Chapter Text
Kapitel 1. Mutprobe
Dieser Winter war wohl der kälteste an den Jamie sich erinnern konnte. Wenn es morgens noch dunkel ist, der Schnee glitzert unter den Straßenlaternen wie ein Meer aus Lichtern. Den warmen Kakao den er von seiner Mutter zum Frühstück bekommt und dadurch sein Magen zu einer lebendigen Heizung wird. Die dicken Kleidungsschichten in den man sich kaum noch bewegen kann, aber vor der beißende Kälte schützen. Doch Jamie störte das alles nicht. Im Gegenteil, er freute sich auf jeden Winter der vor der Türe stand. Schneemänner bauen und Schneeballschlachten mit seinen engsten Freunden veranstalten. Schlittschuhlaufen, was er noch lernen muss, und vor allem auf seinen wohl besten, engsten und gutaussehensten ( hat er das gerade wirklich gedacht? ) neuen Freund den er heute treffen wird.
,,Jamie wo bleibst du denn? Frühstück ist fertig! Du hast nicht mehr viel Zeit bis zur Schule!" rief Jamies Mutter unten aus der Küche und stellte Jamies Essen bereit. Etwas in Eile, da der Wecker aus irgendeinen Grund nicht pünktlich geklingelt hat.
,,Ja komme schon!" zog Jamie schnell seinen neuen bekommenen Pullover über und eilte die Treppe hinunter zur Küche.
,,Trödel heute nicht auf dem Weg! Ich möchte ungern einen neuen Anruf deiner Lehrerin wegen Verspätung und nicht gemachten Hausaufgaben." Zog sie ermahnend eine Augenbraue hoch und Strich über Jamies braunes zersaustes Haar, als sie an ihm vorbei ging.
,,Ich Trödel doch nicht. Außerdem mache ich immer meine Hausaufgaben. Nur dieses Mal habe ich sie eben vergessen!"
,,Und genau so ein dieses Mal möchte ich nicht erneut. Denke daran, Sophie soll ein gutes Vorbild von dir haben. Und beeil dich, ich weiß doch wie du immer vom Schnee abgelenkt wirst und vor jedem Schneehaufen anhälst".
,,Ja doch Mom," stopfte er sich sein Toast und Kakao in den Mund hinein um nicht länger seinen Freund warten zu lassen. Immer wenn er da ist kann er ihn spüren, auch wenn er ihn nicht sehen kann fühlt er seine kalte Präsenz. Diese frostige Luft um seine Nase, dass sie anfängt zu kribbeln, und der Schauer, wodurch er an der ganzen Haut Gänsehaut bekommt. Es ist ein schönes Gefühl. Geborgen und Sicher. Er wünschte er könne sie für immer zu jeder Zeit spüren.
,,Hey kleiner!"
Jamies Augen leuchteten vor Freude auf. Kurz nachdem er die Haustür verlassen hatte und im dunkeln die Schneebedeckte Straße entlang lief, tauchte schon sein bester und schönster ( verdammt! Er musste wirklich damit aufhören ) Freund auf. Er landete direkt neben ihn in der Hocke auf einem Gartenzaun, den Stab locker auf seiner Schulter abgelegt. Seine Kristall blauen Augen funkelten ihn voller Freude an, ein breites grinsen auf seinem Gesicht.
,,Jack! Du bist wieder da!" Lächelte er glücklich und spürte wie sein Herz schneller schlug.
,,Klar doch, sobald der Erste Schnee fällt und deine Füße frieren bin ich wieder hier. Außerdem vermisse ich es dich mit Schneebällen abzuwerfen" grinste er schelmisch.
Jamie zog Kopfschüttelnd die Augenbrauen hoch und konnte über dieses freches Gesicht nur schmunzeln. ,,Ja klar doch. Warte nur auf die nächste Revanche ab, dann werde ich dich fertig machen!"
,,Gut einverstanden. Mal sehen ob ich dich doch wieder zu Boden bekomme wie die letzten Male" sprang er grinsend vom Zaun und lief gemütlich neben Jamie her, der sich in schnellen Schritten auf den Weg zur Schule machte.
,,Und?" blickte Jack seitlich neugierig auf seinen kleineren Freund herab. ,,Wie läuft es in der Schule? Und wo ist Sophie?"
,,Sophie ist krank und liegt im Bett. Sie hat sich beim ersten Schneefall einen Schnupfen eingefangen"
,,Krank im Bett herumliegen? Wie schrecklich bei dem tollen Wetter!"
Jamie kicherte über sein empörten Gesichtsausdruck und zuckte mit den Schultern. ,,Ach mir ist es eigentlich ganz recht. Sophie kann ganz schön nerven, so anhänglich wie sie ist. Die ganze Zeit will sie das machen was ich mache und folgt mir auf Schritt und Tritt... Au! Hey, Jack was soll das?" schmerzend rieb er sich nach dem Piekser des Stabes seine Hüfte.
,,Rede nicht so über deine Schwester. Sie sieht dich als ihr Vorbild und will von dir lernen. Das machen jüngere Geschwister nun mal. Außerdem hat sie dich als Bruder sehr gerne, warum will sie sonst immer bei dir sein?" lächelte er mit hochgezogener Augenbraue.
Bei diesen wunderschönen Blick fand Jamie kein gutes Gegenargument und zuckte geschlagen die Schultern. ,,Ja.." murmelte er kaum hörbar.
,,Du hast meine erste Frage nicht beantwortet"
,,Was?"
,,Na wie läuft es in der Schule? Was treibst du so den ganzen Tag in diesem Gefängnis?" Neugierig legte er die Arme hinter seinen Kopf, lehnte sich in der Luft zurück und schwob vor Jamie hinterher, dass er ihn direkt beäugen konnte.
Jamie spürte wie Hitze in seinen Wangen hochkroch. Gott, hoffentlich ist er nicht rot im Gesicht. Aber bei Jack seinen wunderschönen frechen Augen, diesem fröhlichen Lächeln und diesen Schneeweißen Haaren kann er einfach nicht wiederstehen. Ist das Gefühl, was stetig in seinem Bauch hochstieg normal? Und in diesem Alter? Schließlich war er erst 11.
,,Ach, in diesem Gefängnis lerne ich neues Zeug und so" wedelte er gelassen mit der Hand und grinste.
,,Neues Zeug und so" wiederholte Jack schmunzelnd und bleibt dicht vor ihm geschwoben. Den Blick standhaft auf sein süßes Kindergesicht gerichtet.
,,Ja.. Mathe und solche Sachen." Warum fehlten ihm seine Worte? Er musste wie ein Idiot wirken.
,,Und sonst?"
"Alles bestens"
"Sicher?" hakte er weiter nach. Er spürte dass etwas anders an ihm war. Sein Verhalten war etwas seltsam.
,,Ja. Was sollte denn sein?" runzelte er die Stirn, doch weiß was er meinte. Aber er will es auf keinen Fall erzählen, es musste bei ihm geheim bleiben. Wie würde er sonst von ihm denken! Es würde alles kaputt machen, was die beiden sich aufgebaut haben.
"Du bist komisch Kleiner. Sag schon, was hast du? Du kannst mit mir reden Jamie". Jack's Augen wurden nun besorgter. Er kümmerte sich immer um seinen Freund wenn er bei ihm war. Schon vor dem Ereignis des Kampfes gegen Pitch war er bei ihm, selbst als er noch unsichtbar für ihn war. Er besuchte ihn jeden Tag, beobachtete sein Leben, was er so tat und mochte. Was für eine Art Mensch er war. Und er musste zugeben, er war fasziniert von diesem Jungen. Er steckte so voller Lebensfreude und Fantasie. Sein Lachen, welches über sein Kinderweiches Gesicht strahlte. Seine süßen Rehbraunen Augen die zu seinem unordentlichen Haar passten. Er liebte dieses Kind unendlich und schwor, er würde so lange er konnte nicht von seiner Seite weichen. So wie er es schon immer getan hat.
,,Mir geht es gut Jack, ehrlich. Ich bin nur müde und habe keine Lust auf das Gefängnis. Ich würde lieber bei unseren Schlachten tausendmal verlieren, als dort freiwillig hinzugehen" zwang er sich zu einem verspielten Lächeln um Jack seine Sorge zum nehmen. Er liebte die verspielte Seite des Wintergeistes. Er ist stets voller Freude und bringt ihn immer zum lachen wenn er mal einen schlechten Tag hatte. Sobald er an seiner Seite war, war die Langweile wie weggeblasen. Spaß ist vorprogrammiert.
Und es hilft tatsächlich. Jack's grinsen tauchte auf seinem bleichen Gesicht auf. ,,Keine Sorge Kleiner, sobald du aus diesem Irrenhaus draußen bist, werden wir den Spaß unseres Lebens haben! Wir machen alle lustigen Dinge auf die wir Lust haben!"
,,Oh Ja! Ich habe gehofft dass du das sagst!"
,,Und weißt du was, ich hole dich ab okay? Dann bist du viel schneller zu Hause und wir haben mehr Zeit zum spielen"
,,Aber wehe du kommst zu spät und ich muss warten" hob er streng gespielt den Zeigefinger hoch und setzte die strenge Stimme seines Mathelehrers auf. Wie er diesen Mann nicht ausstehen konnte.
Jack riss ergebend die Hände nach oben und sah ihn voller Ehrfurcht an. ,,Nicht doch Jamie Sir, ich werde pünktlich sein! Bitte Glauben Sie mir!" Flehte er mit untergebener Stimme.
,,Na gut, dann werde ich ihnen mal glauben. Aber sollten sie zu spät kommen gibt es Ärger- oh verdammt, ich trödel schon wieder!" Er krempelte hastig seinen dicken Wintermantel nach oben, um auf seiner Armbanduhr festzustellen, dass er nur noch knappe 10 Minuten übrig hat, bevor er mal wieder nicht rechtzeitig zum Unterricht erschien. Er würde sowasvon Ärger von seiner Lehrerin und seiner Mutter bekommen. Und das heißt, kein spielen nach draußen mehr. Kein Spaß mit Jack Frost mehr.
Doch Jack lächelte nur und nahm Jamie an die Hand. Die Kälte auf seinen Fingern lenkte ihn aus seinen Gedanken und er sah hoch in die blauen Augen.
,,Kein Problem für mich! Halte dich nur fest!"
"Warte! Was hast du denn vor?"
,,Halte die Ohren steif!"
Jack schnellte mit einem Ruck hoch in die Luft und zog Jamie fest an der Hand mit sich her. Eiskalte Luft Schnitt in seine Nasenlöcher und füllte seine Lunge, dass er kaum noch einen Atemzug machen konnte.
,,Woaaaah!! Jaaack!!"
,,Wuuuhuuuu!!" rief er laut hinaus und flitzte durch die dunklen Straßen, über die Häuser drüber und vorbei an den großen düsteren Baumwipfeln die auf den Wiesen in die Höhe ragten.
Jamie klammerte sich atemlos mit beiden Händen an Jack seine und schnappte ängstlich nach Luft. Blinselnd versuchte er durch die trockene Kälte zu sehen, doch außer Tränen konnte er nichts erkennen. Seine Beine baumelten hilflos in der Luft, genauso wie sein Schulranzen, der hinab auf seine Armbeugen gerutscht war.
,,Jack!.. Jack!!"
,,Ja Kleiner?" drehte er sich während dem wilden Flug lächelnd um. Den Bauch gen Himmel und die Beine und Hände ausgestreckt, dass Jamie nun auf seinen Bauch landete und sich instinktiv um seine Seiten klammerte.
,,Das ist so hoch!"
,,Darum geht es ja! Sieh dir die Aussicht an! Das ist toll!"
,, Was ist wenn wir stürzen oder wenn ich gesehen werde!"
,,Ganz ruhig Jamie!" kicherte er liebevoll. ,,Es ist noch genug dunkel dass du nicht auffallen wirst. Und vertraue mir, ich lasse dich auf keinen Fall fallen. Ich passe auf dich auf, okay?" sah er vertrauensvoll zu ihm runter.
Jamie zögerte einen Moment. Es lag nicht daran dass er Jack nicht vertraute. Nein, er vertraute ihm stets. Wenn er nur nicht so viel Höhenangst hätte. Doch bei diesem strahlenden Lächeln wollte er ihm nicht seine Freude nehmen. Schließlich half er ihm, dass er nicht zu spät zur Schule kam. Also nickte er und klammerte seine Arme mehr um seinen Körper und seine Beine um dessen schlanke Hüfte.
Jack fasste dies als ein Okay auf und gab ordentlich Gas und raste durch die, noch etwas leere, dunkle Stadt, bis er wenige Augenblicke später die Schule erreichte. Ein paar Ecken davor landete er in einer leeren Straße und ließ Jamie herunter. Der stand mit wackeligen Beinen außer Atem da und setzte seinen Ranzen richtig auf.
,,Mensch deine Haare sind der Hammer. Du solltest sie immer so lassen. Sieht richtig süß aus", scherzte er kichernd und lehnte sich auf einem Bein an seinem Stab ab, während er amüsiert den geröteten Jamie (ob es von der Kälte kam oder an seinem Kommentar lag wusste er leider nicht ) beobachtete, wie er eilig seine Haare grob glättete und langsam wieder einen normalen Puls von dem wilden Flug bekam.
,,Also dann.. Danke, dass du mich noch rechtzeitig gebracht hast." Innerlich Ohrfeigte er sich für dieses blöde Verhalten. Er erkannte sich selbst kaum wieder.
,,Gerngeschehen." Lächelte er und machte mit der Hand eine Willkommensgeste. ,,Wir sehen uns dann in ein paar Stunden, ja? Ich werde genau hier sein wenn du aus hast."
,,Geht klar. Bis später."
Der Unterricht war langweilig und öde wie immer. Er wollte viel lieber mit Jack draußen im frisch gefallenen Schnee spielen und einfach nur Spaß haben. Alles andere vergessen. Mit dem Kopf auf der Hand abgestützt hörte er seinem Lehrer zu, wie er gerade komplizierte Formeln an der Tafel zu erklären versuchte. Doch egal wie sehr er sich auch mühte, zu verstehen wie es funktionierte, verstand er kein einziges Wort. Seine Freunde, Caleb, Claude, Monty, Cupcake und Pippa beschäftigten sich deshalb mit etwas anderem. Fingen an kleine zerknüllte Nachrichten auf Papieren ihres Schreibblocks zu dem jeweiligen anderen zu werfen und leise kichernd schnell antworten zu kritzeln. Einer traf Jamies Nacken. Dieser schrak aus seinen Gedanken auf und hob schnell die kleine Papierkugel auf und entfaltete sie unter seinem Heft.
"Ist er da?" Stand kaum leserlich gekritzelt darauf. Vorsichtig drehte er sich auf seinem Stuhl um und sah die erwartungsvollen Gesichter seiner Freunde. Mit einem nicken und lächeln strahlten sie alle auf und tauschten freudige Blicke aus.
In der Pause beschloss Jamie allein auf einer Bank zu sitzen. Die anderen boten ihm ständig an im Schnee mitzuspielen, aber aus irgendeinem Grund hatte er keine besondere Lust, lehnte freundlich ab und zeichnete stattdessen auf seinem Schulblock. Um ihm herum kreischten und lachten die Schüler. Warfen Schneebälle auf sich und bauten Schneemänner. Die älteren standen da und aßen, wichen Schneebällen aus und beschumpfen sie dafür.
,,Wer ist das denn? Dein imaginärer Freund oder was?"
Ryan, ein großgebauter Muskelprotz mit zurückgegelten braunen Haaren stand mit seiner Gruppe um Jamie herum und stierte mit seinem breiten grinsen auf ihn herab. Er war paar Stufen weiter und ein ekelhafter Poser. Er hielt sich wohl für etwas besseres andere Leute zu schikanieren, da seine Eltern viel Geld besaßen.
Jamie versuchte sie zu ignorieren, senkte mehr den Kopf und zeichnete weiter. Er hatte keine Lust das nächste Opfer der Pausen zu sein. Geschweigedenn sich mit ihnen anzulegen. Doch Ryan knurrte, wollte Aufmerksamkeit und riss ihm das Papier heraus und hielt es triumphierend seinen Freunden hin, die das Bild sofort inspizierten.
,,Sieht aus wie ein Alter Opa!" Lachte einer.
,,Muss wohl ein Pädophiler mit Pigmentstörung sein!" Gellte ein anderer.
,,Hey das ist mein Bild, gebt es zurück!" Stand er auf und Hitze kroch in seinen Wangen hoch. Es war ihm peinlich, dass sie sich das Bild von ihm und Jack ansahen. Es zeigte wie er auf Jacks Schultern saß und seine Arme um seinen Hals legte. Den Kopf auf das weiche weiße Haar gelegt.
,,Oder was? Rufst du deinen alten Opa her der uns mit seinem Gehstock verprügelt?" Ryan schüttelte grinsend den Kopf und zerknüllte das Papier.
,,Leute das ist der Bennett Junge! Er malt auch ständig dieses Osterhasen-Weihnachtszeug und alles!" Die Gruppe kicherte verachtend los.
,,Die gibt es wirklich. Und wenn es ist doch meine Sache" gab er kleinlaut von sich.
,,Hör mal zu du kleiner freak." Ryan trat näher auf ihn zu und stichelte ihn genervt an. ,,Den Osterhasen, die Zahnfee und der Weihnachtsmann sind allesamt erfunden. Klar? Die Eltern lassen dich an sie alle Glauben um dir Freude damit zu bereiten. Aber wenn du älter wirst, wirst du feststellen dass das alles nur erstunken und erlogen ist. Es sind nur Geschichten die man sich damals erzählt hat um Kinder wie dich damit zu beglücken. Es sind nur Märchen, kapiert. Wenn du älter bist wirst du es verstehen.. dann ist all der Zauber verschwunden.. für immer", flüsterte er dramatisch und wackelte mit seinen Fingern, als würde er damit zaubern wollen.
Jamies Miene verfinsterte sich. Traurigkeit und Zweifel krochen in ihm hoch. Hatte er Recht? Glaubte er an nicht existierende Personen, die also nur in seinem Verstand lebten? Aber was ist mit all den Ereignissen des letzten Jahres? Sie waren doch bei ihm! Bunny, Tooth, North und Sandy. Er kämpfte mit Ihnen gegen Pitch! Und Jack! Er besuchte ihn jeden Winter, er flog sogar mit ihm! Selbst seine besten Freunde waren dabei.. war das alles nicht echt? Hatten sie alle dieselbe Vorstellungen und nach Jahren müssen sie leider feststellen, dass das alles nur ihre Fantasien projiziert hat?
,,Hör zu kleiner Hosenscheißer". Wurde er von Ryan aus seinen Gedanken gerissen. ,,Glaube an das was du willst, aber nerve uns nicht mit diesen lästigen kleinen Bildchen die du immer malst."
,,Ich darf malen was ich will-"
,,Nein", schnitt er knurrend dazwischen. ,,Diese ganze Kinderkacke geht uns alle auf den Sack". Seine Freunde nickten zustimmend mit dunklen Mienen.
,,Dann lasst mich doch einfach in Ruhe. Es sind meine Sachen, und außerdem will ich mein Bild zurück." Jamie gab sich alle Mühe groß und stark zu wirken und reckte seinen Rücken. Mit ernstem Gesicht begnetete er Ryan seinen, doch hielt nicht lange stand. Ryan und die anderen konnten darüber nur grinsen.
,,Okay weißt du was Bennett? Du bekommst dein Bild zurück. Wir lassen dich auch in Ruhe".
,,Wirklich??" Schnellte sein Kopf hoch. Noch etwas schneller und sein Genick wäre gefühlt gebrochen.
,,Ja wirklich. Aber!" Betonte er Todernst und beugte sich zu dem kleinen Jungen hinab. Direkt auf Augenhöhe. ,,Für unsere freundliche Geste sollst du dich auch dankend erweisen. Du musst etwas für uns tun, damit wir wirklich wissen, dass sich unsere Geste auch Lohnt. Sieh es als kleine Mutprobe."
Unsicher ob das eine Falle oder nur ein dummer großer Fehler war zögerte er einen Moment und biss nervös auf seine Unterlippe herum. ,,Ich weiß nicht.."
,,Gut, dann behalten wir das Bild und machen es kaputt." Mit beiden Daumen und Zeigefinger setzte er am Papierrand an, es in zwei Hälften zu zerreißen.
,,Nein wartet! Ich tue es, aber bitte macht es nicht kaputt!" Keine Ahnung warum ihm das Bild so sehr am Herzen lag, dass er dafür sogar eine Mutprobe machen würde. Vielleicht weil er all seine Gefühle in diese Zeichnung gesteckt hat die er für Jack hegte?
Ryan steckte zufrieden das Blatt in seine Hosentasche. ,,Okay Bennett. Direkt nach der Schule hier. Wir warten auf dich und bringen dich zum Ort an dem du die Mutprobe machen wirst. Solltest du nicht auftauchen oder abhauen bleibst du unser neues Pausenopfer, verstanden?"
Mehr als ein schnelles nicken bekam er bei dieser Drohung nicht raus. Erst als die Gruppe ihn verließen, traten heiße Tränen auf seine kalten Wangen. Wieso musste er sich so in die Hosen machen. Jetzt hat er es davon, dachte er sich wütend auf sich selbst und wünschte sich dass erste Mal, dass der Unterricht nicht zu Ende gehen sollte.
Die Schulglocke läutete zum Unterrichtsende. Schüler so wie Lehrer waren dankbar für dieses wunderschöne Geräusch und packten ihre Sachen zusammen. Doch Jamie freute sich überhaupt nicht.
,,Jamie kommst du?" Claude und die anderen warteten, bereits fertig zum gehen, vor seinem Tisch. Der erklärte nur knapp dass er gleich abgeholt wird und sie schon gehen können. Mit Herzrasen stopfte er alles in seinen Ranzen und folgte in langsamen Schritten den restlichen Schülern die sich aus der Tür aus den Staub machten. Und zu seinem Pech standen tatsächlich Ryan und seine Machojungs auf dem Pausenhof vor der Bank und nickten ihm streng zu. Nervös kam er zu ihnen gelaufen und schaute untergeben auf den Boden.
,,Komm schon Bennett". Wie ein Hund folgte er ihnen alle aus dem Schulgelände.
,,Wo gehen wir eigentlich hin? Was ist das für eine Mutprobe?". Wenn er sich schon auf sowas einlässt, dann will er auch wissen auf was genau. Aber will er es überhaupt wissen?
,,Nichts schlimmes. Wirst du schon sehen". Ryan ging gar nicht darauf ein und steckte sich mit seinen Freunden Zigaretten zwischen die Lippen und zündeten sie an.
Während sie durch die, nun vollen belebten Straßen gingen, wurde Jamie zunehmend nervöser. Eine gefühlte Ewigkeit später hielten sie endlich auf einer großen Wiese in der Nähe des Zentralspielplatzes. Der Schnee glitzerte unter den Strahlen der Sonne und die Bäume waren wie Decken davon eingebettet.
,,So da wären wir. Deine Aufgabe ist hier." Die Zigarette zwischen seinen Zeige und Mittelfinger deutete er auf einen großen morschen Baum. Jamie musste den Kopf in den Nacken legen um in die riesen Baumkrone schauen zu können. Der Baum war riesig!
,,Und.. was muss ich jetzt genau tun?"
,,Klettere bis zum Ende des Baumes"
,,Du meinst.. Bis zur Spitze..?"
,,Du hast es gerafft"
,,Aber.. das ist gefährlich. Der Baum ist alt, ich kann auf den Ästen einbrechen oder auf dem Schnee ausrutschen und fallen"
,,Dann solltest du aufpassen wo du deine Füße aufsetzt". Ryan schien gar keine Probleme damit zu haben kleine Kinder in ernst zunehmender Gefahr auszusetzen und ihnen dabei ganz ohne Sorge zuzusehen. ,,Mache es, oder dein wohl wertvolles Bild wird Konfetti". Amüsiert, dass er den kleinen Jungen tatsächlich mit einer albernen Zeichnung zu so etwas zwingen kann, schien ihn zu belustigen. Grinsend zog er an der Zigarette.
Jamie tritt von einem Fuß auf den anderen und sah zu den großen Jungs auf. Diese nicken grinsend und veranstalteten mit ihren Händen Pantomime, wie sie das Blatt Papier zerreißen und in die Luft pusten. Er atmete also tief durch. Er lässt sich doch nicht so einfach unterkriegen! Er war genauso mutig wie Jack, also Beweise es Ihnen und hol dir dein Meisterwerk zurück! Immerhin hast du geholfen Pitch zu besiegen.
Fest entschlossen, jedenfalls mehr äußerlich als innerlich, lief er auf den großen uralten Baum zu und ignorierte seine innere Stimme die ihm warnend zurief es zu lassen, bevor er sich noch den Hals bricht. Hinter sich hörte er die Gruppe flüstern.
,,Mal sehen wie hoch er kommt."
,,Der bricht sich den Hals, das steht fest."
,,So ein kleiner Wicht traut sich nicht weit hoch."
Jamie legte seine Hände auf zwei dicke Äste, die jeweils auf einer Seite von ihm weit gewachsen sind und stemmte sich mit einem Fuß auf einen dünneren Ast unten rauf. Seine Handflächen wurden kalt und nass. Er kann leicht darauf abrutschten wenn er nicht Acht gibt. ,,Du schaffst das, du schaffst das". Sprach er in Gedanken mit sich selbst um seine Angst zu verjagen und kletterte immer weiter. Hände auf Äste. Mit dem Fuß hochstemmen und auf den nächsten klettern. Das machte er eine Weile, bis er einmal hinunter schaute und schluckte. Er war schon ziemlich weit oben und es wurde mit jedem Meter immer schwerer, da die Abstände größer wurden. Dazu kam mit einem Schlag seine Höhenangst wieder hoch. Erst dachte er, dass er sie gut in Schacht halten konnte, was sonst bei einfachen Dingen gut funktionierte, lassen wir mal den Flug von heute weg. Mit einem Schlag erstarrte er und krallte seine Finger tief in einen der Äste, dass seine Fingerknöchel weiß rausragten. ,,Zu hoch.. das ist zu hoch.. ich kann nicht weiter".
,,Was ist los Bennett?" Rief Ryan voller Spott, worauf die anderen lachen mussten. ,,Hast du etwa Höhenangst?? Beweg dich!"
Er wusste nicht was es war, aber plötzlich traf ihm etwas hartes am Rücken. Er zuckte schmerzend, rutschte mit dem Fuß am gefrorenen Ast ab und konnte sich noch rechtzeitig mit den Armen festklammern und langsam mit den Füßen wieder halt finden. Noch unter Angst linzte er zitternd runter wo er die Jungs klein sehen konnte. Wie hatte er es überhaupt so hoch geschafft?
,,Los Kletter weiter du Weichei! Einmal angefangen muss man es auch zu Ende bringen!" Ryan hob erneut etwas auf was wie ein Stein aussah und holte aus. Der Stein flog im hohen Bogen zu Jamie und traf ihn perfekt an der Schläfe. Schmerzend fasste er sich instinktiv auf den kleinen Riss und verlor erneut den Halt. Nur dieses Mal konnte er nicht schnell genug etwas zum festhalten finden und flog einen Ast tiefer. Kopfüber an den Beinen hängend weitete er die Augen, schrie auf und versuchte schnell einen Ast zu greifen. Doch er hält inne, als seine Waden bei den Bewegungen drohend zu rutschen beginnen. Seine Sicht verschwomm und ihm wurde schwindelig.
,,Hilfe! Helft mir runter! Bitte!"
,,Habt ihr gehört Jungs? Er braucht Hilfe? Sollen wir ihm helfen?"
,,Ne lassen wir mal"
,,Ach quatsch"
Die Jungs schüttelten gelassen mit den Händen ab. ,,Ja ihr habt denke ich recht. Erlauben wir uns lieber unseren Spaß" Ryan und die anderen griffen in den Schnee und suchten sich neue Steine zum werfen raus.
,,Helft mir doch! Hört auf und holt mich hier runter! Ich falle sonst noch runter!" Keuchend erkannte er verschwommen einen weiteren Stein auf sich fliegen und traf seine Lippe. Schmerzend versuchte er sein Gesicht hinter seinen Armen zu verstecken und spürte weitere Treffer. Tränen flossen aus seinen Augen und er schmeckte sein Blut, was aus seiner Lippe in seinen Mund tropfte.
Mit der Einstellung weitere Steine abzubekommen schützte er sein Gesicht weiter und merkte wie seine Waden langsam unter dem geschmolzenen Schnee, auf Grund seiner Hose, zu rutschen begannen. Erschrocken reckte er seinen Kopf und streckte langsam zitternd seine Arme nach einem gegenüberliegenden Zweig aus. Er würde gleich fallen, dass wusste er, und dann war es das.
,,So und der ist für sein Auge. Glaubt ihr ich treffe?" Holte Ryan bereits mit dem Arm aus.
,,Wenn er nicht weiter sich so bewegt stehen deine Chancen gut", lachte ein blondhaariger und verschränkte die Arme. Doch ein schnelles und grelles blauweißes Licht, fast so schnell wie ein Blitz, ließ sie alle zusammenzucken. Dann ein schmerzensschrei und Ryan flog geradewegs rückwärts in den Schnee, wo er sich mehrmals überschlug und keuchend im Schnee liegen blieb.
,,Ach du scheiße was war das!?" Die Jungs sahen geschockt zu ihrem Anführer auf und dann schnell über die Gegend. ,,Wer ist da?! Verdammt zeig dich!" Ein weiteres Licht aus dem Nichts ließ den nächsten durch die Luft fliegen und landete quer über Ryan, der sich gerade auf die Füße bringen wollte und sich nun mit dem Gesicht mitten tief im Schnee wiederfand. Die restlichen ließen alles stehen und liegen und rannten panisch davon.
Jamie konnte nur aus halben Augenwinkel erkennen was da unten geschah, da die Zweige die Sicht nahmen und er viel zu beschäftigt war gleich zu fallen. ,,Nein. Nein, nein bitte!... Aaaah!" Er flog in die Tiefe und spürte nur noch Schmerzen. Die Zweige und Äste kratzten an seiner weichen Haut und er knallte wie ein Flummi gegen die Äste hinunter und kniff vor Angst die Augen fest zu. Er wollte nicht den immer nähernden Boden sehen, nur um zu beobachten er sich selbst in den sicheren Tod gebracht hat. Doch anstatt den Boden zu finden stoppte er abrupt und fand sich in einer kalten und schützenden Umarmung wieder.
,,Jesus Jamie! Wenn du den Schwachmaten unbedingt zeigen willst wie du fliegen kannst, dann hättest du mich herholen sollen"
Diese Stimme kannte er nur zu gut und würde sie unter einer Millionen wieder erkennen. Sofort riss er geschockt die Augen auf und krallte sich in einen blauen Pullover. ,,Jack!! Du bist es!!"
,,Ja das bin ich" lächelte er liebevoll und trug Jamie wie eine Prinzessin sicher in seinen Armen und sank langsam zu Boden.
,,Ich dachte schon ich würde sterben. Danke dass du gekommen bist! Danke!" Zu tiefst dankbar und erleichtert noch zu leben und dass Jack ihn gerettet hat, drückte er sich fest an ihn und schlang seine Arme um ihn. Den Kopf in seine Halsbeuge vergraben.
Jack wurde schon einmal von Jamie umarmt. Aber es war schon ein Jahr her, weshalb ihm das Gefühl eines anderen Körpers völlig fremd ist. Es ist Ungewohnt und etwas eigenartig. Er rührte sich nicht und versuchte sich auf Jamies kleinen zaghaften Körper zu konzentrieren. Die Wärme die er ausstrahlte, seine Kälte schien zu verschwinden. Minimal spürte er den immer ruhiger werdenden Herzschlag, wie er allmählich im Einklang seines Herzens schlug. Wie die Muskeln sich um ihn herum entspannten und dennoch nicht von ihm abliesen, als kettete er sie zusammen um ewig in dieser umarmung zu bleiben. Als würden ihre Körper ineinander verschmelzen und zu einem werden. Sein braunes Haar kitzelte unter seinem Kinn und die kindliche weiche Wange schmiegte sich bequem an seinen Hals. Genau dort, an denen sich ihre Haut berührten wurde es langsam heiß. Ein kribbeln entstand und juckte interessiert mit voller Neugier, wie sich wohl der von dem kleinen Kind anfühlte.
Fasziniert und verträumt lächelte er auf Jamie herab und vergaß für einmal die Kälte. Sein Herz machte einen Hüpfer und in seinem Magen prickelte er aufgeregt, als hätte er, wie die Menschen heute sagen, Schmetterlinge im Bauch. Vorsichtig und Stück für Stück bewegte er seinen Kopf näher an die Brünette heran, bis er ihn langsam darauf ablegt und Jamie näher an sich anhob, um ihn richtig an sich drücken zu können. Am Boden angekommen begab er sich auf die Knie und beide verweilten einen langen Moment so in dieser Position. Sie sprachen nichts. Denn alles was sie einander fühlten bräuchten sie nicht Worte zu fassen.
