Actions

Work Header

Erkundungsteam Zeit

Chapter 11: Vergangenheit der Zukunft

Chapter Text

„Du hast Celebi ernsthaft allein gelassen?!“, schimpft Isami als Takeru endlich in der Tür steht. Sie und Fukuro sind schon bereits seit einer ganzen Weile wieder zurück.

Allerdings antwortet Celebi schneller als er. „Ich sagte euch doch bereits, dass es mir schon wieder gut ging, als Takeru los ist, um ebenfalls nach Fukuro zu suchen.“

Takeru nickt zustimmend als würde diese Erklärung sein Handeln wirklich rechtfertigen. Aber Celebi sieht immer noch ziemlich elend aus und Isami versteht einfach nicht, warum er nicht bei ihr geblieben ist, während sie Fukuro holen war. Er selbst hatte sie doch losgeschickt, weil sie genau wusste, wo dieser steckte.

Traut er mir denn gar nichts zu?, denkt sie gekränkt und will Takeru nicht einmal in die Augen schauen, während sie darauf wartet, dass er auch etwas dazu sagt. 

„Ähm, Takeru, du siehst irgendwie fertig aus“, meint Fukuro stattdessen. „Ist alles okay?“

Bevor Isami ihn nun doch etwas genauer mustern kann, spürt sie wie Celebi hastig nach ihrer Hand greift. „Ich glaube, mir wird wieder etwas schwindelig …“

„Celebi!“ Alarmiert dreht sie sich wieder zu ihr. „Etwa noch ein Schwächeanfall?“

Sie schüttelt den Kopf. „Nein“, sagt sie schwach. „Ich bin wohl nur etwas müde.“ Celebi wendet sich an Takeru, der immer noch wie bestellt und nicht abgeholt im Eingang steht. „Kannst du mir bitte die Treppen hoch helfen? Ich denke ich sollte dringend ins Bett.“

Isami mustert skeptisch die steile Holztreppe, die auf den kleinen Dachboden führt, wo Celebi normalerweise schläft. „Willst du nicht lieber hier unten bleiben? Ich kann auch woanders schlafen."

„Nein, ich möchte lieber in mein eigenes Bett. Morgen bin ich wieder fit, versprochen“, sagt Celebi und versucht aufzustehen.

Takeru ist sofort an ihrer Seite, um ihr zu helfen.

Jetzt auf einmal kümmert er sich also

Isami beobachtet mit hochgezogenen Augenbrauen wie er sie stützt und die Treppe hinauf führt.

Als sie es fast geschafft haben, sagt Takeru in den Raum hinein: „Ich bleibe dann am besten auch gleich oben. Nicht, dass Celebi wieder einen – einen Schwächeanfall bekommt und wir kriegen es nicht mit.“

Weder sie noch Fukuro widersprechen ihm, weil es vernünftig erscheint, aber trotzdem kommt ihr die ganze Situation irgendwie merkwürdig vor.

„Du kennst Celebi besser. Hat sie öfter solche Anfälle?“, fragt sie Fukuro leise, nachdem die beiden oben verschwunden sind.

Er zuckt mit den Schultern. „Nicht, dass ich wüsste. Aber komisch ist es schon. Eigentlich werden Halbgötter nicht krank oder so … Das hat sie mir zumindest mal erzählt.“

Isami setzt sich stirnrunzelnd an den kleinen Tisch. „Vielleicht hat es mit der Herstellung des Adamant-Orbs zu tun?“, überlegt sie. „Sie meinte ja, es hätte Jahrzehnte gedauert ihn zu fertigen. Ich kann mir vorstellen, dass sie dies viel Energie gekostet hat.“

„Gut möglich“, erwidert er und geht vor dem Holzofen in die Hocke, um darin herum zu schüren. „Es muss tatsächlich ein ziemlich mächtiger Orb sein, wenn er selbst Dialga bannen kann.“

„Wenn wir morgen aufbrechen, wird sie ihn uns endlich zeigen. Ich bin echt gespannt, wie er aussieht und ob er sich irgendwie … besonders anfühlt“, meint Isami träumerisch. „Wir werden dann einfach im Besitz des wohl wertvollsten Artefakts auf dieser Welt sein. Stell dir das mal vor!“

Fukuro lacht leise, während er ein paar neue Holzscheite in die Glut legt. „Ich hoffe, du kommst nicht auf dumme Gedanken und haust mit dem Orb ab, um ihn zu verhökern.“

„Natürlich nicht, du Blödmann. Ich – ich finde solche Sachen nur einfach unheimlich aufregend“, gibt sie zu, auch wenn sie sich ein wenig kindisch vorkommt.

„Du und mein Bruder seid euch ganz schön ähnlich.“

„Ehrlich?“

Er steht schmunzelnd wieder auf. „Naja, ihr seid beide Abenteurer und könnt Angeln nicht ausstehen. Ein perfektes Paar, würde ich sagen.“

„Fukuro!“, zischt Isami und deutet entsetzt auf die Öffnung zum Dachboden, wo Takeru sitzt und vermutlich jedes ihrer Worte hören kann. Sie funkelt ihn wütend an. Sie als Paar zu bezeichnen, nachdem sie beide vor nur wenigen Stunden von Omoe erfahren hatten, ist wirklich die Höhe.

Fukuro scheint seinen unsensiblen Kommentar wenigstens zu bereuen, denn sein Grinsen erlischt sofort wieder. Er dreht sich weg und beginnt den Fisch, den er vorhin noch gefangen hatte, in einer großen Schüssel auszunehmen.

Isami seufzt innerlich. Sie will ihm eigentlich nicht andauernd böse sein, aber er macht es einem auch nicht unbedingt leicht.

 Während Fukuro schweigend das Abendessen weiter zubereitet, studiert sie noch einmal die Karte, auf der Celebi ihre weitere Route markiert hat. In Wirklichkeit hat sie sich die entscheidenden Wegpunkte längst eingeprägt, aber sie braucht eine Beschäftigung, um sich von ihren Gedanken abzulenken. Celebis Zusammenbruch hatte sie mitten aus dem Gespräch mit Takeru gerissen und die Ungewissheit darüber, was er wirklich von der Möglichkeit hält, gemeinsam mit Fukuro in sein altes Leben zurückkehren zu können, macht sie ganz verrückt.

Sie streicht mit dem Finger über die Karte und bleibt dort stehen, wo die Beschriftungen enden. Die Nordwüste wurde noch von niemanden vollständig durchquert, geschweige denn kartographiert. Was bedeutet, dass sie sich auf die Beschreibungen von Celebi würden verlassen müssen, um Vesprit ausfindig zu machen.

Wie lange würden sie wohl brauchen, um die Untergrundhöhle zu finden, in den Besitz aller Zahnräder zu kommen und schließlich zum Zeitturm und damit zu Dialga zu gelangen? Wie lange wäre sie noch mit Takeru und Fukuro zusammen unterwegs, bis sie sie vielleicht für immer verlassen? Wie viel Zeit würde ihr noch bleiben, um Takeru zu sagen, dass sie sich wünscht, dass er bei ihr bleibt?

Isami gibt ihren Versuch auf sich auf die Karte zu konzentrieren, verschränkt die Arme auf dem Tisch und vergräbt den Kopf darin.

Wenn er wirklich gehen möchte, werde ich es ihm wohl niemals sagen, macht sie sich klar. Was hätte es für einen Sinn, wenn er von ihren Gefühlen wüsste, sie aber nicht erwidert? Es würde alles nur verkomplizieren und ihre Aufgabe, die Zukunft zu verändern, ist schließlich schon kompliziert genug.

  Aber vielleicht … Vielleicht würde er sich ja wirklich für sie entscheiden. Seine erste Reaktion als sie ihm vorhin von Fukuros Plan erzählt hat, deutete zumindest nicht auf pure Begeisterung hin.

Isami hebt den Kopf und beobachtet Fukuro eine Weile geistesabwesend beim Kochen. Am liebsten würde sie jetzt gleich nochmal mit Takeru reden, aber gerade ist wohl kaum der richtige Moment dafür.

Ich muss ihm Zeit geben, ermahnt sie sich selbst. Das ist sicher keine einfache Entscheidung für ihn.

Trotzdem ist sie enttäuscht als er wenig später ablehnt, zusammen mit ihnen zu essen, und Isami geht mit dem unguten Gefühl schlafen, dass die ganze Sache wahrscheinlich noch länger zwischen ihnen stehen wird.

 

 

Zwei Tage nachdem sie sich von Celebi verabschiedet und in Richtung Nordwüste aufgebrochen waren, hatte sich immer noch keine Gelegenheit ergeben, das Thema erneut anzusprechen. Isami fällt es zwar zunehmend schwer, so zu tun als wäre nichts, aber sie will Takeru auch nicht drängen und versucht sich daher einfach in Geduld zu üben. Nur leider wirkt er seit ihrer Abreise irgendwie abwesend und sie bekommt so immer stärker den Eindruck, dass er sie meidet.

Ich interpretiere da viel zu viel rein, tadelt sie sich selbst und bleibt kurz stehen, um einen Blick auf die Karte zu werfen.

„Nach dieser Anhöhe da vorne müsste Trostu schon zu sehen sein“, stellt sie fest und beeilt sich, um zu Takeru aufzuschließen, der wieder einmal ein gutes Stück vorausläuft.

Sie schafft es nicht ganz ihn einzuholen bevor er den höchsten Punkt des kleinen Hügels erreicht, der ihnen die Sicht auf das Dorf versperrt.

„Oh, Scheiße“, hört sie ihn sagen, während er dort wie angewurzelt stehen bleibt.

Sie und Fukuro stoßen gleichzeitig zu ihm und sehen selbst die Katastrophe, die sich in Trostu abgespielt hat.

„Eine Phantomherde“, spricht Fukuro laut aus, was unübersehbar ist. Eine breite Schneise im Gras, die nur von einer riesigen Herde stammen kann, führt zu dem Dorf, das selbst aus der Entfernung wie leergefegt wirkt. Die Spuren führen auf der anderen Seite der Ortschaft wieder hinaus, was bedeutet, dass die Phantome schon weitergezogen sind, nachdem sie hier alles vernichtet haben.

Isami schluckt schwer. „Glaubt ihr, die Leute konnten alle fliehen?“

Fukuro setzt sich zuerst in Bewegung. „Los, wir müssen nachsehen. Vielleicht ist noch jemand hier.“

So schnell sie können laufen sie den Abhang hinab. Auf ihrem Weg kommen sie an mehreren Koppeln vorbei. Dort wo die Zäune zerstört sind, befinden sich weder Kühe noch Pferde, von denen die Leute hier angeblich leben. Aber die meisten Tiere hatten nicht das Glück, weglaufen zu können, und liegen als halb zerfressene Kadaver verteilt auf den Weiden. Isami versucht nicht allzu genau hinzusehen und hofft, dass wenigstens alle Menschen entkommen sind oder sich verteidigen konnten.

Schon bald erreichen sie die ersten Farmhäuser und rufen nach Überlebenden. Sie teilen sich auf und durchlaufen fast das gesamte Dorf, aber niemand antwortet.

„Die Häuser und Ställe stehen fast alle offen, so als wären die Leute Hals über Kopf aufgebrochen“, sagt Takeru als sie sich wieder in der Ortsmitte treffen. „Es gibt weder Kampfspuren noch menschliche Leichen oder Überreste von Phantomen ... Vermutlich konnten sie rechtzeitig entkommen.“

„Dafür haben wir jetzt aber auch keine Pferde“, stellt Fukuro fest, worauf sie nichts zu erwidern wissen. Es stimmt, sie waren eigentlich nur wegen der Pferde hier und so erleichternd es ist, dass anscheinend zumindest den Dorfleuten nichts passiert ist, so erfolglos stehen sie nun da.

Trotzdem beschließen sie, noch bei den paar letzten Farmen vorbeizuschauen, die am anderen Ende des Dorfes stehen.

 „Wir müssen wohl doch zu Fuß durch die Nordwüste“, meint Isami wenig hoffnungsvoll, während sie sich den Ställen nähern.

Fukuro schnalzt unzufrieden mit der Zunge. „Das wird uns viel zu viel Zeit kosten. Zu Pferd müssten wir viel weniger Pausen machen und –“

„Habt ihr das auch gehört?“, unterbricht ihn Takeru und bleibt stehen.

„Nein, was ist?“, fragt Isami.

„Ich dachte, ich hätte ein Klopfen oder sowas gehört.“

Fukuro bewegt sich vorsichtig weiter in Richtung der Ställe, die zu einem großen Farmhaus gehören. „Hallo! Ist da wer?“

Jetzt hört Isami es auch. Jemand – oder etwas – hämmert von innen gegen eine der geschlossenen Stalltüren. Als sie näher kommen, hören sie gedämpfte Rufe aus dem Stall. Also immerhin kein Phantom.

Fukuro zieht an den Griffen der robusten Flügeltür, aber sie lässt sich nicht öffnen. Er rüttelt mehrmals daran, während sie die Hilferufe von der anderen Seite nun ganz deutlich hören.

„Bitte, lasst mich hier raus!“, ertönt von drinnen die Stimme eines Jugendlichen.

„Ich versuch‘s ja!“, ruft Fukuro zurück. „Aber die Tür klemmt!“

„Sie ist abgeschlossen!“ Der Junge klingt verzweifelt. „Ich sitze hier schon seit gestern fest!“

Takeru tritt neben seinen Bruder an die Tür. „Hey, ganz ruhig! Wie heißt du?“

„N-noriaki. Ihr seid nicht aus dem Dorf? Wo sind alle?!“

„Keine Sorge. Wir kriegen diese Tür schon irgendwie auf. Weißt du, wo der Schlüssel ist?“

„Nein, mein Freund muss ihn noch haben oder er – er hat ihn vielleicht auch verloren. Als wir hörten, dass sich eine Phantomherde nähert, habe ich ihn überredet mich hier einzusperren, bis sie wieder weg ist. A-aber er kam nicht zurück! Was ist da draußen passiert?! Ist er etwa –“

„Es ist alles gut!“, sagt Isami. „Wir haben uns überall umgeschaut und keine … Verletzten gefunden. Vermutlich sind sie alle entkommen.“

„Aber wieso ist dann niemand zurückgekommen?“

„Sie warten bestimmt noch eine Weile in sicherer Entfernung“, meint Takeru und geht dann wieder ein paar Schritte zurück, um die Tür zu inspizieren. „Wieso bist du nicht auch geflohen, sondern hast dich hier einsperren lassen?“

Noriaki antwortet nicht sofort. „Ich – ich wollte Hoshi und Yubi nicht alleine lassen“, sagt er schließlich so leise, dass man ihn durch das Holztor kaum versteht.

„Da sind noch mehr Leute drinnen?!“ Sofort bedeutet Takeru Isami und Fukuro zur Seite zu gehen. „Noriaki, ich werde die Tür jetzt aufbrechen. Sorg dafür, dass ihr genügend Abstand zu ihr habt, damit niemand verletzt wird.“

„O-okay!“

Takeru streift den Rucksack ab, nimmt ein paar Schritte Anlauf und tritt die Tür mit einem gekonnten Fußkick ein. Das Schloss bricht dabei auf und die Tür schwingt nach innen auf, sodass sie den Stall eilig betreten können.

Noriaki, der nicht älter als fünfzehn sein kann, scheint zum Glück unverletzt. Er kniet neben einem frisch geborenen Fohlen und versucht es von dem Schreck abzulenken, den es durch den lauten Knall vermutlich bekommen hat. Die Mutterstute steht daneben und wiehert leise als sie hereinkommen. Bis auf zwei weitere Pferde ist niemand sonst in dem dunklen Stall zu sehen.

Isami zeigt auf das Fohlen und die Stute. „Das sind Hoshi und Yubi?“

„Ja, Yubi ist heute Nacht erst –“ Als Noriaki zu ihnen hochblickt, weiten sich seine Augen. Er wirkt auf einmal alles andere als erfreut über den Anblick seiner Retter und springt alarmiert auf, um sich schützend vor das Fohlen zu stellen. „Ihr – ihr seid doch diese Gesuchten! Erst letzte Woche habe ich die Steckbriefe gesehen. Ihr zwei seht genau wie auf der Zeichnung aus und du bist bestimmt dieser – dieser einäugige Typ, der die Zeit stehen lassen will!“

Fukuro hebt beschwichtigend die Hände. „Hey, alles gut. Wir sind keine Verbrecher. Du musst keine Angst vor uns haben.“

„Ich hab keine Angst vor euch!“, knurrt der Junge, aber sein erschrockener Gesichtsausdruck verrät ihn. „Was – was wollt ihr hier? Habt ihr etwa die Herde her gelockt?“

„Was? Nein!“, antwortet Isami geschockt. „Du musst uns glauben, wir wollen niemandem etwas Böses! Wir sind nur nach Trostu gekommen, weil wir dringend ein paar Pferde für unseren weiteren Weg brauchen.“

Noriaki wirft einen besorgten Blick auf die Stute, die nervös mit der Hufe scharrt.

„N-nein! Verschwindet von hier! Ich lasse nicht zu, dass ihr sie wegnehmt. Sie sind alles, was ich noch habe!“

„Hör mal“, sagt Fukuro ruhig. „Ich habe selbst miterlebt, wie mein Dorf von einer Phantomherde ausgelöscht wurde. Es … es ist schrecklich und angsteinflößend gewesen. Aber es stimmt nicht, was du sagst. Diese Pferde sind nicht alles, was dir bleibt, denn deine Familie und deine Freunde konnten weglaufen und sind in diesem Moment wahrscheinlich schon wieder auf dem Weg zurück.“

Seine Worte scheinen Noriaki nicht zu erreichen. „Und wenn schon! Ich überlasse sie euch nicht! Auf dich ist sogar ein Kopfgeld ausgesetzt“, sagt er und zeigt mit zitterndem Finger auf Fukuro.

„Wir können dir alles erklären“, versucht es Takeru. „Wir haben nur einfach nicht viel Zeit, es steht zu viel auf Spiel. Wir müssen so schnell es geht –“

„Das interessiert mich nicht!“, keift Noriaki und bemüht sich sichtlich seine Tränen zurückzuhalten. „Ich bin kein Fähigkeitenbesitzer. Ich weiß, dass ich gegen euch drei keine Chance habe. Also nehmt die anderen zwei Pferde, aber lasst Hoshi bei mir. Yubi ist noch zu klein, um ohne ihre Mutter klarzukommen. Bitte!“

Isami kann den flehenden Ausdruck in seinen Augen kaum ertragen. Es fühlt sich schrecklich an, was sich hier gerade abspielt. Aber sie brauchen diese Pferde und sie können es nicht riskieren, auf die Rückkehr der anderen Dorfbewohner zu warten, wenn sie so schnell wie möglich Vesprit finden wollen.

Fukuro nickt. „Wir kommen auch mit zwei Pferden klar. Die Stute würde uns eh nur aufhalten, wenn das Fohlen ihr folgt.“

„Wenn es geht, bringen wir sie zu dir zurück“, sagt Isami, obwohl sie selbst merkt, wie unglaubwürdig sie klingen muss. „Und wir geben dir unser ganzes Geld für die beiden.“

Noriaki schnaubt verächtlich und wischt sich mit dem Ärmel wütend die Nase ab. „Ich will euer verfluchtes Geld nicht, das ist bestimmt auch nur gestohlen. Nehmt einfach die Pferde und haut ab!“ Damit drängt er sich an ihnen vorbei und rennt aus dem Stall.

Takeru will ihm nach, aber Fukuro hält ihn auf.

„Wir können es ihm doch wenigstens erklären!“

Fukuro schüttelt den Kopf. „Was glaubst du, wie viel Zeit ich schon damit verschwendet habe, mein Vorhaben anderen Leuten erklären zu wollen?“

„Und jetzt sollen wir ihn hier allein zurücklassen und die Pferde einfach mitnehmen?“

„Genau das werden wir machen. Schau mich nicht so an, ich habe hierbei auch keinen Spaß. Aber ein Leben in einer sicheren Zukunft ist ihm bestimmt lieber als sich von den zwei Tieren trennen zu müssen, oder?“ Ohne weitere Umschweife geht er zum anderen Ende des Stalls und greift nach einem der Sättel, die auf einer Vorrichtung an der Wand hängen. „Sobald wir mit Dialga fertig sind, können wir immer noch zurückkommen und alles erklären“, sagt er trocken.

Wieder einmal kann sich Isami kaum vorstellen, was Fukuro wohl schon alles durchgemacht haben muss, um so abgestumpft zu sein. Aber sie weiß seinen Pragmatismus inzwischen auch auf seltsame Weise zu schätzen. Wie weit sie wohl sonst kämen, wenn er sie nicht immer wieder ans Wesentliche erinnern würde?

Takeru scheint ebenfalls verstanden zu haben, dass er auf grausame Weise Recht hat und hebt ohne weitere Widerworte ebenfalls einen Sattel herunter.

Isami beobachtet aus sicherem Abstand wie sie die zwei kräftigen, dunkelbraunen Pferde satteln, die zum Glück recht zutraulich wirken. Irgendwann spürt sie wie das kleine Fohlen neugierig ihre Hand anstupst. „Es wird alles gut, Kleines“, flüstert sie ihm zu. „Dafür werden wir sorgen.“ Sie wendet sich sich an das Muttertier. „Und du, pass gut auf dein Kind und auf Noriaki auf, okay?“

Die Stute macht schnaubend einen Schritt auf sie zu, aber Isami weicht zurück.

Warum seid ihr denn nur so riesig?, fragt sie sich und tröstet sich damit, dass sie jetzt zumindest nicht alleine reiten muss.

„Isami, du solltest sicherheitshalber bei Fukuro mitreiten, während ich das Gepäck nehme“, sagt Takeru in diesem Moment und führt sein fertig gesatteltes Pferd aus der Box. „Ich kann zwar angeblich gut mit Pferden, aber ich vertraue mir da noch nicht so ganz.“

„Ähm“, macht Isami und wirft einen schnellen Blick auf Fukuro. Sie stellt sich vor, zusammen mit ihm in einem Sattel zu sitzen, in dem es für zwei Personen vermutlich ziemlich eng wird. Fukuro scheint ebenfalls überrascht über Takerus Aussage zu sein und hebt fragend die Augenbrauen, aber sein Bruder marschiert unbeirrt aus dem Stall hinaus.

Isami folgt ihm und schaut sich draußen im Hof sofort nach Noriaki um, aber er ist nirgends zu sehen. Takeru macht sich daran, seinen Rucksack auf der einen Seite des Sattels festzuzurren. Sie übernimmt die andere und versucht, so gut es geht, ihren eigenen an die Gepäckschlaufe des Sattels zu schnüren.

„Sicher, dass ich nicht bei dir mitreiten soll?“, fragt sie möglichst beiläufig über den Rücken des Hengstes hinweg, während sie dessen Hinterläufe argwöhnisch im Auge behält.

„Ist besser so“, meint er nur murmelnd.

Isami hat keine Lust mehr nachzuhaken.

Schön, dann reite ich eben nicht mit dir mit, sagt sie in Gedanken zu ihm und muss sich zurückhalten, es nicht laut auszusprechen. Wenn du weiterhin so wortkarg wie die letzten zwei Tage bleibst, ist es wahrscheinlich sowieso interessanter mit deinem Bruder im Sattel festzusitzen.

Sie befestigt den Rucksack mit einem letzten Ruck und geht ohne Erwiderung zu Fukuro, der sein Pferd inzwischen ebenfalls auf den Hof geführt hat. Skeptisch bleibt sie zwei Meter neben dem Tier stehen, das sich gerade einbildet, den Staub aus seinem Fell schütteln zu müssen.

„Tritt mit deinem linken Fuß hier in den Steigbügel und schwing dich dann hoch“, erklärt Fukuro ihr.

Isami rollt mit den Augen. „Ja, danke. So viel weiß ich auch. Stell dir vor, aber ich bin auch auf dem Land aufgewachsen.“

Seine Mundwinkel zucken nach oben. „Aber dann noch nie auf einem Pferd gesessen?“

 Sie spart sich eine Antwort und schwingt sich so elegant sie kann in den Sattel. Das Pferd macht einen Schritt zur Seite und hebt und senkt schnaubend den Kopf.

„Schon gut, Kleiner“, spricht ihm Fukuro gut zu und tätschelt seine Nase, während Isami stocksteif auf dem Tier sitzt, das ihr alles andere als klein vorkommt.

Dann tritt er ebenfalls in den Steigbügel und Isami rutscht so weit wie möglich nach vorne, um ihm Platz zu machen. Als er hinter ihr im Sattel landet, bewegt sich das Pferd schon wieder und läuft dieses Mal ein paar Schritte vorwärts. Sie holt erschrocken Luft und klammert sich fester an den Knauf des Sattels.

Fukuro greift um sie herum nach den Zügeln und bringt das Tier mit einem sanften Zug daran zum Stehen. „Ich weiß ja nicht, wer hier nervöser ist. Das Pferd oder du?“

Definitiv ich, denkt Isami und schaut sich nach Takeru um, der auch schon im Sattel sitzt. Er tätschelt sein Pferd am Hals und würdigt sie keines Blickes.

„Dann wollen wir mal“, sagt Fukuro und schnalzt zweimal mit der Zunge. Der Hengst setzt sich gehorsam in Bewegung und sie lässt ein letztes Mal den Blick über die verlassene Farm schweifen. Von Noriaki ist immer noch keine Spur zu sehen.

Ihr kommen dessen Vorwürfe wieder in den Sinn. „Jetzt sind wir ja doch noch zu Verbrechern geworden“, stellt sie ernüchtert fest, während sie dem Hof den Rücken kehren.

„Ich für meinen Teil bin lieber ein Pferdedieb als ein Zeitdieb“, raunt Fukuro ihr zu und seine Stimme klingt dabei so nah, dass Isami beinahe zusammenzuckt. Ihr wird erst jetzt richtig bewusst, wie eng aneinander gequetscht sie eigentlich in diesem Sattel sitzen. Sie kann deutlich spüren, wie sich seine Brust an ihrem Rücken bei jedem Atemzug hebt und senkt. Ohne es zu wollen, stellt sie sich vor, dass Takeru jetzt so hinter ihr hätte sitzen können.

Noch bevor sie sich erneut nach ihm umschauen kann, lässt dieser sein Pferd wie aufs Stichwort an ihnen vorbei traben.

„Ich reite vorne“, ruft er ihnen über seine Schulter hinweg zu und lässt es dann mit mehreren Metern Abstand zu ihnen wieder langsam werden. Er klopft dem Tier wieder wohlwollend auf den Hals und wirkt alles andere als unsicher dabei.

Isami verzieht enttäuscht den Mund. So viel zum Thema: Reite vorsichtshalber bei Fukuro mit ...

Dieser räuspert sich leicht. „Es geht mich ja nichts an, aber ist alles okay zwischen euch?“ Er spricht leise, obwohl sie Takeru von da vorne eh nicht hören kann.

Kurz überlegt sie so zu tun als sei nichts, aber Fukuro hatte es ja selbst gemerkt, wieso sollte sie ihm dann etwas vormachen?

Sie zuckt resigniert mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich habe ihm von unserem Gespräch am Fluss erzählt“, sagt sie. „Aber dann ist Celebi zusammengebrochen und wir haben seitdem nicht mehr wirklich geredet ...“

Sie wartet auf seine Reaktion, aber er bleibt stumm.

„Hat er irgendwas zu dir gesagt deswegen?“, fragt sie vorsichtig nach.

„Nein“, erwidert er seufzend und sie kann nicht deuten, ob er enttäuscht oder erleichtert dabei klingt.

Sie beobachtet Takeru eine Weile gedankenverloren, während sie Trostu immer weiter hinter sich lassen. „Er ist bestimmt nur verwirrt von alldem“, meint sie irgendwann mehr zu sich selbst als zu Fukuro.

Dieser gibt nur ein Grummeln von sich, das wohl eine Art Zustimmung darstellen soll und sagt nichts weiter dazu. Isami ist es recht, denn eigentlich will sie ungern noch weiter mit ihm über das reden, was zwischen ihr und Takeru ist.

Was auch immer das sein soll ...

 

  •  

 

Takeru wälzt sich in seinem Schlafsack auf den Rücken und öffnet frustriert die Augen. Über ihm funkeln eine Millionen Sterne. Es ist eine wunderschöne, klare Nacht, aber er würde es wirklich vorziehen, endlich seinen mangelnden Schlaf der letzten drei Tage nachholen zu können.

„Kannst du nicht einschlafen?“, fragt Fukuro, der für sie Wache hält.

Takeru setzt sich nickend auf und dreht sich zu dem Lagerfeuer hin, um das sie ihre Schlafplätze eingerichtet haben. Isami liegt rechts von ihm und scheint fest zu schlafen. Sie ist zum Feuer hingewandt eingeschlafen und ihr Mund ist leicht geöffnet, was sie sehr kindlich aussehen lässt. Eine einzelne Haarsträhne hängt quer über ihrem Gesicht und Takeru würde sie ihr am liebsten vorsichtig wegstreichen. Stattdessen rutscht er noch ein Stück näher ans Feuer und lächelt Fukuro verlegen an. „Sorry, wäre wohl besser gewesen, wenn ich die erste Wache übernommen hätte.“

Fukuro winkt ab. „Ich kenne das. Manchmal sind die Gedanken da oben zu laut zum Schlafen, was?“ Er tippt mit dem Finger an seine Schläfe und widmet sich dann wieder seinem Messer und dem Stückchen Holz, das er zu irgendetwas schnitzt.

So sitzen sie eine Weile schweigend nebeneinander, während Takeru ihm zusieht. Aber obwohl das melodische Zirpen der Grillen, das sanfte Knistern des Feuers und die monotone Schnitzarbeit seines Bruders eigentlich beruhigend wirken sollten, wächst die innere Unruhe in Takeru nur noch mehr. Seitdem sie gemeinsam unterwegs sind, war er die ganze Zeit über insgeheim dankbar gewesen, dass ihn Fukuro nie bezüglich ihrer gemeinsamen Vergangenheit bedrängte und ihm den Freiraum gab, den er benötigte. Aber plötzlich kann er die unausgesprochenen Worte zwischen ihnen nicht mehr ertragen. Takeru überprüft noch einmal schnell, ob Isami wirklich schläft und sagt dann zögernd: „Du willst also zurück … nach Hause?“

Fukuro blickt überrascht auf.

„Ich weiß es von Isami“, redet Takeru weiter, weil er keine Antwort bekommt. „Kannst – kannst du mir noch ein wenig mehr erzählen? Von Wiesenflur und von …“ Er stockt. Es fällt ihm schwer, den Namen auszusprechen, der seit Tagen neben all den anderen Dingen in seinen Gedanken herumspukt. „Von Omoe?“, bringt er schließlich heraus.

Fukuro nickt langsam und legt das Schnitzzeug neben sich ins Gras. „Bist du wütend, weil ich dir nichts von ihr erzählt habe?“

„Nein“, erwidert Takeru ohne nachdenken zu müssen. „Ich habe dich schließlich auch noch nicht wirklich nach meiner Vergangenheit gefragt.“

Sein Bruder verzieht kurz zustimmend den Mund. „Und jetzt also schon?“

„Ja … Ich denke, ich bin jetzt bereit.“

Und außerdem bleibt mir wohl nicht mehr viel Zeit, fügt er in Gedanken hinzu. Ihr Zusammentreffen mit Dialga – und damit einhergehend sein Tod – liegen zwar vermutlich noch Wochen in der Zukunft, aber ihm ist auf einmal klar, wie kostbar jeder Tag ist, den er jetzt noch mit Isami und seinem Bruder verbringen darf. Er schämt sich dafür, das erst jetzt zu erkennen und dass er die letzten Tage so abweisend ihnen gegenüber gewesen war.

„Na gut“, sagt Fukuro und wirft nun ebenfalls einen kurzen Blick auf Isami, die allerdings nach wie vor tief und fest schläft. „Nur weiß ich nicht genau, wo ich anfangen soll. Ähm, was genau hat sie dir denn schon erzählt?“ Er kratzt sich verlegen an der Nase und irgendwie erleichtert es Takeru, dass es anscheinend nicht nur ihm unangenehm ist, so offen zu sprechen.

„Nicht sonderlich viel. Sie hat mich damit ganz schön überrumpelt und dann wurden wir auch noch unterbrochen … Jedenfalls weiß ich, dass du den Portal-Orb nutzen willst, um nach Dialgas Versiegelung wieder in unsere Zeit zu reisen. Dort wäre ja dann alles wieder wie früher.“ Er macht eine kurze Pause und überlegt, ob er seine nächsten Worte wirklich aussprechen soll. „Fukuro … Ich werde allerdings nicht mitkommen“, sagt er dann trotzdem. Auch wenn es am Ende keinen Unterschied macht, er will nicht mehr lügen als nötig.

Fukuro nickt und lächelt ihn schwach an. „Ich wusste, dass du dich dafür entscheiden würdest, hier bei ihr zu bleiben.“ Er deutet mit einer leichten Kopfbewegung auf Isami.

Takeru erwidert darauf nichts. Er würde Isami zwar so oder so nicht freiwillig verlassen, aber den wahren Grund, warum er seinen Bruder nicht begleiten würde, muss er ihm verschweigen. Für ein paar Augenblicke beobachtet er Isami und beneidet die beiden für ihre Unwissenheit darüber, was sein Schicksal angeht. Es ist verdammt hart, nicht mit ihnen über Celebis Vision sprechen zu können, aber egal wie oft er die letzten Tage darüber nachgedacht hat, er war jedes Mal wieder zu dem gleichen Entschluss gekommen, den er an dem kleinen Teich im Wald für sich gefasst hatte.

„Es tut mir Leid.“ Takeru senkt den Kopf. „Es tut mir Leid, dass ich dein – ich meine, unser Wiesenflur und alle Leute dort nicht kennenlernen kann. Auch wenn ich mich eh nicht erinnern würde … Ich hätte es schön gefunden, zu sehen wo und mit wem ich aufgewachsen bin. Auch – auch wenn wir es nicht leicht hatten,“ sagt er und streicht gedankenverloren über eine seiner verblassten Narben am Unterarm. 

„Es war nicht alles schlecht. Auch wenn du dich nicht erinnerst und unsere Heimat nicht mit eigenen Augen sehen wirst … Du hast in deinem bisherigen Leben auch viel Gutes erlebt. Und getan.“ Fukuro legt ihm aufmunternd die Hand auf die Schultern. „Du warst immer ein guter Mensch, Takeru. Ein guter Bruder, ein guter Sohn, ein guter Kämpfer und ein guter Freund. Und das bist du auch weiterhin und wirst es immer sein, egal, in welcher Zeitachse du dich auch befindest. Da bin ich mir sicher.“

Ihre Blicke treffen sich, aber Takeru fühlt sich von seinen Worten zu überwältigt, um etwas zu erwidern. Kann das wirklich derselbe Mann sein, den er vor noch gar nicht so langer Zeit beinahe bis auf den Tod bekämpft hatte? Immer, wenn er meint sich daran gewöhnt zu haben, dass Fukuro sein Bruder ist, der alles über ihn weiß und ihn schon sein Leben lang kennt, schockiert ihn derselbe Gedanke plötzlich wieder. Aber was auch passiert ist, er ist dennoch froh darüber, ihn jetzt an seiner Seite zu haben. 

„Danke“, sagt Takeru aufrichtig. „Das ... bedeutet mir echt viel. Ich bin mir sicher, dass das alles auch auf dich zutrifft.“

Fukuro verzieht das Gesicht. „Davon bin ich weniger überzeugt. Ich hab hier in dieser Zeit ziemlich viel verbockt. Wahrscheinlich wäre alles viel reibungsloser verlaufen, wenn ich dir von Anfang an die Wahrheit erzählt hätte und wir schon viel früher gemeinsame Sache gemacht hätten ..."

„Hm", macht Takeru skeptisch. „Vielleicht wäre aber alles noch viel chaotischer geworden. Oder Isami hätte uns nicht begleitet und wir wären noch bevor wir überhaupt in die Nähe des Zeitturms gekommen wären, von Giftphantomen erledigt worden." 

Fukuro zuckt grinsend mit den Schultern. „Damit hast du wahrscheinlich sogar Recht." Er deutet mit dem Kinn auf Isami. „Sie ist echt beeindruckend. Ich gönne dir, dass ihr euch gefunden habt", fügt er hinzu und Takeru entgeht sein forschender Blick dabei nicht. Kein Wunder, ihm ist garantiert aufgefallen, dass sie, seitdem sie Celebi verlassen haben, distanzierter miteinander umgehen. 

„Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn sie mich nicht gleich gefunden und mit in die Gilde genommen hätte", entgegnet er allerdings nur vage. 

Es entsteht eine kurze Pause und Takeru überlegt, wie er das Thema wieder auf seine ursprüngliche Frage zurücklenken kann. Er will unter keinen Umständen noch weiter über Isami und sich reden. Das würde den Schmerz, sie bald verlassen zu müssen, nur noch unerträglicher machen.

„Du hast mich nach Wiesenflur gefragt", sagt Fukuro schließlich von sich aus und Takeru dankt ihm im Stillen dafür.

„Also wir haben dort ziemlich isoliert gelebt", erzählt er. „Es gab nur noch sehr wenige bewohnbare Siedlungen und diese haben wegen der ganzen herumschweifenden Phantome immer weniger Kontakt halten können ­­– oder wollten es nicht mehr. Wenn Menschen in Not sind, teilen sie nun einmal nicht gerne mit anderen ..." Er seufzt. „Das ist übrigens auch der Grund, warum Omoe in unser Dorf kam."

Wieder ist Takeru erleichtert darüber, dass Fukuro den Bogen selbst zu Omoe geschlagen hat. Er weiß nicht, ob er sich hätte überwinden können, ihn erneut direkt nach ihr zu fragen. 

„Die Siedlung, in der sie aufwuchs, wurde von einem ganzen Klan an Plünderern eingenommen", redet Fukuro weiter. „Diese Bastarde haben dabei ihre gesamte Familie getötet ... Omoe konnte fliehen, war aber ganz allein und auf sich gestellt. Weil sie keine Fähigkeiten besaß, hätte sie sich nicht gegen die wilden Phantome verteidigen können. Aber sie war clever und schaffte es, den blinden Viechern aus den Weg zu gehen und sich vor ihnen zu verstecken. Als sie nach Wochen endlich auf andere Menschen traf, wollten sie diese allerdings nicht bei sich haben." Er schüttelt verächtlich den Kopf. „Ich weiß selbst, wie schwierig es ist, das Wenige, das man hat, teilen zu müssen. Aber genau das machte unsere Leute in Wiesenflur aus. Niemand war besser oder wichtiger als der andere. Wenn wir schon in einer Welt ohne Hoffnung leben mussten, dann wollten wir wenigstens zusammenhalten."

Takeru nickt zustimmend und ist irgendwie stolz darauf, ein Teil dieser Gemeinschaft gewesen zu sein. 

„Jedenfalls musste Omoe wieder alleine weiter bis sie es schließlich mehr tot als lebendig zu uns schaffte. Zu einem der wohl letzten Orte, die noch eine Gilde und halbwegs fruchtbare Felder besaßen. Unsere Eltern haben sie natürlich sofort aufgenommen."

„Wann war das?", fragt Takeru. „Also unserer Zeitrechnung nach." Er deutet mit dem Finger auf sich und Fukuro.

Dieser muss keine Sekunde nachdenken. „Im Winter vor fünf Jahren. Sie war damals sechzehn, genau wie du."

Takeru reibt sich verlegen den Nasenrücken. „Und ich war echt mit ihr zusammen?", fragt er leise und mit einem schnellen Seitenblick auf die schlafende Isami. Auch wenn sie von Omoe bereits weiß, will er nicht, dass sie etwas von diesem Gespräch mitbekommt. „Wie habe ich das denn angestellt?", macht er sich über sich selbst lustig.

Aber Fukuro geht nicht darauf ein und schaut stattdessen noch ernster drein. „Sie wohnte in einer der leerstehenden Hütten und als Söhne der Gildenmeister haben wir uns irgendwie von Anfang an für sie verantwortlich gefühlt. Dementsprechend waren wir häufig mit ihr zusammen und ... tja, nach ein paar Monaten wurde schließlich mehr aus euch." 

„Ich kann mir das gar nicht vorstellen", spricht Takeru seine Gedanken laut aus. "Ich habe nicht mal ihr Gesicht vor Augen und –"

„Ihre Augen waren grau", sagt Fukuro, noch bevor er seinen Satz beenden kann. „Und sie hatte dunkle, glatte Haare. Fast schwarz, so wie deine. Aber als die Sonne noch schien, also bevor sie durch das Stehenbleiben der Zeit zu dem dumpfen Dämmerlicht wurde, da konnte man die sanften Kupfertöne in ihren langen Haarsträhnen erkennen." Sein Gesichtsausdruck verändert sich, während er in die Flammen des Lagerfeuers blickt und gleichzeitig ganz weit weg zu sein scheint. „Die meisten würden ihr Gesicht als gewöhnlich bezeichnen", redet er unbeirrt weiter, „aber wenn sie lächelte, musste man einfach mitlächeln. Und sie lächelte glücklicherweise oft. Obwohl sie Grausames erlebt hatte und wir oft mit leerem Magen und einer immer größer werdenden Angst vor der Zukunft ins Bett gingen. Omoe ..." Er schluckt schwer. „Sie versuchte, genau wie unsere Mutter, immer das Gute zu sehen. Ihr Tod letztes Jahr war, als wäre die Sonne komplett verschwunden." 

Die gewaltige Trauer in seinem Gesicht ist unübersehbar. Durch seine Beschreibung hat Takeru jetzt zwar ein ungefähres Bild von ihr im Kopf, aber gleichzeitig ist ihm noch etwas ganz anderes aufgefallen.

„Du hast sie auch geliebt", sagt er sanft.

Ruckartig fährt Fukuros Kopf hoch und er starrt ihn überrascht an. „W-woher –?", stammelt er.

Takeru muss sich trotz der traurigen Umstände ein Lächeln verkneifen. "Ich glaube, keinem Kerl würden die in der Sonne wie Kupfer glänzenden Haarsträhnen eines Mädchens auffallen. Außer er empfindet etwas für sie." 

Sein Bruder stößt ein Schnauben aus, das wohl belustigt klingen soll, aber er wirkt immer noch ziemlich fassungslos über seine unverblümte Feststellung. Nach kurzem Zögern sagt er: „Weißt du, was ganz schön ironisch ist? Ich hab mir die ganzen Jahre über so Mühe gegeben, es vor euch beiden zu verbergen, weil ich eurem Glück niemals im Wege stehen wollte. Ich glaube auch nicht, dass du jemals etwas gemerkt hast. Und jetzt ...", er schmunzelt ungläubig, „erkennst du es nach gefühlt fünf Sätzen, die ich über sie geredet habe." 

„Vielleicht, weil du dir jetzt keine Mühe mehr geben musstest, es zu verbergen", erwidert Takeru schulterzuckend. Dann wird er wieder ernster. „Es tut mir Leid, dass du sie verloren hast", fügt er ehrlich betroffen hinzu und spricht dabei bewusst nicht auch von sich. Anders als er selbst, trauert Fukuro schließlich immer noch um sie. „Ist sie ... Waren es Phantome?" 

Fukuro antwortet ihm nicht sofort und Takeru macht sich schon Sorgen, dass er lieber nicht hätte nachfragen sollen.

„Indirekt ja", sagt er schließlich leise. „Es ist unserer Zeitrechnung nach fast ein Jahr her. Ihr beide wart an dem Tag außerhalb des Dorfs unterwegs und wurdet angegriffen. Zwei Wochen später starb sie an einer Infektion durch ihre Verletzung. Es war ein … langwieriger Tod."

Takeru verzieht mitfühlend das Gesicht. „Aber wenn sie keine Fähigkeitenbesitzerin war …“, sagt er nachdenklich. „Wieso war sie dann überhaupt mit mir draußen unterwegs? Wir wussten doch bestimmt, dass es gefährlich ist."

Sein Bruder schaut ihn auf unergründliche Weise an. Dann verhärten sich für einen kurzen Moment seine Züge. „Das ist nicht mehr wichtig." 

Takeru presst die Lippen zusammen. „Ich versteh‘ schon", sagt er mit belegter Stimme. „Ich hätte sie eigentlich gar nicht mitnehmen sollen und konnte sie dann noch nicht einmal beschützen ..."

Genauer gesagt: Ich bin schuld an ihrem Tod.

Diese schreckliche Erkenntnis trifft ihn wie ein Blitz. Er kann Fukuro nicht in die Augen schauen, als er sagt: „Du müsstest mich eigentlich dafür hassen." 

„Nein. Das konnte ich nie ... Immer, wenn – wenn diese sinnlose Wut in mir aufstieg und ich dich zur Rechenschaft dafür ziehen wollte, dass ihr dieses Risiko eingegangen seid", er schüttelt kaum merklich den Kopf, „dann musste ich dich nur einmal anschauen und wusste wieder, dass deine Trauer und deine Selbstvorwürfe Strafe genug waren. Ich bin ehrlich gesagt froh, dass dich diese Schuldgefühle nun nicht mehr plagen. Es war furchtbar mit anzusehen, wie du sehr du gelitten hast ..."

Takeru versucht seine Worte zu verarbeiten, aber er wird aus Fukuros Gefühlen nicht ganz schlau. 

„Ich verstehe nicht, warum du es jetzt allerdings nicht tust."

„Was?"

„Mich dafür zu hassen. Ich stehe jetzt vor dir, ohne irgendwelche Schuldgefühle. Ich höre dir zu und glaube die Dinge, die du über mich und meine Vergangenheit erzählst, aber es ist trotzdem wie eine Geschichte über eine andere Person für mich. Aber für dich ... Du fühlst alles noch gleich. Ich an deiner Stelle würde … Ach, ich weiß auch nicht ..." Er gerät ins Stocken, weil er so verwirrt von allem ist, dass er selbst nicht mehr versteht, was er denken soll.

Aber Fukuro bringt tatsächlich ein winziges Lächeln zu Stande. „Ja, ich fühle alles noch gleich. Und ich müsste lügen, wenn ich mir nicht manchmal wünschen würde, einiges davon so wie du vergessen zu können. Aber genau deswegen mache ich das hier alles. Ich will nach Hause zurückkehren können, in eine Zukunft, in der alle noch leben. Einer Welt, in der ich in Frieden mit meinen Liebsten leben kann und in der vielleicht sogar keine Phantome mehr existieren", sagt er und schaut ihn dann direkt an. „Du … du kannst es dir jederzeit anders überlegen und mitkommen."

Der kleine Hoffnungsschimmer, der dabei in seinen Augen aufblitzt, versetzt Takerus Herz einen schmerzhaften Stich. Hätte er wirklich eine Wahl, würde er wenigstens nur einen von beiden enttäuschen. 

„Schon gut, du musst nichts sagen", sagt Fukuro schnell. „Ich wollte es dich nur wissen lassen."

„Danke", bringt Takeru irgendwie heraus, aber seine Kehle fühlt sich an wie zugeschnürt. Er hasst es, dauernd daran erinnert zu werden, dass er die Zukunft, die sie schaffen würden, nie erleben wird. Er spielt nervös mit seinem Armband herum und versucht, die aufsteigende Panik zu bekämpfen, die wieder einmal droht ihn zu befallen. Wie bereits schon so oft ersetzt er das Ich werde bald sterben in seinem Kopf durch sie werden dafür leben und wiederholt diesen Satz stumm weiter vor sich hin.

„Ist alles okay?", fragt Fukuro irgendwann und mustert ihn besorgt. 

Takeru ringt sich ein Nicken ab und bemüht sich um einen nicht allzu gequälten Gesichtsausdruck. „Egal, was passiert", sagt er. „Pass dann bitte gut auf unsere Eltern und Omoe auf, okay?"

Fukuro macht ein entschlossenes Gesicht, doch bevor er etwas erwidern kann, bemerken sie beide wie sich Isami regt. 

Sie blinzelt sie verschlafen an. „Was ist denn los?", murmelt sie. „Wieso seid ihr wach?"

„Keine Sorge, alles ist gut", beruhigt Takeru sie. „Wir, ähm, konnten nur beide nicht schlafen."

„Moment mal", widerspricht Fukuro. „Ich hätte schon geschlafen, wenn du dafür meine Wache übernommen hättest. Aber stattdessen musstest du mich ja zulabern."

Er zwinkert ihm zu. 

Isami setzt sich neugierig auf und scheint plötzlich hellwach. „Takeru hat dich zugelabert?", fragt sie mit hochgezogenen Augenbrauen. „Ich wusste gar nicht, dass er zu so etwas überhaupt in der Lage ist. Was gab's denn zu besprechen?" 

Schadenfroh grinst Fukuro ihn an und er hätte ihm am liebsten dafür eine geklatscht. 

„Das erzähl‘ ich dir morgen", antwortet Takeru ausweichend. Um es Fukuro heimzuzahlen, fügt er demonstrativ gähnend hinzu: „Ich muss jetzt dringend ein bisschen schlafen."

„Vielen Dank auch." 

Isami seufzt. „Ich übernehme für dich, Fukuro. Jetzt bin ich eh schon wach." 

Er blickt kurz zwischen Takeru und Isami hin und her. „Okay“, meint er schulterzuckend und macht es sich im Schlafsack bequem als wäre nichts gewesen. „Gute Nacht.“

„Du kannst dich ruhig hinlegen, Takeru", sagt Isami, nachdem er sich anders als Fukuro keinen Zentimeter bewegt. Obwohl er wirklich müde ist, hätte er ein viel zu schlechtes Gewissen, sie jetzt die Wache übernehmen zu lassen. 

„Tut mir Leid, dass wir dich geweckt haben."

„Schon gut, ihr hattet euch ja anscheinend viel zu sagen", meint sie, wobei Takeru nicht deuten kann, ob sie das als logische Schlussfolgerung sagt oder weil sie vielleicht doch mitgehört hat. Er hofft auf Ersteres. 

Während er unschlüssig einfach weiter sitzen bleibt, zieht Isami die Beine aus dem Schlafsack und richtet sich wortlos für ihre Wache ein. Sie hatten die letzten drei Tage kaum mehr als nötig miteinander geredet und ihm fällt auf, dass er ihre unbefangenen Gespräche vermisst.

Aus diesem Impuls heraus fragt er: „Willst du dann morgen eigentlich bei mir mit reiten?"

Isami antwortet nicht sofort und sucht unbeirrt weiter etwas im Rucksack.

Er beobachtet sie verwundert dabei. Ist sie etwa sauer auf mich?

Endlich hat sie gefunden, was sie gesucht hat. „Ich dachte du fühlst dich nicht so sicher auf dem Pferd?", fragt sie und zieht herausfordernd eine Augenbraue hoch, während sie anfängt ihre Haare zu einem Zopf zu binden.

Sie ist also sauer.

Takeru ist viel zu müde, um genau zu verstehen warum. Aber er weiß, dass er keinen weiteren Tag vergehen lassen will, an dem er mitansehen muss, wie sie dicht an dicht im Sattel mit Fukuro sitzt. Auch wenn es ihn insgeheim irgendwie beruhigt, jetzt zu wissen, dass dieser anscheinend immer noch starke Gefühle für eine andere hat. 

„Anscheinend habe ich auch das nicht verlernt", antwortet Takeru und lächelt sie lässig an. Obwohl ihm diese Aussage recht lahm vorkommt, scheint sie einen Moment aus dem Konzept zu kommen. Ihre Lippen öffnen sich ein wenig, sie bringt aber nichts heraus. Sofort tritt wieder ein gleichgültiger Ausdruck in ihr Gesicht. 

„Meinetwegen", sagt sie nur und beginnt dann, etwas anderes im Rucksack zu suchen.

 

 

******

 

Takeru schreckt ruckartig hoch und reißt die Augen dabei auf.

„Guten Morgen", sagt Isami, die vor ihm im Sattel sitzt. 

Aus Reflex will er nach den Zügeln greifen, aber Isami hat diese fest im Griff. Sie dreht den Kopf und schaut ihn verschmitzt aus den Augenwinkeln an.

So ein Mist, er war tatsächlich einfach eingenickt ... Sie waren genau wie gestern fast den ganzen Tag geritten und als er nach dem nächtlichen Gespräch mit Fukuro natürlich wieder kaum ein Auge zumachen konnte, hat sein Körper wohl einfach schlapp gemacht.

„Wie lange habe ich geschlafen?", fragt er. Es ist seltsam, die Hände frei zu haben, sodass sie nur nutzlos auf seinen Oberschenkeln liegen, aber er möchte Isami die Zügel auch nicht einfach wegnehmen.

„Vielleicht zwei Stunden?", antwortet sie.

„Zwei Stunden?! Wieso hast du mich nicht geweckt?" Entsetzt bemerkt er, dass die Sonne sich tatsächlich schon ein gutes Stück weiter Richtung Horizont gesenkt hat. In der Ferne erkennt man nun immer deutlicher die steinige Bergkette, die den Rand der Nordwüste markiert. 

„Du warst offensichtlich müde", erwidert sie gelassen. „Und Fukuro hat mir gestern gezeigt wie man die Zügel hält." 

Takeru muss über den Stolz, der in ihrer Stimme dabei mitschwingt, schmunzeln. Fukuro reitet voraus, sodass das Pferd, auf dem sie sitzen, seinem automatisch folgt, da die beiden Tiere unzertrennlich scheinen. Demnach müsste sie die Zügel also wahrscheinlich nicht einmal festhalten. 

„Ein Wunder, dass ich nicht heruntergefallen bin", murmelt er. 

„Naja, du hast dich an mich gelehnt, deswegen wahrscheinlich nicht", sagt Isami leise.

„Oh", erwidert er wenig eloquent. „Du hättest mich echt ruhig wecken können."

Aber Isami zuckt nur mit den Schultern und wechselt das Thema. „Wir haben uns gestern übrigens Namen für die Pferde überlegt."

„Ach, ja?", sagt Takeru amüsiert. "Und?"

„Ich finde, zu Fukuros Pferd würde Teio gut passen. Und unser Pferd würde ich Haru nennen."

„Und was war Fukuros Vorschlag?", will er wissen und freut sich aus irgendeinem dummen Grund, dass sie unser Pferd gesagt hat.

Isami schnaubt. „Er hat gemeint: Pferd Eins und Pferd Zwei."

Kaum, dass sie es ausgesprochen hat, gibt auch Haru ein Schnauben von sich und es klingt beinahe genauso empört wie Isami gerade. Takeru muss zu seinem eigenen Erstaunen laut darüber lachen. Er hätte es kaum für möglich gehalten, dass er nach seiner depressiven Stimmung die letzten Tage überhaupt jemals wieder lachen kann. Und er ist gleichzeitig froh darüber, dass zwischen Isami und ihm wieder alles normal zu sein scheint.

Wobei normal – zumindest aus seiner Perspektive – relativ ist. Denn dass er sie jetzt die vielen Stunden, die sie tagsüber zu Pferd verbringen, so nah bei sich hat, macht ihn gleichzeitig ganz schön wuschig. 

Und als wäre es nicht schon genug, dass zwischen ihnen kaum ein Zentimeter Luft ist, fängt Isami jetzt auch noch an, immer mal wieder auf ihrem Po hin und her zu rutschen, als würde sie etwas stören. 

Irgendwann hält Takeru es nicht mehr aus. „Kannst du bitte aufhören, so herum zu zappeln?"

„Tut mir Leid, aber ich glaube, mein Hintern wird langsam wund. Ich bin es nicht gewohnt so lange in einem Sattel zu sitzen", sagt sie und versucht erneut ihr Gewicht zu verlagern. „Oder überhaupt so lange zu sitzen."

Takeru befiehlt sich selbst angestrengt, sich nicht weiter auf ihren Hintern zu konzentrieren, der sich so unzüchtig vor ihm herumbewegt.

„Du kannst ja auch ein Stück nebenher laufen", schlägt er vor, innerlich schon am verzweifeln. „Wir bewegen uns eh nur im Schritttempo vorwärts." 

„Hey!", ruft Fukuro ihnen zu, bevor Isami etwas darauf erwidern kann. „Machen wir doch hier eine Pause."

Sie seufzt erleichtert und Takeru muss sich zurückhalten, um es ihr nicht gleichzutun. 

Sie steigen nacheinander ab und sehen sich um. Es ist wirklich ein guter Ort für eine Rast. Ein kleiner Hain aus Bäumen bietet Schatten und bei der Wasserstelle nicht weit davon können sie ihre Flaschen auffüllen und die Pferde tränken. 

Sie drei sind inzwischen recht eingespielt und jeder übernimmt die verschiedenen Aufgaben, ohne sich groß absprechen zu müssen. Fukuro kümmert sich um die Pferde, während Isami die Wasservorräte auffüllt und die nähere Umgebung nach Essbarem absucht. Takeru sammelt Feuerholz zum Kochen und hält dabei immer wieder Ausschau nach Phantomen. Seit sie Celebis Schutzgebiet verlassen haben, sind sie regelmäßig auf welche gestoßen. Doch es waren immer nur kleinere Kaliber gewesen, mit denen sie zu dritt schnell fertig geworden waren.

Bald kommen Takeru, Isami und Fukuro wieder zusammen, essen von ihrem Proviant und braten über dem Lagerfeuer zusätzlich ein paar der ungiftigen Riesenpilze, die hier überall wachsen. Normalerweise wären sie nach der Pause noch für ein oder zwei Stunden weitergezogen, bis die Sonne untergeht. Aber niemand widerspricht Fukuros Vorschlag, die guten Voraussetzungen zu nutzen und die Nacht hier zu verbringen. Auch Haru und Teio scheinen sich an diesem schattigen Plätzchen sehr wohl zu fühlen und grasen entspannt zwischen den Bäumen. 

Als sie fertig gegessen haben steht Isami ungeduldig auf. „Manno, selbst wenn das hier ein guter Lagerplatz ist … Ich kann keine Minute länger sitzen bleiben!"

Fukuro lacht. „Jetzt schon? Wir haben noch einen langen Weg vor uns."

„Das weiß ich", knurrt sie. „Ab morgen werde ich so viel es geht laufen. Aber jetzt", sie beginnt auf und ab zu gehen, „muss ich mich erstmal ein wenig bewegen."

„Ich hätte da eine Idee", meint Fukuro. „Wir sind jetzt täglich auf Phantome gestoßen und sie waren zwar kein Vergleich zu diesen fetten Giftskorpionen, aber ein wenig zusätzliches Training würde uns wohl allen nicht schaden." Er wendet sich an Takeru. „Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass du nur einen Bruchteil der Attacken verwendest, die ich von dir gewohnt bin. Ich beherrsche zwar andere Kräfte, aber ich denke, ich könnte dir durchaus ein wenig auf die Sprünge helfen, damit sich dein Körper wieder an alles erinnert."

Takerus Augen blitzen begeistert auf. „Das wäre super. Ich mach vieles unbewusst, aber die speziellen Attacken, die mir Meister Yasuo in unserem Dojo gezeigt hat, sind immer noch am effektivsten." 

Auch Isami scheint dafür zu sein. „Wie wäre es wenn, jeweils zwei von uns miteinander trainieren und der dritte beobachtet und gibt Tipps zur Verbesserung?", meint sie. 

„Klingt gut", sagt Fukuro. „Wir dürfen dabei aber nur nicht vergessen auf Phantome zu achten. Könnte sein, dass wir sie mit dem Krach auf uns aufmerksam machen."

„Einer passt ja immer auf", sagt Takeru und ist schon auf den Beinen. „Und die Pferde werden auch immer gleich nervös, wenn sich etwas nähert."

Sie löschen das Feuer wieder und begeben sich ein Stück weit entfernt auf die von niedrigem Gras bewachsene freie Fläche. Isami bietet sich als ‚Aufpasserin‘ an und stellt sich für eine bessere Sicht auf einen kleinen Hügel am Rande ihres provisorischen Trainingsplatzes. 

„Also dein Standard-Feuerangriff war eigentlich immer Flammenwurf", kommt Fukuro gleich zur Sache. Takeru nickt wissbegierig. Diese Attacke hatte er von Meister Yasuo damals noch nicht erklärt bekommen. 

„Im Endeffekt ist es einfach ein langer Feuerstrahl mit mittlerer Reichweite. Halte beide Hände gestreckt vor dich, ungefähr so." Er macht die Bewegung vor und Takeru begibt sich in dieselbe Haltung ein paar Schritte parallel von ihm entfernt. 

„Und dann ..." Fukuro scheint zu hadern. „Naja, ich kann‘s dir schlecht vormachen so wie unsere Mutter, du musst es einfach ausprobieren."

Takeru versucht sich einen Feuerstrahl vorzustellen, leitet die Energie durch seinen Körper und zentriert diese in seinen beiden Handflächen. Dann setzt er sie mit dem Ausruf Flammenwurf frei.

„Woah, okay!", ruft Fukuro gegen die tosende Feuerwand an, die aus seinen Händen über die freie Fläche strömt. Takeru lässt die Flammen versiegen und nimmt die Hände runter. Eine breite Schneise aus verkohltem Gras bleibt vor ihnen zurück. 

„Zu viel?", fragt er.

„Etwas, ja", sagt Fukuro und sie müssen beide ein wenig über seinen Übereifer lachen. 

„Du musst die Flammen mehr konzentrieren. Nimm was von der puren Kraft raus und schaff einen etwas präzisieren, längeren Strahl. Und stell dir dabei ein Ziel so in etwa fünf Metern Entfernung vor", setzt Fukuro einen erneuten Erklärungsversuch an, tritt sicherheitshalber trotzdem noch ein paar Schritte zurück, sodass er jetzt schräg hinter ihm steht.

Nach ein paar weiteren Versuchen klappt es schließlich und Fukuro und Isami applaudieren ihm anerkennend.

„Ich verstehe irgendwie, warum ich diese Attacke mochte“, sagt Takeru begeistert. „Was kommt als Nächstes?“

Fukuro verschränkt lachend die Arme. „Fürs Training und neue Angriffe warst du schon immer zu haben. Da gäbe es jedenfalls noch Hitzewelle, Flammenschild … oh und Feuersturm nicht zu vergessen“, zählt er auf.

Sie üben noch zwei weitere, etwas kompliziertere Attacken, bis Isami irgendwann die Geduld verliert und zu ihnen herüber kommt. „Leute, ich weiß, dass ich mich freiwillig als Wache gemeldet habe, aber darf ich bitte auch mal mitmachen? Ich bin immer noch ganz hibbelig.“

„Na gut“, sagt Fukuro. „Dann zeig mal, was du gelernt hast, Brüderchen.“

Takeru schaut ihn böse an. „Nenn mich nicht so“, mault er und boxt Fukuro gespielt gegen den Arm.

Isami reibt sich voller Vorfreude die Hände. „Glaub bloß nicht, dass du leichtes Spiel hast, nur weil du gerade ein paar neue Tricks gelernt hast.“

Takeru grinst. Er liebt ihre unerschrockene Art, wenn es ums Kämpfen geht.

Er bringt sich einige Meter von ihr entfernt in Position, während Isami ihre Jacke auszieht. Sie tragen beide die Funktionshose und Stiefel der Gilde, aber keine Schutzweste und nur einfache T-Shirts. „Meister Yasuo, würde es gar nicht gefallen, dass wir nicht in voller Montur trainieren“, sagt Takeru.

„Gut, dass Meister Yasuo nicht hier ist“, erwidert sie frech und hüpft ein paar Mal auf und ab, um sich warm zu machen.

„Seid ihr bereit?“, ruft ihnen Fukuro von dem Beobachtungsposten aus zu, wo vorher Isami gestanden war. „Benutzt aber bitte nicht eure ganze Kraft, ich will mich Dialga nicht alleine stellen müssen.“

Sie strecken beide als Bestätigung den Daumen hoch und begeben sich, ohne den Blickkontakt zu verlieren, in Kampfhaltung. Es ist wirklich lange her, dass er mit Isami trainiert hat. Im Vergleich zu ihrem letzten Kampf gegeneinander im Dojo von Schatzstadt haben sie sich inzwischen beide enorm weiterentwickelt. Er ist gespannt darauf, was sie wohl Neues zu bieten hat und wie lange er brauchen würde, um sie zu besiegen. Denn das wird er trotzdem, da ist er sich sicher.

„Schau nicht so siegessicher!“, ruft Isami, als würde sie seine Gedanken lesen, und reckt das Kinn.

Fukuro gibt das Zeichen zu beginnen. Isami hebt die linke Hand.

Aha. Sie legt also gleich mit Donnerblitz los.

Takeru richtet den Blick nach oben und rennt zur Seite, um dem Blitz auszuweichen, den er aus Richtung Himmel erwartet. Aber da kommt nichts. Isamis Hand ist immer noch nach oben gestreckt anstatt hinunter zu schnellen und ihren gewohnten Donnerblitz loszulassen.

Elektrofeld!“, ruft sie aus. Eine gelb strahlende Kugel bildet sich um ihren Körper und breitet sich in sekundenschnelle über den gesamten Platz um sie herum aus. Takeru kneift kurz die Augen zusammen, aber das Licht verschwindet sofort wieder. Es hat überhaupt nicht wehgetan als er davon getroffen wurde, aber dafür verspürt er nun eine knisternde Spannung um sich herum. Ganz so, als ob sich die Luft elektrisch aufgeladen hätte.

„Gute Idee, Isami!“, ruft ihr Fukuro von der Seite zu. „Aber wie gesagt, übertreib‘s nicht!“

Takeru zieht irritiert die Augenbrauen zusammen. Übertreiben? Was soll dieses Elektrofeld denn bitte bewirken?!

Isami lässt ihm keine Zeit, sich noch länger darüber Gedanken zu machen. Gleich mehrere Stromstöße hintereinander fliegen ihm entgehen, denen er aber allen ausweichen kann.

Bis auf den letzten.

Au! Was zum –?!“ Takeru reibt sich den Arm, den er nicht rechtzeitig aus der Schusslinie ziehen konnte und muss sich zusammenreißen, sich nicht jammernd zusammenzukrümmen. Wieso zur Hölle hatte das so dermaßen wehgetan? Er war schon vorher von Isamis Angriffen getroffen worden und elektrische Attacken sind nie besonders angenehm, aber das war unerwartet heftig.

„Ach, du kennst du also mein Elektrofeld noch gar nicht?“, fragt Isami gespielt überrascht. „Dann solltest du gut aufpassen, denn es verdoppelt die Stärke meiner Fähigkeiten!“

Obwohl sein Arm immer noch wehtut, kann Takeru nicht anders als zu grinsen. Das könnte noch interessanter werden als erwartet.

„Noch einmal triffst du mich nicht“, murmelt er und prescht dann ohne Vorwarnung direkt auf Isami zu. Ein Nahkampf würde ihm den größten Vorteil verschaffen, denn er weiß, dass Isami vorzugsweise Fernangriffe benutzt.

Sie versucht prompt ihn aufzuhalten und schickt einen Stromstrahl auf ihn los. Aber wegen der fehlenden Zeit, diesen vorher durch einen Ladevorgang vorzubereiten, gelingt es Takeru, ihn ohne Mühe mit Rapidschutz abzuwehren. Noch während er weiter auf sie zu rennt, überkreuzt er dafür kurz die Arme vor dem Gesicht, erzeugt damit für einen kurzen Moment eine Art Schutzschild und durchbricht den dünnen, elektrischen Strahl, der aus Isamis Handflächen entsprungen ist.

Jetzt ist er gleich nah genug an ihr dran. Doch Isami ist wahnsinnig schnell. Schon schießt ihm ein Elektroball entgegen, der ihn mitten ins Gesicht treffen würde. Takeru weicht aus, indem er sich zu Boden fallen lässt und nutzt den Schwung, um mit den Beinen vorwärts zu rutschen. Perfekte Ausgangslage für einen Fersenkick!

Isami springt in die Luft und er schlittert ins Leere.

Als hätte sie das alles vorausgesehen, erkennt Takeru aus den Augenwinkeln, wie sie sich noch im Sprung zu ihm umdreht und ihm schon wieder irgendetwas Fieses entgegenschleudern will.

Nicht mit mir, denkt er grimmig und schafft es im selben Augenblick, sich mit seiner ausgestreckten Hand abzubremsen und wieder aufzurichten. Ein weiterer Rapidschutz rettet ihn in letzter Sekunde vor ihrem Angriff.

Ein frustriertes Knurren entfährt ihm. Nur mit Verteidigen würde er auf Dauer nicht weiterkommen, aber er hat auch überhaupt keine Lust, noch einmal von einer ihrer verstärkten Attacken getroffen zu werden …

„Takeru, lass dich nicht verunsichern!“, gibt Fukuro seinen Senf dazu.

Ja, danke für den Tipp, antwortet er ihm in Gedanken, aber dann fällt ihm die Attacke ein, die er zuvor mit Fukuro geübt hat. Aurasphäre kommt ihm nicht unbedingt wie eine klassische Kampffähigkeit vor, aber er fand sie ziemlich cool und er will Isami jetzt endlich auch mal etwas entgegensetzen. Während er mühevoll einer Reihe von kleinen, aber unberechenbaren Donnerschocks ausweicht, formt er mit den Händen seitlich am Körper eine leuchtende Energiekugel, die mit jeder Sekunde ein wenig an Stärke gewinnt.

Aurasphäre!“, ruft er im richtigen Moment und die handtellergroße Kugel schießt mit einer derartigen Geschwindigkeit auf Isami zu, dass es ihn selbst überrascht. Obwohl sie genau gesehen haben muss, dass er diese Attacke vorbereitet hat, steht ihre Chance auszuweichen gleich null. Die Sphäre prallt genau in ihren Bauch und schleudert sie spektakulär zurück, sodass sie auf dem Rücken im Gras landet.

Takeru verflucht sich kurz selbst dafür, diese ihm neue Attacke so leichtfertig gegen sie eingesetzt zu haben und will schon zu ihr rennen, da springt sie mit einem einzigen Satz schon wieder auf beide Beine.

Er ist erleichtert, dass es ihr gut geht, und gleichzeitig packt ihn erneut der Ehrgeiz.

Die nächsten zwanzig Minuten, die sie gegeneinander kämpfen, sind genauso aufregend wie anstrengend. Das Erledigen von Phantomen kann zwar wesentlich gefährlicher sein, aber ein Duell gegen einen menschlichen Fähigkeitenbesitzer ist dafür umso anspruchsvoller, was Taktik angeht. Außerdem fallen eine Vielzahl an Attacken weg, mit denen Takeru ohne mit der Wimper zu zucken ein Phantom platt machen würde, die Isami allerdings ernsthaft verletzen könnten. Vor allem mit seinen Feuerangriffen hält er sich daher ziemlich zurück und muss seinen gewohnten Kampfstil völlig neu denken. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – macht ihm der Kampf umso mehr Spaß.

Endlich ergibt sich ein guter Augenblick für einen seiner Nahkampfangriffe, den er schon die ganze Zeit im Hinterkopf hat, um Isami zu überwältigen.

Ob aus mangelnder Vorsicht oder schwindender Ausdauer, passt sie für einen kurzen Moment nicht auf. Er rammt ihr seinen ausgestreckten Arm in die Kniekehle und bringt sie mit einem Überkopfwurf zu Fall. Damit sie nicht wieder aufstehen kann, rollt er sich auf sie und drückt sie an den Unterarmen fest auf den Boden.

Was sich sofort als großer Fehler erweist.

Ihr schneller Atem und ihre verwunderten, leicht geöffneten Lippen lassen plötzlich die Fantasie mit ihm durchgehen. Er starrt sie einfach nur an und fragt sich, wie jemand trotz Schmutz und Schweiß im Gesicht so wunderschön sein kann. Auf einmal ist er nicht mehr Takeru, der Krieger, der durch die Zeit gereist ist, um die Zukunft zu retten und sein Leben dafür zu opfern, sondern einfach nur ein Kerl, der in das Mädchen verliebt ist, das gerade unter ihm liegt.

Wie einfach es wäre, sich jetzt runterzubeugen, die wenigen Zentimeter zu überbrücken und sie zu küssen.

Ein heftiger Stromschlag durchzuckt Takerus Handflächen und reißt ihn aus seinem Tagtraum. Er lockert reflexartig seinen Griff und Isami nutzt die Gelegenheit sofort aus. Sie schlingt die Beine um seine Hüfte und gewinnt mit einem gekonnten Schwung die Überhand. Ehe er sich versieht, ist es jetzt sie, die auf ihm drauf sitzt.

Oh nein.

Isamis Augen weiten sich überrascht. Sie lässt ihn abrupt los und springt auf.

„Tja, äh, diese Runde geht wohl an mich“, sagt sie lächelnd, aber es wirkt total künstlich.

Verdammt, er hatte sich eben überhaupt nicht unter Kontrolle gehabt! Sie muss es gemerkt haben, so viel ist sicher. Takeru steht auf und überlegt fieberhaft, wie er die Situation retten kann, aber sein Bruder kommt ihm glücklicherweise zuvor.

„Leute, passt auf!“, ruft Fukuro und läuft zu ihnen. „Wir bekommen gleich Gesellschaft. Ich hoffe, ihr habt noch etwas Energie übrig für ein paar Phantome.“

 

Notes:

Ein riesen großes Dankeschön an meine Schwester, für die Korrekturen, das Feedback und witzigsten Kommentare! Ohne dich, hätte ich diese Geschichte niemals begonnen und beendet <3