die weiterhin völlig in ihr Buch vertieft war. Ink hob kurz den Kopf und musterte Sarah einen Moment lang, bevor sie sich wieder hinlegte. Offenbar zufrieden mit ihrer Einschätzung.
„Das hoffe ich zumindest“, sagte ich leide.
Sarah folgte meinem Blick und lächelte
„Es wirkt ruhig heute“, stellte sie fest.
„Ein bisschen“, gab ich zu.
„Und du?“ fragte sie dann, etwas weicher. „Hast du dich inzwischen ein bisschen eingelebt?“
Die Frage traf mich einen Moment unerwartet.
„Ich glaube schon“, antwortete ich nach kurzem Zögern. „Es ist noch … neu. Aber anders als am Anfang:“
„Das klingt gut.“, sagte sie.
Ich nickte leicht. „Ich gewöhne mich daran, dass es auch mal ruhiger ist. Und dass es hier allgemein ruhiger ist als in London“, fügte ich hinzu und machte eine unbestimmte Handbewegung in der Luft.
Sarah lachte leise. „Das glaube ich. Das ist der Teil, an den man sich wirklich gewöhnen muss.“, sagte sie. „Aber genau dann passiert oft das, was man nicht planen kann.“
Ich hob leicht die Augenbrauen. „Zum Beispiel?“
Sie nickte in Richtung Fenster.
„Dass jemand einfach sitzen bleibt. Liest. Wiederkommt.“
Ich folgte ihrem Blick.
Sarah ging ein paar Schritte an den Regalen entlang und strich über einen der Buchrücken.
„Wie hat es dir auf dem Markt gefallen?“, fragte sie nebenbei.
„Besser als ich erwartet hatte. Isaac war eine wunderbare Begleitung.“ Ich deutete in seine Richtung.
„Charlie musste einmal aus seiner Komfortzone herausgeholt werden. Was könnte es da Besseres geben als einen Besuch auf dem Sonntagsmarkt?“, sagte er lachend. Sarah stimmte sofort mit ein. „Da hast du Recht. Wenn man damit klar kommt, schafft man hier alles!“
„Und die Wohnung?“, fragte sie dann. „Fühlst du dich da schon ein wenig zu Hause?“
Ich überlegte einen Moment. „Ja“, sagte ich schließlich. „Es fühlt sich langsam nach …“ ich suchte nach den richtigen Worten „... meinem Ort an.“
Sarah nickte zufrieden, als wäre das genau die Antwort, die sie hatte hören wollen.
„Gut“, sagte sie. „Das ist wichtig.“
Sie sah mich einen Moment lang an. „Wenn du bei irgendetwas Hilfe brauchst, scheu dich nicht, zu fragen.“
Überrascht sah ich sie an. Ich zögerte kurz, dann nickte ich.
„Die meisten Leite hier sind ziemlich schnell zur Stelle, wenn irgendwo jemand Unterstützung braucht“, fuhr sie fort. „Man muss nur einmal laut genug darüber nachdenken.“
Ich musste schmunzeln.
Und natürlich. Natürlich dachte ich in diesem Moment genau an eine bestimmte Person. Ich schüttelte den Gedanken ab. Warum ausgerechnet er schon wieder?
„Danke, das klingt gut“, sagte ich stattdessen.
Sarah nickte zufrieden. „Und falls du einen besonders langen Tag hast“, fügte sie hinzu, während sie ein Buch wieder zurück ins Regal stellte „und feststellst, dass du eigentlich keine Lust hast, dir noch irgendetwas Vernünftiges zu kochen …“ Sie sah mich kurz an, fast verschwörerisch. „… dann sag Bescheid. Wirklich!“
Jetzt war ich wirklich überrascht. Meinte sie das ernst? Sie wollte für mich kochen? Doch ihr Blick schien nichts als Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft auszustrahlen. „Das ist nett von dir, danke!“, erwiderte ich, fast ein wenig eingeschüchtert.
„Ich meine das ernst“, sagte sie. „Manchmal vergisst man einfach zu essen, wenn man sich um alles andere kümmert. Gerade ihr jungen Männer seid da sehr anfällig.“
Ein kurzes Lächeln huschte über ihr Gesicht, während sie zwischen Isaac und mir hin und herschaute. „Ich spreche da aus Erfahrung.“
Ich hob eine Augenbraue, sagte aber nichts dazu.
„Ich finde es schön, dass der Laden wieder offen ist“, sagte sie schließlich. „Und dass jemand da ist, der sich so kümmert.“ Sie sah mich an. „Ich bin froh, dass du dich dafür entschieden hast, den Laden zu übernehmen. Ich bin sicher, es war keine leichte Entscheidung und eine große Umstellung, von London nach Foxley zu ziehen. Aber ich hoffe, dass du es nicht bereuen wirst. So, wie ich es bisher mitbekommen habe, ist ganz Foxley von dir begeistert!“
Ich wurde rot. Es war mir unangenehm, wie offen Sarah mir mit sprach. Und dennoch fühlte ich mich in ihrer Gegenwart wohl. Sie hatte etwas an sich, das mich umfing, das mich sofort zur Ruhe kommen ließ. Nicht auf eine aufdringliche Art, sondern ganz leise, fast unmerklich. Als müsste man sich bei ihr nicht erklären. Nicht anstrengen. Nicht besonders sein. Einfach nur da sein. Das genügte. Ich merkte, wie sich meine Schultern ein kleines Stück entspannten.
„Danke“, sagte ich schließlich, etwas leiser, als ich es eigentlich vorgehabt hatte.
Sie lächelte nur. Dann ging sie langsam weiter durch den Laden, blieb hier und da stehen, zog ein Buch heraus, blätterte darin.
Ich lehnte mich leicht zurück und ließ den Blick durch den Raum wandern. Isaac und ich tranken gemeinsam schweigend unseren Kaffee, beide in unsere eigenen Gedanken vertieft. Er war ein wunderbares Gegenüber, mit dem auch Stille angenehm sein konnte.
Nach einer Weile kam Sarah mit einem der Bücher zum Tresen zurück. „Das nehme ich“, sagte sie und legte es vor mich hin.
Ich nickte, griff automatisch nach der alten Kasse und nannte ihr den Preis, während sie in ihrer Tasche nach dem Geld suchte.
„Eine gute Wahl“, sagte ich, mehr aus Gewohnheit als aus Überzeugung.
„Das hoffe ich“, erwiderte sie mit einem leichten Lächeln. „Und selbst wenn nicht… dann habe ich zumindest den richtigen Laden unterstützt.“
Ich musste leise lachen. „Danke“, sagte ich noch einmal. Diesmal etwas sicherer.
Sie schob das Geld über den Tresen, nahm das Buch an sich und sah sich noch ein letztes Mal im Laden um. „Mach weiter so“, sagte sie. „Das hier wird schon.“
Dann zog sie sich ihren Schal wieder etwas enger und hob leicht die Hand zum Abschied.
Die Tür fiel leise hinter Sarah ins Schloss.
Für einen Moment blieb es still im Laden. Nur das leise Umblättern der Seiten vom Fenster her war zu hören.
Ich sah ihr noch kurz nach, dann wandte ich mich wieder dem Tresen zu, an dem Isaac mit seinem Kaffee stand und in einem Buch blätterte.
„Nett“, murmelte ich mehr zu mir selbst als zu jemand anderem.
Neben mir blieb es einen Augenblick ungewöhnlich ruhig. Ich warf Isaac einen kurzen Blick zu. Er sah mich an. Mit diesem leicht schrägen, schwer zu deutenden Ausdruck, den ich inzwischen kannte. Eine Mischung aus Interesse… und irgendetwas, das ich nicht ganz einordnen konnte.
„Was?“, fragte ich.
Isaac zog eine Augenbraue hoch. „Du hast Sarah schon kennengelernt?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Ja, auf dem Markt“, sagte ich. „Sie war mit ein paar Leuten unterwegs. Wir haben ein bisschen geredet.“ Ich lehnte mich leicht gegen den Tresen. „Warum?“
Isaac sagte nichts. Nur dieses kleine, kaum sichtbare Lächeln zog über sein Gesicht. Nicht spöttisch. Eher… amüsiert. Als würde er gerade etwas sehen, das ich selbst noch nicht bemerkte. Ich runzelte die Stirn.
„Was?“, wiederholte ich.
Er schüttelte den Kopf. „Nichts“, sagte er. Und nahm einen Schluck von seinem Kaffee, als wäre das Thema damit erledigt.
Ich sah ihn noch einen Moment an. Nicht überzeugt. Aber auch nicht sicher genug, um weiter nachzufragen. Also ließ ich es.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass mir gerade etwas entgangen war.
„Ich habe mich für dieses hier entschieden“, sprach mich plötzlich die Frau vom Fenster mit den zwei Büchern an und hielt mir eines der beiden Bücher entgegen. „Das fühlt sich richtig an.“
Ich nickte. „Dann ist es wahrscheinlich das Richtige.“
Ich tippe den Preis ein und nannte ihn ihr. Sie bezahlte, dann zögerte sie kurz und fragte schließlich: „Hast du hier vielleicht irgendwo eine Kaffeekasse stehen? Ich würde gerne eine Kleinigkeit hineinwerfen. Ich habe mich hier heute wirklich wohl gefühlt. Und danke, dass ich in die beiden Bücher reinlesen durfte.“
Ich sah sie erstaunt an und schüttelte entschuldigend den Kopf.
„Naja, dann gebe ich es dir einfach so. Das ist wirklich ein ganz toller Laden hier“, sagte sie und drückte mir einen Geldschein in die Hand.
Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht. Ich freute mich riesig. Nicht über das Geld. Sondern über die Tatsache, dass sich jemand in meinem Land so wohlgefühlt hatte. Und dass ich dazu beigetragen hatte, den Tag dieser Frau zu verschönern.
Isaac kam auf mich zu. „Ich hab dir doch gesagt, dass der Laden gut laufen wird. Du machst die Menschen glücklich. Das ist eine Gabe.“
Ich blinzelte ihn an. „Ich … was?“
Er zuckte nur leicht mit den Schultern, als wäre das offensichtlich.
Ich sah auf den Geldschein in meiner Hand. Die Worte der Frau hallten noch nach. Und Isaacs gleich hinterher.
Ich mache Menschen glücklich?
Der Gedanke fühlte sich… seltsam an. Fremd. Ich hatte doch gar nichts Besonderes gemacht. Ich hatte ihr nur gesagt, dass sie sich hinsetzen kann. Dass sie sich Zeit nehmen darf. Das hätte doch jeder gesagt.
Ich runzelte leicht die Stirn.
Das liegt doch nicht an mir, dachte ich. Das ist einfach… der Laden. Die Bücher. Die Atmosphäre. Nicht ich. Ich spürte, wie sich dieses vertraute, leise Zweifeln wieder einschlich. Unaufdringlich, aber hartnäckig. Irgendwo dazwischen, ganz kurz, tauchte eine Stimme auf, die ich längst hinter mir gelassen haben wollte. Bens Stimme. Nicht wirklich hörbar. Eher ein Gefühl. Als hätte mir jemand das alles schon einmal erklärt. Dass ich mir Dinge einbildete. Dass ich nichts Besonderes war. Dass Menschen nicht meinetwegen blieben.
Ich schluckte und schob den Gedanken schnell beiseite. Ich wollte nicht an Ben denken. Ben war Vergangenheit. Er gehörte zu London und London lag hinter mir. Ich gehörte jetzt zu Foxley. Das war meine Zukunft. Für Ben war da keinen Platz mehr.
Isaac musterte mich einen Moment. Dann schüttelte er leicht den Kopf.
„Du denkst schon wieder“, stellte er fest.
Ich atmete geräuschvoll aus, es klang schon fast wie ein Seufzen. „Vielleicht ein bisschen.“
Er nickte und klopfte mir mit der Hand leicht auf die Schulter, als wollte er sagen: ich bin für dich da, wenn du mich brauchst. Ich sah ihn dankbar an.
Er hatte sich mir gegenüber geöffnet, hatte mir von sich erzählt. Ich merkte, wie ich kurz überlegte, ihm von Ben zu erzählen. Er würde es verstehen. Doch was, wenn sich dadurch etwas ändern würde? Nicht mit Isaac, da war ich mir sicher. Er würde mich nicht anders betrachten oder behandeln. Doch was, wenn es die Runde machte? Wenn die Dorfbewohner etwas davon mitbekommen würden? Ich war überzeugt davon, dass Isaac nichts erzählen würde, doch mich ihm gegenüber zu öffnen war der erste Schritt. Wenn es einer wusste, war die Schwelle, auch mit anderen darüber zu sprechen nicht mehr so groß. Wollte ich diese Grenze überschreiten? Momentan war ich hier in Foxley einfach Charlie Spring, der Buchhändler. Charlie aus London. Charlie ohne Beziehungsstatus. Charlie ohne ein Label. Ich zögerte, etwas zu lange und dann war der Moment vorbei.
Isaac sah mich an und als ich nicht darauf einging, stellte er seine Tasse ab, stand auf und streckte sich kurz.
„Ich lasse dich mal weiterarbeiten“, sagte er. „Bevor ich hier noch anfange, Kunden zu vertreiben.“
Ich atmete tief durch, um meine Unsicherheit zu vertreiben. „Das wäre äußerst schlecht fürs Geschäft“, gab ich zurück.
„Sehr“, bestätigte er trocken. Kurz und knapp. Ich mochte unsere Art der Gespräche, ein bisschen frech, ein bisschen humorvoll und doch mit einer Spur Ernsthaftigkeit.
Er ging zur Tür, blieb noch einmal kurz stehen und sah sich um. „Es läuft“, sagte er schließlich, als wäre das keine Frage, sondern eine Feststellung. Dann hob er die Hand zum Abschied und verschwand nach draußen.
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.
Der Laden wurde schlagartig ruhig.
Ich stand hinter dem Tresen, sortierte noch ein paar lose Zettel, räumte die letzten Bücher zurück in die Regale, strich über ein paar schiefe stehende Reihen und brachte die Tassen, die noch im Laden standen, zurück in die Küche.
Ink war mir dabei gefolgt, als wäre sie für die Kontrolle zuständig. Sie sprang auf den Tresen, beobachtete mich einen Moment lang aufmerksam und ließ sich dann schließlich mitten auf den noch warmen Holzplatten nieder, als hätte sie beschlossen, dass alles in Ordnung war.
„Du bist zufrieden, hm?“, murmelte ich und strich ihr kurz über den Rücken.
Sie blinzelte nur träge.
Ich nahm erneut den Geldschein der Frau in die Hand und drehte ihn zwischen meinen Fingern hin und her. Dann öffnete ich eine Schublade und legte ihn hinein. Ich würde ihn aufbewahren, als Erinnerung an diesen besonderen Moment. Dabei fiel mein Blick auf ein Kinderbuch, das am Boden lag. Scheinbar hatte es ein Kind angeschaut und dort leigenlassen. Ich hob es auf und brachte es gerade zurück an seinen Platz, als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung draußen wahrnahm. Jemand lief am Fenster vorbei. Nein, nicht jemand.
Nick.
Er ging am Laden vorbei, den Blick leicht gesenkt, als wäre er mit seinen Gedanken ganz woanders. Seine Hände waren tief in den Jackentaschen vergraben. Er lief mit schnellen, gleichmäßigen Schritten, fast automatisch, als würde er gar nicht wirklich darauf achten, wohin er ging.
Ich blieb stehen. Bewegte mich nicht. Beobachtete einfach, ohne es bewusst zu wollen.
Er ging ein paar Schritte weiter. Dann blieb er stehen. Ganz plötzlich. Er zögerte.
Ich sah, wie er den Kopf leicht hob, sich einmal umblickte, als würde ihm gerade erst bewusst werden, wo er war.
Und dann… drehte er sich um.
Er ging die paar Schritte zurück. Direkt auf den Laden zu.
Mein Herz setzte einen Moment aus. Nur ganz kurz.
Dann klingelte die Tür.
„Hey“, sagte er, als er eintrat und blieb einen Moment stehen, als müsste er erst wieder in der Situation ankommen. „Ich bin gerade vorbeigelaufen und dachte … ich sag mal schnell Hallo.“ Er hob die Hand zu einem kleinen Winken. „Ich wollte eigentlich schon die ganze Zeit mal vorbeikommen.“
Ich hob leicht die Augenbrauen. „Zum Hallo sagen?“
Ein kurzes Grinsen huschte über sein Gesicht. „Auch“, sagte er. „Aber eigentlich brauche ich ein Buch.“
Ich grinste zurück. „Na, dann bist du hier nicht ganz verkehrt.“
Er trat ein paar Schritte näher. „Ich hatte die letzten Tage immer mal wieder dran gedacht und dann kam jedes Mal irgendwas dazwischen.“
Er atmete kurz aus und strich sich durch die Haare. „Heute war… na ja. Ein bisschen chaotisch.“ Jetzt fiel mir auf, dass er erschöpft aussah.
„Alles gut?“, fragte ich, bevor ich darüber nachdenken konnte.
Er nickte. „Ja, ja. Nur ein Notfall in der Praxis. Nichts Dramatisches, aber es zieht sich dann immer.“
Ich nickte ebenfalls. „Klar.“
Ein kurzer Moment Stille. Nicht unangenehm. Nur … ungewohnt ruhig.
Nick sah sich im Laden um, als würde er ihn jetzt zum ersten Mal richtig wahrnehmen.
„Es sieht echt gut aus hier“, sagte er schließlich.
„Danke“, antwortete ich und spürte, wie sich eine leichte Röte auf mein Gesicht schlich.
Doch ich merkte, wie ich mich ein bisschen mehr zusammenreißen konnte als beim letzten Mal. Weniger überrascht. Weniger ... überfordert. Das war gut, richtig gut. Auch wenn das leichte Ziehen in meiner Brust trotzdem da war.
„Also“, sagte er schließlich und wandte sich wieder mir zu „ich lese eigentlich gern Sachen, bei denen ich nicht nach drei Seiten einschlafe.“
Ich musste lachen. „Das ist schon mal eine gute Grundlage.“
„Hilft das?“ Er sah mich fragend an. „Um mir ein Buch zu empfehlen?“
„Ein bisschen“, sagte ich und trat vom Tresen weg. „Magst du eher so Richtung Spannung oder mehr… ruhig?“
Er überlegte kurz. „Schon eher spannend. Aber nicht zu kompliziert.“
Ich überlegte. Dann nickte ich. „Okay.“
Ich ging zu einem der Regale, zog ein Buch heraus und hielt es ihm hin. „Das hier könnte passen. Nicht zu schwer, aber trotzdem gut geschrieben.“
Er nahm es, drehte es in den Händen und las kurz die Rückseite. „Klingt vielversprechend.“
„Ich hoffe, ich enttäusche dich nicht.“
„Ich komme einfach nicht wieder, wenn es schlecht ist“, meinte er trocken.
Ich grinste. „Das wäre natürlich tragisch.“
Er blätterte noch einmal kurz durch das Buch und ging dann mit mir zurück zum Tresen.
In diesem Moment sprang Ink vom Boden auf die Kante des Tresens und setzte sich genau zwischen uns, als hätte sie beschlossen, jetzt doch noch einmal aktiv am Geschehen teilzunehmen.
Nick sah sie an.
„Na, erinnerst du dich noch an mich?“, fragte er leise.
Ink reagierte erst nicht. Beobachtete ihn nur mit ihrem typischen, leicht skeptischen Blick.
„Ich glaube, sie ist sich noch nicht ganz sicher“, sagte ich.
„Kann ich nachvollziehen. Ich hab ihr ja letztens die schmerzende Pfote untersucht“, meinte er.
Dann legte er das Buch auf den Tresen und beugte sich zu ihr nach unten. Ganz ruhig. Langsam. Er hob die Hand und strich ihr sanft über die Stirn, genau zwischen den Ohren entlang. Wie beim letzten Mal. Diese kleine, ruhige Bewegung. Ich hielt unwillkürlich den Atem an.
Ink erstarrte für einen kurzen Moment.
Und dann… veränderte sich etwas.
Ihr Körper entspannte sich sichtbar, ihre Augen wurden weicher und sie ließ sich mit einem leisen, zufriedenen Geräusch ein Stück nach vorne sinken.
Nick streichelte über ihren Rücken.
„Sieht so aus, als hätte ich doch noch eine Chance“, sagte er leise und sah zufrieden zu mir auf.
Ich musste lächeln. „Sie ist wählerisch.“
„Gut so“, meinte Nick nur, während er sich wieder erhob.
Ich nahm das Buch und gab den Preis in die Kasse ein. Nick griff in seine Hosentasche und hielt dann unvermittelt mitten in der Bewegung inne.
Sein Blick wirkte verlegen. Ich runzelte die Stirn.
Wurden seine Ohren da etwa gerade … rot?
Oh.
Ein leises Klimpern folgte, als er schließlich weiter in die Tasche griff und eine kleine Handvoll Münzen hervorzog. Viel zu viele Münzen.
Er sah kurz auf seine Hand, dann wieder zu mir, als wäre er sich nicht ganz sicher, wie er das jetzt am besten lösen sollte.
„Ähm…“, machte er und ließ die Münzen vorsichtig auf den Tresen gleiten. „Ich fürchte, ich hab heute eher … Kleingeld-Tag.“
Ich konnte mir ein kleines Lächeln nicht verkneifen. „Das sehe ich.“
Er atmete leise aus, halb verlegen, halb amüsiert über sich selbst, fuhr sich dann mit der Hand durch die Haare und begann, die Münzen zu zählen.
„Ich hatte heute noch keine Zeit zur Bank zu gehen“, setzte er an, während er die Münzen sortierte. Dann sprach er schnell weiter. „Und dann war da heute Morgen jemand in der Praxis, der hatte auch nur Kleingeld und ich dachte, ich bring das später weg, aber dann kam der Notfall dazwischen und ich hab’s einfach in die Tasche gesteckt und… ja.“
Er brach ab, als würde ihm selbst gerade auffallen, dass das keine besonders elegante Erklärung war.
Ich sah ihn an, wie er konzentriert versuchte, Ordnung in das kleine Münzchaos zu bringen.
„Das ist dann wohl ein klassischer Fall von spontaner Buchkauf“, sagte ich und versuchte, das Lachen zu unterdrücken.
Er sah kurz auf und für einen Moment blitzte dieses warme, ehrliche Lächeln auf. „Genau. Ganz gefährliche Sache.“
Ich lehnte mich leicht gegen den Tresen und sah ihm dabei zu, wie er konzentriert versuchte, den richtigen Betrag zusammenzulegen. Immer wieder zählte er neu, schob Münzen hin und her, als würden sie sich absichtlich falsch anordnen.
„Wenn es hilft“, sagte ich schließlich, „ich nehme auch dramatische Tierarztgeschichten als Zahlungsmittel.“
Er lachte leise. „Das wäre definitiv einfacher gewesen.“
Am Ende schob er mir den Betrag hin, ein kleines, leicht chaotisches Münzbild auf dem Tresen.
Ich zog das Geld zu mir, überschlug es grob und nickte. „Passt.“
Er wirkte sichtlich erleichtert.
Einen Moment blieb er noch stehen, als hätte er vergessen, dass der Kauf damit eigentlich abgeschlossen war. Dann griff er nach dem Buch, steckte es unter den Arm und sah mich noch einmal kurz an.
„Danke“, sagte er dann.
Ich nickte. „Gern. Viel Spaß beim Lesen!“
„Ich hoffe, ich finde irgendwann Zeit dazu“, sagte er.
„Du kannst auch mal hier herkommen und dich dort drüben hinsetzen“, meinte ich. „Das scheint ganz gut zu funktionieren.“
Er sah kurz zu dem Tisch am Fenster. Dann wieder zu mir. Ein kleines Lächeln. „Vielleicht mache ich das.“
Auf dem Weg zur Tür drehte er sich noch einmal um. „Ich komme mal wieder vorbei“, sagte er. Diesmal klang es weniger wie eine Höflichkeit.
Ich nickte. „Gerne.“ Komm gerne vorbei und bleib, solange du möchtest … vielleicht … für immer? Ich verdrehte die Augen über meine Gedanken. So wurde das nichts mit normal.
Dann war er draußen. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.
Ink blieb noch einen Moment auf dem Tresen sitzen, als hätte sie die Situation ebenfalls kurz verarbeitet, bevor sie sich zusammenrollte.
Ich sah zur Uhr. Es war schon spät. Ich schob die Kasse zu, griff nach dem Schlüssel und ging zur Tür.
Ich schloss ab, blieb noch einen Moment stehen und sah über den Platz.
Ein paar Stimmen in der Ferne, ein Licht, das in einem Fenster anging, irgendwo ein leises Lachen.
Ich atmete einmal durch, während ich versuchte, das Bild von roten Ohren aus meinem Gedächtnis zu verbannen.
Dann drehte ich mich um und ging nach oben.
In der Wohnung war es still.
Ich hatte das Licht nur halb eingeschaltet, die kleine Lampe auf dem Tisch warf einen warmen, gedämpften Schein über den Raum. Draußen war es längst ruhig geworden, nur manchmal hörte ich noch leise Schritte auf dem Dorfplatz oder eine Tür, die irgendwo zufiel.
Ink lag zusammengerollt auf dem Sofa, den Kopf auf den Vorderpfoten und hob nur kurz ein Ohr, als ich mich bewegte.
Ich ließ mich auf den Stuhl am Tisch sinken und zog das Notizbuch aus meiner Tasche.
Das vom Markt. Für einen Moment hielt ich es einfach nur in den Händen. Ich beschloss zu schreiben. An Tao und Elle. An die beiden wichtigsten Personen in meinem Leben, die weit weg in London waren und immer noch nicht viel über mein neuen Leben hier in Foxley wussten. Wann ich ihnen das Notizbuch überreichen würde, wusste ich noch nicht. Vielleicht würde ich es ihnen einfach per Post schicken.
Ihnen jetzt zu schreiben fühlte sich anders an als alles, was ich ihnen in den letzten Wochen geschrieben hatte. Nicht wie eine schnelle Antwort auf eine Nachricht. Nicht wie etwas, das ich zwischen zwei Dingen erledigte. Sondern… bewusster. Ich schlug es auf.
Die erste Seite blickte mich leer an. Ich zögerte. Dann setzte ich den Stift an.
Foxley
ich glaube, ich muss euch endlich mal mehr erzählen.
Ich hielt kurz inne, sah auf die Worte. Dann schrieb ich weiter.
Ich erzählte ihnen vom Laden. Dass er nicht immer voll war. Dass es Tage gab, an denen kaum jemand kam. Dass ich manchmal immer noch nicht wusste, ob ich das hier wirklich konnte.
Und dass es gleichzeitig Momente gab, in denen sich alles richtig anfühlte. Wenn jemand sich Zeit nahm. Wenn jemand blieb. So wie heute. Wenn der Laden plötzlich nicht mehr nur ein Raum war, sondern… etwas, das lebte.
Ich schrieb von Isaac. Dass er fast jeden Tag vorbeikam. Dass er einfach da war, ohne etwas zu erwarten. Dass er Dinge sagte, die erst unscheinbar klangen und dann doch hängen blieben. Dass er zu einem Freund geworden war.
Ich musste lächeln, als ich daran dachte, wie selbstverständlich er sich bei unserem Spaziergang letztens auf die Bank gesetzt hatte, als würde er genau wissen, dass das der richtige Ort für dieses Gespräch war.
Dann hielt ich kurz inne. Der Stift verharrte über dem Papier. Ich hätte einfach weiter schreiben können. Hätte beim Thema bleiben können. Doch ich tat es nicht.
Ich habe heute jemanden wiedergetroffen.
Ich starrte auf den Satz. Las ihn noch einmal. Zu einfach. Zu wenig. Ich atmete leise aus und setzte den Stift wieder an.
Den Tierarzt. Nick. Der, von dem alle im Dorf immer reden.
Ich zögerte. Dann schrieb ich weiter. Ich erklärte nicht viel. Nicht, wie ich mich gefühlt hatte. Nicht, dass mein Herz für einen Moment schneller geschlagen hatte. Nicht, dass ich ihn beobachtet hatte, bevor er überhaupt reingekommen war. Ich schrieb einfach, dass er vorbeigekommen war. Dass er ein Buch gekauft hatte. Dass er… nett war.
Ich hielt inne. Das Wort sah seltsam aus auf dem Papier. Zu klein für das, was ich eigentlich meinte. Und gleichzeitig genau richtig. Ich lehnte mich ein Stück zurück, ließ den Stift sinken und strich mir kurz über die Stirn. Es war merkwürdig. Früher hätte ich wahrscheinlich alles sofort erzählt. Jede Kleinigkeit. Jeden Gedanken. Jetzt wählte ich aus. Nicht, weil ich ihnen nicht vertraute. Sondern weil ich selbst noch nicht wusste, was wichtig war.
Ich schreibe euch mehr. Versprochen. Ich glaube, ich komme langsam hier an.
Ich setzte einen Punkt. Las mir die Seite noch einmal durch. Und spürte etwas, das sich nicht laut anfühlte. Nicht überwältigend. Eher ruhig. Als würde etwas langsam an seinen Platz rutschen.
Ink bewegte sich auf dem Sofa, streckte sich und sah kurz zu mir herüber, bevor sie den Kopf wieder sinken ließ.
Ich schloss das Notizbuch, ließ die Hand noch einen Moment darauf liegen und sah durch das Fenster hinaus auf den Dorfplatz. Es war fast niemand mehr unterwegs. Nur ein einzelnes Licht brannte noch im Pub gegenüber.
Ich blieb noch einen Moment sitzen. Dann stand ich auf, löschte das Licht und ging ins Bett.
Notes:
Wie versprochen ist Nick endlich wieder da 🥰 Ich liebe diese Szene so sehr, ich kann ihn richtig vor mir sehen, wie er mit seinem Kleingeld und seinem schiefen, entschuldigenden Lächeln da steht - und mit roten Ohren 🤭
Was meint ihr zu Sarah? Soll Charlie bald schon herausfinden, wer ist sie oder noch eine Weile länger "unwissend" bleiben?
Chapter 14: Ein Stück näher, ein Schritt zurück
Summary:
Ein Kapitel voller Wendungen: In einem Gespräch mit Tao und Elle gibt es eine unerwartete erfreuliche Wendung für Charlie. Im Pub erfährt Charlie etwas Neues über Nick, bevor es zu einem Aufeinandertreffen kommt. Und es entsteht ein wichtiges Gespräch zwischen Charlie und Isaac.
Notes:
(See the end of the chapter for notes.)
Chapter Text
Die nächsten Tage begannen ruhiger.
Weniger dieses ständige Neue, weniger dieses Gefühl, jeden Moment etwas falsch machen zu können. Stattdessen ein Rhythmus, der sich langsam einstellte. Der Laden öffnete sich jeden Morgen ein kleines Stück leichter.
Irgendwann mitten in der Woche vibrierte mein Handy auf dem Tresen. Chaos Trio. Ich warf einen kurzen Blick darauf, eigentlich nur, um die Nachricht zu lesen und es dann wieder wegzulegen.
Tao:
Lebst du noch, oder hast du dich jetzt komplett in ein Buch verwandelt?
Elle:
Ignorier ihn. Wie geht’s dir wirklich?
Ich hielt einen Moment inne. Noch vor wenigen Tagen hätte ich vermutlich einfach irgendetwas Kurzes geschrieben. Ein Alles gut oder ein läuft schon.
Stattdessen tippte ich mehr. Erzählte vom Laden. Davon, dass es Tage gab, die sich ewig zogen. Und andere, die plötzlich viel zu schnell vorbei waren. Dass es jemanden gab, der ständig vorbeikam und einfach da war. Der zu einem Freund wurde.
Und dann, fast nebenbei:
Ich:
Hier gibt’s auch einen Tierarzt, von dem irgendwie alle reden. Hab ihn jetzt schon ein paar Mal getroffen.
Ich zögerte kurz, bevor ich auf Senden drückte.
Dann vibrierte das Handy fast sofort wieder.
Tao:
Natürlich. Du gehst in ein Dorf und lernst direkt den Tierarzt kennen. Klassisch.
Ich schüttelte leicht den Kopf. Eine weitere Nachricht folgte direkt danach.
Tao:
Moment mal. Wer ist der mysteriöse Jemand, der ständig bei dir rumhängt???
Ich starrte kurz auf den Bildschirm und war verwirrt.
Tao:
Das klingt verdächtig nach jemand Interessantem.
Ich konnte mir ein leises Schnauben nicht verkneifen.
Ich:
Das ist Isaac. Er wohnt hier schon ewig und kommt einfach gern vorbei.
Die Antwort kam sofort.
Tao:
Und? Das beantwortet exakt gar nichts. Ist er interessant oder nicht?
Ich lehnte mich leicht gegen den Tresen und strich mit dem Daumen über den Bildschirm.
Ich:
Er ist nett. Und er trinkt viel Kaffee. Und er mag Bücher. Daher verstehen wir uns gut.
Tao:
Das ist keine Kategorie, Charlie!
Ich musste unwillkürlich schmunzeln.
Tao:
Gibt es irgendeinen Grund, warum du das so neutral erklärst?
Ich hielt kurz inne. Ich konnte schlecht einfach schreiben, dass Isaac … anders war. Dass das Ganze in eine Richtung ging, die nichts mit dem zu tun hatte, worauf Tao gerade hinaus wollte.
Also schrieb ich stattdessen:
Ich:
Da steckt nichts dahinter. Wirklich nicht.
Eine kurze Pause. Dann:
Tao:
Schade ☹️
Und direkt danach:
Tao:
Ich hatte kurz Hoffnung.
Ich schüttelte den Kopf.
Elle:
Er muss nicht jede Begegnung in ein Drama verwandeln, Tao. Außerdem ist das mit Ben noch nicht allzu lange her. Lass ihm seine Ruhe, du Nervensäge!
Ich lachte. Diese Zwei! Ich vermisste sie und unsere gemeinsamen Momente. Aber Elle hatte recht. Die Sache mit Ben war jetzt fünf Monate her. Das war noch keine lange Zeit. Ich sollte mich erst einmal wieder selbst finden, bevor ich an eine Beziehung dachte. Erst einmal mein Leben, mein neues Leben hier in Foxley, auf die Reihe kriegen. Danach konnten sich Anderes entwickeln. Ich dachte an Nick. Nur ganz kurz. Dann schob den Gedanken schnell wieder beiseite.
Ich:
Danke, Elle!
Tao:
Ich sage ja nur. Außerdem bist du die Nervensäge. Wer jammert denn hier seit 20 Minuten rum, dass er endlich ein Croissant möchte?
Ich:
Es geht mir wirklich gut hier! Es wird immer besser und einfacher.
Ich:
Ich habe einen großartigen Platz gefunden, von wo aus man die ganze Stadt überblicken kann. Den zeig ich euch, wenn ihr mich mal besuchen kommt.
Elle:
Das klingt gut. Also… alles davon.
Ich sah noch einen Moment auf den Bildschirm.
Der Chat plätscherte noch eine Weile vor sich hin. Wir tauschten Kleinigkeiten aus. Sie erzählten mir von London, von der Arbeit, ich schrieb von Ink.
Es tat mir gut, ein bisschen Vertrautheit zu spüren. Und endlich gelang es mir auch, mich ihnen wieder etwas zu öffnen. Seit der Trennung von Ben war mir das zunehmend schwerer gefallen. Tao und Elle waren meine ältesten Freunde, wir hatten uns bereits während der Schule kennengelernt und waren seitdem unzertrennlich. Die Beiden waren seit einigen Jahren ein Paar. Ein sehr ungleiches Paar, doch das schien genau das Richtige zu sein. Sie neckten und stritten sich gefühlt ununterbrochen, doch man musste nur genauer hinsehen, um zu erkennen, dass es eine Verbindung zwischen ihnen gab, die tiefer ging.
Elle:
Alles Gute dir weiterhin, Charlie! Wir vermissen dich. Und grüß Isaac von uns, unbekannterweise.
Tao:
Von mir nicht, ich möchte, dass er mich erst persönlich kennenlernt.
Ich verdrehte die Augen. Das war so Tao. Ich wusste, dass er es nicht ernst meinte und konnte fast vor mir sehen, wie er die Nase nach oben reckte und den Satz trocken, aber bestimmt von sich gab.
Den ganzen restlichen Tag war ich gut gelaunt, da mir die Unterhaltung mit ihnen so gut getan hatte.
Zwei Tage später schnappte ich mir daher das Telefon und wählte Elles Nummer. Das Telefonat war chaotisch, wie immer. Es war genau das, was ich liebte. Elle hatte auf Lautsprecher geschalten, sodass Tao mithören konnte. Tao redete dazwischen, unterbrach mich ständig, stellte Fragen, die er selbst beantwortete, bevor ich überhaupt reagieren konnte. Elle versuchte, Ordnung in das Ganze zu bringen, scheiterte aber regelmäßig daran, dass Tao einfach weitermachte.
Ich lehnte mich mit dem Handy am Ohr gegen den Tresen und musste mehrmals lachen, einfach, weil es sich so vertraut anfühlte.
„Also, Moment mal“, hörte ich Elle sagen, irgendwo zwischen Taos Kommentaren. „Du sagst, du hast jetzt sowas wie Stammkunden?“
„Ich glaube schon“, antwortete ich.
In dem Moment sprang Ink auf den Tresen, stieß mit der Pfote gegen einen Stapel Lesezeichen und schob ihn mit erstaunlicher Zielstrebigkeit Richtung Boden.
„Nein“, sagte ich reflexartig. Zu spät. Die Lesezeichen rutschten herunter und verteilten sich auf dem Boden.
„Was war das?“, fragte Tao sofort.
„Nichts“, murmelte ich und ging in die Hocke, um sie wieder aufzusammeln. „Ink hat beschlossen, dass Ordnung überbewertet ist.“
„Ich mag sie jetzt schon“, sagte Tao.
„Ich auch“, fügte Elle hinzu.
Ich musste lächeln, während ich die letzten Lesezeichen wieder auf den Tresen legte.
Dann wurde es für einen Moment ruhiger.
„Also…“, begann Elle vorsichtig. „Bist du glücklich da?“
Ich hielt inne. Die Frage hing einen Moment in der Luft. Ich sah aus dem Fenster, auf den Dorfplatz, auf die vertrauten Häuser, die sich Stück für Stück irgendwie… weniger fremd anfühlten.
„Ich glaube… ja“, sagte ich schließlich. Und diesmal klang es nicht wie etwas, das ich mir selbst einreden wollte.
„Wann können wir dich denn mal besuchen kommen?“ fragte Elle vorsichtig.
Ich stutze. Als ich ihnen Anfang des Jahres erzählt hatte, dass ich den Buchladen in Foxley übernehmen würde, hatten wir festgestellt, dass Tao und Elle erst im Juni ein freies Wochenende haben würden, um mich besuchen zu kommen. Jetzt war es gerade mal Anfang April. Erst war ich enttäuscht gewesen, doch dann hatte ich es als Chance gesehen, mir mein neues Leben allein aufzubauen. Mich hatte die Trennung von Ben so aus der Bahn geworfen, dass ich in den folgenden Wochen die Unterstützung und den Zuspruch meiner Freunde gebraucht hatte. Das führte jedoch dazu, dass ich gar nicht mehr wusste, was ich allein alles leisten konnte. Genau mit diesem Vorsatz war ich schließlich nach Foxley gekommen: Mir selbst mein neues Leben aufzubauen. Und bisher klappte das erstaunlich gut.
„Ich dachte, ihr habt erst im Sommer frei?“ antwortete ich verwundert.
Ich merkte ein kurzes Zögern in Elles Stimme. „Wir … haben uns überlegt, dass ich eine Ausstellung verschieben kann und Tao kann ein paar Drehs umorganisieren.“
„Ich hab die Termine schon durchgeschaut“, fügte Tao sofort hinzu, bevor ich antworten konnte. „Das kriegen wir hin. Ist ein bisschen chaotisch, aber nichts, was sich nicht lösen lässt.“
Ich runzelte leicht die Stirn. Das hatte im Januar noch anders geklungen. „Seid ihr sicher? Das klingt nicht gerade nach ‚einfach mal schnell umplanen‘.“
„Ist es auch nicht. Aber es ist machbar.“, sagte Elle ruhig.
Es war einen kurzen Moment still in der Leitung.
„Und außerdem…“, setzte Tao an, „ist dein Geburtstag in ein paar Wochen.“
Ich hielt kurz inne. Das Thema hatten wir doch schon …
„Du hast damals zwar gesagt, das wäre dir egal“, fuhr er fort, „aber wir glauben dir das einfach nicht.“
„Und wenn wir schon alles umwerfen“, sagte Elle leiser, „dann lieber für etwas, das wirklich zählt.“
Ich atmete leise aus.
„Ihr müsst das wirklich nicht machen“, sagte ich schließlich. „Ich komme hier klar. Wirklich.“
„Das wissen wir“, sagte Elle sofort.
„Ja“, fügte Tao hinzu. „Das ist ja genau der Punkt.“
Ich blinzelte. „Was?“
„Du klingst so, als würdest du klar kommen. Und das erklärst du uns auch“, sagte er. „Und das ist gut. Aber…“ Er zögerte kurz. „… du hast auch schon mal besser geklungen.“
„Es ist uns wichtig. Du bist uns wichtig. Es ist so ein großer Schritt für dich“, ergänzte Elle.
Ich sagte nichts. Schluckte nur und merkte ein leichtes Brennen in meinen Augen.
„Wir kommen einfach vorbei“, sagte Elle sanfter. „Nicht, weil wir denken, dass du es nicht schaffst. Sondern weil wir dich sehen wollen.“
„Es ist machbar. Wir wollen für dich da sein, Charlie. Und wir wollen deinen Geburtstag mir dir feiern.“
Ich lehnte mich ein wenig gegen den Tresen, das Handy noch immer am Ohr. Ich blinzelte.
Ein kurzer Moment Stille.
Dann nickte ich, auch wenn sie das nicht sehen konnten und wischte mir die Tränen aus dem Auge. „Okay“, sagte ich leise. Und dann noch leiser „danke.“
Wir telefonierten insgesamt über eine Stunde und am Ende war ich sowohl erschöpft, aber auch unendlich glücklich. Sie würden tatsächlich vorbeikommen. Zu mir. Nach Foxley. Zu meinem Geburtstag.
Die folgenden Tage im Laden vergingen unterschiedlich. Manche still. Andere überraschend lebendig. Doch ich war zufrieden. Das Gespräch mit Tao und Elle hallte noch immer in mir nach und die Aussicht, dass sie nach Foxley kommen würden half ebenso.
An einem Nachmittag kam die Frau wieder, die sich beim letzten Mal so lange mit den zwei Büchern beschäftigt hatte.
„Ich hoffe, es ist in Ordnung, wenn ich mich wieder kurz hier hinsetze“, sagte sie ein wenig zögernd und deutete auf den Tisch am Fenster. „Zu Hause ist es gerade… laut.“
Ich lächelte. „Natürlich. Dafür ist der Platz da.“
Sie nickte dankbar und setzte sich, legte ihr Buch vor sich auf den Tisch und begann zu lesen. Und ich ließ sie einfach. Manchmal sah ich kurz hinüber. Wie sie die Seiten umblätterte. Wie sie hin und wieder innehielt, als würde sie einen Satz noch einmal lesen.
Und es fühlte sich… richtig an. Als hätte der Laden genau dafür gefehlt.
Am Ende der Woche saß ich wieder oben in der Wohnung. Das Notizbuch für Tao und Elle lag vor mir. Inzwischen waren mehrere Seiten gefüllt. Nicht ordentlich. Nicht geplant. Sondern einfach… geschrieben.
Ich blätterte ein Stück zurück.
Ich glaube, ich habe hier einen Ort gefunden, an dem man einfach sein kann.
Nicht alles auf einmal verstehen muss.
Ich hatte von dem Aussichtspunkt geschrieben. Von dem Blick über Foxley. Davon, wie klein alles von dort oben wirkte. Ich hatte ihnen von Isaac geschrieben. Und davon, wie er Dinge sagte, die sich erst später entfalteten.
Und irgendwann… auch von Ben. Nicht ausführlich. Aber ehrlich. Dass es mir noch nachhing. Dass ich manches noch nicht ganz loslassen konnte. Dass ich aber merkte, wie es leichter wurde. Langsam.
Ich hielt kurz inne, bevor ich schließlich weiterschrieb.
Ich glaube, ich fange an, alles Negative hinter mir zu lassen. Nicht komplett. Aber… ein Stück weit.
Und hier im Laden geht es auch gut voran. Inzwischen kommen manche Leute nicht mal mehr nur wegen der Bücher vorbei. Manchmal kommen Leute inzwischen gar nicht mehr nur zum Bücher kaufen vorbei. Sie setzen sich einfach ans Fenster, lesen ein bisschen oder trinken Tee und bleiben dann eine Weile dort sitzen. Und irgendwie mag ich das total. Dass das Paper Fox langsam nicht mehr nur wie ein Laden wirkt, sondern wie ein Ort, an dem man einfach kurz sein kann, ohne irgendetwas erklären zu müssen.
Auch von Nick schrieb ich wieder etwas.
Wir haben uns ein paar Mal gesehen. Und ehrlich gesagt fühlt sich das gut an. Er bringt mich ständig zum Lachen, selbst wenn ich eigentlich einen schlechten Tag habe. Und ich glaube, ich habe mich lange nicht mehr so wohl in der Gegenwart von jemandem gefühlt wie bei ihm.
Ich legte den Stift beiseite. Las die Seite noch einmal, hing meinen Gedanken nach. Schließlich klappte ich das Notizbuch zu und verstaute es wieder in meinem Schreibtisch.
Später am Nachmittag lief ich noch einmal durch das Dorf. Ich brauchte ein paar Kleinigkeiten und ging in die Richtung des kleinen Dorfladens am Rand des Platzes. Unterwegs wurde ich zweimal gegrüßt. Einmal von Mrs. Carter, die mir aus einiger Entfernung zuwinkte, als hätte sie mich schon den ganzen Tag gesucht.
Und einmal von Paul, der vor einem Laden stand und gerade mit jemandem sprach.
„Na, alles gut bei dir?“, rief er mir zu.
„Ja“, antwortete ich und blieb kurz stehen. „Bei dir auch?“
„Läuft“, sagte er zufrieden. „Meine Frau hat übrigens schon das nächste Buch angefangen.“
Ich musste lachen. „Das freut mich, das ist ein gutes Zeichen.“
Er sah mich zweifelnd, aber auch lächelnd an. „Wie man es sieht …“
Wir unterhielten uns noch einen Moment über völlig belanglose Dinge. Das Wetter. Den Markt vom letzten Wochenende. Irgendjemand, den ich noch nicht kannte, trat mit dazu und stieg in unser Gespräch mit ein. Und irgendwann merkte ich, dass ich mich dabei nicht mehr anstrengen musste. Dass ich einfach… dastand und mitredete. Als würde ich dazugehören.
Als ich später wieder vor dem Laden stand und den Schlüssel ins Schloss steckte, blieb ich einen Moment stehen. Nicht lange. Nur kurz. Und dachte darüber nach, wie anders ich mich fühlte im Vergleich zum ersten Mal, als ich diese Tür aufgesperrt hatte.
„Das sieht aus, als würdest du gerade eine wichtige Entscheidung treffen.“ Ich drehte mich um.
Isaac lehnte ein Stück entfernt an der Mauer, die Hände locker in den Taschen, als wäre er schon eine Weile da.
„Ich schließe nur auf“, sagte ich.
„Das behaupten viele in solchen Momenten“, erwiderte er trocken.
Ich musste leise lachen und drehte den Schlüssel endgültig herum. „Was machst du hier?“
„Ich habe beschlossen, dass du heute Abend nicht allein in deiner Wohnung sitzen solltest.“
Ich hob eine Augenbraue. „Und das hast du einfach so beschlossen?“
„Ja.“ Er stieß sich von der Mauer ab.
„Freitagabend. Pub. Du kommst mit.“
Ich zögerte einen Moment. Wollte ich wieder mit in den Pub gehen? Ich fühlte in mich hinein und zu meiner Überraschung stellte ich fest: Ja, ich wollte mit in den Pub gehen. Also nickte ich. „Na gut.“
Isaacs Mundwinkel hoben sich zu einem Lächeln und es wirkte, als hätte er fast vor Freude in die Hände geklatscht. Aber nur fast.
Der Pub war voller als beim letzten Mal. Nicht laut, nicht überfüllt, aber lebendig. Kaum waren wir eingetreten, wurden wir von der Seite angesprochen.
„Na, Isaac!“, rief Peter und hob sein Glas. „Du bist spät dran heute.“
„Ich habe jemanden eingesammelt“, antwortete Isaac in seiner typischen Art und nickte in meine Richtung.
Peter grinste. „Das erklärt alles.“
„Charlie, Willkommen!“, sagte er dann. „Schön, dich wiederzusehen.“
Ich nickte ihm zu. „Gleichfalls.“
„Und? Läuft der Laden?“ fragte er. Diese Frage wurde mir wirklich häufig gestellt, so als wären allen hier im Ort wichtig, dass ich den Laden nicht bald wieder schließen und nach London zurückkehren würde. Mein Herz tat einen kleinen Hüpfer bei diesem Gedanken.
„Ja… besser, als ich erwartet hatte“, gab ich ehrlich zu.
„Sag ich doch“, murmelte Peter zufrieden, als hätte er damit persönlich etwas zu tun.
Von hinter der Theke kam ein vertrautes Lachen. „Ihr steht im Weg“, rief Tom, während er zwei Gläser abstellte und sich zu uns herüberbeugte. „Entweder bestellen oder weitergehen.“
„Er ist neu“, sagte Isaac und deutete auf mich. „Er braucht Zeit.“
„Dann geb ich ihm genau fünf Sekunden“, entgegnete Tom mit hochgezogenen Augenbrauen, doch ein Lächeln lag in seinem Blick.
Ich trat einen Schritt vor. „Ein Bier, bitte.“
„Na also, geht doch“, sagte Tom zufrieden und wandte sich schon wieder dem nächsten Gast zu.
Mit unseren Gläsern suchten wir uns schließlich einen Platz etwas abseits.
„Du gewöhnst dich schneller daran, als du denkst“, sagte Isaac und nahm einen Schluck.
„An den Pub?“, fragte ich verwundert.
Isaac legte den Kopf schief. „An alles.“
Ich ließ den Blick durch den Raum wandern. „Ich glaube, ich habe mich schon ein bisschen daran gewöhnt.“
Isaac sah mich kurz an. Dann lachte er kurz. „Das klingt gefährlich.“
Ich schnaubte leise. „Warum?“
„Weil du dann irgendwann feststellst, dass du gar nicht mehr weg willst.“
Ich hob mein Glas leicht. „Das wäre ja tragisch.“
„Furchtbar“, bestätigte er trocken, während er sein Glas ebenfalls anhob.
Für einen Moment standen wir einfach nur da, sahen den anderen Leuten zu, hörten halb zu, wenn irgendwo ein Gespräch lauter wurde und ließen den Abend passieren.
Ich lehnte mich ein Stück gegen die Wand und ließ den Blick durch den Raum wandern. Ich blieb an einer Wand mit Fotos hängen. Unterschiedliche Größen, manche etwas schief, einige in Rahmen, andere einfach an die Wand geheftet.
Ich trat einen Schritt näher.
„Die hängen hier schon ewig“, sagte Isaac neben mir. „Wenn du lange genug hinschaust, findest du wahrscheinlich jede Person im Dorf irgendwann wieder.“
Ich trat noch einen Schritt näher. Dorffeste. Sportveranstaltungen. Märkte. Gruppen, die lachend in die Kamera sahen.
Ich erkannte ein paar Gesichter wieder. Mrs. Bennett, die auf einem Foto einen Teller in die Kamera hielt, als wäre es eine Trophäe. Peter, deutlich jünger, mit einem Bier in der Hand und einem Ausdruck als hätte sich seitdem nicht viel verändert. Sogar Tom stand auf einem Bild hinter der Theke, die Arme verschränkt, als hätte er schon damals alles im Griff gehabt. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht.
Und dann… Nick. Ich erkannte ihn sofort. Er sah ein bisschen jünger aus, vielleicht ein paar Jahr. Die Haare etwas länger, das Lächeln offener, ungezwungener. Und neben ihm… eine Frau. Sie stand dicht bei ihm, fast selbstverständlich. Ihre Hand lag leicht an seinem Arm, als wäre das nichts, worüber man nachdenken musste. Ich musste schlucken. War das seine Freundin? Seine … Frau? Ich schluckte erneut. Dann betrachtete ich sie genauer. Lange, leicht gewellte dunkelblonde Haare, die im Licht des Fotos fast golden wirkten. Ihr Gesicht war offen, ihr Lächeln breit, als hätte sie genau in diesem Moment nicht daran gedacht, wie sie aussah. Sondern einfach nur… da war.
Wow. Sie war ... wirklich hübsch.
Ich spürte, wie sich etwas in mir leise verschob.
Mein Blick wandere weiter zum nächsten Foto. Und dann zum nächsten. Sie war wieder da. Neben ihm. Mit ihm. Mal lachend, mal einfach nur nah. Es war nicht nur ein Bild. Es waren viele. Plötzlich wirkte es nicht mehr wie ein Zufall. Sondern wie etwas, das … dazugehörte. Ich blieb an einem Foto hängen, auf dem die beiden nicht in die Kamera sahen, sondern einfach nebeneinander standen, ganz selbstverständlich. Und das machte es irgendwie noch deutlicher. Sie passten. Das war das zweite, was mir auffiel. Diese gleiche, leichte Offenheit. Dieses Unangestrengte. Als würden sie beide auf dieselbe Art und Weise durch die Welt gehen.
Natürlich. Natürlich hatte er jemanden. Warum auch nicht. Wieso war ich davon ausgegangen, dass er das nicht tat? Weil er immer allein unterwegs war? Ich schüttelte leicht den Kopf. Und natürlich war es jemand wie sie. Eine tolle Frau. Eine, die zu ihm passte. Sie waren ein richtig schönes Paar.
„Das ist Emely“, riss mich Isaac aus meinen Gedanken, als hätte er sie gelesen. „Sie waren lange zusammen.“ Seine Stimme war ruhig. Ohne jede Wertung.
Ich nickte leicht. „Waren?“ Mein Herz schien kurz die Ohren zu spitzen.
Isaac zuckte kaum merklich mit den Schultern. „Ja, es hat anscheinend irgendwann nicht mehr funktioniert.“
Ein kurzer Moment Stille. „Er redet nicht viel darüber“, fügte er hinzu. „Muss er auch nicht.“ Ich ließ den Blick noch einmal über das Foto wandern. Wie nah sie beieinander standen. Wie leicht das alles aussah. Dann löste ich mich davon. „Hm“, machte ich nur. Isaac sah mich kurz an. Dann, nach einer kurzen Pause: „Das war letztes Jahr. Seitdem stürzt Nick sich noch mehr in die Arbeit. Hat sich seitdem auch nicht mehr wirklich auf jemanden eingelassen. Ich glaube er ist zufrieden … allein.“
Ich nickte wieder, sagte aber nichts. Allein. Das Wort blieb irgendwo hängen, ohne dass ich es festhalten wollte. Es war keine große Erkenntnis. Nur… eine Information. Eine, die ich nicht brauchte. Und trotzdem registrierte ich sie. Mein Herz registrierte sie. Er war also allein.
Ich sah noch einmal zu dem Foto. Sah sie noch einmal an. Emely. Wie nah sie bei ihm stand. Wie selbstverständlich ihre Hand an seinem Arm lag. Als würde sie genau dorthin gehören. Selbstverständlich. Ich wusste nicht, warum mich das überhaupt überraschte. Es hätte mich nicht überraschen dürfen. Mein Blick blieb einen Moment zu lange auf dem Bild hängen. Und dann kam der Gedanke. Leise. Klar. Er war mit ihr zusammen gewesen. Mit einer Frau.
In mir zog sich etwas zusammen. Nicht langsam, sondern ruckartig. Eine Erkenntnis, die mich traf. Schmerzhaft, aber leise. So, als würde etwas, das ich noch gar nicht richtig benannt hatte, einfach … wieder verschwinden.
Was hatte ich eigentlich gedacht?
Dass er …
Ich brach den Gedanken ab, bevor ich ihn zu Ende denken konnte. Das hier war die Realität. Das war kein Vielleicht mehr. Kein Hirngespinst, kein vager Raum für Möglichkeiten. Das war klar. Er war… so. Und ich war… ich. Anders.
Ich zwang mich, den Blick von dem Foto zu lösen. Doch es dauerte einen Moment länger, als ich wollte.
Ich atmete leise aus. Okay. Gut. Dann war das jetzt geklärt. Ich würde das einfach… lassen. Alles davon. Diese Gedanken. Dieses komische Ziehen irgendwo zwischen Interesse und Hoffnung. Ich würde es nehmen, in eine Kiste packen und irgendwo ganz hinten in meinem Kopf abstellen. Da, wo es niemand störte. Vor allem mich nicht. Und ab jetzt… würde ich einfach normal sein.
Die Tür des Pubs ging auf. Ein Schwall kühler Luft zog durch den Raum. Und fast gleichzeitig hob jemand die Stimme. „Nick!“
Na super.
Ich verdrehte in Gedanken die Augen.
Dass ich meinen Vorsatz so schnell würde umsetzen müssen, hätte ich wirklich nicht erwartet.
Er stand in der Tür, die Jacke halb offen, die Haare leicht zerzaust vom Wind und ein breites Lächeln im Gesicht.
„Hey“, sagte er und dieses eine Wort reichte schon, damit sich mehrere Köpfe in seine Richtung drehten. Er lächelte in die Runde. Locker. Warm. Selbstverständlich. „Sorry, bin spät dran“, rief er jemandem zu, während er sich durch den Raum bewegte. Hier ein kurzer Gruß. Dort ein Schulterklopfen. Ein paar Worte, ein kurzes Lachen. Es war… mühelos.
Als würde er genau da hingehören. Mein Blick folgte ihm, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Ich spürte noch einmal dieses leise Ziehen. Dann schob ich es weg.
Kiste. Ganz hinten. Fertig.
Ich schaffte es tatsächlich, ihn zu ignorieren. Ich nahm zwar wahr, dass er sich ein Bier bestellte und an der Theke unterhielt, doch ich blende es aus.
Das lief gut. Ich war zufrieden mit mir.
Issac und ich unterhielten uns über ein Buch, von dem er gehört hatte. Es sollte in wenigen Wochen erscheinen.
„Ich habe es schon vorbestellt. Ich gebe dir sofort Bescheid, wenn es da ist. Du wirst der erste in Foxley sein, der es liest“, versicherte ich ihm grinsend.
Eine Weile später kam Nick zu uns herübergeschlendert. Sein Blick blieb kurz an Isaac hängen, dann bei mir.
„Hey“, sagte er, als er bei uns ankam. „Ihr seid auch hier.“
„Das passiert freitags manchmal“, erwiderte Isaac trocken.
„Kenne ich.“ Nick grinste. „Wie geht’s Tobys Hamster?“, fragte er dann.
„Gut, denke ich. Toby hat nichts mehr erwähnt“, antwortete Isaac.
Dann an mich gewandt, erklärte er: „Der Hamster von einem meiner Schüler hat eine Weile nichts mehr gefressen. Toby war ganz verzweifelt.“
Nick nickte leicht, als hätte er die Situation sofort wieder vor Augen.
„Ja“, sagte er ruhig. „Der Kleine konnte gar nicht richtig kauen.“
Ich sah ihn kurz an.
„Seine Schneidezähne waren zu lang geworden“, erklärte Nick und machte eine kleine Bewegung mit den Fingern, als würde er etwas auseinanderziehen. „Passiert bei Hamstern schneller, als man denkt. Wenn sie sich nicht genug abnutzen, wachsen sie einfach weiter.“
Aha.
„Und dann frisst er nichts mehr“, sagte Isaac.
„Ich hab sie gekürzt und Toby gezeigt, worauf er achten muss. Seitdem ist alles wieder in Ordnung.“ Er zuckte leicht mit den Schultern, als wäre das alles nichts Besonderes.
Isaac nickte zufrieden.
„Toby war jedenfalls überzeugt, dass du seinem Hamster das Leben gerettet hast.“
Nick schnaubte leise und grinste. „Ich hab ihm nur geholfen, wieder ordentlich zu essen.“
„Für ein zehnjähriges Kind ist das ungefähr dasselbe“, meinte Isaac nüchtern.
Ein kleines Lächeln huschte über Nicks Gesicht. „Ja“, sagte er. „Vermutlich.“
Ich merkte, wie ich ihn einen Moment länger ansah, als ich wollte. Nicht wegen dem, was er gesagt hatte. Sondern wegen der Art, wie er es gesagt hatte. Ruhig. Selbstverständlich. Und irgendwie… sanft.
Ich blickte schnell zur Seite und verdrehte innerlich die Augen.
Das klappt ja super. Kiste! Jetzt!
„Wie läuft’s im Laden?“, fragte mich Nick.
Normal. Sei einfach normal.
„Gut“, sagte ich nur und sah ihn kurz an. Ein ganz knappes angedeutetes Lächeln, mehr nicht. Ich blieb sachlich, neutral.
Sehr gut, Charlie, du kannst das!
Sein Lächeln blieb für einen Moment stehen. Fast unmerklich zogen sich seine Augenbrauen zusammen.
„Gut“, wiederholte er dann. „Freut mich.“
Er sagte noch etwas zu Isaac, irgendeinen kurzen Kommentar über den Tag, irgendetwas aus der Klinik, ich hörte nur halb zu. Ich nickte an den richtigen Stellen. Antwortete, wenn es nötig war. Aber ich hielt Abstand. Ganz bewusst.
Nick warf mir einmal einen kurzen Blick zu. Nicht lange. Nur so, als würde er kurz prüfen, ob alles in Ordnung war. Dann wandte er sich wieder Isaac zu. Ganz selbstverständlich.
Irgendwann rief jemand an der Theke Nicks Namen und er verabschiedete sich von uns.
Ich nahm einen Schluck von meinem Getränk. Und stellte fest, dass ich es tatsächlich geschafft hatte. Ich war ruhig geblieben. Neutral. Ganz normal.
Neben mir sagte Isaac nichts. Aber ich spürte seinen Blick. Kurz. Seitlich. Als hätte er alles mitbekommen. Als hätte er meine Gedanken gehört. Und sich seinen Teil gedacht.
Irgendwann war der Pub deutlich leerer geworden. Das Stimmengewirr hatte sich verändert, war ruhiger geworden, tiefer, müder irgendwie. Einige Leute standen bereits draußen vor der Tür, andere verabschiedeten sich quer durch den Raum, während irgendwo im Hintergrund noch leise Musik lief.
Isaac und ich hatten unsere Gläser längst geleert und standen nun ebenfalls auf.
„Bereit?“, fragte er.
Ich nickte leicht. „Ja.“ Dann ließ ich den Blick noch einmal durch den Pub schweifen. Nick stand an einem Tisch mit mehreren Personen und unterhielt sich angeregt. Als wir an ihnen vorbei liefen, sah er uns an. „Geht ihr schon?“
Ich nickte. „Der Laden möchte morgen Früh pünktlich geöffnet werden.“
Nick grinste mich an. „Das ist ein Argument.“ Er zögerte kurz, als wolle er noch etwas hinzufügen. Dann hob er nur die Hand zur Verabschiedung. „Bis bald, Charlie. Isaac.“
„Bis bald.“ Das lief gut. Ich war nach wie vor neutral.
Draußen empfing uns kühle Abendluft. Der Dorfplatz war fast leer, nur vereinzelte Stimmen hallten noch zwischen den Häusern wider. Für einen Moment gingen wir schweigend nebeneinander her. Ich zog meine Jacke etwas enger um mich. Und dachte plötzlich wieder viel zu intensiv über die Fotos an der Pubwand nach. Schnell schob ich die Hände tiefer in die Jackentaschen und versuchte krampfhaft, nicht weiter darüber nachzudenken.
„Du bist auffällig still“, bemerkte Isaac irgendwann neben mir.
Ich sah kurz zu ihm. „Bin ich immer.“
„Nein“, sagte er trocken. „Heute denkst du stiller.“
Ich schnaubte leise. Natürlich bemerkte er das. Er kannte mich inzwischen einfach zu gut.
Eine Weile liefen wir weiter. Unsere Schritte hallten leise über das Pflaster.
Ich wusste nicht genau, warum ich plötzlich das Gefühl hatte, etwas sagen zu müssen. Vielleicht, weil Isaac mir in den letzten Wochen Dinge erzählt hatte, die vermutlich nicht viele Menschen wussten. Vielleicht, weil Foxley sich langsam weniger fremd anfühlte. Vielleicht auch, weil ich müde davon war, ständig aufzupassen.
Ich atmete langsam aus. „Isaac?“
„Mhm?“
Ich zögerte sofort wieder.
Großartig. Sehr souverän, Charlie.
„Ähm… wegen vorhin im Pub.“
Isaac sah nicht direkt zu mir, blieb aber aufmerksam. „Wegen Nick?“
Natürlich wusste er sofort, worum es ging. Ich spürte, wie mein Herzschlag unangenehm schneller wurde. „Nein“, log ich reflexartig.
Eine kurze Pause entstand zwischen uns. Dann hob Isaac leicht eine Augenbraue. „Das war eine ziemlich schlechte Lüge.“
Ich ließ ein trockenes Lachen hören und sah auf die Straße vor uns. „Ja. Ich weiß.“
Wieder Stille. Nicht unangenehm. Aber voll von Dingen, von denen ich nicht wusste, wie ich sie sagen sollte.
„Ich glaube…“, begann ich langsam, „ich glaube, ich wollte einfach kurz vergessen, dass Leute wie Nick normalerweise…“ Ich brach ab.
Isaac sagte nichts. Das half. Ich schluckte kurz. „Dass sie normalerweise nicht…“ Wieder stockte ich. „Also, ich meine … ich…“
Oh mein Gott. Warum ist das so schwer?
Ich presste leicht die Lippen zusammen und zwang mich weiterzureden.
„Weißt du noch…“, begann ich langsam, „als du mich gefragt hast, ob ich jemanden in London zurückgelassen habe?“
Isaac sah kurz zu mir rüber. „Mhm.“
Ich schluckte leicht. „Ich hab damals nicht ganz ehrlich geantwortet.“
Er sagte nichts. Wartete einfach.
„Also… Tao und Elle natürlich schon“, sagte ich schnell. „Aber nicht nur.“ Ich sah auf den Boden vor uns. „Ich habe tatsächlich jemanden zurückgelassen.“ Mein Herz schlug plötzlich viel zu laut. „Ben“, sagte ich leiser.
Isaac reagierte nicht sofort. Nicht überrascht. Nicht drängend. Einfach aufmerksam.
Und genau das machte es irgendwie möglich, weiterzureden.
„Wir waren ziemlich lange zusammen“, murmelte ich. „Oder… länger, als wir wahrscheinlich hätten sein sollen.“ Ein trockenes, freudloses Lachen entwich mir. „Am Anfang dachte ich einfach, dass Beziehungen vielleicht anstrengend sind. Dass das normal ist.“ Ich zuckte leicht mit den Schultern. „Aber irgendwann hatte ich einfach nur noch das Gefühl, ständig falsch zu sein.“
Ich merkte, wie sich mein Magen wieder unangenehm zusammenzog.
„Mit ihm war ich irgendwann nur noch müde“, sagte ich leiser. „Die ganze Zeit angespannt. Als müsste ich ständig aufpassen, nichts Falsches zu sagen oder zu tun.“
Ich schwieg kurz, bevor ich weitersprach. „Und irgendwann habe ich gemerkt, dass es gar nicht mehr wirklich um mich ging.“ Meine Stimme wurde ruhiger. Fast nüchtern. „Ben mochte dieses ganze… Verlagsding.“ Ich machte eine kleine Handbewegung. „Lesungen, Veranstaltungen, diese ganzen Leute dort. Er kannte ständig irgendwen und wollte immer überall dazugehören.“ Ein kurzes, schiefes Lächeln. „Und ich glaube… irgendwann war ich einfach Teil davon.“
Isaac sagte nichts. Aber ich merkte, dass er aufmerksam zuhörte.
„Wie so ein Accessoire oder so“, murmelte ich und verzog sofort leicht das Gesicht. „Das klingt jetzt schlimmer, als ich es meine.“
Ich atmete aus und fuhr mir kurz über den Nacken. „Keine Ahnung“, sagte ich leiser. „Irgendwann hatte ich einfach das Gefühl, dass er zwar noch mit mir zusammen war… aber nicht mehr wirklich wegen mir.“
Der Wind strich kühl durch die Straße.
„Und dann gab’s diesen Abend“, sagte ich nach einer kurzen Pause. Sofort zog sich etwas in meiner Brust zusammen. „Ich hatte bei mir alles vorbereitet.“ Meine Stimme wurde ruhiger. „Kerzen. Essen. So richtig kitschig eigentlich.“ Ein kleines, freudloses Lächeln huschte über mein Gesicht. „Ich dachte einfach… vielleicht brauchen wir mal wieder einen Abend nur für uns.“ Ich sah stur nach vorne. „Und dann ist er einfach nicht gekommen.“ Die Worte klangen nüchterner, als es sich damals angefühlt hatte.
„Er hat erst gar nicht geantwortet. Und irgendwann…“ Ich schluckte kurz. „Irgendwann hab ich gesehen, dass er woanders war.“
Isaac sagte noch immer nichts.
„Mit jemand anderem“, fügte ich leise hinzu. Allein das auszusprechen fühlte sich noch unangenehm an.
„Und das Schlimmste war nicht mal, dass er mich betrogen hat“, murmelte ich. „Sondern, dass ich in dem Moment plötzlich gemerkt habe, wie egal ich ihm eigentlich geworden war.“ Meine Stimme wurde leiser. „Ich saß da zwischen diesen dämlichen Kerzen und hab trotzdem noch versucht, irgendeine Erklärung dafür zu finden.“ Ein bitteres Lachen entwich mir. „Als wäre ich das Problem gewesen, weil ich zu empfindlich reagiere oder so.“
Ich schüttelte leicht den Kopf. „Und danach war irgendwie alles nur noch… kaputt.“
Ein paar Augenblicke lang hörte man nur unsere Schritte auf dem Pflaster.
Dann sagte ich leise: „Also bin ich gegangen.“
Ein paar Schritte lang sagte keiner von uns etwas.
Dann blieb ich innerlich wieder an dem eigentlichen Problem hängen. An dem Satz, den ich noch immer nicht richtig ausgesprochen hatte. Normalerweise fiel es mir überhaupt nicht schwer, darüber zu sprechen. Ich hatte mich selbst schon so oft geoutet, bei meinen Freunden, meinen Eltern, bei neuen Arbeitskollegen. Immer wieder hatte ich den Satz ausgesprochen und doch schaffte ich es nun nicht, die Worte zu formulieren. Nach meiner Erzählung war es ja mittlerweile eh schon klar. Warum waren die Worte also so schwer?
„Und…“, begann ich erneut und hasste sofort, wie unsicher ich klang, „naja… Ben war eben mein Freund.“ Stille. Nicht unangenehm. Aber plötzlich sehr klar. Ich spürte, wie mein Herz gegen meine Rippen schlug. Dann zwang ich mich endlich weiterzureden. „Ich bin schwul.“
Die Worte hingen plötzlich zwischen uns in der Luft. Klar. Direkt. Und sofort viel zu laut in meinem Kopf. Ich wagte erst ein paar Sekunden später einen Blick zu Isaac.
Er wirkte ungefähr gar nicht überrascht. „Okay“, sagte er ruhig. Mehr nicht. Und genau dadurch löste sich irgendetwas in meiner Brust.
Ich atmete hörbar aus und merkte erst jetzt, wie angespannt ich gewesen war.
Isaac sah kurz zu mir rüber. „War das der Teil, vor dem du seit zehn Minuten panisch innerlich Kreise läufst?“
Ich ließ ein halb verzweifeltes Lachen hören. „Vielleicht.“
„Ich muss ehrlich sagen, dass mich das jetzt nicht komplett unerwartet trifft.“
Ich blinzelte irritiert. „Oh.“
Ein kleines, trockenes Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Charlie…“ Er zog die Schultern leicht hoch. „Es war auch nicht besonders schwer zu bemerken, dass du Nick ziemlich toll findest.“
Ich verschluckte mich fast an meiner eigenen Luft. „Was?“ Meine Stimme klang sofort viel zu hoch.
Isaac ignorierte das komplett. „Du starrst ihn teilweise an, als hätte jemand deinen Lieblingsbuchcharakter plötzlich zum Leben erweckt.“
„Ich starre ihn nicht an.“
„Mhm.“
Mein Gesicht wurde schlagartig heiß.
Oh mein Gott.
Ich sah sofort weg und konzentrierte mich viel zu intensiv auf den Boden vor uns. „Das ist jetzt irgendwie extrem unangenehm.“
„Nur ein bisschen“, sagte Isaac trocken.
Ich ließ ein gequältes Geräusch hören, das vermutlich irgendeine Mischung aus Lachen und Sterben war.
Isaac grinste kurz, wurde dann aber wieder ruhiger.
„Weißt du eigentlich“, fragte er nach einem Moment, „dass du dich ständig dafür rechtfertigst, Dinge zu fühlen?“
Ich blinzelte irritiert zu ihm. „Was?“
„Du erklärst alles sofort weg“, sagte er. „Als müsstest du beweisen, dass deine Gefühle logisch genug sind.“
Ich öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Weil er leider recht hatte.
Isaac schob die Hände in die Jackentaschen. „Du darfst Dinge auch einfach schlimm finden, Charlie.“
Ich schluckte kurz. Der Wind zog kühl durch die Straße.
Dann räusperte Isaac sich leicht. „Und nur, damit wir einmal offiziell komplizierte Begriffe benutzen“, sagte er trocken, „ich bin aromantisch und asexuell.“
Ich sah ihn überrascht an. Ja, er hatte es mir erklärt, hatte es angedeutet. Doch dass er es jetzt so klar ansprach, überraschte mich.
Er zuckte leicht mit den Schultern. „Die Wörter machen’s manchmal einfacher.“
„Letzens hast du es nicht so klar formuliert. Du hast es richtig metaphorisch umschrieben. Fast als hättest du es aus einem deiner Bücher. Danke, dass du mir das erzählt hast.“
„Normalerweise spreche ich nicht offen darüber. Die meisten Leute hier würden denken, das wären seltene Krankheiten. “
Ich musste lachen. Ein richtiges, ehrliches Lachen diesmal.
Isaac grinste leicht. „Foxley wäre sehr besorgt über seltene Krankheiten im Dorf.“
Ich schüttelte lachend den Kopf.
Isaac wurde wieder ernst. „Bei dir hatte ich irgendwie das Gefühl, dass du es verstehen und mich nicht verurteilen würdest. Und ich bin froh, dass ich mich nicht getäuscht habe. Es ist schön, nicht die einzige queere Person in Foxley zu sein. Danke also auch dir fürs Offensein.“
Und plötzlich fühlte sich alles ein kleines Stück leichter an. Nicht perfekt. Nicht gelöst. Aber weniger schwer, als noch vor ein paar Minuten.
Notes:
Ich finde, Charlie bekommt es überzeugend hin, sich sachlich und neutral zu verhalten ... nicht 😅
Danke euch fürs regelmäßige Lesen und Begleiten 🥹 Es bedeutet mir viel, dass die Geschichte hier Rückmeldung und Unterstützung bekommt. 🫶
Chapter 15: Unter Kontrolle ... oder?
Summary:
Charlie ist fest davon überzeugt, seine Gefühle für Nick unter Kontrolle zu haben, was er in verschiedenen Situationen unter Beweis stellt.
Notes:
Diesmal hat es etwas länger gedauert mit dem neuen Kapitel, da ich aktuell im Urlaub bin ☀️ Außerdem bin zwar noch einige Kapitel im Vorlauf, aber ich werde nun umsteigen auf einmal wöchentlich, wahrscheinlich immer freitags. Ich finde, das passt gut zu Foxley.
So wie Isaac im letzten Kapitel ja schon gesagt hat:
„Ich habe beschlossen, dass du heute Abend nicht allein in deiner Wohnung sitzen solltest.“
Ich hob eine Augenbraue. „Und das hast du einfach so beschlossen?“
„Ja.“ Er stieß sich von der Mauer ab. „Freitagabend. Pub. Du kommst mit.“
(See the end of the chapter for more notes.)
Chapter Text
Die nächste Woche verlief ruhiger. Irgendwie … geordneter. Vielleicht lag es daran, dass ich endlich mit jemandem über meine Sexualität gesprochen hatte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich eine klare Entscheidung getroffen hatte. Ich würde das mit Nick einfach… lassen. Keine Interpretationen mehr. Kein Hineinsteigern. Kein Nachdenken über Dinge, die es ohnehin nicht gab. Einfach Begegnungen. Gespräche. Mehr nicht. Er war freundlich, wir lebten im gleichen Dorf. Das war alles.
Und zu meiner eigenen Überraschung… funktionierte das. Nicht perfekt. Aber gut genug, dass ich merkte, wie sich etwas in mir entspannte. Ich reagierte nicht mehr sofort auf jedes Lächeln. Ich verlor mich nicht mehr in kleinen Momenten. Ich blieb bei mir.
Das fühlte sich zum ersten Mal seit Langem nach Kontrolle an. Ich konnte das wirklich schaffen.
Die erste wirkliche Probe kam schneller, als ich erwartet hatte.
Es war vor dem Dorfladen.
Ich lief gerade auf die Tür zu, während ich eine viel zu lange Liste für den Einkauf im Kopf durchging, als sich die Tür von innen öffnete.
Nick trat hinaus, blieb abrupt stehen. „Oh-“
Ich trat ebenfalls einen halben Schritt zurück. „Sorry“, sagte ich gleichzeitig.
Ganz normal!
Für einen Moment sahen wir uns einfach nur an. Dann verzog sich sein Gesicht zu diesem leichten Grinsen, das ich inzwischen kannte. „Du hast definitiv gerade versucht, gleichzeitig rein und rauszugehen.“
Ich zog die Augenbrauen zusammen, ließ mir aber einen Moment Zeit mit der Antwort, als müsse ich das erst ernsthaft überdenken.
Reagiere einfach entspannt!
„Ich war mir ziemlich sicher, dass ich reingehen wollte“, sagte ich schließlich und verschränkte locker die Arme.
Sein Blick wurde einen Hauch herausfordernder. „Warst du das?“
Ich sah an ihm vorbei in den Laden. Dann wieder zurück zu ihm. „Eigentlich schon, aber … jetzt bin ich das irgendwie nicht mehr ganz.“
Er lachte leise und schüttelte den Kopf. „Das ist ein starkes Konzept.“
Ich zuckte locker mit den Schultern. Ganz lässig und entspannt. Ich war stolz auf mich. „Ich nenne es spontane Lebensgestaltung.“
„Ich hoffe, sie beinhaltet irgendwann auch, dass du tatsächlich etwas kaufst.“
Ich ließ meinen Blick an mir heruntergleiten, als müsste ich mich selbst davon überzeugen und hob dann leichte die Hände. Leer. „Das wäre ein logischer nächster Schritt.“
Sein Grinsen wurde ein kleines bisschen breiter. Dieses offene, ehrliche Lächeln, das alles sofort ein wenig leichter machte.
Und ich merkte es trotzdem. Dieses leichte Ziehen irgendwo in mir. Aber es blieb… klein. Ich ließ es klein.
Gut so, Charlie!
„Ich hoffe, du findest raus, was du brauchst“, sagte er schließlich, schon halb in Bewegung, als würde er gleich weitergehen.
„Das hoffe ich auch, aber ich bin zuversichtlich.“
Er neigte den Kopf ein wenig. „Ansonsten wird’s spannend.“
Ich schnaubte leise. „Das ist ein sehr optimistischer Blick auf Vergesslichkeit.“
„Ich bin Tierarzt.“ Ein kurzes Schulterzucken. „Ich muss optimistisch sein.“
Ich schüttelte leicht den Kopf, ein kleines Lächeln schlich sich trotzdem in mein Gesicht. „Das erklärt so Einiges.“
Er lachte, hob kurz die Hand zum Abschied „Tschüss Charlie, bis bald.“
„Bis bald“, erwiderte ich.
Ich blieb noch einen Moment stehen, sah ihm nach, wie er über den Platz ging, als wäre das alles nichts Besonderes gewesen. Was es ja auch nicht war. Dann drehte ich mich um und ging in den Laden. Ganz normal.
Danach begegneten wir uns immer wieder. Nicht geplant. Nicht vorhersehbar. Einfach… Foxley. Und es lief weiterhin gut.
Einmal war ich gerade dabei, den Laden für den Abend abzuschließen, als ich draußen eine Stimme hörte.
„Charlie!“
Ich drehte mich um.
Peter Lawson stand ein paar Schritte entfernt, die Hände in den Hosentaschen, als wäre er gerade zufällig vorbeigekommen. „Alles gut bei dir?“
„Ja. Ich wollte gerade noch einen kleinen Spaziergang machen“, sagte ich und zog den Schlüssel aus dem Schloss. „Und bei dir?“
Er nickte. „Alles bestens. Hör mal…“ Er machte eine kurze Handbewegung, als würde er den Gedanken sortieren. „Heute Abend läuft ein großes Spiel. Rugby. Wir machen ein bisschen was bei uns, ein paar Leute kommen vorbei. Nichts Großes.“
Ich zögerte einen Moment.
„Falls du Lust hast“, fügte er hinzu, ganz beiläufig. „Du bist willkommen.“
Ich sah kurz zur Tür hinter mir, dann wieder zu ihm. Ich war kein Sport-Mensch. Ich hatte noch nie ein Rugby Spiel gesehen. Ich kannte ja noch nicht einmal die Regeln. Ich wusste allerdings immerhin wie ein Rugbyball aussah. So einen hatte ich in der Schule einmal an den Kopf bekommen. Und an den Rücken. Und in den Bauch. Ein paar der älteren Rugby Jungs hatten sich köstlich darüber amüsiert, jüngere Kinder, insbesondere mich, zu schikanieren. Das war in der Anfangszeit gewesen, da waren es nur die Bälle gewesen. Später, insbesondere nach meinem unfreiwilligen Outing, hatten sie mir Vieles an den Kopf geworfen, nicht mehr nur Bälle. Am schlimmsten waren die Worte. Gemeine Worte. Worte, mit denen man als 14Jähriger nicht umgehen kann. Damals hatte ich beschlossen, dass ich Rugby nicht mochte.
Wollte ich also heute den Abend damit verbringen, bei Leuten, die ich noch nicht so gut kannte, im Wohnzimmer zu sitzen und ein Spiel anzuschauen, von dem ich nichts verstand? Ein Spiel einer Sportart, die ich eigentlich überhaupt nicht ausstehen konnte? Ich merkte, wie sich mein Magen zusammenzog.
Es wäre einfach gewesen, abzulehnen. Zu sagen, ich sei müde. Oder hätte noch etwas zu tun. Aber stattdessen… nickte ich. „Ja. Warum nicht.“ Ich wollte hingehen. Ich wollte weiter dazugehören. Ich wollte mich nicht selbst ausgrenzen. Und Peter war nett. Alle Dorfbewohner hatten mich so freundlich aufgenommen. Es würde bestimmt ein lustiger Abend werden. Und vielleicht fand sich ja jemand, der mir die Regeln erklärte.
Peter grinste zufrieden. „Gut. Komm einfach vorbei.“
Später stand ich vor seinem Haus und fragte mich erneut, ob das eine gute Idee gewesen war. Nicht wegen der Leute. Sondern wegen mir. Wegen dem, was ich mir selbst vorgenommen hatte. Als ich Peter zugesagt hatte, hatte ich nicht einen Moment daran gedacht, dass Nick da sein könnte. Zu sehr war ich mit den Sorgen meiner Vergangenheit beschäftigt gewesen. Doch je mehr ich darüber nachgedacht hatte, desto sicherer war ich mir. Er war Rugby-Trainer. Er hatte selbst gespielt. Natürlich würde er da sein.
„Ganz normal. Kiste. Du schaffst das!“, murmelte ich leise.
Dann atmete ich einmal tief durch und klingelte.
Das Wohnzimmer war voller, als ich erwartet hatte. Nicht überfüllt. Aber lebendig. Leute saßen auf Sofas, auf Stühlen, manche lehnten an den Wänden. Auf dem Tisch standen Snacks und Gläser, irgendwo lief leise Musik.
Ich blieb kurz im Türrahmen stehen. Suchte automatisch nach einem bekannten Gesicht. Und fand es. Nick.
Er saß auf der Armlehne eines Sofas, leicht nach vorne gebeugt, den Blick auf den Fernseher gerichtet, in dem gerade der Vorbericht zum Spiel zu laufen schien.
Ich spürte, wie sich etwas in mir regte. Dieses kleine, vertraute Ziehen. Ich nahm es wahr. Und ließ es nicht größer werden.
„Charlie!“ Peter tauchte neben mir auf und drückte mir ein Glas in die Hand. „Setz dich einfach irgendwo hin. Das Spiel geht in ein paar Minuten los.“
Ich nickte und ging ein paar Schritte weiter in den Raum. Ein Platz am Rand des Sofas war frei. Neben Nick. Natürlich.
Ich umfasste mein Glas fester. Ich konnte das.
Schließlich setzte ich mich auf den freien Platz. Er bemerkte mich erst nach ein paar Sekunden, drehte den Kopf leicht. Sein Gesicht hellte sich auf. „Hey“, sagte er. Einfach. Warm. Als wäre es selbstverständlich, mich hier zu sehen. „Hey“, antwortete ich. Ruhig. Kontrolliert. Ganz normal.
Als das Spiel schließlich losging, sahen wir für einen Moment einfach nur auf den Bildschirm.
Die Menschen im Raum feuerten die Mannschaft an. Sie grölten bei einer Szene, bei einer anderen schimpfte jemand über die Entscheidung des Schiedsrichters.
Ich verstand nicht alles. Eigentlich verstand ich… gar nichts.
„Du siehst aus, als würdest du versuchen, ein Rätsel zu lösen“, sagte Nick irgendwann neben mir.
Ich ließ mir einen Moment Zeit, bevor ich antwortete. „Ich versuche herauszufinden, warum alle so schreien.“
Er grinste. „Das ist ein guter Anfang. Hast du schon mal ein Rugby-Spiel gesehen?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Dann wurde es höchste Zeit!“, versicherte er mir mit einem Ton in der Stimme, die sagen zu schien, dass ich all die Jahre meines Lebens ohne Rugby etwas verpasst hätte.
Er fing daraufhin an, mir ein paar Dinge zu erklären. Nicht zu viel. Gerade genug, dass ich nicht komplett verloren war. Seine Stimme war ruhig. Geduldig. Und ich merkte, wie ich zuhörte. Wirklich zuhörte. Nicht ihm. Sondern dem, was er sagte. Das war neu.
Irgendwann… lachte ich. Einfach so. Über einen Kommentar von ihm, den ich wahrscheinlich noch vor ein paar Tagen viel zu genau analysiert hätte.
Jetzt nicht. Jetzt war es einfach nur… lustig.
Ich lehnte mich ein kleines Stück zurück. Spürte das Glas in meiner Hand, hörte die Stimmen um mich herum, das Spiel im Hintergrund, Nick, der hin und wieder etwas sagte. Ich hörte einfach zu. Antwortete. Stellte Fragen. Und merkte plötzlich, wie viel Zeit vergangen war. Es war leicht. Einfach. Und vor allem … ruhig. Ich hatte nicht ein einziges Mal das Gefühl gehabt, die Kontrolle zu verlieren.
Insgesamt war es ein schöner Abend gewesen. Als ich später im Bett lag und den Abend nochmal durchging, war ich zufrieden mit mir. Vielleicht sogar ein bisschen mehr als das. Ein leiser, ungewohnter Gedanke schob sich dazwischen. Vielleicht war ich ein kleines bisschen stolz.
So konnte ich mir das mit Nick vorstellen. So war es möglich.
Ein anderes Mal kam er tatsächlich in die Buchhandlung. Nicht lange. Nur kurz.
„Ich hatte fünf Minuten“, sagte er, während er sich umsah, als würde er trotzdem alles in sich aufnehmen. Ink lag auf dem Tresen und hob nur kurz den Kopf. „Sie entscheidet sich jedes Mal neu, ob sie mich mag, oder?“
Ich lehnte mich leicht gegen den Tresen. „Ich glaube, sie entscheidet sich jedes Mal neu, ob du es wert bist.“
Er grinste, trat näher und streckte vorsichtig die Hand aus. Diesmal wich Ink zuerst ein kleines Stück zurück. Nick blieb ruhig. Wartete. Machte diese ruhige, langsame Bewegung, die ich schon zweimal gesehen hatte. Finger auf die Stirn, zwischen die Ohren und langsam streicheln.
Und tatsächlich… nach einem Moment entspannte sich Ink sichtlich.
Ich beobachtete das. Bewusst. Ohne, dass es mich sofort irgendwohin zog. Das war neu. Ein Fortschritt.
„Ich hab übrigens das Buch angefangen“, sagte er dann und lehnte sich leicht gegen das Regal, als hätte er plötzlich doch mehr als fünf Minuten Zeit.
„Und?“, fragte ich.
Er verzog leicht das Gesicht. „Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich dir vertrauen kann.“
Ich verschränkte die Arme, ließ mir einen Moment Zeit, bevor ich antwortete. „Das ist ein gutes Zeichen.“
Er hob eine Augenbraue. „Ach ja … ist es das?“
„Klar! Wenn du es sofort geliebt hättest, hätte ich mir Sorgen gemacht.“
Für einen kurzen Moment sah er mich einfach an. Dann lachte er. Ehrlich. Ungebremst.
Und ich merkte, wie ich automatisch mitlächelte. Aber es blieb ruhig. Ich konnte das halten.
Ein paar Tage später trafen wir uns wieder draußen. Diesmal vor dem Bäcker.
Ich wollte gerade rausgehen, die warme Tüte noch in der Hand, als sich die Tür von außen öffnete.
Nick blieb auf der Schwelle stehen, sah erst kurz durch den Laden, dann zu mir.
„Perfektes Timing“, sagte er.
„Ich hab gehofft, ich erwische noch was“, fügte er dann hinzu und deutete auf meine Tüte.
Ich hob sie leicht an. „Ich kann bestätigen, dass es sich lohnt. Wenn du noch was willst, solltest du dich beeilen.“
Er warf erneut einen kurzen Blick durch den Raum, dann wieder zu mir. „Das ist ein sehr überzeugendes Argument. Die Frage ist nur, was ich nehme. Was hast du?“
Ich machte einen kleinen Schritt zur Seite, damit er durchgehen konnte. „Du könntest auch einfach reingehen und dich selbst überzeugen.“
„Könnte ich“, sagte er, blieb aber stehen. „Aber dann müsste ich eine Entscheidung treffen.“
Ich sah ihn einen Moment an. „Das ist in einem Bäcker überraschend unvermeidbar.“
Er grinste. „Deswegen verlasse ich mich lieber auf Empfehlungen.“ Sein Blick blieb einen Moment länger auf mir liegen. „Deine waren bisher ganz gut.“
Da war es wieder. Dieses kleine, warme Ziehen. Ich nahm es wahr. Und ließ es da. Aber hielt es in Schacht.
„Das setzt mich jetzt irgendwie unter Druck“, sagte ich, während ich ihn skeptisch ansah.
„Das sollte es nicht.“ Er lächelte leicht.
Für einen Moment standen wir einfach da. Die Tür halb offen hinter ihm, die Geräusche aus dem Laden leise im Hintergrund.
„Wie läuft’s im Laden?“, fragte er schließlich. Wieder diese Frage.
„Gut“, antwortete ich und diesmal meinte ich es auch genau so. „Ruhiger als am Anfang, aber… besser.“
Er nickte, als würde er das verstehen. „Das ist meistens ein gutes Zeichen, schätze ich.“
Ich zog eine Augenbraue leicht hoch. „Du klingst irgendwie, als würdest du das öfter sagen.“
„Ich sage das öfter“, gab er zu. „Leute sind am Anfang immer unsicher. Dann wird’s ruhiger. Dann wird’s echt.“
Ich ließ mir einen Moment Zeit. „Und das gilt auch für Buchläden?“
Er grinste. „Ich habe beschlossen, dass es das tut.“
Ich musste leise lachen. Und es war einfach. Wirklich einfach.
„Dann nehme ich das mal als professionelle Einschätzung.“
„Das solltest du.“ Er nickte leicht in Richtung Tür. „Ich geh dann mal rein, bevor wirklich nichts mehr da ist.“
„Das wäre wirklich tragisch“, grinste ich.
„Untragbar“, korrigierte er.
Ich hob meine Tüte ein kleines Stück. „Dann nimm einfach irgendwas von dem, was am schnellsten weg ist. Damit liegst du sicher richtig. Viel Glück.“
Er sah mich an. Ein kleines, schiefes Lächeln. „Dann verlass ich mich mal auf dich.“
Ich musste unwillkürlich lächeln.
„Mutige Entscheidung.“ Ich schüttelte leicht den Kopf. „Das kann gefährlich werden.“„Ich gehe das Risiko ein“, sagte er und zwinkerte mir zu.
Ich blinzelte. Einen Moment zu lange.
Was soll das denn jetzt? Warum zwinkert er mir einfach zu? Ich hatte das doch gerade im Griff.
Ich atmete leise aus, fing mich wieder.
„Mutige Entscheidung“, sagte ich noch einmal, ruhiger diesmal.
Er grinste nur, hob kurz die Hand und verschwand schließlich im Laden.
Ich blieb einen Moment stehen, sah ihm nach, wie er hinter der Tür verschwand. Und merkte erst dann, dass ich immer noch lächelte. Es fühlte sich gut an. Nicht überwältigend. Nicht kompliziert. Einfach nur… gut.
Irgendwie war es seltsam. Etwas hatte sich verändert. Ich mochte es, ihn zu sehen. Ich mochte die Gespräche. Seine Art, wie er Dinge sagte. Wie er lachte. Wie leicht alles mit ihm war. Und gleichzeitig… hatte ich es im Griff. Ich ließ mich nicht mehr hineinziehen. Ich ließ mich nicht mehr treiben. Ich stand daneben. Und entschied selbst, wie nah ich ging. Das fühlte sich… gut an. Richtig. Wie ein Gleichgewicht, das ich eine Weile nicht mehr gehabt hatte.
Und dieses Gefühl blieb. Natürlich nicht die ganze Zeit, nicht in jeder Sekunde. Aber oft genug, dass ich es bemerkte. Es war, als hätte sich etwas in mir ein Stück weit sortiert. Als wäre da weniger Chaos. Weniger dieses ständige Hinterfragen von allem. Ich reagierte nicht mehr auf jeden kleinen Impuls. Ich ließ Dinge stehen, wie sie waren. Und plötzlich wurde vieles… einfacher.
Ich merkte es auch im Laden. An den Gesprächen, die ich führte. An der Geduld, die ich hatte.
Wenn jemand unschlüssig vor einem Regal stand, blieb ich einfach daneben stehen, ohne sofort etwas sagen zu müssen. Wartete, bis sie mich ansahen. Erst dann mischte ich mich ein.
Und manchmal setzte sich jemand einfach an den Tisch am Fenster, schlug ein Buch auf und blieb. So wie die Frau von neulich. Sie kam mittlerweile häufiger, setzte sich ohne viele Worte an denselben Platz und nickte mir nur kurz zu, als würde sie längst dazugehören.
Ich brachte ihr irgendwann einen Tee, ohne dass sie danach gefragt hatte.
„Danke“, sagte sie leise und schenkte mir ein freundliches Lächeln. Mehr brauchte es nicht.
Auch mit Isaac fühlte sich alles… vertrauter an. Er kam oft nachmittags vorbei, ließ sich auf seinen Platz fallen, als hätte er nie etwas anderes getan.
„Du wirkst weniger gestresst“, stellte er eines Tages fest, während er ein Buch aufschlug, das er vermutlich schon kannte.
Ich sah ihn kurz an. „Ist das deine Art, mir zu sagen, dass ich vorher anstrengend war?“
„Das ist meine Art, dir zu sagen, dass du jetzt erträglicher bist.“
Ich schnaubte leise. „Danke auch.“
„Gern geschehen.“ Er grinste breit.
Ein kurzer Blick über den Rand seines Buches. „Steht dir.“
Ich musste lächeln. Und ließ es einfach zu.
Selbst die ruhigen Momente fühlten sich anders an. Wenn ich abends die Tür abschloss und noch einen Moment im Laden stehen blieb, war da nicht mehr dieses nagende Gefühl, dass ich irgendetwas übersehen hatte. Ich sah mich um. Die Regale. Der Tisch am Fenster. Das Licht, das langsam schwächer wurde. Und dachte nicht mehr darüber nach, ob ich hier richtig war. Sondern einfach nur… dass ich hier war.
Auch die folgenden Tage liefen ruhig. Geordnet und vorhersehbar. Und ich merkte, wie gut mir das tat.
Ich hielt mich an meinen Plan. Blieb bei mir. Begegnungen mit Nick waren… normal geworden. Oder zumindest normal genug daran, dass ich nicht jedes Mal innerlich aus dem Gleichgewicht geriet.
Bis zu dem Moment, in dem er wieder im Laden stand.
„Hey“, sagte er, als wäre es das Normalste der Welt, einfach so aufzutauchen.
„Ich war gerade beim Bäcker“, erklärte er, noch bevor ich etwas sagen konnte und hielt die Tüte kurz hoch, als Beweis. „Und dann bin ich hier vorbeigelaufen und dachte… ich sag dir schnell Bescheid.“ Ein freundliches Lächeln. „Ich wollte nur kurz sagen… wir sind morgen Abend wieder bei den Lawsons. Rückspiel. Rugby.“ Er zuckte leicht mit den Schultern. „Also… falls du Lust hast. Komm einfach vorbei.“
Kein Zögern. Kein großes Nachdenken. Einfach so hingeworfen.
Ich blinzelte kurz und seufzte theatralisch. „Schon wieder Rugby?“
Ein schiefes Grinsen huschte über sein Gesicht. „Man muss Prioritäten setzen.“
Ich schnaubte leise. „Ich glaube, ich verstehe immer noch nichts von dem Spiel.“
„Das macht nichts“, sagte er sofort. „Die Hälfte da drin versteht’s auch nicht.“
Ich hob eine Augenbraue. „Das beruhigt mich jetzt irgendwie nicht.“
Er lachte leise. Dann, fast nebenbei: „Isaac ist diesmal auch da.“
Das ließ mich kurz innehalten. „Ach ja?“
„Ja.“ Nick nickte. „Ich hab ihn überredet.“
„Du gehst also systematisch durchs Dorf und sammelst Leute ein?“
Er lachte. „Ich nenne es eher… freundliche Überzeugungsarbeit.“
Ich schüttelte leicht den Kopf, jedoch mit einem Grinsen auf den Lippen. „Ich überlege es mir.“
„Mach das“, meinte er nur, hob kurz die Hand und war schon wieder auf dem Weg zur Tür.
Ich sah im einen Moment nach, länger als nötig.
Am nächsten Tag stand Isaac wieder im Laden, wie so oft, als hätte er einen festen Platz zwischen den Regalen.
„Du siehst mal wieder aus, als würdest du grübeln“, stellte er fest und zog ein Buch aus dem Regal, ohne wirklich hineinzuschauen. Wieso konnte er mich lesen, als wäre ich ein offenes Buch?
„Ich grüble nicht“, murmelte ich. „Ich überlege.“
„Noch schlimmer.“
Ich verdrehte die Augen
„Nick hat mich eingeladen“, sagte ich dann.
Isaac blickte auf. „Zum Rugby?“
Ich nickte.
Ein kurzes, wissendes Lächeln huschte über sein Gesicht. „Nick schleppt jeden zu diesen Spielen“, sagte er trocken. „Wenn du einmal dabei warst, bist du offiziell Teil des Systems.“
Ich konnte mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen.
„Ich war diese Saison auch schon dreimal da“, fuhr er fort. „Obwohl ich Rugby nicht mag.“
Ich sah ihn an. „Dreimal?“
„Ja, er ist hartnäckig.“
Ich ließ den Blick kurz durch den Laden wandern. Also doch nicht ich. Nicht speziell ich. Irgendwie war das … gut. Sicher. Ein Teil von mir wusste das längst. Und trotzdem tat es gut, es einmal so klar ausgesprochen zu hören. Es war hilfreich.
„Und?“, fragte Isaac. „Gehst du hin?“
Ich zuckte leicht mit den Schultern. „Ich denke schon. Wenn du auch da bist, hab ich ja wenigstens jemanden, mit dem ich gemeinsam so tun kann, als würden ich verstehen, was da passiert.“
Isaac grinste. „Perfekt. Dann sind wir zu zweit verloren.“
Am Abend stand ich also zum zweiten Mal vor dem Haus der Lawsons.
Durch die Fenster fiel warmes Licht nach draußen, Stimmen drangen gedämpft auf die Straße. Als ich die Tür öffnete, schlug mir sofort diese vertraute Mischung aus Lachen, Gesprächen und dem dumpfen Geräusch eines laufenden Fernsehers entgegen.
„Charlie!“ rief Peter von irgendwo aus dem Raum. „Da bist du ja! Komm rein!“
Ich lächelte leicht, zog meine Jacke aus und trat näher.
Nick stand ein Stück weiter hinten, halb zum Fernseher gedreht, halb im Gespräch mit jemandem. Als er mich bemerkte, hob er kurz die Hand. Keine große Geste. Kein Moment, der herausstach. Und genau das machte es so… unkompliziert.
Ich ging weiter in den Raum hinein, wurde begrüßt, irgendwo bekam ich ein Getränk in die Hand gedrückt, ohne genau zu wissen, von wem.
Und dann saß ich plötzlich wieder da. Zwischen Menschen. Stimmen. Bewegung. Und Isaac. Und Nick daneben.
Wir saßen diesmal nicht direkt nebeneinander - Isaac saß als guter Puffer zwischen uns - aber scheinbar schien er es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, meine Rugby-Unwissenheit endgültig zu beenden. Mit fachmännischer Stimme erklärte er mir Spielsituationen, zeichnete mit der Hand Linien in die Luft, benannte Spieler und Spielzüge, während ich versuchte, ihm zu folgen.
„Also… sie laufen einfach drauf los?“, fragte ich irgendwann.
Er zuckte mir den Schultern. „Im Grunde ja.“
Neben mir ließ Isaac ein leises Geräusch hören. „Ich finde, das trifft es ziemlich gut.“
Ich grinste. „Danke“, murmelte ich.
„Gern geschehen“, erwiderte er, ohne den Blick vom Fernseher zu nehmen. „Ich bin hier für die realistischen Einschätzungen.“
Nick schüttelte leicht den Kopf, ein kaum unterdrücktes Lächeln auf den Lippen. „Ihr seid beide hoffnungslos.“
„Wir sind ehrlich“, korrigierte Isaac ruhig.
Ein paar Minuten später passierte irgendetwas auf dem Bildschirm, das offenbar wichtig war, weil mehrere Leute gleichzeitig reagierten.
Ich lehnte mich leicht zu Isaac rüber. „War das jetzt gut oder schlecht?“
„Ich glaube gut.“
„Du glaubst?“ Der Zweifel war in meiner Stimme kaum zu überhören.
Er zuckte mit den Schultern. „Ich entscheide das immer anhand der Lautstärke im Raum. Und das gerade eben war laut. Also war es wohl gut.“
Ich musste lachen. Und dieses Lachen kam einfach so. Ohne Kontrolle. Ohne Nachdenken. Nick warf mir einen kurzen Blick zu, grinste, sagte etwas zu jemand anderem, wandte sich dann wieder dem Spiel zu.
Alles lief weiter.
„Das wirkt alles irgendwie ein bisschen chaotisch“, stellte ich irgendwann fest.
„Ist es irgendwie ja auch. Männer rennen Männern hinterher, die einem Ball hinterherrennen“, erwiderte Isaac trocken.
Ich lachte. Und merkte erneut, dass ich wirklich lachte. Aus der Tiefe. Nicht nachgedacht. Nicht kontrolliert. Einfach… reagiert.
Einige Zeit später beugte Nick sich ein Stück zu mir und Isaac rüber. „Okay, passt auf. Wenn er den Ball jetzt nach hinten spielt, ist das kein Fehler. Das ist Absicht.“
Ich blinzelte. „Aha. Rückwärts ist als ein Fortschritt. Klingt nach meinem Leben.“ Ich versuchte es trocken zu sagen, merkte jedoch, wie sich ein Grinsen auf meine Lippen schlich.
Nick und Isaac sahen mich einen Moment lang an und dann fing Nick an zu lachen, während Isaac schnaubte. Auch einige andere, die in der Nähe saßen lachten mit. Mir war die ganze Aufmerksamkeit fast ein wenig unangenehm. Ich merkte, wie mir die Hitze ins Gesicht stieg. Wahrscheinlich war ich gleich so rot wie eine Tomate.
Zum Glück passierte kurze Zeit später wieder etwas scheinbar Wichtiges im Spiel und alle wandten sich wieder dem Fernseher zu.
Nick erklärte wieder ab und zu etwas. Irgendwo dazwischen, zwischen den Gesprächen, den halben Erklärungen und den Kommentaren, die ich nicht ganz verstand, fiel mir auf, wie leicht sich das alles anfühlte. Ich musste nicht aufpassen. Nicht jedes Wort abwägen. Ich war einfach da. Und es funktionierte.
Als ich später nach Hause ging, dachte ich noch einmal an Isaacs Worte. Nick schleppt jeden zu diesen Spielen. Wenn du einmal mit warst, bist du Teil des Systems.
Ich ließ die Worte einen Moment nachklingen.
Nicht speziell ich. Das war einfach seine Art. Er lud Leute ein. Er nahm sie mit. Er war offen, freundlich, unkompliziert. So war er eben. Und das hatte nichts mit mir zu tun.
Ich atmete leise aus. Genau so musste ich es sehen. Genau so funktionierte es. Und wenn ich ehrlich war, reichte mir das. Es musste reichen.
Notes:
Es ist fast schon süß, wie überzeugt Charlie ist, alles unter Kontrolle zu haben 🤭
Chapter 16: Zwischen Kontrolle und Vorfreude
Summary:
Eigentlich ist es ein recht normaler Tag im Paper Fox, mit Lucy, die ein neues Buch kauft und Isaac, der für Charlie ein wichtiger Gesprächspartner und Freund ist, bis plötzlich Nick im Laden steht und Charlie ziemlich aus dem Konzept bringt. Zum Glück hat Charlie Tao und Elle, um das alles zu verarbeiten.
Notes:
Ich habe den Urlaub genutzt, um die ganze Geschichte bis hierhin noch einmal durchzulesen und war irgendwie überrascht, wie lange es tatsächlich dauert, bis Charlie und Nick das erste Mal aufeinander treffen. Der Plan war immer Slow Burn, aber so slow? 😅 Ab Jetzt wird es auf jeden Fall etwas intensiver weitergehen, auch wenn natürlich erst einmal die Freundschaft der beiden im Vordergrund stehen wird.
Danke euch allen fürs Lesen und Dranbleiben, ich bin begeistert, dass eine deutsche Fanfiction hier auf AO3 doch mehr Leser findet, als erwartet. Alle Hits, Bookmarks, Kudos und jeder Kommentar zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht und bestätigen mir, dass deutsche HS Fics eindeutig Mangelware sind. Ich verspreche euch, ihr werdet die Reise genießen. 🤞
Das ganze Ich-schreibe-meiner-Schwester-zu-Weihnachten-eine-Heartstopper-Fic-Projekt wird für mich irgendwie immer größer. Foxley und das Paper Fox wachsen mir immer mehr ans Herz und ich habe durch das Projekt soviel Neues lernen dürfen - über mich selbst, über die Yorkshire Dales und über die ganze HS und Fanfiction Community. Danke auch allen Mitgliedern des TBBC dafür, dass ihr mein Leben in so kurzer Zeit bereits so bereichert habt. 💜
Und bis Weihnachten, wenn meine Schwester die Story als Geschenk bekommen wird, ist noch viel Zeit ... lassen wir uns überraschen, was bis dahin noch alles passieren wird.
(See the end of the chapter for more notes.)
Chapter Text
Ich hatte nach wie vor das Gefühl, das alles ganz gut im Griff zu haben. Und vielleicht stimmte das auch.
Bis zu dem Moment, in dem Nick beschloss, das zu ändern.
Der Tag war ruhig gewesen. Einer von diesen Tagen, an denen die Zeit nicht drängte, sondern einfach verging.
Lucy war kurz nach dem Mittag reingekommen, hatte sich wie selbstverständlich auf den Boden zwischen zwei Regalen gesetzt und eine halbe Stunde später mit einem neuen Buch wieder verabschiedet, als hätte sie nie etwas anderes vorgehabt.
„Das hier ist besser als das letzte“, hatte sie noch gesagt, ohne aufzusehen.
Ich hatte gelacht. „Du hast es noch gar nicht gelesen.“
„Man merkt das.“
Dann war sie gegangen. Ich hatte gelacht und ihr nachgesehen.
Isaac war auch da gewesen. Wie so oft. Wir hatten zusammen am Tisch am Fenster gesessen, zwei Tassen Kaffee vor uns und über verschiedene Dinge gesprochen.
Irgendwann war das Gespräch auch wieder bei Ben gelandet. Nicht schwer oder dramatisch. Eher ruhig. Vorsichtig. So, als würde Isaac mir die Möglichkeit geben, selbst zu entscheiden, wie viel ich erzählen wollte. Und zum ersten Mal hatte ich dabei nicht das Gefühl gehabt, mich erklären zu müssen.
Wir hatten darüber gesprochen, wie unterschiedlich Menschen Beziehungen erlebten. Wie seltsam es manchmal war, plötzlich Worte für Dinge zu haben, die man jahrelang einfach irgendwie gefühlt hatte. Isaac hatte irgendwann nebenbei erwähnt, dass es für ihn lange gedauert hatte, zu verstehen, warum andere Menschen ständig von Verliebtheit oder körperlicher Anziehung sprachen, während er selbst dabei meistens nur verwirrt gewesen war. Und ich hatte ihm erzählt, wie lange ich gebraucht hatte, um überhaupt auszusprechen, dass ich schwul bin. Selbst vor mir selbst.
Es war kein großes, informationsgeladenes Gespräch gewesen, aber trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – sehr emotional. Es war dieses ruhige Hin und Her zwischen zwei Menschen, die sich gegenseitig verstanden, ohne alles erklären zu müssen.
Und genau deshalb hatte es mir so gutgetan. Weil ich zum ersten Mal seit langer Zeit über all diese Dinge sprechen konnte, ohne Angst zu haben, bewertet zu werden. Ohne dieses unangenehme Gefühl, zu viel zu sein. Oder falsch.
Irgendwann hatte Isaac einfach nur ruhig seinen Kaffee getrunken und gesagt: „Es klingt ehrlich gesagt ziemlich anstrengend, ständig darüber nachzudenken, ob man für andere okay genug ist.“
Und ich hatte gemerkt, dass ich darauf keine Antwort hatte.
Danach war ein eine Weile still zwischen uns gewesen. Ich hing meinen Gedanken nach und Isaac schien es ähnlich zu gehen. Es tat gut, jemanden wie ihn zu haben. Besonders hier in Foxley, in einem neuen Dorf, in dem ich mich erst einleben und alle kennenlernen musste.
„Ich muss noch was für die Schule erledigen“, hatte er schließlich gesagt und sich seine Jacke gegriffen.
Ich hatte ihn nur kurz angesehen. „Du? Erledigen?“
Er hatte mich mit diesem typischen Blick angeschaut. „Versuch, nicht alles zu hinterfragen. Es steht mir gut.“
Dann war er gegangen. Und ich war wieder allein gewesen.
Ich stand gerade hinter dem Tresen und sortierte ein paar Bücher neu ein, als die Tür aufging. Ich sah auf. Nick.
Er blieb kurz im Eingang stehen, als würde er sich einen Moment sammeln, dann kam er rein.
„Hey“, sagte er.
„Hey.“
Er trat näher und hielt ein Buch in der Hand. Das Buch, das er letztens gekauft hatte.
„Ich bin fertig“, sagte er und legte es vor mich auf den Tresen, als wäre das irgendwie eine persönliche Leistung.
Ich hob leicht die Augenbrauen. „Das ging schnell.“
Ich zog das Buch ein Stück zu mit heran und musterte es gespielt kritisch. „Aber ich sag’s direkt“, sagte ich dann. „Rückgabe gibt’s nicht. Nicht mal, wenn du jetzt behauptest, es hätte dein Leben ruiniert.“
Nick lachte leise. „Mist“, sagte er dann. „Und ich hatte schon eine richtig dramatische Beschwerderede vorbereitet.“
„Zu spät“, meinte ich. „Jetzt musst du mit den emotionalen Folgen leben.“
Er schüttelte grinsend den Kopf, dann tippte er leicht auf das Buch. „Nein, ehrlich, ich mochte es wirklich.“
Ich sah ihn an. „Trotzdem“, sagte ich. „Du warst wirklich schnell.“
Ich nahm das Buch wieder in die Hand und blätterte kurz darin herum. „Das waren fast vierhundert Seiten, Nick. Hast du heimlich aufgehört zu schlafen oder was?“
„Ich hatte ein paar Abende, an denen ich nicht mehr viel denken wollte“, sagte er, fast ein bisschen schief lächelnd. „Da hat das gut gepasst.“
Ich nahm das Buch, strich mit dem Daumen kurz über den Einband. „Und?“
Er lehnte sich leicht gegen den Tresen, sah nicht direkt mich an, sondern irgendwo zwischen mich und das Regal hinter mir.
„Am Anfang dachte ich, das ist nicht meins“, sagte er ehrlich. „Zu ruhig. Zu… langsam.“
Ich nickte leicht. Das kannte ich.
„Aber dann…“ Er zögerte kurz, suchte nach Worten. „Dann hat es mich irgendwie gekriegt.“
Ich sah auf.
Er zuckte leicht mit den Schultern. „Weißt du, dieses Gefühl, dass sich alles so leise verschiebt. Ohne dass man genau sagen kann, wann.“
Ich lächelte. „Ja.“
Ein kurzer Moment. Dann sah er mich an.
„War gut“, sagte er. „Also… wirklich gut.“
Und ich merkte, dass mich das mehr freute, als es eigentlich sollte.
„Hast du noch so was?“, fragte er dann.
„Kommt drauf an“, sagte ich und legte das Buch zur Seite. „Was genau hat dir gefallen?“
Er überlegte. „Dass es nicht so glatt war“, sagte er schließlich. „Dass die Leute nicht… perfekt waren.“
Ich nickte. „Okay.“ Ich ging zum Regal, zog zwei Bücher heraus und kam zurück. „Das hier ist ein bisschen ähnlich von der Stimmung“, sagte ich und reichte ihm das erste. „Und das hier ist etwas ruhiger, aber… hat was.“
Er nahm beide, las sich die Rückseiten durch.
Ich beobachtete ihn dabei. Ganz ruhig. Ohne dieses Ziehen. Oder zumindest… nicht mehr so stark.
Er drehte die Bücher in seinen Händen. Sah zwischen ihnen hin und her. Dann wieder zu mir. „Ich glaube, ich nehme…“ Er stoppte. Sah die Bücher noch einmal an. Dann dieses kleine, leicht hilflose Grinsen. „Okay… Charlie, hilf mir! Ich weiß nicht, welches ich nehmen soll.“
Ich musste lachen. „Das ist jetzt dein Ernst?“
„Absolut.“ Er sah mich mit einem verzweifelten Blick an, die Augen groß und flehend.
Ich nahm ihm eines der Bücher aus der Hand. „Dann nimm das Erste hier.“
Er sah es sich noch einmal an, nickte dann, sichtlich erleichtert. „Okay. Danke.“
Ich grinste in mich hinein und schüttelte den Kopf.
Ich gab den Preis in die Kasse ein und sah ihn an. Er griff in seine Hosentasche… und hielt mitten in der Bewegung inne.
Ich sah auf. Ganz kurz … dieses Zögern. Und dann, fast unmerklich, dieses leichte Rot an seinen Ohren.
Oh nein.
Für einen Moment wirkte es, als würde er selbst merken, woran er gerade gedacht hatte.
„Ich hab diesmal …“, begann er, griff dann doch etwas tiefer und zog seinen Geldbeutel heraus. „…ich hab dazugelernt.“
Ein kleines, schiefes Grinsen.
Ich musste mir ein Lächeln verkneifen. „Da bin ich aber beruhigt.“
Er schnaubte leise, während er das Geld herauszog. „Ich wollte mir das nicht nochmal antun.“
Ich zog eine Augenbraue hoch. „So schlimm war es nicht.“
„Für dich vielleicht nicht“, murmelte er. „Ich hab danach ernsthaft überlegt, ob ich hier jemals wieder reinkommen kann.“
Ich lachte leise.
Irgendwie fand ich das … ziemlich niedlich.
Nachdem er bezahlt hatte, blieb er noch stehen. Nicht nur kurz. Einfach… da. Er lehnte sich leicht gegen den Tresen, sah sich im Laden um, als würde er etwas suchen, das gar nicht wirklich da war.
Dann sah er wieder zu mir.
„Ich hab übrigens nachgedacht …“, begann er.
Ich hob sofort leicht eine Augenbraue. „Oh.“
Er stoppte. „Was?“
Ich zuckte mit den Schultern, ein kleines Grinsen. „Du hast nachgedacht. Das kann gefährlich werden.“
Es dauerte einen kleinen Moment, dann verzogen sich seine Lippen zuerst zu einem Grinsen, das er sichtlich versuchte, zu unterdrücken, dann setzte er eine gespielt strenge Miene auf, die jedoch nicht länger als zwei Sekunden hielt.
Ich biss mir leicht auf die Wange, um mir ein Grinsen zu verkneifen.
Verdammt.
Es sah irgendwie süß aus, wie er krampfhaft böse aussehen wollte. „Lass mich ausreden.“
„Okay, Ich versuch’s.“ Ich gab mich völlig entspannt.
Ein kurzer Moment, in dem er mich einfach nur ansah, als würde er überlegen, ob ich ernsthaft ein Problem werden könnte.
Dann schüttelte er leicht den Kopf.
„Also“, setzte er neu an. „Ich hab nachgedacht…“
Er zögerte kurz und schaute mich herausfordernd abwartend an. Diesmal sagte ich nichts.
„Ich fahr morgen zu einem Hof ein Stück außerhalb vom Dorf“ sagte er dann. „Nichts Großes, ich soll nur nach einem Pferd schauen. Dauert nicht lange.“
„Du arbeitest am Sonntag?“, fragte ich überrascht.
Er zuckte leicht mit den Schultern, als wäre das kaum der Rede wert. „Tiere unterscheiden nicht zwischen Wochentagen und Wochenende.“ Er grinste. „Jedenfalls wollte ich danach eh noch ein bisschen dort bleiben. Da oben ist es echt schön, gerade wenn das Wetter so wird, wie sie sagen.“
Ein kurzer Blick zu mir. Fast nebenbei. „Man kann da ganz gut laufen.“
Ein kleiner Moment. Dann, etwas direkter: „Und ich dachte … wenn du Lust hast, kannst du mitkommen. Dann würdest du noch eine weitere Ecke von Foxley kennen lernen. Es ist nicht weit von hier, aber da warst du bestimmt noch nicht.“
Ganz schlicht. Ohne großes Gewicht. Fast so, als würde er selbst nicht viel mehr daraus machen.
Ich dagegen spürte dieses kurze, vertraute Ziehen. Dieses alte Muster. Dieses sofortige Reagieren. Ich atmete leise aus. Ich hatte das im Griff.
„Ja“, sagte ich schließlich. Ruhig. „Das klingt gut.“
Er nickte. Ein kleines, zufriedenes Nicken. „Gut.“
Dann stieß er sich vom Tresen ab. „Dann hol ich dich morgen Vormittag ab?“
Ich nickte und versuchte so entspannt wie möglich zu klingen. „Geht klar. Ich steh dann geschniegelt bereit und tue so, als wäre ich ein Mensch, der freiwillig früh aufsteht.“
Er lachte, dann schüttelte er belustigt den Kopf. Schließlich hob er kurz die Hand und ging zur Tür.
Erst, als sie hinter ihm ins Schloss fiel, hielt ich einen Moment inne.
Ich hatte gedacht, ich hätte alles im Griff. Warum fühlte sich das plötzlich nicht mehr ganz so sicher an?
Die Tür war längst wieder geschlossen, als ich mich vom Tresen löste. Ich blieb noch einen Moment stehen. Dann griff ich mechanisch nach einem Stapel Bücher, ordnete sie, ohne wirklich hinzusehen. Meine Gedanken waren längst woanders.
Ich ging noch einmal durch den Laden, rückte hier ein Buch gerade, strich dort über einen Einband, als würde ich kontrollieren, ob alles an seinem Platz war.
Dabei war ich mir nicht einmal sicher, ob ich überhaupt sah, was ich tat.
Am Tresen blieb ich stehen. Ich öffnete die Kasse, zählte das Geld durch, trug die Summe in das kleine Heft ein, das inzwischen schon ein paar Eselsohren bekommen hatte. Es waren keine großen Zahlen. Aber sie stimmten. Zumindest glaubte ich das. Ich sah noch einmal drüber, ohne wirklich zu rechnen. Dann schloss ich die Kasse wieder. Daneben lag ein kleiner Stapel Notizen. Bestellungen, die ich noch aufgeben musste. Ein Zettel von einem Kunden, der nach einem bestimmten Buch gefragt hatte. Eine Erinnerung daran, dass ich neue Lesezeichen bestellen wollte. Ich sortierte die Zettel, schob sie ordentlich zusammen, legte sie an den Rand. Für morgen.
Morgen.
Nicks Gesicht tauchte vor mir auf. Seine Stimme. Dieses „Wenn du Lust hast“. Ich schüttelte leicht den Kopf. Reiß dich zusammen, Charlie!
Ich drehte das Schild an der Tür auf Geschlossen, schloss ab und löschte das Licht.
Für einen Moment blieb ich an der Tür stehen, den Schlüssel noch in der Hand.
Dann drehte ich mich um und ging die Treppe nach oben. Ink folgte mir wie immer.
In der Wohnung war es still. Ich zog meine Schuhe an der Tür aus, ging zum Schreibtisch und zog das Notizbuch für Tao und Elle hervor. Einen Moment hielt ich es einfach nur in der Hand. Ich hatte heute das Bedürfnis, Tao und Elle mehr von meinem neuen Leben zu erzählen.
Ich setzte mich und schlug es auf. Dann begann ich zu schreiben.
Ihr zwei,
ich glaube, ich komme hier langsam wirklich an.
Ich hielt kurz inne, las den Satz noch einmal, als müsste ich prüfen, ob er sich richtig anfühlte. Dann schrieb ich weiter.
Ich erzählte ihnen von den letzten Tagen. Davon, dass der Laden inzwischen ruhiger lief, aber nicht mehr leer war. Dass immer wieder die gleichen Leute hereinkamen, sich umsahen, blieben, ein bisschen redeten. Ich schrieb von Lucy, die sich einfach zwischen die Regale setzte, als wäre es das Normalste der Welt. Von Isaac, der nachmittags auftauchte und blieb, ohne dass man darüber sprechen musste. Und davon, dass es Tage gab, die sich plötzlich leicht anfühlten.
Ich hab nicht mehr ständig das Gefühl, alles falsch zu machen, schrieb ich.
Das ist wahrscheinlich schon mehr Fortschritt, als ich erwartet hatte.
Ich lehnte mich kurz zurück, drehte den Stift zwischen den Fingern. Dann setzte ich ihn wieder an.
Ich schrieb darüber, wie sich das alles langsam verschob. Wie ich mich nicht mehr jeden Abend fragte, ob ich hier richtig war. Wie sich der Laden inzwischen wie meiner anfühlte. Und dass ich manchmal einfach dasaß, ohne sofort weiterzudenken.
Ich hielt inne. Zögerte einen Moment.
Heute war so ein Tag, schrieb ich schließlich.
Ich sah mir die Worte kurz an. Dann fügte ich, fast nebenbei, hinzu:
Ich hab für morgen was zugesagt. Nichts Großes.
Ein kurzer Moment.
Mal sehen, wie das wird.
Ich ließ den Stift sinken. Sah mir die Seite noch einmal an. Es stand nichts Konkretes da. Und trotzdem hatte ich das Gefühl, mehr gesagt zu haben, als ich eigentlich vorhatte.
Ich strich mit den Fingern über das Papier, dann klappte ich das Buch langsam zu.
Ich blieb noch einen Moment sitzen, das geschlossene Notizbuch vor mir. Meine Finger lagen darauf, als könnte ich durch das Papier hindurch noch spüren, was ich gerade geschrieben hatte. Es war seltsam. Wie leicht es gewesen war. Die Worte waren einfach gekommen. Ohne dass ich lange überlegen musste, ohne dass ich sie im Kopf zurechtgelegt hatte, bevor ich sie aufschrieb. So war es früher immer gewesen. Mit Tao und Elle.
Ich lehnte mich ein Stück zurück. Und merkte plötzlich, wie sehr sie mir fehlten. Nicht dieses große, dramatische Vermissen. Sondern dieses leise, beständige. Die Art, wie man sich versteht, ohne viel erklären zu müssen. Die Art, wie man einfach sagen kann, was gerade ist, ohne es vorher zu ordnen.
Ich fuhr mit dem Daumen über den Rand des Notizbuchs. Es tat gut, das aufzuschreiben. Fast so, als hätte ich gerade tatsächlich mit ihnen gesprochen.
Ich atmete leise aus. Schüttelte dann leicht den Kopf. Das reicht nicht.
Ich griff nach meinem Handy. Zögerte einen kurzen Moment. Dann öffnete ich den Chat.
Ich:
Ich habe heute etwas gemacht, bei dem ihr beide sofort angefangen hättet, mir reinzureden.
Die Antwort kam schneller, als ich erwartet hatte.
Tao:
Zu spät. Ich fang trotzdem an. Was hast du getan?
Elle:
Ignorier ihn. Erzähl.
Ich musste unwillkürlich lächeln.
Ich:
Ich hab für morgen was zugesagt.
Tao:
Das klingt verdächtig nach „ich hab nicht nachgedacht“.
Elle:
Das klingt nach Fortschritt.
Ich lehnte mich leicht zurück, tippte dann weiter.
Ich:
Ich hab nicht viel nachgedacht.
Tao:
Ich bleibe dabei: gefährlich.
Elle:
Ich bleibe dabei: gut.
Ich schnaubte leise.
Ich:
Ihr seid beide nicht hilfreich.
Tao:
Doch. Ich bin die Stimme der Vernunft.
Ich:
Du bist gar nichts davon.
Elle:
Er ist laut. Das ist nah dran.
Ich ließ das Handy kurz sinken, immer noch mit diesem kleinen Lächeln im Gesicht.
Ich:
Es ist nichts Großes. Wirklich nicht.
Kurze Pause. Dann:
Tao:
Das sagst du immer, bevor es doch irgendwas ist.
Elle:
Du musst uns nichts erklären. Erzähl einfach, wenn du willst.
Ich sah auf den Bildschirm. Zögerte.
Dann schrieb ich:
Ich:
Ich erzähl’s euch danach.
Tao:
Oh, das gefällt mir gar nicht.
Elle:
Mir schon.
Ich atmete leise aus.
Ich:
Ich meld mich morgen.
Tao:
Wenn du nicht verschwindest.
Ich:
Ich verschwinde nicht.
Elle:
Wir sind hier. Egal wann.
Ich atmete langsam aus.
Ich:
Danke euch. Was gibt’s bei euch Neues?
Diesmal dauerte es einen Moment länger. Dann erschienen die ersten Antworten.
Tao:
Zu viel.
Elle:
Zu viel.
Ich musste leise lachen.
Und dann erzählten sie. Nicht alles gleichzeitig, nicht geordnet, sondern so, wie sie es immer taten.
Tao schrieb von einem Projekt, das eigentlich längst hätte fertig sein sollen, aber sich zog, weil ständig irgendetwas dazwischenkam. Davon, dass er sich mit jemandem gestritten hatte, der „offensichtlich keine Ahnung hatte, wovon er redete“, wie er es formulierte.
Elle erzählte von einer Ausstellung, an der sie arbeitete, von Farben, die noch nicht so wirkten, wie sie sollten und von Momenten, in denen plötzlich alles passte.
Zwischendrin warf Tao immer wieder Kommentare ein, unterbrach sie, wurde korrigiert, widersprach. Ich konnte sie beide förmlich vor mir sehen.
Es war chaotisch. Und vertraut.
Ich antwortete hier und da, stellte Fragen, kommentierte etwas, aber meistens las ich einfach. Und ließ es auf mich wirken.
Irgendwann tippte ich wieder:
Ich:
Danke. Wirklich.
Ein kurzer Moment. Dann:
Ich:
Ich bin echt froh, dass ich euch habe.
Die Antwort kam fast gleichzeitig.
Elle:
Wir sind immer da.
Tao:
Leider für dich.
Ich schnaubte leise.
Ich:
Ich vermisse euch.
Elle:
Wir dich auch.
Tao:
Sehr sogar. Auch wenn ich es nicht zugebe. Bald sind wir da und nerven dich!
Ein kleines Lächeln. In knapp einer Woche war mein Geburtstag. Tao und Elle würden am Tag vorher anreisen und zwei Nächte bleiben. Ich freute mich riesig, sie endlich wieder zu sehen.
Ich:
Hab euch lieb.
Elle:
Ich dich auch.
Tao:
Ja, ja. Ich euch auch.
Ich ließ das Handy langsam sinken. Das Zimmer war still. Nur das leise Ticken der Uhr im Hintergrund, das ich sonst nie wahrnahm.
Als ich später im Bett lag, war ich müde. Zumindest dachte ich das. Mein Körper war es vielleicht. Mein Kopf ganz sicher nicht. Ich drehte mich auf die Seite. Dann auf den Rücken. Starrte an die Decke. Schloss die Augen. Öffnete sie wieder.
Das Gespräch mit Tao und Elle hatte mich kurzzeitig abgelenkt, doch jetzt kamen die Gedanken an morgen zurück.
Morgen.
Ich versuchte, an irgendetwas anderes zu denken. An den Laden. An die Bücher. An die Bestellungen, die ich noch machen musste. An irgendetwas Belangloses. Es funktionierte nicht. Immer wieder tauchte derselbe Gedanke auf. Wie es sein würde. Ob es sich genauso anfühlen würde wie heute. Ob ich das im Griff behalten würde. Ich zog die Decke ein Stück höher. Atmete langsam aus.
Es ist nichts.
Ich sagte es mir mehrmals.
Einfach nur ein Ausflug. Ein bisschen raus. Frische Luft. Mehr nicht.
Ich drehte mich wieder auf den Rücken und starrte an die Decke.
Du gehst einfach hin. Du bleibst normal.
Ein Teil von mir glaubte das. Ein anderer nicht.
Irgendwo dazwischen lag etwas, das ich nicht ganz einordnen konnte. Etwas, das sich verdächtig nach Vorfreude anfühlte.
Notes:
Ach, Charlie, wenn du wüsstest, auf was du dich da einlässt ... es wird nicht leicht werden, deinen Crush auf Nick unter Kontrolle zu behalten.
Wie gefällt euch die Dynamik zwischen den Beiden bisher? (Gibt es für "teasing" und "menace" eigentlich gute, passende deutsche Übersetzungen? 🤔)

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