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Er hätte es wissen müssen.
Es war noch nicht einmal eine wichtige Frage gewesen. Es war nur Mirko und sein ständiger, nervöser Drang Small Talk mit ihm zu führen, auch wenn Thiel eine Niete im Small Talk war.
Nur eine dumme Frage, komplett aus dem Zusammenhang gerissen, darüber, wie lange er denn seine Brille schon besaß und — natürlich, natürlich hatte sich genau in dem Moment jemand hinter ihnen geräuspert.
Thiel war der Anwesende nicht aufgefallen und Mirko auch nicht, weil er die dumme Frage wohl sonst nicht gestellt hätte, aber das änderte nichts. Es änderte rein gar nichts, nicht wenn die Person die Frage gehört hatte und nicht wenn diese Person jemand ganz bestimmtes war:
Boerne.
Natürlich war es Boerne. Es war immer, immer Boerne und Thiel ging das langsam alles einfach nur noch auf den Sack. Toll. Der Professor wusste von seiner dummen Brille. Ganz, ganz toll.
„Nicht wahr“, sagte Boerne. Arsch. Und blinzelte ihn zurückgenommen an, „Sie, eine Brille?“
Thiel verschränkte die Arme vor der Brust und sandte Mirko den dreckigsten Blick, den er aufbringen konnte. Verräter. „Nein“, antwortete er, weil er sich für unglaublich witzig hielt und drehte sich entschieden weg. Boerne schmollte, das konnte Thiel auch ohne Brille sehen. Auch wenn es spät war und seine Augen langsam zu brennen begannen.
Zeit sich aus der Situation zu entfernen, befand Thiel und erhob sich. Mirko lächelte ihn entschuldigend hinter seinem Computer hervor an, aber Thiels Wut war schon wieder verflogen. Es war nicht so, als hätte sein Assistent wissen können, dass Boerne sich so aufdringlich ins Büro schleichen würde.
„Zeigen Sie schon her!“, rief ihm der Professor hinterher, aber Thiel trat mit entschiedenem Schritt davon. Der Teufel konnte ihn holen, bevor er Boerne diesen Genuss geben würde; nur über seine Leiche.
Thiel wusste was jetzt kommen würde; unendliche Fragereien und Sticheleien, so war Boerne eben. Botst du ihm eine Möglichkeit sich als Arschloch zu präsentieren, dann ergriff Boerne diese schneller als Mirko überhaupt Brille sagen konnte.
Aber irgendwie und Thiel fiel es nicht leicht das zuzugeben, kam dann doch nichts. Boerne mischte sich noch immer in seine Ermittlungen ein, er war noch immer ein arrogantes Arschloch, machte immer noch dumme Sprüche — war wahrscheinlich auch bald pleite, so viel Geld wie er in die Miese Sprüche Kasse drückte —, aber mehr kam da dann irgendwie doch nicht. Kein dummer Kommentar über seine Brille, kein 'Hö Hö, Sie sind aber alt geworden, Thiel, Hö Hö' — Nein, gar nichts.
Anstatt, dass es ihn beruhigte allerdings, machte es ihn nur noch misstrauischer: Was führte Boerne im Schilde? Und er wusste, dass er es tat; Boerne war niemand, der so etwas ruhen lassen würde, nicht wenn es ihm die perfekte Möglichkeit gab sich über Thiel lustig zu machen. Denn unter all den akademischen Auszeichnungen war Boerne eben doch nur ein Idiot, auch wenn Thiels Gefühlswelt das manchmal zu vergessen schien.
Wie so oft in seinem manchmal miserablen, manchmal erträglichen Leben, wurde er allerdings unachtsam. Irgendwann, als Boerne sich anscheinend doch dazu entschieden hatte ihn und seine Brille in Frieden zu lassen, da achtete er nicht mehr ganz so akribisch darauf, ob irgendwer mit ihm im Raum war.
Und eines Abends, als er die letzten paar Dokumente für seinen Fall auswertete, da passierte es. Die Buchstaben auf dem Papier wurden immer verschwommener, bis sie sich zu einem schwarzen Brei aus unleserlichen Hieroglyphen zusammengemischt hatten.
Seine Hände griffen blindlings nach dem schwarzen Brillenetui, er war so müde, dass er sich gar nicht erst im Raum umsah, bevor er das Gestell auf seine Nase drückte. Was sich als ein gravierender Fehler herausstellte.
„Hah!“
Ein lauter Ruf unterbrach seine Arbeit und Thiel zuckte so erschrocken zusammen, dass sich sein Drehstuhl, mit ihm drauf, ein ganzes Stück nach links drehte und er sich mithilfe der Kante des Schreibtischs erstmals wieder gerade rücken musste.
„Scheiße!”, stellte er laut klar, und dann: „Was zum— Boerne?“
Boerne stand dort, die Hände in die Hüften gestemmt, wie Superman, auf diesen alten Comic Covern, die Thiel bestimmt irgendwo noch herumliegen hatte. Nur das Boerne kein rotes Cape, sondern seinen klassischen schwarzen Anzug trug und ihn mit einem so weiten Grinsen anstarrte, dass er auf den ersten Blick wie ein verrückt gewordener Idiot aussah. Was er auch war, wohlgemerkt.
Es dauerte einen Moment lang bis Thiel kapierte, was hier Sache war. Boerne — hier.
„Boerne!“, sagte er entrüstet, die Müdigkeit vorerst vergessen, „Was tun Sie denn hier?“
„Ich“, Boerne zeigte mit einem Finger auf sich selber, als wenn sich noch irgendwer anderes im Raum befinden würde, den Thiel meinen könnte, „bin hier, weil ich Sie gesucht habe.“ Beim Sie deutete er entschieden auf Thiel.
Die ganze Situation war so lächerlich, dass Thiel aus purem Unglauben heraus beinahe anfing zu lachen, aber es war spät. Und ihm war gar nicht nach Lachen zu Mute.
„Ich wusste, dass Sie bald unvorsichtig werden würden! Ihre Brille—"
Scheiße. Gottverdammte—
Boerne redete immer noch, Arsch. „Wirklich, es war nur eine Frage der Zeit bis—"
Mit einem Ruck zog Thiel die Brille von der Nase und stopfte das scheiß Gestell zurück in das Etui. Verfluchte Brille und verfluchter Boerne, der es natürlich nicht hatte ruhen lassen können. Und verfluchter Marko auch, der seine Klappe nicht halten konnte. Aber eigentlich fühlte er nur die heiße Scham auf seiner Haut, spürte wie die verhasste Röte seine Wangen hochkroch.
Er wusste nicht woher es kam, aber irgendein Teil von ihm wollte Boerne gefallen. Da war es eben was anderes wenn Mirko ihn mit Brille sah. Oder Frau Klemm oder Frau Haller.
Bei allen war es in Ordnung, nur nicht bei Boerne, weil es Boerne war. Boerne mit seinen wachsamen Augen und dem arroganten Hochziehen seiner Mundwinkel und alles einfach. Einfach Boerne.
Sobald er dort nun wieder saß, ohne Brille, Boerne ein wenig weniger scharf, da begann der Professor doch tatsächlich zu schmollen. So eine Frechheit. „Thiel!“, sagte er und kam einen Schritt näher, „Thiel, setzten Sie Ihre Brille wieder auf!“
„Welche Brille?“, fragte Thiel, weil er sich noch immer für unglaublich lustig hielt, vielen Dank, und schob sein Brillenetui in seinen Schoß. Boernes Reaktion nach zu urteilen war es der dumme Kommentar wert: „Thiel, Sie— Ugh! Nun, kommen Sie schon, setzen Sie sie wieder auf!“
„Nö.“ Er verhielt sich kindisch. Er war kindisch, aber unter seiner steinernen Miene drückte noch immer der Schimmer an Unsicherheit in seiner Magengegend herum. Boerne sollte ihn nicht mit Brille sehen, das hatte er doch von Anfang an nicht gewollt. Peinlich war das hier alles, richtig, richtig peinlich.
Neben der Demütigung, kochte dann auch irgendwann die Wut hoch. Nicht viel, aber es irritierte Thiel schon gewaltig, dass Boerne so ein unnötiges Drama aus der Sache machte — ihm auflauern, scheiße, für wen hielt er sich eigentlich?
Er mochte seine Brille ja selber nicht, das musste ihm ja nicht ausgerechnet Boerne unter die Nase reiben. Vor allem, weil es aus Boernes Mund viel mehr schmerzen würde.
Als er wieder aufsah, stand der Professor vor seinem Tisch, so nah, dass er das Zusammenziehen seiner Augenbrauen Live beobachten konnte.
„Kommen Sie schon, Thiel, zeigen Sie mir Ihre Brille.“
Thiel starrte Boerne entgeistert an. Das konnte er doch nicht Ernst meinen. Wollte der Professor ihn jetzt zwingen sein Gestell auf die Nase zu setzen oder woher kamen die plötzlichen Überzeugungsversuche?
„Gehts Ihnen noch gut?“, murrte Thiel, nun doch wieder müde, als der anfängliche Schreck verflogen war, „Meine Brille bleibt ab. Ich muss eh nach Hause, genau wie Sie.“ Er richtete seinen Blick auf Boerne, der immer noch am schmollen war.
Boerne drehte sich weg und verschränkte seine Arme miteinander — wie ein Kind, dem es verboten wurde den letzten Keks zu essen. „Gut, mich interessiert Ihre Brille eh nicht.“
„Gut.“
„Gut!“
Eine kurze Stille trat ein. Boerne drehte sich wieder um. „Thiel—"
„Nein! Sie haben echt Probleme, Professor, hier reinzuspazieren und sich über mich lustig zu machen!“, sagte Thiel, vielleicht ein bisschen lauter als notwendig, aber bei Boerne schienen die Worte dennoch nicht anzukommen, „Nur wegen einer doofen Brille.“
Boerne trug immer noch einen etwas verdutzten Gesichtsausdruck, er kratzte sich ganz kurz an seiner Handfläche — etwas, was er nur tat, wenn ihm ein wenig unwohl zumute war — und dann fragte er, ganz unschuldig: „Sich über Sie lustig machen?“
Thiel schnaubte. Er wollte dieser dämlichen Frage gar keine Antwort geben, so lächerlich fand er sie. Natürlich wollte sich Boerne über ihn lustig machen! Das war doch ihre ganze Dynamik. Normalerweise, da gefiel es ihm doch auch, das ganze hin und her, aber eben nicht bei sowas. Das war irgendwie was anderes. Das würde nur schmerzen, wenn Boerne darauf ansprach, so wie es jetzt schon schmerzte. Direkt in seiner Brust, am Herzen.
Boerne guckte aber gar nicht wie jemand, der sich über ihn lustig machte. Manchmal hatte er so ein arrogantes Grinsen im Gesicht oder ein Funkeln ein den Augen, welches geradezu schrie Du bist die dümmste Person auf dem Planeten, aber gerade waren nur seine Augenbrauen zusammengezogen und… ein wenig schüchtern sah er aus. Wenn Boerne das jemals in seinem Leben gewesen war.
„Welchen Grund hättest du sonst mich so zu überfallen?“, grummelte Thiel und legte das Brillenetui wieder auf den Schreibtisch. Boernes Augen folgten für einen Moment lang seinen Bewegungen, dann holte der Professor tief Luft:
„Sie sehen“, Boerne kratzte sich am Bart, so nervös sah Thiel den Professor nur selten, „drollig aus. Und das meine ich nicht böse, wissen Sie, ich meine das eher im Sinne von— im Sinne von, äh, niedlich. Nicht negativ, nein, ganz und gar nicht negativ, aber, Thiel, also, die Brille, ich wollte einfach mal sagen, die steht Ihnen wirklich gut. Sie sehen gut aus.“
Thiels Blick ruckte hoch. Da musste er sich aber mal ganz gewaltig verhört haben. Aber nein, dort war eine hohe Röte auf Boernes Wangen und sein Blick wich ihm aus und — hatte Boerne ihn gerade tatsächlich drollig genannt?
„Drollig“, wiederholte er trocken. Der Redeschwall Boernes verstummte. Das Wort brannte sich in seinen Hals — drollig und niedlich und gutaussehend — seine Wangen mussten auch rot sein. Fleckig und dunkel. Er widerstand dem Drang sein Gesicht in den Händen zu vergraben, als der Professor nickte. Das schlimmste war, dass Boerne es sogar ernst zu meinen schien.
„Drollig“, sagte Thiel erneut und wenn er jetzt ein bisschen hysterisch klang, wer konnte es ihm verübeln?
Boerne sah jetzt bestimmter aus. Er lehnte sich ein Stück weit mehr über seinen Schreibtisch. „Zumindest, nun, zumindest glaube ich Sie sehen drollig aus — genau wissen kann ich es ja nicht. Sie hatten die Brille für etwa fünf Sekunden auf, bevor Sie sie von der Nase rissen, als hätten Sie den Teufel selbst gesehen.“
Hatte er ja auch; der Witz schrieb sich ganz von alleine. Den Mund öffnete er allerdings nicht, um seinen Boerne-Teufel-Vergleich auszusprechen, dafür schwirrte ihm noch viel zu viel der Kopf von Boernes Worten.
Thiel räusperte sich, aber seine Stimme war noch immer heiser, als er er sagte: „Sie wollen also, dass ich— ich, äh, meine Brille nochmal aufsetze?“
Boerne öffnete und schloss seinen Mund, dann, plötzlich gar nicht mehr so eloquent, nickte er nur. Thiel seufzte. „Wenn Sie mich hier doch nur verarschen, dann…“, einen Augenblick überlegte er, „dann mach' ich meine eigene Miese Sprüche Kasse auf!“
Boerne zog seine Stirn kraus. „Alberich färbt auf Sie ab.“
„Ich stimme ihr zu, das ist was anderes,“ Thiel grinste, „Sie wären 50 Prozent sympathischer, wenn Sie weniger Geld hätten.“
Boerne sah so aus, als wolle er etwas schnippisches erwidern, besann sich dann allerdings eines besseren. Er war immer noch beleidigt, das wusste Thiel, mit seinen zusammengezogenen Augenbrauen und dem sachten Herunterziehen seiner Mundwinkel, war es auch keine Detektivs-Arbeit, das herauszufinden. Thiel fand es irgendwie charmant.
Der Professor setzte seine Hände auf Thiels Schreibtisch ab. „Nicht ablenken! Jetzt zeigen Sie mir schon Ihre Brille!“
„Nicht mit dieser Einstellung, Professor“, murrte Thiel, doch im Gegensatz zu seinen Worten zog er das Brillenetui noch ein Stück weit näher an sich heran. Er überlegte. Mittlerweile hatte er ein ziemlich gutes Gespür dafür wann Boerne log oder sich mit ihm Spaß erlaubte; es schien nicht so, als würde es sich hier um einen solchen Fall handeln, aber—
Thiels Ohren wurden wieder ganz rot, wenn er nur an Boernes Worte dachte. Drollig, er. Er würde lügen, wenn er sagen würde, dass er sich sowas nicht vielleicht einmal gewünscht hatte, aber es war immer noch Boerne, es war immer noch Boerne.
Bevor sich Thiel weiter den Kopf zerreißen konnte, klappte er das Etui entschieden auf. Wenn Boerne ihn so gerne sehen wollte, dann— dann gut. Dann war es eben so. Dann würde er dem Professor einen Blick gewähren, auch wenn es peinlich für alle Beteiligten endete.
Er holte das Brillengestell heraus, schob die Bügel auseinander und schob sie dann mit etwas mehr Wucht als nötig auf die Nase. Der Tisch war plötzlich furchtbar interessant; vorhin, in einem Augenblick der Unachtsamkeit hatte er mit dem Kugelschreiber eins seiner Dokumente verfehlt und nun zog sich ein blauer Strich mitten durch das helle Holz.
„Thiel?“
Er schreckte hoch. Plötzlich war der Tisch gar nicht mehr interessant. Der blaue Strich auch nicht.
Boerne stand immer noch vor ihm, sein Blick war intensiv; Er sah ihn an, als würde er Thiel zum ersten Mal sehen. Mit einem Ausdruck auf dem Gesicht, den Thiel nicht hätte beschrieben können, selbst wenn er alle Wörterbücher der Welt vor sich aufgeschlagen hätte. Dort war eine erneute Röte auf den Wangen des Professors. Hoch, bis in die Ohrenspitzen.
Thiel konnte sich nicht vorstellen, was Boerne gerade in ihm sah — auch mit Brille schien ihm der Durchblick zu fehlen, haha—, dann aber lehnte sich Boerne über den Schreibtisch hinweg und presste ihm einen raschen, viel zu kurzen, Kuss auf die linke Wange.
„Drollig“, sagte der Professor, pinke Wangen und glänzende Augen, „Hab ich's doch gewusst.“
