Work Text:
Rhodan wandte den Kopf und musterte den neben sich liegenden Mann. Atlan hatte die Augen weiterhin geschlossen und atmete ruhig, schlief aber nicht. Er schien dem Wind zu lauschen. Die weißen Haare fielen sanft zur Seite, die leicht gebräunte Haut spannte sich noch über dasselbe Gesicht, was Rhodan vor über 60 Jahren kennengelernt hatte.
63 Jahre! Es kam Rhodan vor, als würden sie sich schon ewig kennen, aber er war sich zutiefst bewusst, was 63 Jahre im Vergleich zu 10.000 Jahren bedeutete.
Trotzdem hoffte er inbrünstig - sollte es ihnen beiden vergönnt sein so alt zu werden - in 10.000 Jahren diesen Mann immer noch seinen Freund nennen zu dürfen.
Während Rhodan Atlan betrachtete entspannten sich die Gesichtszüge des Arkoniden und die tiefen Sorgenfalten, die sich in den letzten Monaten in seine Stirn gegraben hatten, glätteten sich.
Dann seufzte Atlan tief und öffnete die Augen. Sein Blick traf Rhodans und dann lächelte er ebenfalls.
Eine lange Weile schauten sie sich so an.
Worte waren nicht notwendig, das wussten sie beide. Und trotzdem gab es Dinge, die laut ausgesprochen werden mussten, auch wenn sie beide wussten, was der andere sagen würde.
Rhodan fasste sich als erster ein Herz, drehte sich auf die Seite und stützte den Kopf in die Hand.
Atlan sah ihn ungläubig an und legt dann den Arm über die Augen.
„Jetzt, Perry? Ernsthaft?“ grummelte er.
Rhodan wusste, dass der Ärger gespielt war, genauso wie sie beide wussten, dass es so bald keine bessere Gelegenheit zur Aussprache geben würde. Zu selten hatten sie beide gleichzeitig ein paar ungestörte Stunden, die nicht jederzeit von einer Katastrophenmeldung unterbrochen werden konnten. Was sie hier sagten, würde für immer nur zwischen ihnen bleiben und - falls erforderlich - nie wieder erwähnt werden.
Folgerichtig drehte sich Atlan ebenfalls auf die Seite und stützte den Kopf in die Hand.
Die freie Hand legte er zwischen sie in das weiche Gras.
„Dann du zuerst“, meinte er.
Rhodan grinste kurz, dann wurde er ernst.
„Danke“, sagte er ruhig und sah seinem Gegenüber in die rötlichen Augen.
Danke, dass Du an mich geglaubt hast.
Danke, dass Du mich gerettet hast.
Danke, dass Du mutig genug warst, Dich gegen denjenigen zu stellen, den Du und alle anderen für mich hielten.
Danke, dass Du schlau genug warst ihn zu enttarnen.
Danke, dass Du damit auch die Menschheit gerettet hast.
All das brauchte Rhodan nicht sagen, weil er wusste, dass Atlan ihn ganz genau verstand.
Rhodan hatte sich nach seiner Rettung kurz bei Atlan bedankt und weiteres war eigentlich nicht nötig. Aber es war ihm wichtig. Dieses Kapitel seines Lebens war ein schweres gewesen und er wollte, nein, musste, klarstellen, dass er wusste, welche Risiken Atlan auf sich genommen hatte.
Für den Arkoniden war es auf keinen Fall leicht gewesen.
„Was soll ich antworten? ‚Gern geschehen‘ wäre eine Lüge“, erwiderte Atlan ebenso ernst.
„‚Gern‘ habe ich nichts daran getan. Ich möchte mir niemals wieder solche Sorgen machen müssen.
Ich habe immer noch Alpträume von dem Hyperfunkanruf als Cardiff mir mitteilte, er, also du, hätte den Rückzugsbefehl für alle Terraner von Arkon gegeben. Du willst nicht wissen, was ich in dem Moment dachte.“
„Ich kann es mir denken. Es gab da ein paar Momente in den letzten 63 Jahren wo ich ähnliche Momente erlebte.“
Atlan nickte kurz, er war sich dessen bewusst.
„Aber glücklicherweise waren es Momente und nicht Tage“, fuhr Rhodan fort. „Ich mag mir gar nicht vorstellen…“ Er schwieg für einen Augenblick, dann fuhr er fort: „Ich möchte diese Momente nicht missen. Vor allem weil meine Befürchtungen niemals wahr wurden.“
Das letzte sagte Rhodan mit Nachdruck und Atlan nickte wieder zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Mehr konnte Rhodan sich nicht entschuldigen, da sein Misstrauen gegenüber Atlan immer auch gleichzeitig Sorge um die Menschheit gewesen war. Und das bereute Rhodan niemals. Atlan wusste das nur zu gut.
„Aber wenn ich irgendetwas tun kann, dann sage es mir bitte.“ Damit hatte Rhodan nun endlich gesagt, was er sagen wollte und erwartete die Reaktion des Arkoniden.
Die kam doch etwas anders als erwartet.
Atlans Augen verengten sich im Zorn und sein Stimme klang hart, als er antwortete.
„Du bist nicht dafür verantwortlich, was Thomas Cardiff getan hat.“
„Atlan…“
„Nein, Perry. Du wirst dir nicht seine Sünden aufbürden, egal wie verantwortlich du dich fühlst. Nicht diese und nicht mir gegenüber. Das ist mein letztes Wort.“
Atlan seufzte tief, dann entspannte sich sein Gesicht wieder.
Seine Stimme war deutlich sanfter, aber immer noch ernst als er fortfuhr:
„Ich möchte diese Momente auch nicht missen. Und wenn es tatsächlich du gewesen wärest, der den Befehl gegeben hätte…“
Der Ausdruck in Atlans Augen sagte Rhodan alles, was Atlan nicht aussprechen konnte.
Jetzt war es an Rhodan Atlan zuzunicken.
Sie verstanden sich nur zu gut.
Für einen Moment schloss Rhodan die Augen und tat einen tiefen Seufzer. Atlan hatte ihm verziehen und damit war ihm war ein großer Stein vom Herzen gefallen.
Rhodan wollte lächeln, aber es war noch zu früh. Sie waren noch nicht fertig.
„Jetzt du“, meinte er.
Atlan sammelte sich für einen Moment.
„Während dieser Tage, die du eben erwähntest und auch später, als klar war, dass du dich in Gefangenschaft befinden musstest, wir aber nicht wussten wer und wo…Perry, ich habe mir noch niemals so viel Sorgen um jemanden gemacht. Nie! Verstehst du?“
Rhodan starrte ihn an. Ja, er verstand was Atlan ihm sagte, aber er konnte es nicht begreifen. Liebhaber, Partner, vielleicht sogar Familie, Freunde. Aus Tausenden von Jahren. Und, er, Rhodan…?
Rhodan musste schlucken, als er in Atlans Augen sah. Was sollte er dazu sagen?
Dann fiel ihm sein Gedanke von vorhin ein, und ja, das war genau das richtige. Rhodan lachte leise. Wie sehr ähnelten sich ihre Gefühle, wie sehr dachten sie in dieselben Richtungen.
„Während Du Deinen Träumen nachhingst, Arkonide, dachte ich daran, wie sehr ich mir wünsche auch in weiteren 10.000 Jahren noch von dir „Freund“ genannt zu werden. Verstehst Du?“
Atlans Augen weiteten sich, dann lächelte auch er. Ja, er hatte verstanden.
Rhodans Lächeln wurde breiter und befreiter.
„Genug?“ fragte er und stupste Atlan gegen die Schulter.
Atlan lachte ebenso befreit und nickte.
„Für mindestens die nächsten 63 Jahre“, sagte er bestimmt.
Dann änderte sich sein Tonfall.
„Das war ein tätlicher Angriff gegen den Imperator von Arkon, kleiner Barbar. Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?“
Rhodan lachte.
„Wenn Du den tätlichen Angriff erwiderst, ist es ein Angriff auf den Administrator des Solaren Imperiums. Befinden wir uns dann im Krieg, Euer Erhabenheit?“
Atlan lachte ebenfalls.
„Lieber nicht. Ihr terranischen Wilden habt immer noch irgendein Ass im Ärmel.“
In diesem Moment waren sie nicht die zwei mächtigsten Männer der bekannten Milchstrasse und die Situation war gar nicht so ungewöhnlich, wie Rhodan zuerst gedacht hatte - auch wenn sich einiges geändert hatte. Freunde waren und blieben sie.
Und zwei Freunde, die einen schönen Tag auf einer Wiese im Sonnenschein liegend verbrachten?
Daran war ganz und gar nichts ungewöhnlich.
