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Vom Aufbrechen, Einbrechen und Ausbrechen

Summary:

Das hätte Adam gerade noch gefehlt, womöglich in einen Mordfall verwickelt zu sein, wenn er es bisher so erfolgreich geschafft hat, unter dem Radar zu bleiben. Er hat klare Regeln, Schutzmechanismen, Notfallpläne. Doch die würden alle nicht greifen, wenn sich irgendwie nachweisen lässt, dass er sich gemeinsam mit einer Leiche in diesem Auto befunden hat.

Normalerweise klaut Adam nur Millionen. Herzen stehen nicht ganz oben auf seiner Liste. Doch vielleicht kann er für Leo eine Ausnahme machen.

Notes:

Alles hier drin ist selbstverständlich frei erfunden und soll nicht zur Nachahmung anregen. Der Criminals-Teil ist ohnehin eher light und im Endeffekt ist es eher horny als dark. Aber was soll man machen, wenn die beiden das so wollen...

Chapter Text

Adams Kopfhaut juckt. Er hat das Gefühl, dass sich sein ganzer Schweiß irgendwo ansammelt, nur um ihm dann gleich unangenehm den Nacken hinunterzulaufen. Er hasst diese Skimasken, aber es ist die einfachste Alternative, sich komplett zu vermummen. Außerdem hat es Stil, wie sein aktueller Boss behauptet hat. Nicht dass sich Adam um so etwas kümmern würde. Er ist hier, um Geld zu machen und nicht um dabei schick auszusehen.

Der Typ ihm gegenüber scheint das allerdings anders zu sehen. Vielleicht würde Adam ihn nicht unbedingt als schick bezeichnen, aber er macht auf jeden Fall etwas her, mit dem engen Tanktop, das nicht nur den Blick auf muskulöse Oberarme freigibt, sondern auch erahnen lässt, dass der restliche Oberkörper ähnlich massiv ist. Sein Gesicht kann Adam nicht sehen, weil er auch eine Maske trägt, aber das ist Adam eigentlich egal. Er ist sich ziemlich sicher, dass er trotzdem mit dem Kerl ins Bett gehen würde.

Wenn das hier kein verdammter Job wäre und sie nicht gerade hinten in einem Lieferwagen säßen, wo sie auf das Signal warten, ihren Kollegen in das Gebäude zu folgen, vor dem sie parken. Der Plan hat Adam von Anfang an nicht gefallen. Er mag es nicht, tatenlos herumzusitzen, und er sieht auch nicht den Sinn darin, abzuwarten, während die Bullen wahrscheinlich immer näher kommen.

So lange, wie es heute dauert, wird Adam kaum noch Zeit bleiben, den Safe zu öffnen. Das ist seine eigentliche Aufgabe hier, nichts, bei dem er sich die Hände schmutzig machen müsste. Der andere Typ hier soll seine Security sein, was wohl auch erklärt, warum er gebaut ist wie ein Schrank. Keine Ahnung, wo der Boss den aufgegabelt hat, aber er ist Adam bisher noch nie über den Weg gelaufen. An die Arme würde er sich erinnern.

Fast ist es schade, dass Adam sich außerhalb der Jobs nicht mit solchen Leuten abgibt. Wenn er den in einer Bar aufgegabelt hätte, hätte er ihn sich auf jeden Fall klargemacht. Adam kann charmant sein, wenn er will und er hat schon ziemlich viele Typen rumgekriegt, die anfangs noch gar nicht interessiert wirkten. Im Nachhinein haben die aber auch festgestellt, dass Adams Finger nicht nur talentiert darin sind, Schlösser zu knacken.

Die Sekunden ticken voran und langsam hat Adam das Gefühl, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt. Er will gerade den Typen fragen, ob er auch meint, dass sie vielleicht aufgeflogen sind (gar kein so schlechter Anmachspruch, wie Adam aus Erfahrung weiß), als auf einmal der Motor aufheult. Adam ist gerade noch so geistesgegenwärtig, sich an der Seitenwand festzuklammern, aber sein Mitfahrer hat nicht so viel Glück.

Der Transporter macht einen Satz nach vorn und rast lost. Adam kann sich gerade noch so halten, damit er nicht mitsamt seiner Ausrüstung gegen die Rückwand donnert. Dafür hat er freie Sicht darauf, wie der andere Typ nach hinten geworfen wird. Adam hört sein erstauntes Keuchen, als sein Körper irgendwo gegen schlägt und dann ein Stöhnen. Die Geschwindigkeit des Autos stabilisiert sich, aber der Typ bleibt noch für einen Moment genauso liegen.

Ganz kurz befürchtet Adam, dass er Heiko vorne durchgeben muss, dass ihr Mitstreiter ohnmächtig ist, sich vielleicht den Kopf irgendwo angeschlagen hat. Adam wird garantiert nicht für einen von diesen Kerlen erste Hilfe leisten. Sobald ihm die Sache zu heiß wird, ist er raus, das hat dem Boss von Anfang an gesagt. Und gerade ist nicht nur der Körper von dem Kerl verdammt heiß, sondern die Gesamtsituation.

Er hat keine Ahnung, was passiert ist, aber irgendetwas muss schief gelaufen sein, dass Heiko so plötzlich abhaut. Vielleicht gab es drinnen Probleme. Sirenen hat er nicht gehört und wenn ihr Fahrer etwas Verdächtiges gesehen hätte, hätte er Adam eigentlich Bescheid geben soll. Doch sein Funkgerät ist tot.

Sein Mitreisender ist das zum Glück nicht. Das hätte Adam gerade noch gefehlt, womöglich in einen Mordfall verwickelt zu sein, nachdem er es bisher so erfolgreich geschafft hat, unter dem Radar zu bleiben. Er hat klare Regeln, Schutzmechanismen, Notfallpläne. Doch die würden alle nicht greifen, wenn sich irgendwie nachweisen lässt, dass er sich gemeinsam mit einer Leiche in diesem Auto befunden hat.

Der Typ bewegt sich, stöhnt noch einmal, dann hebt er den Kopf und rappelt sich auf, bis er mit dem Rücken an der Hecktür lehnt. Selbst von hier aus ist Adam sich ziemlich sicher, dass ihm da kein Ketchup unten aus der Skimaske herausläuft. Also doch eine Kopfverletzung, aber wenigstens zunächst nicht mit Todesfolge. Adam muss unbedingt hier raus, so schnell wie möglich. Aber das geht nicht, solange Heiko nicht anhält und Adam ihm kein Zeichen geben kann.

Am liebsten würde er laut fluchen, aber das ist nicht zielführend. Leider kann er den Kerl auch nicht einfach verrecken lassen, eben wegen der Sache mit dem Mordverdacht. Also krabbelt er langsam über den Boden des Transporters auf ihn zu. Sie sind mittlerweile ziemlich schnell unterwegs. Adam tippt auf mindestens hundert Stundenkilometer. Sie haben auch schon seit einer Weile nicht mehr angehalten, das heißt, sie müssen auf einer Landstraße, eher noch auf einer Autobahn sein.

„Alles okay?“ fragt er den Typ. Nun, wo er ihm direkt gegenüberhockt, kann Adam zumindest erkennen, dass es nicht allzu viel Blut ist. Sie müssen ihn also nicht auf direktem Weg in die Notaufnahme bringen. „Lass mal sehen.“

Er will schon die Hand an die Maske des Mannes legen, aber der weicht zurück. Na klar, Anonymität untereinander ist sinnvoll, wenn es darum geht, dass man nachher keine Kollegen verpfeifen kann. Für die medizinische Versorgung ist es allerdings hinderlich.

„Komm schon.“ Er zieht sich die eigene Skimaske über den Kopf. Es ist kein risikofreier Move, aber früher oder später wird er das wahrscheinlich sowieso tun müssen, je nachdem, wo Heiko sie hinfährt. Adam hasst es, jemand anderem ausgeliefert zu sein, vor allem, wenn es ein Fluchtwagenfahrer ist. Aber er kann nicht einfach maskiert irgendwo aussteigen und der Fremde auch nicht, vor allem nicht, falls er immer noch stark blutet.

Tut er aber nicht, wie Adam feststellt, als der andere sich nun doch von ihm die Maske abnehmen lässt. Die Blutung hat schon wieder aufgehört und übrig ist nur ein kleines Rinnsal, das sich von seiner Stirn, die Wange hinunter und über seinen Hals zieht. Leider stellt Adam dabei auch fest, dass nicht nur der Körper des Fremden echt ansehnlich ist, sondern auch sein Gesicht. Was das Ganze noch ein bisschen problematischer macht, weil Adam ernsthaft darüber nachdenken würde, ihn gleich hier auf der Ladefläche des Lieferwagens flachzulegen.

Wenn sie nicht jetzt gerade langsamer werden würden. Und wenn der Fremde ihn nicht die ganze Zeit anstarren würde. Das wäre beim Sex sicherlich nervig. Aber vielleicht kann er dem Kerl einfach sagen, dass er sich umdrehen soll. Selbst die Augen zu schließen ginge natürlich auch. Oder sie könnten sich einfach einen dunklen Ort suchen…  

Diese Gedanken kommen allerdings bald schon zu einem abrupten Halt – genau wie das Auto. Gleich darauf zieht Heiko hinten die Türen auf. Adam kann gerade noch die Arme um den Fremden werfen, damit er nicht rauskippt, weil er immer noch gegen die Tür gelehnt dasaß.

„Was zur Hölle ist los?“ zischt Adam. „Wo sind wir überhaupt?“ Vor sich sieht er nur Wald. Und natürlich den braunen Haarschopf von dem Kerl, den er immer noch quasi im Arm hält. Schnell lässt er ihn los, aber das denkbar schlechteste Szenario ist eh schon eingetreten: nämlich dass Adam diesen Körper gerne noch einmal gegen seinen drücken würde. Bevorzugt ohne die lästigen Klamotten dazwischen. Und nicht hier, wo Heiko sie hinter seiner Brille mit großen Augen anstarrt.

„Raststätte“, entgegnet Heiko und Adam ist sehr versucht, seinen Kopf aus Frust gegen die Seite des Wagens zu donnern. Alternativ auch Heikos Kopf, der hätte das nämlich viel mehr verdient. Dass er sie nicht einfach zu einem unauffälligen Feldweg bringen kann, aber nein, er muss sie irgendwo zwischen Touristen und LKWs parken.

„Was machen wir jetzt?“ meldet sich der Kerl zu Wort, dessen Namen Adam immer noch nicht kennt. Er sieht auf einmal wieder genauso professionell aus wie am Anfang, als Adam zu ihm in den Wagen gestiegen ist. Dem tut auch die Wunde auf der Stirn keinen Abbruch oder der Fakt, dass er eine Hand in seine Seite stützt, als ob er damit auch unsanft aufgekommen ist. Ist er ja vielleicht auch, Adam hat gar keine Zeit darauf verschwendet, ihn auf weitere Verletzungen zu checken. Vielleicht ist er ja gerade dabei, innerlich zu verbluten.

„Ihr müsst aussteigen.“ Heiko schaut sich beinahe schon panisch um und Adam verflucht den Boss dafür, was für Schisser er sich als Fahrer aussucht. „Ich muss den Transporter wegbringen, aber ihr könnt nicht mit aufs Firmengelände.

Adam schwört sich, seine Jobs in Zukunft immer alleine zu machen. Auf sich selbst kann er sich wenigstens verlassen. Gut, das konnte er bei vergangenen Aufträgen mit Crew auch immer, aber das hier ist die reinste Katastrophe. Sein Plan, sich nach diesem letzten Job ins Ausland abzusetzen, klingt immer mehr nach einer guten Idee.

Für einen Moment überlegt Adam, den Typ einfach hier sitzen zu lassen. Es ist nicht sein Problem, wenn der Kerl keine Fluchtmöglichkeit findet und am wichtigsten ist, dass Adam selbst es ungesehen hier raus schafft. Andererseits sieht er echt verdammt gut aus und wenn Adam ihm hilft, hätte er sich danach vielleicht eine Belohnung verdient… Nicht dass er darauf bestehen würde, mit Sex bezahlt zu werden, aber wenn das das Endergebnis sein sollte, wird er sich bestimmt nicht beschweren.

Also wirft er einen letzten abschätzigen Blick auf ihn und entscheidet, dass es das wert ist. Vor allem, weil er Adams Gesicht eh schon gesehen hat und damit die Wahrscheinlichkeit immens gestiegen ist, dass er ihn bei den Bullen verpetzt, falls er hier geschnappt wird, wenn auch nur aus Frust. Er kennt zwar Adams Namen nicht, aber ein Gesicht ist Risiko genug.

„Du steigst wieder ein und bleibst so lange stehen, bis wir im Wald nicht mehr zu sehen sind“, weist Adam Heiko an. Hoffentlich kann der wenigstens so eine einfache Anweisung befolgen. „Danach kannst du meinetwegen hinfahren, wo du willst. Sag dem Boss, er braucht mich nicht mehr zu kontaktieren.“ So einen unzuverlässigen Arbeitgeber kann Adam nämlich absolut nicht gebrauchen.

Der Typ sieht ihn immer noch an. „Und was ist mit mir?“

Dieser Blick nervt Adam schon wieder, wie ein Jucken in seiner Seite, was aber diesmal nicht davon kommt, dass er unter der Skimaske schwitzt. Die Maske steckt er sich jetzt in die Hosentasche. Nur für den Fall der Fälle, weil da garantiert irgendwelche DNA drin ist, falls sich tatsächlich jemand die Mühe macht und den Transporter danach absucht. Der Typ tut es ihm mit seiner eigenen Maske gleich, was Adam irgendwie ein bisschen wurmt.

„Du kommst mit“, sagt er trotzdem, weil er ja schon vorhin entschieden hat, dass ihn hierzulassen eine schlechte Idee wäre. „Aber Fresse halten und alles machen, was ich sage.“

Fast sieht es für einen Moment aus, als würde er widersprechen und Adam ist kurz davor, einfach auszusteigen und ihm die Türen des Transporters vor der Nase zuzuschlagen. Doch dann ziehen sich seine Mundwinkel leicht nach oben und er nickt. „Okay.“ Adam hofft sehr, dass er das auch so meint, denn sonst haben sie gleich ein Problem.

Zumindest das Fresse halten klappt, während sie aus dem Wagen klettern und sich ins Dickicht schlagen. Immerhin hat Heiko es hinbekommen, nicht direkt zwischen Familienkutschen und Wohnwagen zu halten. So schaffen sie es zumindest unentdeckt zwischen die Bäume.

Dort bleibt Adam erst einmal stehen, um sich einen Überblick über ihre Lage zu verschaffen. Er hievt seine Werkzeugtasche etwas höher auf seiner Schulter und dreht sich einmal im Kreis. Der Wald sieht nicht aus, als ob er bald endet, deshalb ist das vermutlich keiner von diesen Rastplätzen, die praktischerweise an ein Wohngebiet grenzen. Anders als mit einem Auto werden sie wohl kaum von hier weg kommen.

An ein Auto zu kommen ist kein Problem. Wenn er mit seinem Werkzeug in den Safe einer Bank reinkommt, dann erst recht in einen Kleinwagen. Sie brauchen nur die passende Ablenkung… Ein Blick auf seinen Begleiter gibt Adam eine ziemlich gute Idee, was ihre beste Chance für eine erfolgreiche Ablenkung ist, aber ob er da einfach so mitmacht, ist fraglich.

Der Blick auf seinen Begleiter offenbart auch noch einmal die Blutspur in seinem Gesicht. So können sie seinen Plan nicht umsetzen, denn wenn das jemand bemerkt, wird Adam gleich für andere Dinge angezeigt als für einen versuchten Banküberfall. Er wird sich nicht mit seinem verfickten Vater vergleichen lassen, nicht einmal in einem Ablenkungsmanöver mit einem Typen, den er heute zum ersten Mal gesehen hat.

Also kramt er eins der Tücher aus seiner Werkzeugtasche, das er normalerweise benutzt, um Fingerabdrücke abzuwischen. Nachher wird er es wegschmeißen müssen, aber egal, für heute wird sein Ersatz reichen. Dem Fremden einfach so das Tuch ins Gesicht zu halten, ist vielleicht nicht seine beste Idee.

„Was zum… was machst du da?“ Er zuckt zurück, als hätte er sich verbrannt.

Gut dass Adam in der Lage ist, auch in solchen Situationen cool zu bleiben. „Das Blut muss weg“, sagt er ganz ruhig und sachlich.

Der Fremde hebt eine Hand an seine Schläfe, als ob er das Blut bisher noch gar nicht bemerkt hat. Es ist mittlerweile schon so trocken, dass kaum noch etwas davon an seinen Fingern haften bleibt. Scheiße, Adam hätte sich früher um die Wunde kümmern müssen. Je mehr das Blut verkrustet, desto schwieriger wird es, es zu entfernen. Unabhängig davon, dass immer mehr Dreck in die Wunde gerät und er dem Fremden auch keine hässliche Entzündung oder so wünscht.

Leider sind ihre Möglichkeiten hier begrenzt. Adam findet es selbst ein bisschen eklig, als er auf das Tuch spuckt, um es zu befeuchten, aber bedauerlicherweise befindet sich in diesem Waldstück kein günstig gelegener Bachlauf und die öffentlichen Toiletten nutzen können sie auch nicht. Adam hat nichts dabei, nicht einmal Kleingeld fürs Klo. Er ärgert sich noch mehr darüber, wie verdammt schlecht heute alles vorbereitet ist.

Wie erwartet weicht der Fremde wieder zurück, als Adam ihm das spuckefeuchte Tuch ins Gesicht drücken will. Damit hätte er auch rechnen können. Er muss es wohl auf die sanftere Tour versuchen. „Wie heißt du?“

Der Typ zögert kurz. „Leo“, sagt er schließlich. Adam ist sich ziemlich sicher, dass das nicht gelogen ist, jedenfalls zeigt er keinerlei Anzeichen dafür. Am liebsten würde er sich selbst mit einem bescheuerten Decknamen vorstellen, aber dafür hat er keine Geduld und es ist zu gefährlich, falls er den falschen Namen später nicht erkennt.

„Ich bin Adam. Freut mich.“ Er reicht Leo eine Hand, die er zunächst überrascht anschaut, dann aber doch schüttelt. „Gut, da wir das jetzt geklärt haben… Leo, willst du lieber meine Spucke im Gesicht oder deine eigene?“

 

Einige Minuten später ist Leo vom Blut befreit, obwohl er dabei sehr angewidert ausgesehen hat. Immerhin hat er nicht mehr laut protestiert, was Adam ihm hoch anrechnet; genau wie, dass er Adams Plan nichts entgegenzusetzen hat. Damit hat Adam fast nicht gerechnet. Trotzdem stürzt er sich förmlich in die Szene, die sie hier heute darstellen wollen. Im Schauspielern war er schon immer gut und vielleicht hätte er daraus eine Karriere gemacht, vor allem, wenn es bedeutet hätte, dass er öfter solche Typen küssen darf. Möglicherweise ist der Plan insgesamt nicht ganz uneigennützig.

Dafür geht er auf. Leo macht erstaunlich gut mit, während sie knutschend aus dem Wald stolpern. Eigentlich hätte der erste Kuss seltsam sein müssen, ist er irgendwie immer, aber diesmal fühlt es sich fast genauso an, wie es wirken soll: Als hätten sie gerade eine schnelle Nummer im Wald geschoben, aber könnten immer noch nicht die Finger voneinander lassen. Fast geht es Adam ein bisschen zu weit, als Leo eine Hand unter sein T-Shirt schiebt, aber egal, so sind sie wenigstens überzeugend.

Es lenkt allerdings ein bisschen ab bei Adams Versuch, sie zu dem Auto zu dirigieren, das er ihnen ausgesucht hat. Ein unauffälliger Kleinwagen, älteres Modell, ohne großen Aufwand zu knacken und leicht zu fahren. Das Modell ist außerdem so oft vertreten, dass man sie bestimmt nicht gleich irgendwo anhält, sobald jemand das Auto als gestohlen meldet.

Adam drückt Leo gegen die Fahrertür des Autos und drängt sich weiterhin gegen ihn. Obwohl er nicht damit gerechnet hat, ist er erleichtert, dass nicht sofort eine Alarmanlage losgeht. Schnell sein müssen sie jetzt trotzdem, auch wenn er liebend gerne noch ein paar Sekunden mehr damit verbringen würde, Leo zu küssen. Für die Konzentration ist das jedoch nicht gerade hilfreich, weshalb er fürs Erste von Leos Lippen ablässt.

Ebendiese Lippen wandern ohne Unterbrechung zu Adams Hals weiter und Adam muss für einen Moment die Augen schließen und sich auf die Zunge beißen, damit er Leo nicht laut für die Show lobt. Es wäre tatsächlich verdammt heiß, wenn sie jetzt gerade zum Beispiel auf einer Clubtoilette wären und nicht mitten auf einem Rastplatz, wo Adam gerade versucht, in ein Auto einzubrechen.

Zum Glück hat Adam diese Fertigkeiten so lange perfektioniert, dass er es jetzt auch hinbekommt, ohne sich groß darauf fokussieren zu müssen, was seine Hände da unten tun. Es dauert länger als sonst, was ihr Risiko steigert, aber natürlich schafft Adam es, die Autotür zu öffnen. Den Motor kurzzuschließen, muss er allerdings von drinnen machen und dafür muss er sich wohl oder übel von Leo lösen.

Eine ganz schlechte Idee, während eines Jobs mit einem Kerl rumzumachen, sagt Adam sich. Gut dass er eh keine Jobs mehr mit anderen Leuten annehmen will. Dann wird er nie wieder so ein Problem haben wie jetzt, wo er einen Schritt zurücktreten muss. Leo folgt ihm anfangs, seine Lippen weiterhin auf Adams Hals, wo er bestimmt einen ordentlichen Knutschfleck hinterlassen hat.

„Baby“, sagt Adam leise, weil es zur Show gehört, obwohl sie garantiert niemand hören kann. „Lass uns nach Hause fahren und da weitermachen, ja?“ Er überrascht sich selbst damit, wie fertig seine Stimme klingt, obwohl sie noch vollkommen bekleidet sind und ihre ganze Aktion keine fünf Minuten gedauert hat.

„Oh ja, Baby“, flüstert Leo zurück und zwinkert Adam allen Ernstes zu. Danach ist Adam erst einmal unfähig etwas anderes tun außer einzusteigen und sich daran zu machen, den Motor zu starten. Erst als er schon im Rückwärtsgang vom Parkplatz rollt, wagt er es, einen Blick auf Leo zu werfen, muss sich aber auch dann schnell wieder der Straße zuwenden, weil Leo sich natürlich ausgerechnet in dem Moment das Tanktop zurechtzupfen und seine Hose richten muss. Fuck, wenn er schon nach so kurzem Rummachen so aussieht, will Adam gar nicht wissen, wie es wäre, wenn er Leo erst mal in seinem Bett hätte (das ist eiskalt gelogen, natürlich will Adam das wissen, liebend gerne sogar. Aber nicht jetzt, wo er sie ohne Unfall von diesem Rastplatz wegbringen muss.)

„Hast du das schon öfters gemacht?“ fragt Leo, während Adam beschleunigt und sich in den Verkehr auf der Autobahn einfädelt. Sie müssen sich erst mal orientieren, bevor sie entscheiden können, wo es hingehen soll.

„Was?“ fragt Adam, ein wenig abgelenkt. Einerseits, weil er weiter vorne schon ein Schild für die nächste Ausfahrt sehen kann; andererseits, weil Leo sich zu ihm gedreht hat und ihn wieder mal aufmerksam anschaut.

„Na ja, ein Auto aufbrechen…“

„Bekommst du jetzt auf einmal ein schlechtes Gewissen?“ Keiner der Orte auf dem Abfahrtsschild sagt Adam etwas, also bleibt er vorerst auf der Autobahn. Er würde lieber irgendwo in der Stadt Halt machen, von wo er zur Not mit der Bahn weiterkommt. Das ist so ein Scheiß, dabei hat er hier und heute nicht mal ein Verbrechen begangen. Na ja, außer ein Auto zu klauen, aber das ist im Vergleich zu einem Bankraub wohl eher nebensächlich.

„Als ob.“

Bei dieser Aussage muss Adam doch noch mal zu Leo hinüberschauen, weil das leider alles andere als überzeugend klang. Leo ist gerade dabei, sich auf die Unterlippe zu beißen und Adam muss sich daran erinnern, dass vor ihm eine Straße und um ihn herum ganz viele andere Autos sind. „Die kriegen das alles von der Versicherung wieder, da kommt keiner zu Schaden“, erklärt er.

Keine Ahnung, was für eine Anwandlung das ist, dass er auf einmal das Bedürfnis hat, Leo zu beruhigen. Nicht dass er doch langsam weich wird, jetzt wo er auch noch Leos Oberschenkel tätschelt. Er kann sich gerade noch davon abhalten, von seinen früheren Abenteuern mit nicht ganz legal beschafften Autos zu berichten. Er hat damit einer Menge von Typen imponiert, aber leider weiß er nicht, ob Leo davon jetzt ebenso beeindruckt wäre. Deshalb trifft Adam heute seine erste schlaue Entscheidung und hält die Klappe.

Leo tut zunächst das Gleiche, deshalb ist Adam umso überraschter, als er sich doch wieder zu Wort meldet. „Fahr hier raus.“

Adam wird langsamer und reiht sich rechts ein. Wirklich überzeugt ist er allerdings nicht. Der Ortsname sagt ihm zumindest nichts. „Wieso?“

„Ich kenne den Ort. Von da fährt ein Bus nach Saarbrücken.“

Gelinde gesagt ist Adam irritiert, dass Leo so weit mitdenkt. Natürlich können sie ein geklautes Auto nicht einfach zuhause vor ihrer Wohnung abstellen – beziehungsweise vor Adams Hotel, weil er eigentlich nicht vorhatte, lange in Saarbrücken zu bleiben. Aber er hätte nicht gedacht, dass Leo so etwas so schnell kapiert.

Leo lotst sie zu einem abgeschiedenen Feldweg, wo sie das Auto stehenlassen können und von wo aus sie nur etwa zehn Minuten zur Bushaltestelle laufen. Wahrscheinlich sind sie nicht gerade unauffällig unterwegs, aber Adam hofft einfach, dass ihr Pärchen-Act so gut ist, dass sie niemand für geflohene Verbrecher hält. Die würden ja wohl kaum Händchen haltend in einen Bus einsteigen. Dass der Busfahrer sie dann nicht einmal nach Tickets fragt, ist schon fast eine göttliche Fügung.

Erst am Platz, als Adam sicher ist, dass sie keiner mehr beobachtet, lässt er Leos Hand los. Er lehnt sich ein wenig nach vorne, sodass er Leo besser betrachten kann. Vorher hatte er nie eine wirklich gute Gelegenheit dazu, aber jetzt haben sie eine Dreiviertelstunde, bis sie in der Stadt sind, in der Adam effektiv auf dem Platz neben Leo gefangen ist. Jede Menge Zeit also, ihn ausführlich zu studieren.

„Die Wunde müssen wir nachher ordentlich sauber machen“, bemerkt er mit einem Blick auf den Kratzer auf Leos Stirn. Man sieht kaum, dass er vorhin noch geblutet hat, aber Adam geht lieber auf Nummer sicher. Erst danach fällt ihm auf, was er gerade angedeutet hat: dass er sich mit Leo an einen Ort begeben wird, wo er ihm seine Verletzung versorgen kann.

Dieser Ort ist nicht der Bus und auch nicht die Haltestelle, an der sie ankommen. Es ist verdammt dumm. Am klügsten wäre es, wenn sich ihre Wege am Bahnhof trennen und sie sich nie wiedersehen. Adam hat seine wichtigsten Sachen in einem Schließfach dort gebunkert, er müsste also nicht mal mehr zurück ins Hotel, bevor er sich aufmacht an irgendeinen anderen Ort, ganz weit weg. Allerdings scheitert sein Gehirn schon bei der Aussicht, Leo nicht wiederzusehen, von daher kann er seine anderen schönen, klugen Überlegungen gleich in die Tonne kloppen, weil er ohnehin weiß, dass er das nicht durchziehen wird.

Leo will sich an die Stirn greifen, aber Adam fängt seine Hand auf dem Weg ab. „Fass das bloß nicht an.“ Er will ja nicht, dass es nachher wieder anfängt zu bluten, nur weil Leo mit dem Finger darin herumstochert. Außerdem kann er so ihre Hände miteinander verschränken. Scheiße, Adam muss echt neben sich stehen, dass er solche Gedanken überhaupt zulässt.

„Sieht es sehr schlimm aus?“ Leo versucht scheinbar irgendwo in Richtung der Wunde zu schielen, aber natürlich bekommt er so trotzdem keinen ordentlichen Blick darauf.

„Geht, blutet schon lange nicht mehr“, gibt Adam zurück. „Aber ich kann nicht garantieren, dass da nichts zurückbleibt.“

„Hm…“ Leo schaut noch mal prüfend nach oben, aber sehen kann er eigentlich nichts. „Es soll ja Leute geben, die Narben sexy finden.“

Leider ja. Und leider sitzt genau so eine Person gerade neben Leo im Bus und braucht eigentlich nicht noch mehr Gründe, ihn sexy zu finden. Um sich abzulenken, blickt Adam am Rest von Leos Körper hinunter. „Bist du noch irgendwo anders verletzt?“

Unwillkürlich zuckt Leos Hand nach unten, was ihn sofort verrät, obwohl er „Nein“ sagt.

„Lass mich mal sehen“, verlangt Adam und beugt sich ein bisschen runter, als könnte er durch Leos Klamotten hindurch feststellen, ob er weitere Verletzungen hat und wie gravierend diese sind.

„Soll ich jetzt hier im Bus meine Hose ausziehen oder was?“ Leo rückt ein Stück von ihm ab, um ihm einen genervten Blick zuzuwerfen. „Ist nicht so schlimm, wahrscheinlich nur ein blauer Fleck.“

Davon würde Adam sich gerne selbst überzeugen, aber Leo hat wohl Recht, dass es ihrem Plan, ohne Aufmerksamkeit zu erregen zurück in die Stadt zu kommen, nicht zuträglich wäre, wenn Leo sich jetzt hier entblößt. Die ältere Dame schräg hinter ihnen wäre mit Sicherheit nicht gerade angetan davon. Adam leider wahrscheinlich schon, so wie er auch jetzt seine Augen nicht von Leo lassen kann, aber das ist im Bus ebenso ungünstig.

Die Hände von Leo zu lassen, fällt ihm genauso schwer, aber das kann er sich ausnahmsweise verkneifen. Sie sollten vielleicht mal drüber reden, was sie machen werden, sobald sie in der Stadt sind, aber Adams Kopf ist wie leergefegt und er will vor Leo nicht offenbaren, dass er keinen blassen Schimmer hat, wie es jetzt weitergeht. Da schweigen sie sich lieber noch eine Weile an und lauschen auf die leise Schlagermusik, die vorne beim Busfahrer aus den Lautsprechern plätschert.

Es ist nicht gerade Adams Lieblingsgenre. Er ist nun wirklich nicht der Klischee-Gangster, der nur Rapmusik hört oder ein Hipster, der sich für etwas Besseres hält, aber alles an dieser übertrieben fröhlichen Stimmung macht ihn fertig. Auf die Texte will er lieber gar nicht achten, aber wenn er das nicht tut, dann achtet er viel zu sehr auf Leo neben sich. Da lauscht er doch lieber der Stimme des Schlagersängers.

Es ist alles ziemlich eintönig und Adam ist kurz davor wegzudösen, bis eine Liedzeile ihn wachrüttelt. Du hast mein Herz geklaut, gib’s wieder her. Adam hat schon ziemlich viel geklaut, aber Herzen sind normalerweise nicht dabei. Er gibt auch normalerweise nichts wieder her, was er klaut – das würde ja dem Sinn der Sache widersprechen. Sein Herz würde auch nie jemand klauen. Das ist viel zu kaputt von den vielen Jahren Einsamkeit und der ganzen beschissenen Kindheit und Jugend davor. Der Song ist also absolut bescheuert und hat nichts zu bedeuten. Leider sind Schlager verdammte Ohrwürmer und er geht Adam nicht mehr aus dem Kopf, bis sie in Saarbrücken aus dem Bus steigen.

Adam ist für diesen Job zum ersten Mal in Saarbrücken, aber dennoch kennt er den Aufbau des Bahnhofs in- und auswendig. Vor allem weiß er, wo Kameras sind und wo sie sich relativ sicher bewegen können, ohne nachher in der Videoaufzeichnung auftauchen. Leider rennt Leo, der Idiot, sofort ziemlich zielstrebig in Richtung der am schärfsten überwachten Zone los.

Adam kann ihn gerade noch rechtzeitig am Arm packen, bevor er in die Gefahrenzone gerät. „Du kannst hier nicht einfach draufloslaufen“, zischt er. Leo schaut ihn ein bisschen verwirrt an. Adam nickt in Richtung einer der Kameras, aber Leo scheint es noch immer nicht zu checken. „Kameras“, sagt Adam noch einmal überdeutlich. Es ist, als ob Leo das alles hier noch nie gemacht hat und Adam verflucht sich wieder mal dafür, dass er natürlich ausgerechnet mit einem blutigen Anfänger in diese Sache verstrickt ist.

Die eigentlich gar keine Sache mehr sein müsste. Adam könnte Leo vor die Kameras schicken und selbst in der Menge untertauchen, die Sachen aus seinem Schließfach holen und innerhalb weniger Minuten säße er in einem Zug außer Landes. Frankreich soll ja schön sein um diese Jahreszeit.

Dieser Gedankengang erübrigt sich, weil er immer noch Leos Arm festhält und jetzt spüren kann, wie sich die Muskeln unter seinen Fingern anspannen. Das tritt eine Welle weiterer Gedanken los, zum Beispiel, ob Leo mit diesen Muskeln in der Lage wäre, ihn festzuhalten und ihn im Stehen zu ficken, vielleicht gegen eine Wand. Das hatte Adam schon lange nicht mehr und leider, leider ist ihm die Knutscherei auf dem Rastplatz so gut im Gedächtnis geblieben, dass ihm selbst bei dem vergeblichen Versuch, sich das nicht bildlich vorzustellen, heiß wird.

„Kannst du uns hier raus bringen?“

Leos Worte durchdringen den Nebel von Adams Gedanken und stören sein überaus aktives Kopfkino. Es ist kein Zu mir oder zu dir?, doch es ist enthält ein uns, was bedeutet, dass Adam in seinem heutigen Zustand eh schon verloren hat. Anscheinend hat er heute nach dem Frühstück zwar sein Werkzeug eingesteckt, aber sein Gehirn im Hotelzimmer liegen lassen.

Also führt er sie beide aus dem Bahnhof hinaus, weitab der Kameras. Er lässt Leos Arm los, weil das auffällig sein könnte und ist gleich darauf überrascht, dass Leo stattdessen seine Hand nimmt und ihre Finger wieder miteinander verschränkt. Adam weiß nicht, zum wievielten Mal er heute gerne laut fluchen, oder noch lieber einmal richtig schön schreien würde, aber gerade macht sich das Bedürfnis sehr stark bemerkbar.

So etwas macht man einfach nicht in Jobs, man hält nicht einfach auf der Flucht Händchen mit einem Kollegen. Nicht einmal, wenn man vorhat, hinterher beim Belohnungsbier im Club in einer dunklen Ecke zu verschwinden. Adam ist fest davon überzeugt, dass allein diese Tatsache ihn aus dem Konzept bringt und nicht irgendwelche sonstigen Feststellungen, wie dass Leos Hand sich echt warm und weich anfühlt und perfekt in seine zu passen scheint. Wahrscheinlich ist Adam nach all dem Adrenalin einfach nur unterzuckert und nach einem Müsliriegel würde er das ganz anders sehen.

Dann würde er vielleicht auch nicht unbedacht hinter Leo her durch die Stadt marschieren. Er registriert die Straßennamen, zählt die Querstraßen und merkt sich, wo sie abbiegen, aber er macht keinerlei Anstalten zu fragen, wo sie hingehen. Ein verdammter Fehler, wie sich herausstellt, als Leo vor einem gepflegt wirkenden Mehrfamilienhaus anhält. Adam hätte einfach wegfahren sollen. Oder in sein Hotelzimmer zurückkehren. Alles wäre besser, als jetzt schockiert zuzusehen, wie Leo über die niedrige Brüstung klettert, die den ebenerdigen Erdgeschossbalkon umgrenzt.

„Was…?“ Adam weiß nicht mal genau, wonach er fragen soll. Was zum Teufel macht du hier? Was machen wir hier? Wäre vermutlich das erste, was ihm in den Sinn käme. Jedenfalls, wenn sein Mund noch in der Lage wäre Worte zu formen, nachdem Leo sich zu einem der Blumentöpfe hinuntergebeugt hat. Aber leider rutscht dabei sein Tanktop ein bisschen hoch und gibt den Blick auf einen Streifen braune Haut frei und seine Jogginghose spannt sich um seinen Hintern. Wenn Adam vorher schon nicht zurechnungsfähig war, hat das ihm noch den Rest gegeben.

Wenn er hier umgebracht oder verhaftet wird, wird er genau das in seiner Aussage ausführen. Sorry, Herr Richter, aber schauen Sie sich den Kerl doch mal an? Da hatte ich gar keine andere Wahl.

Adams nicht vorhandene Wahl bezieht sich vor allem darauf, Leo ins Haus zu folgen, nachdem er erfolgreich einen Schlüssel aus dem Blumentopf gefischt hat. Er schwingt sich wieder über das Balkongeländer und geht zur Haustür, als ob es das normalste der Welt wäre. Zwischendurch hat er öfters mal unsicher gewirkt, doch jetzt scheint er wieder voll und ganz in seinem Element zu sein.

Im Innern des Hauses ist es deutlich kühler als draußen und es riecht leicht nach Putzmittel. Frisch, mit Zitrone oder so. Es ist viel zu sauber hier, mit Blumentöpfen auf den Fensterbänken im Hausflur und irgendwelchen Landschaftsbildern an den Wänden. Diese Heimeligkeit behagt Adam nicht.

Leo öffnet die Tür einer Wohnung im zweiten Stock. Adam macht sich so schnell wie möglich ein Bild davon. Ein offener Wohnbereich, direkt daneben die Küche. Ein kleines Bad neben dem Eingang und zwei weitere Türen, die im Moment geschlossen sind. Schlafzimmer, tippt er. Vielleicht auch ein Büro. Alles wirkt ordentlich, als hätte gerade erst jemand aufgeräumt. Definitiv nichts gegen das Chaos seines Hotelzimmers.

Die wenigen Sekunden, die er gebraucht hat, um sich den Grundriss mit den wichtigsten Eckdaten einzuprägen, haben für Leo gereicht, um den Schlüssel auf der kleinen Kommode im Flur abzulegen und sich die Schuhe abzustreifen. Er fühlt sich definitiv zu wohl hier.

„Wessen Wohnung ist das?“ fragt Adam, wohlwissend, dass er sich mit jeder zusätzlichen Informationen angreifbar macht. Zu viel zu wissen ist in seiner Branche manchmal kein Vorteil, jedenfalls, wenn es die falschen Kenntnisse sind.

„Meine.“ Leo geht weiter in die Küche und öffnet den Kühlschrank. So wie er sich verhält, hat Adam keinerlei Grund anzunehmen, dass er lügt, aber viel Sinn ergibt es trotzdem nicht. Eine solche Wohnung bekommt man nicht mit Gelegenheitsjobs und Leo wirkt nicht erfahren genug, um auf diesem Weg ausreichend Vermögen angehäuft zu haben.

„Schick“, sagt Adam nur und folgt Leo in die Küche. Er fragt lieber nicht, wie man sich so etwas leisten kann. Bei sich selbst möchte er ja auch nicht, dass jemand nachhakt, wie er sein Geld verdient.

Leo reicht ihm ein Glas Wasser und Adam fragt sich, ob sie jetzt hier einen auf höfliche Gastfreundschaft machen. Durst hat er aber trotzdem und er leert das Glas in wenigen Zügen. Leo tut es ihm mit seinem eigenen Glas gleich. Er wischt sich mit einer Hand über die Stirn, was Adam ins Gedächtnis ruft, dass er ja irgendwann vor gefühlten Wochen gesagt hat, dass sie sich Leos Wunde noch anschauen müssen. Und seine anderen Verletzungen, für die er sich ausziehen muss, damit Adam sie begutachten kann.

Doch eins nach dem anderen. Adam stellt sein Glas auf der Arbeitsplatte ab und ist in wenigen Schritten vor Leo. Der wirkt überrascht, aber Adam hält ihm zugute, dass er keine Anstalten macht zurückzuweichen. Nicht einmal, als Adam sein Kinn packt, um seinen Kopf leicht zu drehen, damit mehr Licht auf die Wunde fällt.

Er ist schon deutlich verkrustet, aber Adam kann nicht erkennen, ob vom getrockneten Blut oder von Dreck. Sie haben sich nicht gerade im Schlamm gesuhlt, aber sie waren auch nicht an den hygienischsten Orten unterwegs. „Ich muss das sauber machen“, sagt er. Er weiß auch nicht, wieso er so leise spricht. So nah, wie er Leo ist, kann er sehen, wie sein Adamsapfel sich bewegt, während er schluckt.

„Okay.“ Leo klingt ein bisschen heiser und Adam fragt sich, ob das wohl an den gleichen Dingen liegt wie bei ihm oder ob er einfach nur nervös ist, dass er einen Fremden in seine Wohnung mitgebracht hat. Üblicherweise ist es bei Adams Glück eher Letzteres.

„Dann mal los.“ Wenn Adam eins nicht ist, dann zögerlich. Vorsichtig, ja, aber wenn er etwas ankündigt, dann zieht er das auch durch. So wie jetzt, als er Leo ins Badezimmer schiebt. Auf dem Weg lässt er seine Schuhe und seine Werkzeugtasche im Flur stehen, weil er davon ausgeht, dass er noch ein bisschen länger bleiben wird. Mit etwas Geschick noch deutlich länger, und dann nicht nur in Küche und Bad, sondern hoffentlich hinter einer der immer noch verschlossenen Türen. Wobei Adam nicht besonders wählerisch ist und gegen Spaß in Küche und/oder Bad auch nichts einzuwenden hätte.

Für den Moment muss er sich aber erst mal darauf konzentrieren, die Wunde in Leos Gesicht mit einem feuchten Tuch vom Dreck zu befreien. Am schwierigsten dabei ist es, nicht einfach nachzugeben und Leo zu küssen, obwohl seine Lippen aus dieser Nähe echt einladend aussehen. Er ist kurz davor Leo anzuheischen, dass er sich endlich mal zusammenreißen soll, als er sich schon zum zweiten Mal über die Lippen leckt. Verdammt noch mal, Adam ist auch nur ein Mensch und seine Selbstbeherrschung hat Grenzen, die heute mehr und mehr zu verschwimmen scheinen.

Leos warmer Atem wandert immer wieder über die Finger, mit denen er wieder Leos Kinn festhält. Er bewegt sich kein Stück, obwohl Adam keine Ahnung hat, was genau er da macht und es bestimmt nicht komplett schmerzfrei ist. Der leicht kitzelnde Luftzug ist die einzige Art, auf die Leo ihn berührt. Es ist auf eine seltsame Art und Weise intim.

Irgendwann kann Adam nicht mehr guten Gewissens in Leos Gesicht herumwischen. Die Wunde ist längst sauber und hat nicht noch einmal angefangen zu bluten. So wie es aussieht, braucht sie nicht einmal ein Pflaster. Adam lässt den Arm sinken, der das Tuch hält und nimmt auch die andere Hand von Leos Kinn.

Er will gerade einen Schritt zurücktreten und ein- für allemal beenden, was auch immer das hier zwischen ihnen ist, als ein einziger Satz von Leo ihn davon abhält.

„Wolltest du nicht auch noch meine anderen Verletzungen sehen?“

Es ist nicht besonders sexy, die Worte an sich sollten in Adam nicht so viel auslösen, aber die Art, wie Leo es sagt und wie er Adam dabei anschaut, so von unten herauf… Dabei beißt er sich auch noch auf die Unterlippe und Adam ist sich ziemlich sicher, dass das der exakte Moment ist, in dem ihn das letzte bisschen Vernunft auch noch verlässt.

„Auf jeden Fall. Ich muss sichergehen, dass du nicht doch noch ins Krankenhaus musst.“

Nun geht Adam doch noch einen Schritt nach hinten, aber nur, damit er Leo genau betrachten kann, als der sein Shirt hoch- und gleich komplett auszieht. Gut, wenn Adam so einen Körper hätte, würde er das wahrscheinlich auch machen. Selbst im grellen Badezimmerlicht sieht Leo einfach göttlich aus und Adam würde gerne all diese Muskeln mit der Zunge nachfahren.

Sein Blick wird jedoch von dem großen blauen Fleck abgelenkt, der sich an Leos rechter Seite gebildet hat. Er fängt irgendwo an seiner Hüfte an und zieht sich runter bis dahin, wo der Bund von Leos Jogginghose sitzt. Ohne darüber nachzudenken lässt Adam sich auf die Knie fallen und zupft an Leos Hose, um mehr der dunkel schimmernden Haut freizulegen. Es sieht verdammt schmerzhaft aus, auch davon ausgehend, wie Leo von oben zischt, obwohl Adam ihn dort nicht mal direkt angefasst hat.

„Das wird schon“, stößt Leo hervor. „Da ist nichts gebrochen oder so. Heilt alles.“

Das weiß Adam aus Erfahrung. Er kann nicht mehr zählen, wie oft er sich als Jugendlicher mit solchen Blutergüssen unter den Klamotten in die Schule geschleppt hat. Daher weiß er aber auch, dass das scheiße wehtun muss, vor allem für jemanden wie Leo, der wahrscheinlich nicht daran gewöhnt ist. Dafür hat er unterwegs erstaunlich gut durchgehalten.

„Du solltest das kühlen“, sagt Adam leise. Seine Hand schwebt ein paar Zentimeter davor in der Luft, aber er wagt es nicht, die verfärbte Haut anzufassen, auch wenn er unheimlich gerne mit seinen Finger darüberstreichen würde. Wehtun möchte er Leo allerdings nicht.

„Später“, kommt Leos Stimme irgendwo von oben. Er klingt fast gehetzt, wie er hart die Luft einzieht. Wenn Adam das richtig deutet, muss er doch stärkere Schmerzen haben, als er zugibt. Oder… Adam wird jetzt erst bewusst, in welcher Position er sich hier unten befindet. Natürlich hat er sie nur gewählt, um Leos Verletzung am besten in Augenschein nehmen zu können. Andererseits lässt sich nicht leugnen, dass es auch die perfekte Position ist, um andere Dinge zu tun.

Es ist nur ein kurzer Moment der Schwäche, eine Eingebung, der Adam folgen muss. Er rechnet damit, dass Leo ihn jeden Moment von sich wegstößt. Oder ihm sagt, dass er aufhören soll. Er ist nicht darauf vorbereitet, dass Leo einfach so stocksteif stehen bleibt, während Adam langsam näher kommt, so nah, bis seine Lippen ganz leicht den Stoff von Leos Jogginghose berühren. Es ist bei weitem nicht das, wofür er seinen Mund gerne benutzen würde und er lehnt sich sofort wieder zurück, weil er das nicht ohne Leos explizites Einverständnis machen wird. Aber er denkt, dass er seine Intention ziemlich eindeutig dargestellt hat.

Deshalb ist es umso verwirrender, dass Leos Hand zwar in seinen Haaren auftaucht, ihn aber nicht weiter nach vorne drückt, damit er das starten kann, was er gerade angedeutet hat. Stattdessen zieht Leo ihn nach oben. Adam kommt taumelnd auf die Füße und er ist noch dabei, sich damit abzufinden, dass er wie erwartet seinen Wunsch nicht erfüllt bekommt, aber Leo überrascht ihn wieder einmal. Er lässt Adam nämlich nicht los, sobald er einigermaßen sicher steht, sondern zieht ihn an sich heran in einen drängenden Kuss.

Normalerweise fängt Adam gerne sanft an, ein bisschen spielerisch, neckend. Doch diesmal ist da sofort diese Hitze zwischen ihnen, die sich entlädt. Es ist nicht wie auf dem Rastplatz, wo Adam sich auf tausend andere Dinge um sie herum konzentrieren musste. Hier ist Leo das einzige, was wichtig ist. Leos Hände unter Adams T-Shirt, sein Bein, das sich zwischen Adams drängt und seine Zunge in Adams Mund. Er ist jetzt schon viel zu bereit für was auch immer hier heute passiert.

Da lässt er sich auch liebend gerne von Leo aus dem Bad schieben. Im Flur stolpert er über seine Werkzeugtasche, weil er Augen und Hände nicht von Leo lassen kann, aber es fühlt sich verdammt gut an, von diesen starken Armen gehalten zu werden. Und noch mehr, als Leo ihn herummanövriert, bis er eine der verschlossenen Türen öffnen und Adam im Schlafzimmer aufs Bett fallen lassen kann.

An dem Punkt ist Adam eigentlich schon ziemlich egal, was Leo mit ihm macht, aber dass Leo sich erst mal seiner Jogginghose entledigt, ist ein guter Anfang. Adam beeilt sich, es ihm gleichzutun und seine Jeans abzustreifen. Dann ist Leo wieder über ihm und Leos Lippen auf seinen, aber nur kurz. „Was willst du?“ haucht er. Er klingt schon so rau, dass Adams Hüften wie von selbst nach oben stoßen, um sie noch etwas näher zusammenzubringen.

Worte zu formen ist gar nicht mehr so einfach, wenn Leo gerade dabei sich, sich an seinem Hals festzusaugen, aber Adam schafft es trotzdem. „Dich. In mir.“ Leos Lippen werden noch etwas eindringlicher. „Oder andersrum. Ist mir egal. Auf jeden Fall jetzt.“ Wie um die Dringlichkeit noch einmal zu unterstreichen, nutzt er seinen Griff an Leos Hinterkopf, um ihn noch einmal nach oben zu ziehen und ihre Lippen miteinander zu verbinden.

Doch auch das hält nicht lange an, aber Adam wird sich nicht beschweren, weil er endlich das bekommt, was er sich, wenn er ehrlich ist, schon ausgemalt hat, seit er Leo heute Morgen im Transporter zum ersten Mal gesehen hat.

 

Es dauert einen Augenblick, bis Adam wieder zu sich kommt. Im nächsten Moment könnte er sich dafür ohrfeigen, dass er überhaupt eingeschlafen ist. Das hier ist nämlich nicht das harte Bett in seinem Hotelzimmer, sondern Leos, in dem er sich vor ein paar Minuten oder Stunden so richtig schön hat flachlegen lassen. Was an sich kein Problem ist, das macht er oft genug, auch mit Leuten, die er noch weniger kennt als Leo. Aber er erlaubt sich nie, niemals, danach einzuschlafen. Das ist viel zu gefährlich.

Adam bemüht sich, keine zu plötzliche Bewegung zu machen. Leo neben ihm scheint noch friedlich zu schlummern, den Kopf im Kissen vergraben. Er hat einen Arm über Adams Bauch geworfen, den er vorsichtig entfernt. Leo zuckt zwar ein paarmal, aber er wacht nicht auf. Erst als sie sich an keinen Punkten mehr berühren, kann Adam aufatmen.

Sein Zeitgefühl hat sich komplett verabschiedet. Durch die dünnen Vorhänge fällt Sonnenlicht ins Zimmer, aber da sie Sommer haben, sagt es Adam nichts, außer dass er zumindest nicht den kompletten Nachmittag und Abend verschlafen hat.

Er muss hier raus. Am besten, bevor Leo aufwacht. Ohne Spuren zu hinterlassen wäre es ihm noch lieber, aber das ist wohl unmöglich ausgehend von der Tatsache, dass sie ziemlich eindeutige Spuren in Leos Schlafzimmer hinterlassen haben. Aber darüber denkt Adam lieber erst einmal nicht nach, sondern frühestens, wenn er in einem anderen Bett liegt. Oder wenn er das nächste Mal unter der Dusche steht und Inspiration braucht, dazu sollte dieses Erlebnis nämlich ziemlich gut taugen. Fast bildet Adam sich ein, Leos Finger und Lippen immer noch überall auf seinem Körper zu spüren.

Wie er im Bad feststellt, ist es auch an ihm nicht ganz spurlos vorübergegangen. Er drückt mit dem Zeigefinger auf den Knutschfleck an seinem Hals. Der ist unpraktisch und bedeutet Rollkragenpullover für mindestens eine Woche. Bei dreißig Grad eins von Adams Lieblingskleidungsstücken. Der Handabdruck an seiner Hüfte wird nicht so lange bleiben, aber trotzdem streicht Adam unwillkürlich mit den Fingern darüber, als er sich daran erinnert, wie Leo ihn dort mit einer Hand aufs Bett gedrückt hat, genau das richtige Level an schmerzhaft.

Resolut wendet Adam seinen Blick von alldem ab. Dafür hat er später noch genug Zeit, wo auch immer er dann sein wird. Stattdessen zieht er sich sein T-Shirt über den Kopf, das er unterwegs aufgesammelt hat, genau wie alle seine anderen Klamotten. Am liebsten würde er vorher duschen, aber die Gefahr ist zu groß, Leo doch noch zu wecken.

Er ist gerade im Flur dabei, in seine Schuhe zu schlüpfen, als ihm etwas Weißes auf dem Boden auffällt. Eigentlich ist es nichts Besonderes, nur eine unauffällige Karte, die halb unter die Kommode gerutscht ist. Adam weiß selbst nicht, wieso er sie aufhebt. Er hatte nicht vor, bei Leo herumzuschnüffeln. Am Ende ist er aber doch froh, dass er es getan hat.

Kriminalhauptkommissar Leo Hölzer, Polizei Saarland

Die Visitenkarte enthält nicht viel Text, aber Adam braucht trotzdem mehrere Minuten, um die Worte voll und ganz zu begreifen. Als er aufschaut, steht Leo in der halbgeöffneten Schlafzimmertür. Er trägt nur ein Paar enge Boxershorts, aber ausnahmsweise schenkt Adam dem keine Beachtung, weil sein Kopf immer noch so voll ist mit den wenigen Worten, die sein Weltbild gerade mal komplett auf den Kopf gestellt haben.

„Adam? Was ist los?“ fragt Leo. Selbst wenn das hier ein ganz normaler One-Night-Stand wäre, sollte spätestens hier klar sein, dass sie jetzt getrennte Wege gehen werden. Immerhin hat Adam schon Schuhe an und Leo vorhin schlafend im Bett zurückgelassen. Allein deswegen wäre es seltsam von Leo, sich nach Adams Wohlbefinden zu erkundigen. Und umso mehr nach der Erkenntnis, die Adam gerade hatte.

„Du bist ein fucking Cop?“ Er kann nicht verhindern, wie viele Gefühle in seiner Stimme mitschwingen. Wut auf Leo, aber auch auf sich selbst, weil er so dumm war. Leo wirkte von Anfang an nicht wie einer der üblichen Schlägertypen, die bei seinen Jobs dabei sind. Adam hätte es verdammt noch mal wissen müssen. Dann hätte er ihn einfach in diesem blöden Laster auf dem Rastplatz versauern lassen und wäre vor allem nicht so unglaublich bescheuert gewesen, ihm einfach blind in seine Wohnung zu folgen.

„Adam…“ Leo streckt eine Hand nach ihm aus. Adam ist wahrscheinlich noch nie so schnell vor jemandem zurückgewichen. Außer vielleicht vor seinem Vater. Der würde ihn wahrscheinlich jetzt höhnisch auslachen, weil Adam sich selbst ganz allein in diese Situation gebracht hat.

„Fass mich nicht an. Warten unten schon deine Kollegen auf mich? Ist das ganze Haus umstellt?“

„Red‘ keinen Blödsinn, warum sollten sie?“ Leo verschränkt die Arme vor der Brust und er klingt nicht mehr ganz so sanft wie vorher. „Ist ja nicht so, als ob du heute ein Verbrechen begangen hast.“

Adam entweicht ein schnaubendes Lachen. Es ist einfach so absurd. Er war jahrelang so vorsichtig und dann steigt er einfach mit einem Polizist ins Bett und macht alles auf einmal zunichte. „Ich hab ein Auto geklaut, schon vergessen? Ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht legal ist. Als Kriminalkommissar solltest du das wohl wissen.“

Er wirft Leo die Karte vor die Füße. Natürlich landet das leichte Stück Papier nicht sofort dort, sondern segelt langsam zu Boden. Adams Fingerabdrücke sind jetzt darauf, aber das ist auch schon egal, weil er die sowieso überall in Leos Wohnung hinterlassen hat. Da kann er sie der Polizei auch gleich auf dem Silbertablett präsentieren.

Leo löst seine Haltung, um mit einer Hand zu wedeln, als ob er das einfach wegwischen könnte. „Für das Auto finden wir schon eine Erklärung.“

Es klingt, als ob er ernsthaft versucht, Adam zu helfen, was absolut bizarr ist, weil die Polizei Leuten wie ihm nicht hilft. Wahrscheinlich wartet Leo nur noch darauf, dass er den Haftbefehl bekommt und soll Adam so lange in seiner Wohnung festhalten. Seine Methoden sind allerdings sehr unethisch. Fast muss Adam diebisch grinsen bei der Vorstellung, wie er das vor Gericht aussagen wird. Wenn er schon wegen Leo im Knast landet, soll der wenigstens noch ein schönes Disziplinarverfahren an den Hals bekommen.

Doch erst mal ist Adams Ziel, den Knast zu vermeiden. Wenn Leo Zeit schindet, kann es sein, dass die Wohnung tatsächlich noch nicht umstellt ist. Es wäre ein Versäumnis seinerseits, aber vielleicht hat Adam Glück und Leo ist nicht sonderlich kompetent in seinem Job. Daran klammert er sich, während sich in seinem Kopf in Sekundenbruchteilen ein Plan formt.

Es ist nicht ideal. Ideal wäre es gewesen, heute Morgen einfach im Hotel zu bleiben, wie er schon einmal festgestellt hat. Oder gar nicht erst nach Saarbrücken zu kommen. Doch jetzt muss er das Beste daraus machen. Auch wenn das Beste beinhaltet, sich ohne ein weiteres Wort umzudrehen, die Wohnungstür aufzureißen und aus Leos Wohnung zu fliehen.