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Es war keine unüberlegte Entscheidung gewesen die Betten auseinander zu ziehen, Sebastian würde sogar fast behaupten, dass er zu viel darüber nachgedacht hatte, aber einen Blick in Thorstens Gesicht und die Sache war erledigt. Auseinander war es also.
Es wäre nicht das erste Mal, dass die beiden in einem Doppelbett geschlafen hätten. Einzelbetten hatten früher auch gedient, erinnerte er sich. Aber, wenn Thorsten sie auseinander wollte, dann gehörten sie auseinander. So einfach war das manchmal.
Da lag er nun also, Hände hinterm Kopf verschränkt, unruhig auf einer Weise, die ihm Kopf begann und sich kribbelnd in seinen Beinen ausbreitete. Die Decke war zu warm. Oder es lag an dem Fall. Fälle hatten es so an sich unangenehm zu sein.
Sebastians Blick glitt zum Nachbarbett rüber. Thorsten hatte so eine lustige, fast belustigende, Art zu schlafen, da konnte er auch gar nicht mehr wegsehen. Thorsten hatte sich mit Beinen und Armen um sein Decke gewickelt. Klammerte sich quasi an sie. Sein schwarzer Gips, den Sebastian noch halb in der Dunkelheit erkennen konnte, stellte einen starken Kontrast zur weißen Bettwäsche dar. Er lag mit dem Rücken zu ihm. Sebastian wünschte sich er würde sich umdrehen. Vielleicht spornte dieser Gedanke, seine nächsten Worte an.
„Kannst du auch nicht schlafen?”, fragte er. Nur halb flüsternd, weil es ihn nicht wirklich scherte leise zu sein.
Thorsten bewegte sich gezielt, atmete einmal ein und dann laut aus. Seine Decke knisterte, als er sich fester um sie wickelte. Seine Stimme erklang müde und selbstgefällig, so wie es nur er hinkriegen konnte: „Doch.”
Sebastian sagte eine Weile nichts. Manchmal war es schwer herauszufinden wann Thorsten seinen Sahara-Trockenen Sarkasmus aktivierte und wann Doch tatsächlich Lass mich in Ruhe hieß.
Aber, fiel Sebastian auf, selbst wenn es sich zu „Lass mich in Ruhe” übersetzen ließe, wäre ihm das recht gleichgültig. Irgendwo auf seinen mentalen To-Do-Listen für den Tag stand immer Nerve Thorsten! drauf.
„Schläfst du immer noch?”, fragte er also, noch weniger halb flüsternd, so dass es sich wie seine normale Tonlage anhörte. Thorsten grunzte unzufrieden.
Sebastian könnte den Fall ansprechen. Könnte so tun, als ob er wach war, weil ihn irgendwas an den Indizien störte, ihn irgendwas noch unter der Haut juckte; ein letzter Beweis. Aber, er wusste nicht wann es angefangen hatte, im Laufe der Zeit wurde es immer schwieriger Thorsten anzulügen und meistens wollte er das auch gar nicht.
Das könnte er sein. In Thorstens Armen. Keine weiß-karierte von Christlichkeit sprühende Decke. Das könnte Sebastian sein. Das war Sebastian mal gewesen.
Thorsten hatte sich umgedreht. Seine großen Augen blinzelten ihn verschlafen an. Er schaffte es immer noch unerträglich selbstgefällig auszusehen, aber vielleicht war das auch einfach sein Gesicht, vielleicht hatte Sebastian auch gelernt es gern zu mögen.
„Sebastian?”
Thorsten sagte Sebastian immer gleich. Wenn er sein Handy abnahm, dann war es immer Sebastian? in der gleichen sanften Stimme. In der selben zärtlichen Tonart, als wären sie mehr, mehr als zwei auseinander geschobene Betten. Sebastian schluckte und sein Hals war noch immer trocken.
„Kannst du auch nicht schlafen?”, fragte er erneut. Andere Worte versagten ihm. Diesmal schien Thorsten sich zu entspannen. Als hätte jemand die Stränge an seinem Körper, nicht losgelassen, aber gelockert und so sackte er ein wenig in sich zusammen. Er wirkte kleiner, kleiner als sonst.
„Willst du—“
„Können wir—“
Starteten beide gleichzeitig und verstummten sofort. Die Stille zog sich in die Länge und es war so bekannt, dass Sebastian nicht anders konnte, als das Schweigen dankend zu empfangen. Er wusste aus Erfahrung, dass sie jetzt hätten einschlafen können. Es gab so viel Ungesagtes zwischen ihnen, dass ein weiteres unbeendetes Gespräch nichts bedeuten würde. Morgen würde es niemand ansprechen, er würde das Auto fahren, sie würden sich still über die Musik streiten, den Fall lösen und nie wieder über dieses Haus, die beiden Betten sprechen.
Sebastian sah das alles vor sich. Es wäre so einfach. So wie immer.
Seine Augen schnappten hoch als Thorsten die Beine aus dem Bett schwang und er richtete sich eilig auf. „Dein Fuß! Thorsten, lass mich—“ Er wusste nicht woher der plötzliche Drang kam, Thorsten diese Arbeit abzunehmen, aber er stellte sich hinter das Bett und schob es wie selbstverständlich wieder an Thorstens dran.
Thorsten beobachtete das mit einem minimalen Zucken seiner Mundwinkel. Sebastian wurde warm, obwohl er die erdrückende Decke abgelegt hatte.
Thorsten machte das manchmal, ihn herumkommandieren. Früher, als sie sich tatsächlich noch gemeinsam ins Bett getraut hatten, hatte Thorsten ihn belohnt, für gut ausgeführte Befehle. Wie einen Hund, dachte Sebastian heute manchmal abwertend, aber damals hatte es sich nicht abwertend angefühlt. Nur warm und gut.
Er krabbelte zurück ins Bett und es war fast lächerlich, wie viel besser er sich plötzlich fühlte, jetzt, wo Thorsten wieder neben ihm war. Da wo er hingehörte. Sein Blick glitt an Thorstens Körper hinab, landete auf dem dicken Gips. „Tuts noch weh?”, fragte Sebastian, musste es plötzlich wissen, rutschte etwas näher an Thorsten heran.
Der Ältere beobachtete ihn eine ganze Weile, bis er leise lächelte. „Nein. Du kümmerst dich doch um mich, Sebastian.” Die Frage nicht beantwortend, nicht wirklich.
Ein Arm wand sich um Sebastians Schultern und mit einem Ruck wurde er auf Thorstens Bett gezogen. Sein Kopf stieß leicht am Bettgestell an, aber es schmerzte nicht, brummte nur kurz, bevor Thorstens Finger sich in seinen Locken vergruben. Er atmete aus.
Thorsten legte seinen Gips-Bein über seine Bauchgegend und drückte ihn noch stärker an sich. Seine ganz persönliche weiß-karierte Bettdecke, dachte Sebastian mit Humor.
„Jetzt schlafen wir”, murmelte Thorsten und Sebastian— Sebastian fühlte sich wie früher.
